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Julian Nida-Rümelin
Julian Nida-Rümelin (* 28. November 1954 in München) ist ein deutscher Philosoph und ehemaliger Politiker (SPD). Er ist seit 2022 Rektor der Humanistischen …
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Person und Bedeutung
Julian Nida-Rümelin (* 28. November 1954 in München) ist ein deutscher Philosoph und ehemaliger SPD-Politiker. Seit 2022 ist er Rektor der Humanistischen Hochschule Berlin. Bis 2020 hatte er den Lehrstuhl für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind Rationalitätstheorie, Ethik, politische Philosophie und Erkenntnistheorie.
Für das Verständnis seiner Bedeutung ist seine Doppelrolle wichtig: Er war sowohl akademischer Philosoph als auch politisch tätig. Von 1998 bis 2001 war er Kulturreferent der Stadt München, von Januar 2001 bis Oktober 2002 Kulturstaatsminister in der ersten rot-grünen Bundesregierung. Von Mai 2020 bis April 2024 war er stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Jürgen Habermas würdigte ihn als Philosophen, der Politikberater, Intellektueller, Moderator zwischen Philosophie und Politik und zeitweise politisch Handelnder zugleich gewesen sei.
Ausbildung und akademischer Weg
Nida-Rümelin wuchs in München in einer Künstlerfamilie auf. Sein Vater Rolf Nida-Rümelin und sein Großvater Wilhelm Nida-Rümelin waren Bildhauer, seine Mutter Margret Nida-Rümelin war Bibliothekarin. Seine Schwester Martine Nida-Rümelin ist ebenfalls Philosophin. 1974 legte er am humanistischen Wilhelmsgymnasium in München das Abitur ab.
Von 1975 bis 1980 studierte er Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft in München und Tübingen. 1983 wurde er bei Wolfgang Stegmüller summa cum laude in Philosophie, Politikwissenschaft, Logik und Wissenschaftstheorie promoviert. 1989 habilitierte er sich an der LMU München mit einer Arbeit zur Kritik des Konsequentialismus in Ethik und Rationalitätstheorie. Konsequentialismus bezeichnet eine Position, nach der Handlungen vor allem nach ihren Folgen beurteilt werden.
Nach Stationen in München, Minnesota, Tübingen und Göttingen wurde er 1993 Professor für Philosophie an der Universität Göttingen. Nach seiner politischen Tätigkeit kehrte er in die Wissenschaft zurück. Ab 2004 lehrte er an der LMU München, zunächst am Geschwister-Scholl-Institut, ab 2009 auf dem Lehrstuhl Philosophie IV; von 2009 bis 2013 war er Dekan seiner Fakultät. Seit 2002 ist er außerdem Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2022 wurde er Gründungsrektor der Humanistischen Hochschule Berlin und leitet dort den berufsbegleitenden Masterstudiengang Angewandte Ethik.
Politische Tätigkeit
Von Juli 1998 bis Januar 2001 war Nida-Rümelin Kulturreferent der Stadt München. In diesem Amt setzte er sich besonders für Kunst im öffentlichen Raum, für personelle Erneuerungen an städtischen Theatern sowie für Volks- und Stadtteilkultur ein. Dabei kam es auch zu Konflikten, etwa um die Leitung der Münchner Kammerspiele: Nach einem Streit um den Vertrag von Dieter Dorn wurde auf Nida-Rümelins Vorschlag Frank Baumbauer mit der Leitung betraut.
Im Januar 2001 ernannte Bundeskanzler Gerhard Schröder ihn zum Staatsminister im Bundeskanzleramt für Kultur und Medien. In dieser Funktion verantwortete er einen Etat von über einer Milliarde Euro. Ein wichtiges Ergebnis seiner Amtszeit war die Kulturstiftung des Bundes, die 2001 mit einem jährlichen Etat von 37,5 Millionen Euro ihre Arbeit aufnahm. Ihr Schwerpunkt lag auf innovativen Kunst- und Kulturprojekten mit internationaler Ausrichtung, besonders nach Osteuropa. Ein weiteres wichtiges Thema war die Sicherung der Buchpreisbindung durch ein nationales Gesetz nach französischem Vorbild.
Von 2009 bis 2013 war Nida-Rümelin Mitglied des SPD-Parteivorstands und von 2010 bis 2014 Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD. 2010 kandidierte er für das Amt des Präsidenten der LMU München, vor allem als Signal gegen die aus seiner Sicht misslungene Bolognareform. Er unterlag im Hochschulrat mit einer gegen 15 Stimmen.
Philosophisches Werk
Nida-Rümelins Werk gehört vor allem zur Praktischen Philosophie. Diese befasst sich mit menschlichem Handeln, Entscheidungen, Moral, Gesellschaft, Staat und Recht. Seine Hauptthemen sind Rationalität, Ethik und politische Philosophie. Schon in seiner Dissertation von 1983 untersuchte er mithilfe der Entscheidungstheorie das Verhältnis von Rationalität und Moralität. Entscheidungstheorie fragt, wie Entscheidungen unter bestimmten Bedingungen begründet werden können. Nida-Rümelin fragte dabei unter anderem: Was heißt rational handeln? Was können Entscheidungs- und Spieltheorie zur Klärung normativer Probleme beitragen? Sind konsequentialistische Modelle geeignet, moralisches Verhalten zu erklären? Letzteres verneinte er.
Ein zentrales Konzept ist seine Theorie der strukturellen Rationalität. Sie richtet sich gegen die Vorstellung, vernünftig sei einfach das Handeln mit den besten Folgen. Rationalität bedeutet für ihn nicht bloß Nutzenmaximierung, sondern das Einbetten einzelner Entscheidungen in eine umfassendere Verantwortungsstruktur. Menschen handeln in Beziehungen: Sie bitten, versprechen, kooperieren, geben und nehmen Gründe. Diese Praxis des Gründe-Gebens-und-Nehmens ist für ihn grundlegend. Dadurch verbindet er Rationalität, Freiheit und Verantwortung.
Sein Humanismus geht von der conditio humana aus, also von Grundbedingungen des Menschseins, die kulturübergreifend bestehen. Zur anthropologischen Dimension gehören Vernunft, Freiheit und Verantwortung. Zur ethischen Dimension gehört die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Gründen. Rassismus, Sozialdarwinismus, chauvinistischer Nationalismus, diskriminierender Sexismus und andere Formen des Anti-Humanismus werden als Gegenpositionen genannt. Nida-Rümelin ist dabei optimistisch, dass schlechte Gründe durch rationale Klärung und Kohärenzprüfung zurückgedrängt werden können.
Weitere wichtige Positionen sind sein Realismus und seine Kritik am Naturalismus. Realismus bedeutet bei ihm nicht vor allem eine metaphysische Lehre, sondern die Annahme, dass Menschen im Alltag tatsächlich Gründe austauschen und dabei auf Fakten, Tatsachen und Sachverhalte Bezug nehmen. Gegen den Naturalismus argumentiert er, dass Vernunft, Freiheit und Verantwortung nicht plausibel rein naturalistisch erklärt werden könnten. Menschliches Denken und Handeln seien nicht einfach algorithmisch oder vollständig kausal determiniert. In der Ökonomie kritisiert er eine rein auf Optimierung ausgerichtete Wirtschaftsordnung und plädiert für eine humane Ökonomie.
Öffentliche Stellungnahmen
Nida-Rümelin äußerte sich zu mehreren gesellschaftlichen Debatten. In Fragen von Religion und Moral kritisierte er religiösen Fundamentalismus und bezeichnete sich selbst als Humanisten. Er betonte, Moral sei historisch nicht einfach aus Religion entstanden. Auch Agnostiker könnten moralisch sein, und ethische Orientierung könne ohne Berufung auf Gott begründet werden. Sein Buch Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel von 2006 bezieht sich auf einen normativen Grundkonsens einer humanen und offenen Gesellschaft.
In der Debatte um Hirnforschung, Freiheit und Selbstverantwortung verteidigte er die Fähigkeit zu rational begründetem Handeln. In Über menschliche Freiheit von 2005 definiert er Freiheit als Unterbestimmtheit von Gründen, etwas zu glauben oder etwas zu tun. Damit verbindet er Freiheit eng mit Rationalität und Verantwortung.
Seit 2006 kritisierte er den Bologna-Prozess und forderte eine „Reform der Reform“. In der Bildungsdebatte wandte er sich gegen einen aus seiner Sicht überzogenen Trend zur Akademisierung, den er „Akademisierungswahn“ nannte. Dabei ging es ihm besonders um die Bedeutung der nichtakademischen beruflichen Bildung im dualen System Deutschlands. Für sein Engagement zugunsten der beruflichen Bildung erhielt er die Goldene Ehrennadel des Bayerischen Handwerks.
Während der COVID-19-Pandemie plädierte er im April 2020 für einen schnellen Ausstieg aus dem gesellschaftlichen Stillstand. Umstritten waren seine Forderungen nach stärkerer digitaler Kontaktpersonennachverfolgung. Im Dezember 2020 forderte er bei Anne Will eine ortsbasierte Trackingapp mit GPS und Bluetooth. Kritiker wie Linus Neumann warfen ihm vor, falsche Behauptungen über Beispiele aus Japan, Südkorea und Taiwan zu verbreiten. 2021 erhielt Nida-Rümelin für seine Aussagen zum Datenschutz in der Pandemie den BigBrotherAward in der Kategorie „Public Intellectual“.
Digitaler Humanismus und Auszeichnungen
Ein neueres Thema Nida-Rümelins ist der Digitale Humanismus. In dem 2018 zusammen mit Nathalie Weidenfeld veröffentlichten Buch Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz wendet er seine humanistische Philosophie auf Digitalisierung, Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz an. Er stellt sich gegen die Vorstellung, menschliches Handeln sei vollständig algorithmisch beschreibbar. Die Intentionalität des Menschen könne nicht digitalisiert werden; echte Autorschaft sei unvereinbar damit, Menschen als algorithmengesteuert und vollständig determiniert zu verstehen. Eine Ethik der Digitalisierung soll von der conditio humana ausgehen und verhindern, dass Künstliche Intelligenz oder Künstliches Leben zum Religionsersatz erhoben wird.
Nida-Rümelin veröffentlichte zahlreiche Monographien, darunter Kritik des Konsequentialismus (1993), Demokratie als Kooperation (1999), Strukturelle Rationalität (2001), Über menschliche Freiheit (2005), Demokratie und Wahrheit (2006), Philosophie einer humanen Bildung (2013), Eine Theorie praktischer Vernunft (2020), Die Realität des Risikos (2021, mit Nathalie Weidenfeld), Cancel Culture. Ende der Aufklärung? (2023), Ähren im Wind (2024) und Was Demokratie ausmacht und wie sie aus der Krise kommt (2025).
Zu seinen Auszeichnungen gehören 2004 die Plakette „Dem Förderer des deutschen Buches“, 2016 die Europa-Medaille für besondere Verdienste um Bayern in einem Vereinten Europa, 2018 zusammen mit Nathalie Weidenfeld der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch, 2019 der Bayerische Verdienstorden, 2023 der Preis für Freiheit der Wissenschaft der Reinhard Hesse Stiftung und 2024 der Premio Giacomo Leopardi für seine Arbeiten zur Erneuerung des Humanismus, besonders in Zeiten digitaler Transformation.