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Jethro Tull

Jethro Tull ist eine 1967 gegründete britische Rockband. Ständiges Mitglied und Bandleader ist der Komponist, Multiinstrumentalist und Sänger Ian Anderson …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und musikalische Merkmale
  2. 2. Anfänge und Aufstieg
  3. 3. Stilphasen von 1972 bis 2000
  4. 4. Späte Jahre, Unterbrechung und Neubeginn
  5. 5. Alben und Auszeichnungen

Überblick und musikalische Merkmale

Jethro Tull ist eine 1967 in Blackpool gegründete britische Rockband. Sie war von 1967 bis 2012 aktiv und tritt seit 2017 wieder auf. Ihr einziges ständiges Mitglied und ihr Bandleader ist Ian Anderson, der komponiert, singt und zahlreiche Instrumente spielt. Besonders wichtig ist seine Querflöte: Bei kaum einer anderen erfolgreichen Rockband steht dieses Instrument so stark im Mittelpunkt.

Die Musik wird vor allem dem Progressive Rock und Hard Rock, teilweise auch dem Blues-Rock und Folk-Rock zugerechnet. Hinzu kommen Einflüsse aus Jazz, Klassik, Weltmusik und elektronischer Musik. „Progressive Rock“ bezeichnet hier anspruchsvoll aufgebauten Rock mit komplexen Arrangements, wechselnden Takten und längeren musikalischen Formen.

Kennzeichnend ist Andersons virtuoses, rockorientiertes Flötenspiel. Zu seinen Techniken gehören scharfes Anblasen, Flatterzunge und der gleichzeitige Einsatz der Stimme. Viele Stücke verwenden Molltonarten, starke Lautstärkegegensätze, häufige Taktwechsel, Synkopen – also Betonungen abseits der erwarteten Zählzeiten – und rhythmische Verschiebungen. Daneben gibt es balladenartige Lieder, die durch Instrumentierung und Phrasierung dennoch typische rockige Akzente erhalten. Andersons Texte behandeln häufig alltägliche Menschen und Ereignisse, sind aber oft hintergründig, ungewöhnlich oder skurril.

Die Bandbesetzung wechselte häufig. Anderson versuchte, technisch versierte Musiker zusammenzubringen, die seine Ideen im Studio und auf der Bühne umsetzen konnten. Deshalb galten die Konzerte als musikalisch sehr professionell. Von 1969 bis 2012 bildeten Anderson und der Gitarrist Martin Barre den Kern der Gruppe.

Anfänge und Aufstieg

Ian Anderson, Mick Abrahams, Glenn Cornick und Clive Bunker gründeten die Band im November 1967. Zunächst hieß sie The Four Fingers. Vor einem Auftritt im Londoner Marquee Club gab ihr ein Buchungsagent den Namen Jethro Tull, nach einem im 18. Jahrhundert lebenden Wegbereiter der modernen Landwirtschaft. Nach regelmäßigen Clubauftritten gelang der Durchbruch beim Sunbury Jazzfestival im Sommer 1968.

Das Debütalbum This Was von 1968 war stark am Blues ausgerichtet, enthielt aber bereits Andersons markanten Gesang und sein Flötenspiel. Nach dem Ausscheiden des bluesorientierten Gitarristen Mick Abrahams erweiterte die Band ihren Stil. Auf Stand Up (1969) bearbeitete sie beispielsweise Johann Sebastian Bachs Bourrée aus der Suite für Laute in e-Moll (BWV 996): Aus der Andeutung des Bach-Themas entwickelt sich eine treibende Jazzrock-Nummer mit Flötensolo. Stand Up erreichte Platz 1 in Großbritannien.

Die Single Living in the Past von 1969, eines der wenigen kommerziell erfolgreichen Einzelstücke der Band, steht im ungewöhnlichen 5/4-Takt. Mehrere USA-Tourneen machten Jethro Tull im selben Jahr auch dort bekannt. Nach Benefit (1970) folgte mit Aqualung (1971) der größte Erfolg der Band. Das Album enthält unter anderem Locomotive Breath, erreichte Platz 7 in den USA und wurde dort mit Dreifachplatin ausgezeichnet.

Stilphasen von 1972 bis 2000

Mit Thick as a Brick (1972) verband Jethro Tull verschiedene musikalische Themen zu einer großen Einheit. Das Konzeptalbum erreichte Platz 1 in den USA. A Passion Play (1973) war ebenfalls als zusammenhängendes Konzept angelegt, aber weniger erfolgreich und wegen seiner hohen Komplexität stark umstritten: Die Urteile reichten von deutlicher Ablehnung bis zur Bewertung als wichtigstes Album der Band. Danach kehrte die Gruppe zu einzelnen Songs zurück, behielt aber bis 1980 überwiegend komplexe Arrangements bei.

Songs from the Wood (1977), Heavy Horses (1978) und teilweise Stormwatch (1979) gelten als Folk-Rock-Phase. Dafür sprechen akustische Instrumente sowie Texte über Landleben und Naturmythen. Die Bezeichnung ist dennoch nur eingeschränkt passend, weil die eigenständigen Kompositionen und komplizierten Arrangements von traditioneller Folkmusik abweichen. Auf Stormwatch wurden politische Themen wichtiger; das Album kritisierte beispielsweise die Ölförderung in der Nordsee.

A (1980) behandelte unter anderem Frühwarnsysteme und Zivilschutz im Zusammenhang mit Atompolitik. Under Wraps (1984) wurde stark durch Peter-John Vetteses digitale Synthesizer und einen von Anderson programmierten Drumcomputer geprägt. Einige Schlagzeugspuren waren für einen Menschen kaum nachspielbar. Anderson bezeichnete seinen Gesang später als den besten seiner Karriere; die anspruchsvolle Tournee belastete seine Stimmbänder jedoch so schwer, dass seine stimmlichen Möglichkeiten noch jahrelang eingeschränkt blieben.

Crest of a Knave (1987) beendete den keyboarddominierten Klang und stellte Martin Barres E-Gitarre stärker als zuvor heraus. Das Album gewann 1989 den ersten und einzigen Grammy, der jemals in der Kategorie „Beste Hard-Rock-/Metal-Darbietung – Gesang oder Instrumental“ vergeben wurde.

Roots to Branches (1995) gilt häufig als innovativstes Album der Band aus den 1990er Jahren. Andersons Flöte rückte wieder in den Vordergrund, zugleich erschienen erstmals deutliche Einflüsse traditioneller orientalischer Musik. Auf einigen Stücken spielte er Bambus-Querflöten. Deren offene Grifflöcher erlauben Pitchbending und Glissando, also stufenlose Veränderungen der Tonhöhe. J-Tull Dot Com erschien 1999; der Artikel nennt für die deutschen Charts widersprüchlich Platz 14 im Text und Platz 8 in der Tabelle.

Späte Jahre, Unterbrechung und Neubeginn

Nach J-Tull Dot Com folgten viele Konzerte, zunächst aber keine neuen Studioalben. Das Christmas Album von 2003 verband neu eingespielte ältere Stücke mit neuem, weihnachtlich ausgerichtetem Material. 2005 erschien Ian Anderson Plays the Orchestral Jethro Tull. David Goodier und John O’Hara wirkten daran mit und ersetzten 2007 den Bassisten Jonathan Noyce und den Keyboarder Andrew Giddings in der Band. Von 2008 bis 2011 fanden Jubiläumstourneen zum 40. bis 43. Bestehensjahr statt.

2012 schied Martin Barre aus. Danach tourten Barre und Anderson mit eigenen Gruppen, verwendeten auf Alben und Konzertankündigungen aber weiterhin den Namen Jethro Tull. Anderson veröffentlichte 2012 Thick as a Brick 2, vierzig Jahre nach dem ersten Teil. Wie das Werk von 1972 ist es ein musikalisch und textlich verflochtenes Konzeptalbum; stilistisch verbindet es akustisch geprägte Musik mit hartem Rock. 2014 folgte Homo Erraticus über achttausend Jahre menschlicher Migration von der Vorgeschichte bis zu Zukunftsprognosen. Anderson erklärte damals, künftig unter eigenem Namen auftreten zu wollen.

Seit 2015 führte die Ian Anderson Touring Band Jethro Tull – The Rock Opera auf. Die Produktion verband textlich veränderte ältere Stücke und neue Rocksongs über den historischen Jethro Tull mit Videos und mehreren Gesangsrollen. Mit Unnur Birna Björnsdóttir, die auch Violine spielte, war erstmals eine Sängerin beteiligt.

2017 trat die Gruppe wieder als Jethro Tull by Ian Anderson auf. Zum 50. Jubiläum 2018 tourte sie durch Europa und Nordamerika und konzentrierte sich auf die ersten zehn Bandjahre. Die für 2020 geplante Tour wurde wegen der COVID-19-Pandemie auf 2021 verschoben. Im Januar 2022 erschien The Zealot Gene, im April 2023 RökFlöte mit Themen aus Ragnarök und der nordischen Mythologie. Curious Ruminant folgte am 7. März 2025 und erreichte Platz 2 in Deutschland.

Zur im Artikel genannten aktuellen Besetzung gehören Ian Anderson, der Gitarrist Jack Clark, John O’Hara an Klavier, Keyboard und Akkordeon, der Schlagzeuger Scott Hammond sowie David Goodier an Bass und Kontrabass.

Alben und Auszeichnungen

Die Diskografie zeigt mehrere besonders erfolgreiche Phasen. Zu den frühen Studioalben gehören This Was (1968), Stand Up (1969), Benefit (1970), Aqualung (1971), Thick as a Brick (1972) und A Passion Play (1973). Es folgten unter anderem War Child (1974), Minstrel in the Gallery (1975), Too Old to Rock ’n’ Roll: Too Young to Die! (1976), Songs from the Wood (1977), Heavy Horses (1978) und Stormwatch (1979). Die 1980er und 1990er Jahre brachten A (1980), The Broadsword and the Beast (1982), Under Wraps (1984), Crest of a Knave (1987), Rock Island (1989), Catfish Rising (1991), Roots to Branches (1995) und J-Tull Dot Com (1999). Nach der langen Pause erschienen The Zealot Gene (2022), RökFlöte (2023) und Curious Ruminant (2025).

Neben dem Grammy für Crest of a Knave erhielt die Band beziehungsweise Ian Anderson weitere Ehrungen. 2005 wurden Anderson und Martin Barre vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz für die „meisterhafte Verschmelzung von Stilen und Werten traditioneller Musik mit zeitgenössischem Rock“ ausgezeichnet. Anderson erhielt 2006 den Ivor Novello Award für herausragende Komponisten und Autoren nichtklassischer Musik, wurde 2008 für seine musikalischen Verdienste zum Member of the Order of the British Empire ernannt und bekam 2013 bei den Progressive Music Awards den Titel Prog God.

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