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Progressive Rock

Progressive Rock (kurz Prog oder Progrock) ist eine Musikrichtung, die Ende der 1960er Jahre entstand, als Musiker Rockmusik um stilistische Merkmale …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Musikalische und inhaltliche Merkmale
  3. 3. Entstehung und klassische Phase
  4. 4. Umbruch und Wiederbelebung
  5. 5. Neuere Entwicklungen und Spielarten
  6. 6. Bedeutung und Kritik

Begriff und Grundidee

Progressive Rock, kurz Prog oder Progrock, ist eine Ende der 1960er Jahre vor allem in Großbritannien entstandene Richtung der Rockmusik. Sie erweitert Rock um Kompositionsweisen, Harmonik, Instrumente und Ausdrucksmittel aus abendländischer Klassik, Jazz, elektronischer Musik, Folk und Weltmusik. Wichtige Vorreiter waren The Moody Blues, The Nice und Procol Harum; die klassische Phase prägten besonders King Crimson, Emerson, Lake & Palmer, Yes, Genesis, Jethro Tull und Pink Floyd.

„Progressiv“ bedeutet „fortschrittlich“. Nach Keith Emerson entwickelt progressive Musik eine musikalische Idee weiter, verändert sie und untersucht ihre Möglichkeiten, statt sie lediglich zu wiederholen. Robert Fripp verstand Progressive Rock weniger als festgelegten Stil denn als Haltung: Musiker sollten die stilistischen und konzeptionellen Grenzen der Rockmusik mithilfe von Verfahren aus Klassik und Jazz neu bestimmen. Als daraus feste Genrekonventionen entstanden waren, sah er den progressiven Charakter als beendet an und stellte 1974 vorläufig seine entsprechende Arbeit ein.

Der Begriff bezeichnete ab 1969 nachweisbar einen konkreten Stil. Zuvor war „Progressive Rock“ in den USA auch der Name eines Radioformats, das von Hitparadensendern übergangene Rockmusik spielte, darunter lange und experimentelle Stücke des Psychedelic Rock.

Musikalische und inhaltliche Merkmale

Kennzeichnend ist eine hohe musikalische Komplexität. Prog verwendet ungewöhnliche Harmonien und Tonarten, Modulationen, dissonant behandelte Intervalle wie große Septime, Sekunde oder Tritonus sowie ungerade Takte, etwa 5er- oder 7er-Takte. Häufig sind Taktwechsel, Polyrhythmik – die Überlagerung verschiedener Rhythmen – und Polymetrik, also gleichzeitig unterschiedliche Taktarten. ELPs „Infinite Space“ wechselt beispielsweise vom 7/4-Takt über zwei 3/4-Takte und einen 4/4-Takt zurück zum 7/4-Takt. Kontrapunkt bedeutet, dass mehrere selbstständige Melodielinien miteinander verbunden werden; besonders Gentle Giant nutzte diese Technik.

Komplexen Instrumentalpassagen stehen oft eingängige, hymnische Melodien und wiederkehrende Refrains gegenüber. Typisch sind lange, manchmal mehr als zwanzig Minuten dauernde „epische“ Kompositionen. Ihre Abschnitte sind durch wiederkehrende oder variierte Themen verbunden. Beispiele sind „Close to the Edge“ von Yes, „Supper’s Ready“ von Genesis und das 43-minütige „Thick as a Brick“ von Jethro Tull.

Konzeptalben folgen einem gemeinsamen musikalischen und textlichen Thema oder erzählen eine zusammenhängende Geschichte. Beispiele sind „The Lamb Lies Down on Broadway“ von Genesis, „Tales from Topographic Oceans“ von Yes, „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd und „Misplaced Childhood“ von Marillion. Ob „Aqualung“ von Jethro Tull ein Konzeptalbum ist, gilt als umstritten.

Neben E-Gitarre, Bass und Schlagzeug prägen elektronische Tasteninstrumente wie Hammond-Orgel, Clavinet, E-Piano, Mellotron und Moog- oder ARP-Synthesizer den Klang. Hinzu kommen Geige, Querflöte, Saxophon, Cembalo, Blockflöte, Blechblasinstrumente und Instrumente anderer Musikkulturen wie die Sitar. Lange Soli verlangen häufig große Virtuosität. Die Rhythmusgruppe aus Bass und Schlagzeug spielt dabei nicht nur eine Begleitrolle, sondern kann eigene melodische und rhythmische Akzente setzen.

Klassische Musik wird durch Zitate, Bearbeitungen und stilistische Anleihen eingebunden. Emerson, Lake & Palmer bearbeiteten auf „Pictures at an Exhibition“ Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“; Manfred Mann’s Earth Band bezog sich auf Gustav Holsts Orchestersuite „Die Planeten“. Die Texte behandeln häufig Science-Fiction, Utopien, Geschichte, Krieg, Religion sowie politische oder gesellschaftliche Fragen und greifen literarische Vorlagen auf. Auch kunstvolle Plattencover, Lightshows und als Gesamtkunstwerk entworfene Alben gehören zur Präsentation des Genres.

Entstehung und klassische Phase

Die Entwicklung wird in vier Abschnitte gegliedert: die proto-progressiven späten 1960er Jahre, die klassische Phase der frühen und mittleren 1970er Jahre, die Renaissance durch den Neo-Prog der 1980er Jahre sowie Entwicklungen wie Progressive Metal seit den 1990er Jahren.

In den 1960er Jahren wollten britische Bands die einfachen Bluesstrukturen und die übliche Besetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug erweitern. Elektronische Instrumente wie Mellotron, Hammond-Orgel und später Synthesizer eröffneten neue Klangmöglichkeiten. Flöten, Saxophone, Streicher, Blechbläser und exotische Instrumente kamen hinzu. Statt einzelner Lieder über Liebe und Alltag entstanden Konzeptalben mit gesellschaftlichen, politischen, fiktiven oder surrealen Themen. Frühe progressive Ansätze zeigen die Beatles auf „Rubber Soul“ (1965) und „Revolver“ (1966), die Beach Boys auf „Pet Sounds“ (1966) sowie Frank Zappa, Cream, The Moody Blues, frühe Pink Floyd und Jefferson Airplane.

Als erstes Progressive-Rock-Album gilt häufig King Crimsons „In the Court of the Crimson King“ von 1969. Mellotron, lange virtuose Instrumentalpassagen, rhythmische und harmonische Komplexität sowie surreale Texte nahmen zentrale Genreeigenschaften vorweg. 1970 und 1971 folgten wichtige frühe Alben von Emerson, Lake & Palmer, Genesis, Gentle Giant und Yes. Bis Mitte der 1970er entwickelten diese Gruppen sowie Pink Floyd, Jethro Tull, Camel, Van der Graaf Generator und andere ihre eigenen Stile.

Mike Oldfields „Tubular Bells“ von 1973 ist ein albenfüllendes zweiteiliges Werk zwischen Rock, Klassik und Weltmusik. Nach dem Vorbild der Minimal Music verändert sich darin ein einfaches harmonisches Muster langsam und fast unmerklich. Oldfield spielte fast alle Instrumente selbst. Jethro Tulls „Thick as a Brick“ von 1972 besteht aus zwei nur wegen der LP-Seiten getrennten Teilen mit insgesamt 43:50 Minuten.

Von Südengland breitete sich Prog international aus. Kansas und Rush verbanden ihn in Nordamerika unter anderem mit Blues- und Country-Rock. Westdeutsche Gruppen wie Grobschnitt, Hoelderlin, Novalis, Triumvirat und Eloy entwickelten symphonische Formen. In der DDR entstanden meist deutschsprachige, weniger bombastische Varianten; Karats Album „Der blaue Planet“ von 1982 verkaufte sich mehr als 1,4 Millionen Mal, zeigte aber bereits deutliche Pop-Tendenzen. Italienischer Prog verband klassische Merkmale mit mediterranen Gitarren, lyrischem Gesang und starken Keyboards. In Frankreich, Spanien, Schweden und Osteuropa entstanden Mischungen mit Chanson, Flamenco, Folklore oder regionalen Traditionen.

Umbruch und Wiederbelebung

Mitte der 1970er Jahre erreichte der klassische Prog seinen Höhepunkt. Mitgliederwechsel und die Hinwendung erfolgreicher Gruppen zur Popmusik leiteten einen Wandel ein. Bei Genesis gingen Peter Gabriel 1975 und Steve Hackett 1977; Phil Collins übernahm 1976 den Gesang. Zugleich erklärte die Punkbewegung den als prätentiös, aufgeblasen und altmodisch wahrgenommenen Prog Ende der 1970er Jahre für „tot“. New Wave, Hardcore Punk und Heavy Metal rückten in den Vordergrund.

In den 1980er Jahren kam es dennoch zu einer Wiedergeburt als Neo-Prog. Anfangs orientierten sich Gruppen stark an Genesis, Yes und King Crimson; später entwickelten sie einen eigenständigeren, von modernen Synthesizern und Keyboards geprägten Stil. Neo-Prog übernahm viele klassische Elemente, setzte aber stärker auf eingängige Melodien und überschaubarere Formen. Zu den wichtigsten Vertretern zählen Marillion, IQ, Pallas, Pendragon, Twelfth Night, Saga und Asia. Marillions „Misplaced Childhood“ von 1985 enthielt die Hits „Kayleigh“ und „Lavender“, Asias Debütalbum von 1982 „Heat of the Moment“. Die erfolgreichen Singles selbst beruhen allerdings auf einfachen Kadenzen; als Neo-Prog gelten vor allem die übrigen Albumstücke.

Viele klassische Gruppen wechselten währenddessen zu kommerziellem Rock und Pop. Genesis hatte mit „Genesis“ und „Invisible Touch“ großen Erfolg, Yes mit „90125“ und „Owner of a Lonely Heart“. Wiedervereinigungen von Yes und Emerson, Lake & Palmer zu Beginn der 1990er Jahre unterstützten das folgende Prog-Revival. Parallel entstand mit RIO beziehungsweise AvantProg eine kammermusikalisch geprägte, von der klassischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts beeinflusste Richtung, vertreten etwa durch Henry Cow, Univers Zéro, Art Zoyd und Present.

Neuere Entwicklungen und Spielarten

Seit den 1990er Jahren entstanden mehrere neue oder wiederbelebte Richtungen. Progressive Metal verbindet die komplexen Formen des Prog mit Heavy Metal: Verzerrte Rhythmusgitarren, schnelle und tiefe Bassläufe, hohes Tempo, Virtuosität und eine gegenüber anderen Metalstilen stärkere Keyboardrolle sind typisch. Bedeutende Vertreter sind Dream Theater, Queensrÿche, Fates Warning, Threshold, Symphony X, Opeth und Pain of Salvation.

Retro-Prog greift bewusst Stilmittel der klassischen 1970er Jahre auf und interpretiert sie neu. Zentren liegen in Skandinavien und den USA; wichtige Gruppen sind Änglagård, The Flower Kings, Spock’s Beard, Echolyn und Transatlantic. Math-Rock betont riffdominierte Musik, ungerade Taktarten, komplizierte Rhythmen und dissonante Klänge. Postrock versucht herkömmliche Rockformen durch atmosphärische, häufig lange Instrumentalstücke und rockuntypische Klänge zu überschreiten.

Ältere verwandte Richtungen sind Artrock, Canterbury Sound, Krautrock, Space Rock, Symphonic Rock, Klassikrock, Zeuhl und zappaeske Musik. Artrock kann stärker auf konzeptionelle und visuelle Kunstansprüche als auf kompositorische Komplexität ausgerichtet sein. Canterbury Sound steht dem Jazz nahe und arbeitet mit weniger Pathos sowie englischem Humor. Krautrock umfasst verschiedene deutsche jazzrockige, psychedelische und elektronisch-experimentelle Strömungen. Space Rock erzeugt mit Wiederholungen, treibenden Rhythmen und besonderen Klangfarben eine futuristische Atmosphäre. Zeuhl, von Magma begründet, verbindet repetitive Strukturen, dominanten E-Bass, jazziges Schlagzeug, theatralischen Gesang und häufig Texte in der Kunstsprache Kobaïanisch.

Seit Ende der 1990er Jahre ergänzt New Artrock den Prog um elektronische Musik, Postrock und Alternative Rock und stellt die Atmosphäre stärker in den Vordergrund. Der 2005 von der Zeitschrift „eclipsed“ geprägte Begriff umfasst etwa RPWL, Riverside, Sylvan und teilweise Porcupine Tree. New Prog oder Post-Prog bezeichnet dagegen Bands mit Wurzeln im Alternative Rock, die progressive Merkmale aufnehmen, darunter Muse, Mew, Coheed and Cambria und The Mars Volta. Viele Vertreter der klassischen Phase und des Neo-Prog blieben aktiv, veränderten jedoch teilweise deutlich ihren Stil.

Bedeutung und Kritik

In der ersten Hälfte der 1970er Jahre erreichten britische Prog-Bands regelmäßig hohe Plätze in den Albumcharts. Wachsende Besucherzahlen und größere Konzertorte trugen ab Mitte des Jahrzehnts zum Stadion-Rock bei. Die internationale Verbreitung führte zu eigenständigen regionalen Formen; Einflüsse des Genres reichen bis in Alternative- und Mainstream-Rockmusik.

Kritiker beanstandeten einen vermeintlichen Anspruch, komplexe Musik als kulturell höherwertig darzustellen. Sie warfen dem Genre außerdem eine Abkehr von den afroamerikanischen Wurzeln der Rockmusik, aufgesetzte Komplexität, selbstbezogene Virtuosität, wirklichkeitsferne Texte und übermäßiges Pathos vor. Allerdings lehnten auch Prog-Musiker reine Leistungsschauen teilweise ab. Zudem beschäftigten sich Vertreter wie Mike Oldfield und Robert Fripp mit minimalistischen Verfahren, was gegen eine allgemeine Ablehnung musikalischer Reduktion spricht.

Die zunehmende Größe der Konzerte schuf nach Ansicht der Kritik Abstand zwischen Musikern und Publikum. Emerson, Lake & Palmer gingen 1978 mit einem 80-köpfigen Symphonieorchester auf Tour und erlitten damit ein finanzielles Desaster. Robert Fripp empfand die wachsenden Dimensionen von Rockkonzerten als unbefriedigend und nahm dies 1974 zum Anlass, King Crimson aufzulösen.

Seit den frühen 1970er Jahren wird Progressive Rock journalistisch und musikwissenschaftlich untersucht. Anfangs überwogen soziologische Ansätze; seit der Mitte der 1990er Jahre stehen häufiger detaillierte Analysen einzelner Werke und ihrer Beziehungen zu anderen Musikformen im Mittelpunkt. Daneben behandeln Forschungen unter anderem Covergestaltung, Vermarktung und die Kultur des Genres.

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