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Jansenismus

Der Jansenismus war eine besonders in Frankreich verbreitete Bewegung in der katholischen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich auf die Gnadenlehre …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und Entstehung
  2. 2. Lehre und Konflikt mit den Jesuiten
  3. 3. Päpstliche Verurteilungen und staatliche Verfolgung
  4. 4. Unigenitus, Appellanten und politische Partei
  5. 5. Abgrenzung und Wirkungsgeschichte

Grundzüge und Entstehung

Der Jansenismus war eine besonders in Frankreich verbreitete Bewegung innerhalb der katholischen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts. Er berief sich auf die Gnadenlehre des Kirchenvaters Augustinus und wurde von der katholischen Kirche als häretisch verurteilt und verfolgt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie göttliche Gnade, menschliche Freiheit und Erlösung zusammenhängen.

Der Name geht auf Cornelius Jansen (1585–1638), Bischof von Ypern, zurück. Sein 1640 posthum veröffentlichtes Werk Augustinus, sive doctrina Sti. Augustini de humanae naturae sanitate, aegritudine, medicina adversus pelagianos et massilienses verstand sich als Rückbesinnung auf die ursprüngliche christliche Lehre. Nach Jansen ist der durch die Sünde gefallene Mensch nicht in der Lage, selbst Einfluss auf seine Erlösung zu nehmen oder durch eigene Mitwirkung die göttliche Gnade zu bestimmen. Er ist vollständig dem göttlichen Gnadenwillen ausgeliefert. Jansen wandte sich dabei gegen den sogenannten Semipelagianismus, den er als zeitgenössische innerkirchliche Strömung kritisierte.

Eine wichtige Rolle spielte außerdem Jean Duvergier de Hauranne, der Abt von Saint-Cyran. Er predigte bereits in den 1630er Jahren die augustinische Prädestinationslehre und forderte wahre Buße sowie eine rigorose Moral. Ein Zentrum der Erneuerungsbewegung wurde das Kloster Port-Royal des Champs nahe Versailles unter der reformfreudigen Äbtissin Angélique Arnauld. Im Umfeld des Klosters sammelten sich gebildete Mitglieder der französischen Oberschicht, die Spiritualität mit einer einfachen Lebensführung verbinden wollten. Der Jansenismus fand jedoch Anhänger in allen Volksschichten und besonders auch im Klerus.

Lehre und Konflikt mit den Jesuiten

Der Jansenismus geriet vor allem mit dem mächtigen Jesuitenorden in Frankreich in Konflikt. Die Jesuiten wurden nach Luis de Molina auch als Parti moliniste bezeichnet. Ihre Lehre betonte, dass göttliche Gnade und menschliche Willensfreiheit bei der Erlangung des Seelenheils zusammenwirkten. Die Jansenisten lehnten diese Auffassung ab und vertraten eine strengere Lehre von der zuvorkommenden, also der menschlichen Entscheidung vorausgehenden Gnade.

Auch bei der Buße unterschieden sich beide Seiten. Nach jesuitischer Auffassung konnte für die notwendige Reue vor der Sündenvergebung die Furcht vor göttlichen Strafen ausreichen. Nach jansenistischer Auffassung ist wahre Buße dagegen nur dann gegeben, wenn sie aus der Liebe zu Gott entsteht; sie ist allein ein Geschenk der göttlichen Gnade. Die Jansenisten kritisierten außerdem die jesuitische Kasuistik, also die Beurteilung moralischer Fälle, und den Probabilismus. Sie forderten im Gegensatz zu den barocken Frömmigkeitsformen der Jesuiten ein einfaches und zurückgezogenes Leben.

Als bedeutende antijesuitische Schrift gilt die 1643 erschienene Théologie morale des Jesuites. Blaise Pascal unterstützte die jansenistische Position ab 1656 mit seinen Lettres provinciales. Diese Briefe wurden zwar verboten, trugen aber zur Kritik an der jesuitischen Kasuistik bei und wirkten noch bei der Aufhebung des Jesuitenordens etwa 100 Jahre später nach.

Päpstliche Verurteilungen und staatliche Verfolgung

Jansens Augustinus verbreitete sich rasch. Papst Urban VIII. verurteilte das Werk 1642 in der Bulle In eminenti als Irrlehre. Gründe waren der Druck ohne vorherige päpstliche Genehmigung und die Aufnahme von Gedanken Michael Bajus, dessen Lehre 1567 unter Pius V. verurteilt worden war. 1653 bestätigte Papst Innozenz X. die Verurteilung in der Bulle Cum occasione. Darin wurden fünf Sätze als häretisch verurteilt: Erstens gebe es Gebote, die der Mensch ohne göttliche Unterstützung nicht halten könne. Zweitens könne der sündige Mensch der göttlichen Gnade nicht widerstehen. Drittens könne der gefallene Mensch an seinem Heil nicht aus freiem Willen mitwirken. Viertens sei es semipelagianisch, die vorausgehende Gnade zwar für den Glauben als notwendig anzusehen, dem Menschen aber die freie Annahme oder Zurückweisung dieser Gnade zuzuschreiben. Fünftens sei es semipelagianisch zu behaupten, Christus sei für alle gestorben.

Antoine Arnauld erklärte, man erkenne diese Verurteilungen „de jure“ an, weil die Sätze tatsächlich häretisch seien, aber nicht „de facto“, weil sie nicht Jansens Lehren und damit auch nicht der Lehre Augustins entsprächen. Wegen dieser Haltung wurde Arnauld 1656 zusammen mit zahlreichen Theologen von der Sorbonne entlassen und als Häretiker verurteilt. Papst Alexander VII. bekräftigte die Verurteilung in der Bulle Ad Sanctam Beati Petri Sedem und bezog die fünf Sätze ausdrücklich auf Jansenius.

Auch die französische Regierung sah die Bewegung als Gefahr für die kirchliche Einheit und damit für das Gottesgnadentum der Monarchie. Wegen ihrer Kritik an der französischen Außenpolitik und ihrer Verbindung zur Fronde galten die Jansenisten als Unruhestifter. 1660 wurde die Schule von Port-Royal geschlossen, 1661 mussten die französischen Geistlichen die päpstliche Bulle unterschreiben. Einige Jansenisten unterschrieben, andere gingen ins Ausland. Unter Ludwig XIV. folgten ab 1680 neue Verfolgungen, Verhaftungen und Fluchten. 1705 verlangte die Bulle Vineam Domini die innere Zustimmung zur Unterschrift unter den fünf verurteilten Sätzen. 1710 wurden die Nonnen von Port-Royal vertrieben; 1713 wurde das Kloster niedergerissen.

Unigenitus, Appellanten und politische Partei

Auf Wunsch Ludwigs XIV. erließ Papst Clemens XI. 1713 die Bulle Unigenitus Dei Filius. Sie setzte sich in 101 Punkten mit den Lehren Pasquier Quesnels auseinander und verurteilte die Jansenisten erneut. Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche wurde nun mit der Annahme oder Ablehnung dieser Bulle verbunden.

Die Gegner der Bulle wurden Appellanten genannt. Zahlreiche Kleriker, darunter ein Kardinal und 18 Bischöfe, appellierten trotz ihrer Exkommunikation an ein Konzil. Unterstützt wurden sie vom Parlement de Paris; ihr Zentrum war die Sorbonne, von der aus eine einflussreiche Zeitung die Öffentlichkeit gegen die Bulle mobilisierte. Das dadurch entstandene Schisma dauerte bis 1728. Die meisten Appellanten verließen Frankreich jedoch bereits 1719 und siedelten sich in Belgien und den Niederlanden an, wo sich das Bistum Utrecht ihrer Sache anschloss.

Der 91. Punkt der Bulle drohte im Fall des Festhaltens an Jansens Lehren mit der Exkommunikation. Dadurch wurde der Streit von einer theologischen zu einer politischen Auseinandersetzung. Gallikaner, die eine stärkere Eigenständigkeit der französischen Kirche gegenüber Rom vertraten, sahen darin ebenso wie die Jansenisten eine unzulässige Einmischung des Papstes. Spätestens nach dem Weggang vieler religiöser Anhänger entwickelte sich der Jansenismus zur politischen Partei, dem parti janséniste. Die Auseinandersetzungen mit König Ludwig XV. prägten dessen Regierungszeit und bereiteten nach Darstellung des Artikels den Boden für die Französische Revolution. 1764 ergriff die französische Krone antijesuitische Maßnahmen. Eine radikale, auch von jansenistischen Theologen kritisch gesehene Ausprägung waren die Konvulsionäre von Saint-Médard, die sich um das Grab des 1727 verstorbenen Priesters François de Pâris sammelten.

Abgrenzung und Wirkungsgeschichte

Der Jansenismus griff wie Martin Luther auf Augustinus zurück und lehrte die Rechtfertigung allein aus Gnade und ohne Mitwirkung des menschlichen Willens. Deshalb warfen Gegner den Jansenisten eine Nähe zum Calvinismus vor. Antoine Arnauld grenzte den Jansenismus jedoch ausdrücklich vom Protestantismus ab. Die Jansenisten hielten an der katholischen Eucharistielehre und am Sakrament der Beichte fest. Weil sie einen unwürdigen Empfang der Eucharistie fürchteten, empfahlen sie vor der Kommunion die Lossprechung von den Sünden durch die Beichte. Das führte zu einem seltenen Kommunionempfang. Ihre streng moralische und verinnerlichte Frömmigkeit ähnelte dem zeitgleich in Deutschland entstehenden Pietismus.

Außerhalb Frankreichs verbreitete sich der Jansenismus besonders in Belgien und den Niederlanden, wohin viele Anhänger vor der Verfolgung flohen. Auch in Gebieten mit starkem Widerstand gegen die Jesuiten fand er Unterstützung. Im 18. Jahrhundert ging die Bewegung teilweise in der Aufklärung, besonders in der katholischen Aufklärung, auf und verschwand im 19. Jahrhundert allmählich. Ihre Anthropologie und Gnadenlehre wirkten jedoch weiter, unter anderem in der französischen Literatur und in Verbindung mit dem Gallikanismus.

Die Alt-Katholische Kirche der Niederlande verdankt den Beginn ihrer Unabhängigkeit von Rom den Auseinandersetzungen um den Jansenismus. Sie bestritt stets, jansenistische Lehren zu vertreten, wurde aber von jansenistischer Spiritualität und Ekklesiologie beeinflusst. Bei der Zuordnung einzelner Personen ist Vorsicht geboten, da „Jansenismus“ im religiösen Streit des 17. Jahrhunderts ein Kampfbegriff war. Auch im Kulturkampf des späten 19. Jahrhunderts wurde die Bezeichnung erneut gegen die Alt-Katholische Kirche der Niederlande verwendet.

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