Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
KZ Gusen
Mit dem Namen Konzentrationslager Gusen werden drei unterschiedliche Häftlingslager in Oberösterreich östlich von Linz in der Zeit des Nationalsozialismus …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Stellung im Lagersystem
Das Konzentrationslager Gusen bezeichnet drei von der SS als Außenlager des KZ Mauthausen geführte Häftlingslager östlich von Linz in Oberösterreich: Gusen I in der Ortschaft Gusen, Gusen II in Gusen mit Zwangsarbeit im Stollen „Bergkristall“ in St. Georgen an der Gusen sowie Gusen III in Lungitz. Der Lageraufbau begann im Dezember 1939; am 5. Mai 1945 befreiten US-Soldaten das Lager.
In das Lagersystem Gusen wurden vermutlich etwa 60.000 bis über 70.000 Menschen aus ganz Europa verschleppt. Etwa 35.000 von ihnen wurden durch die Lebens- und Arbeitsbedingungen, durch Gewalt und direkte Tötungen ermordet. Gusen war das größte Außenlager von Mauthausen und nahm eine Sonderstellung ein: Es entstand früh als erstes Außenlager, besaß bis 1944 teilweise eigene Verwaltungsstrukturen und war mit Mauthausen ein Doppellagersystem. Mauthausen war vor allem Verwaltungszentrum, Gusen und St. Georgen an der Gusen ein industrielles Zentrum. Von rund 95.000 im gesamten Lagersystem Mauthausen Getöteten starb etwa ein Drittel in Gusen.
Gusen I wurde am 25. Mai 1940 eingerichtet. Zunächst errichteten Häftlinge das Lager und arbeiteten in den benachbarten Steinbrüchen. Gusen II wurde am 9. März 1944 für Bau und Betrieb des Stollens B8 „Bergkristall“ eröffnet. Gusen III bestand seit dem 16. Dezember 1944 bei einer Großbäckerei und einem Ziegelwerk in Lungitz; mit etwa 300 Häftlingen war es deutlich kleiner als die beiden anderen Lager.
Häftlinge, Bedingungen und Ermordung
Die Zahl der Gefangenen stieg von ungefähr 6.000 Ende 1940 auf etwa 25.000 im Herbst 1944 und zu Beginn 1945. Rund 20.000 Häftlinge erlebten die Befreiung. Die größte Opfergruppe waren mindestens 25.000 polnische politische Gefangene; mehr als 13.000 von ihnen starben. Weitere große Gruppen waren sowjetische Zivilisten und Kriegsgefangene, Häftlinge aus dem Deutschen Reich, republikanische Spanier, ungarische und polnische jüdische Häftlinge, Jugoslawen, Italiener und Franzosen. Die Tabelle des Artikels nennt als Mindestzahlen insgesamt 65.500 Häftlinge und 34.900 Opfer.
Das Lager war 1940 der „Lagerstufe III“ zugeordnet. Das bedeutete sehr geringe Überlebenschancen; bis 1942 diente Gusen besonders der Vernichtung von Häftlingen. Hunger bei schwerster körperlicher Arbeit, fehlende medizinische Hilfe und mangelhafte Hygiene führten zu Krankheiten wie Durchfall, Typhus, Flecktyphus und Tuberkulose. Das sogenannte Lagerrevier, die Krankenstation, war wegen fehlender Medikamente und Verbände häufig ein Sterbeort.
Hinzu kamen unmittelbare Tötungen. Bei „Totbadeaktionen“ von Herbst 1941 bis Jänner 1942 wurden bis zu 300 Häftlinge gleichzeitig mit eiskaltem Wasser geduscht; viele starben an Kreislaufversagen oder später an Lungenentzündung. Etwa 2.000 Gefangene wurden im Rahmen der Aktion 14f13 in die Tötungsanstalt Hartheim gebracht und dort mit Kohlenmonoxid ermordet. Im März 1942 wurden sowjetische Kriegsgefangene mit Zyklon B getötet, im April 1945 weitere 650 invalide Häftlinge. Ein zwischen Gusen und Mauthausen eingesetzter Gaswagen ermordete vermutlich mindestens 900 Häftlinge. Weitere Opfer starben durch Misshandlungen, Impfstoffversuche des SS-Arztes Hellmuth Vetter für IG Farben und gezielte Ermordungen.
Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion
Die Zwangsarbeit änderte sich während des Bestehens des Lagers: zunächst Lagerbau, bis 1943 vor allem Steinbrucharbeit, ab 1943 zunehmend Rüstungsproduktion und ab 1944 vor allem Stollenbau und Arbeit in unterirdischen Fabriken. Die SS-eigene Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DESt) hatte die Granitsteinbrüche der Region nach dem „Anschluss Österreichs“ gepachtet. Häftlinge arbeiteten in den Steinbrüchen Kastenhof Oberbruch, Kastenhof Unterbruch und Gusen, bauten Gleisanschluss, Schmalspurbahn und Steinbrecher. Die Steine sollten als Baumaterial dienen; die Nähe zu Linz und zur Donau war wirtschaftlich wichtig.
Ab Frühjahr 1943 stellten DESt-Hallen Maschinen und Personal für die Steyr-Daimler-Puch AG bereit. In 18 Hallen produzierten Häftlinge Gewehre, Maschinenpistolen und Flugmotoren. Die Arbeitszeit betrug teilweise 12, teils bis zu 24 Stunden. Wer nicht mehr arbeitsfähig war oder wegen Materialmangels nicht gebraucht wurde, wurde der SS übergeben und hatte damit nahezu keine Überlebenschance. Nach einem Luftangriff auf Messerschmitt in Regensburg wurde ab August 1943 auch Produktion der Messerschmitt Bf 109 nach Gusen verlegt; später wurden ganze Flugzeuge hergestellt.
Für die unterirdische Verlagerung der Rüstungsindustrie entstanden die Stollen „Kellerbau“ und B8 „Bergkristall“. Der Kellerbau erreichte mehr als 8.000 m², wurde wegen Wassereinbrüchen aber nicht weitergebaut. In Bergkristall mussten Häftlinge ungefähr 8 km betonverschalte Stollen schaffen; die Produktionsfläche betrug etwa 50.000 m². Ab Oktober 1944 entstanden dort Teile des Düsenjägers Messerschmitt Me 262. Bis Kriegsende wurden vermutlich etwa 1.000 Düsenjäger produziert. Mehr als 8.000 Häftlinge starben beim Bau der Anlage und bei der Herstellung von Flugzeugteilen.
Befreiung und Lagerpersonal
Ende April 1945 vernichtete die SS Unterlagen der Lagerverwaltung. Häftlinge versteckten jedoch unter anderem Totenbücher und bewahrten damit Namen Ermordeter. Am 3. Mai verließen SS-Offiziere, Wachmannschaften und Luftwaffensoldaten das Lager; die Häftlinge verwalteten es danach selbst, während die Versorgung zusammenbrach. Am 5. Mai führte Louis Häfliger vom Internationalen Roten Kreuz einen 23-köpfigen US-Spähtrupp unter Sgt. Albert J. Kosiek zunächst nach Gusen und anschließend nach Mauthausen. Die US-Soldaten entwaffneten verbliebene Wachmänner. Damit waren rund 20.000 Häftlinge in Gusen befreit.
Ein angeblicher Befehl zur Ermordung sämtlicher Häftlinge vor der Befreiung ist nicht belegt und wird von Historikern als nicht nachweisbar oder unwahrscheinlich beurteilt. Auch die Behauptung, Häftlinge hätten im Kellerbau-Stollen gesprengt werden sollen, gilt als unsicher. Gesichert ist nur, dass am Stolleneingang Sprengstoff angebracht war; Historiker vermuten, er sollte Produktionsanlagen zerstören.
Die Lagerführer unterstanden dem Mauthausener Kommandanten Franz Ziereis. Karl Chmielewski leitete Gusen vom 1. Juli 1940 bis Ende 1942, danach Fritz Seidler bis Mai 1945. Überlebende beschrieben beide als Täter, die Häftlinge misshandelten und töteten. Die Wachmannschaften wuchsen von etwa 600 Mann im Februar 1940 auf etwa 3.000 für den Lagerkomplex. Neben SS-Angehörigen bewachten auch Volksdeutsche, zwangsweise eingesetzte Ukrainer und sowjetische Kriegsgefangene sowie ab 1944 Wehrmacht- und Luftwaffensoldaten das Lager. Karl Chmielewski wurde 1961 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Nachgeschichte und Erinnerung
Nach der Befreiung entstand ein Militärspital; dennoch starben etwa 2.000 Menschen an den Folgen der Haft. Für bis zu 1.300 Verstorbene wurde ein großer Friedhof angelegt, der ab November 1954 wieder aufgelöst wurde. Das Lager Gusen II wurde wegen Seuchengefahr niedergebrannt. Nach dem Übergang des Mühlviertels an die sowjetische Besatzungszone am 28. Juli 1945 nutzte die Sowjetunion Gusen I zunächst als Unterkunft für Soldaten. Die Steinbrüche wurden von 1946 bis 1955 als USIA-Betrieb „Granitwerke Gusen“ weitergeführt und werden teilweise bis heute wirtschaftlich genutzt.
Anders als in Mauthausen blieb das Gelände lange keine umfassende Gedenkstätte. Nach 1955 wurde es parzelliert und in den 1960er und 1970er Jahren mit einer Wohnsiedlung überbaut; Gebäude und Steine des ehemaligen Lagers wurden weiterverwendet. Der Krematoriumsofen blieb als erster Erinnerungsort erhalten. Nach Protesten von Überlebendenorganisationen, der französischen und polnischen Botschaft konnte das Grundstück gesichert werden. 1965 entstand um den Ofen das von Überlebenden finanzierte Memorial Gusen.
1997 übergaben Opferverbände die Gedenkstätte dem österreichischen Innenministerium. Nach Sanierung eröffnete 2004 ein Besucherzentrum mit Ausstellung; seit 2007 führt der Audioweg Gusen durch die Wohnsiedlung bis zum Stollen Bergkristall. Wegen Einsturzgefahr wurden ab 2002 Teile von Bergkristall gesichert, andere mit Beton verfüllt. Etwa 1.900 Laufmeter sind erhalten und werden jährlich an einigen Tagen für Rundgänge geöffnet. 2021 kaufte die Republik Österreich unter anderem den Stolleneingang, zwei SS-Verwaltungsbaracken, den Steinbrecher und den Appellplatz. Behauptungen über unbekannte Stollenebenen, Atomexperimente oder verschüttete Leichen wurden in einem Expertenbericht von 2015 sowie Bodenuntersuchungen 2020 nicht bestätigt.