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Jesus und die Ehebrecherin

Die Perikope über Jesus und die Ehebrecherin steht in den Versen 7,53–8,11 des Johannesevangeliums und beschreibt eine Konfrontation zwischen Jesus und den …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Inhalt und Bedeutung der Erzählung
  2. 2. Alter und Überlieferung des Textes
  3. 3. Textkritische Beurteilung
  4. 4. Befund der Handschriften
  5. 5. Historische Einordnung und Wirkung

Inhalt und Bedeutung der Erzählung

Die Perikope über Jesus und die Ehebrecherin steht heute in Johannes 7,53–8,11. Eine Perikope ist ein abgegrenzter Abschnitt eines biblischen Textes. Erzählt wird eine Auseinandersetzung darüber, ob eine beim Ehebruch ertappte Frau gesteinigt werden müsse. Die Geschichte ist bedeutsam, weil sie Jesu Haltung zu Schuld, Verurteilung und Vergebung darstellt. Aus ihr stammt die in viele Sprachen eingegangene Wendung „den ersten Stein werfen“, die selbstgerechtes Verhalten beschreibt.

Jesus lehrt frühmorgens im Tempel, als Schriftgelehrte und Pharisäer die Frau zu ihm bringen. Sie erklären, Mose habe im Gesetz die Steinigung solcher Frauen geboten, und fragen Jesus nach seinem Urteil. Nach dem Text wollen sie ihn damit auf die Probe stellen, um einen Grund für eine Anklage gegen ihn zu erhalten. Jesus schreibt zunächst mit dem Finger auf die Erde. Als sie weiterfragen, antwortet er: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Danach gehen die Ankläger einer nach dem anderen fort, beginnend mit den Älteren. Jesus fragt die zurückgebliebene Frau, ob niemand sie verurteilt habe. Als sie verneint, sagt er: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Damit verbindet die Erzählung Vergebung mit der Aufforderung, das eigene Verhalten zu ändern.

Alter und Überlieferung des Textes

Die meisten Fachleute stimmen darin überein, dass die Perikope nicht zum ursprünglichen Johannesevangelium gehörte. Sie fehlt an ihrem heutigen Platz in den ältesten erhaltenen griechischen Johannes-Handschriften: in Papyrus 66 aus der Zeit um 200, Papyrus 75 aus dem frühen 3. Jahrhundert sowie im Codex Sinaiticus und Codex Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert. Das erste erhaltene griechische Manuskript, das die Passage enthält, ist der lateinisch-griechische Codex Bezae aus dem 5. Jahrhundert.

Die Geschichte selbst ist jedoch sehr alt und war bereits zu Anfang des 2. Jahrhunderts bekannt. Papias bezog sich um 125 n. Chr. auf eine im Hebräerevangelium überlieferte Geschichte über Jesus und eine Frau, die „vieler Sünden beschuldigt“ wurde; möglicherweise handelte es sich um diese Erzählung. Eine durch Agapios von Hierapolis um 942 überlieferte Kurzfassung aus dem heute weitgehend verlorenen Werk des Papias unterscheidet sich von der üblichen Fassung. Jesus fordert dort denjenigen zum Zeugnis gegen die Frau auf, der sicher sei, hinsichtlich derselben Sünde selbst unschuldig zu sein.

Auch die syrische Didaskalia Apostolorum aus dem 3. Jahrhundert nimmt auf die Erzählung Bezug, ohne sie einem bestimmten Evangelium zuzuordnen. Didymus der Blinde, der etwa von 313 bis 398 lebte, erwähnt sie als Bestandteil „einiger Evangelien“. Dies spricht dafür, dass sie seit dem 4. Jahrhundert in einzelnen griechischen Handschriften Alexandrias bekannt war. Im Codex Vaticanus kennzeichnet außerdem ein besonderes Zeichen das Ende von Johannes 7 und deutet möglicherweise auf eine damals bekannte abweichende Lesart hin.

Im lateinischen Westen war die Passage früh verbreitet. Hieronymus berichtete im späten 4. Jahrhundert, sie stehe an ihrem heutigen Platz in „vielen griechischen und lateinischen Manuskripten“. Auch Ambrosius und Augustinus kannten sie. Augustinus behauptete, manche hätten die Geschichte aus Handschriften entfernt, weil sie befürchteten, Jesu Vergebung könne als Erlaubnis zum Ehebruch missverstanden werden. Unabhängig davon, wie die Perikope an ihre heutige Stelle gelangte, gilt ihr hohes Alter als unbestritten.

Textkritische Beurteilung

Die Textkritik untersucht unterschiedliche Handschriften, um die älteste erreichbare Form eines Textes zu bestimmen. Im 16. Jahrhundert versuchten katholische und protestantische Gelehrte, den griechischen Text des Neuen Testaments zu rekonstruieren, statt sich allein auf die lateinische Vulgata zu stützen. Dabei bemerkten sie, dass frühe Johannes-Handschriften Johannes 7,53–8,11 ausließen oder den Abschnitt mit kritischen Zeichen versahen. Auch die griechischen Lektionare, also Bücher mit für den Gottesdienst ausgewählten Bibellesungen, überspringen in der Pfingstlesung zwischen Johannes 7,37 und 8,12 die zwölf Verse der Perikope.

Zu den verwendeten kritischen Zeichen gehören der Asterisk (*) und Formen des Obelus. Solche Zeichen waren bereits aus der antiken Untersuchung griechischer Werke wie Homers bekannt. Origenes setzte sie bei seiner Arbeit an der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, systematisch ein: Ein Obelus kennzeichnete dort Text, für den es keine Entsprechung im Hebräischen gab, ein Asterisk im Griechischen fehlende und deshalb ergänzte Stellen. Frühe Textkritiker verstanden entsprechende Zeichen bei Johannes 7,53–8,11 daher als Hinweis auf eine Interpolation, also eine nachträgliche Einfügung.

Die modernen Standardausgaben Novum Testamentum Graece (NA27) und United Bible Societies (UBS4) drucken die Perikope, setzen sie aber in Doppelklammern [[…]]. Damit zeigen sie an, dass sie den Abschnitt für einen späteren Zusatz halten. Zugleich bewertet UBS4 die Rekonstruktion seines Wortlauts mit { A }: Die Herausgeber sind also „sehr sicher“, die ursprüngliche Textform dieser späteren Einfügung wiederzugeben.

Befund der Handschriften

Die Handschriften bieten vier wesentliche Befunde: Die Perikope fehlt, sie steht am heute üblichen Ort, sie ist als fraglich markiert oder sie wurde an eine andere Stelle verschoben. Ihr Fehlen in den ältesten griechischen Zeugen wie Papyrus 66, Papyrus 75, Codex Sinaiticus und Codex Vaticanus ist ein besonders wichtiges Argument gegen ihre Zugehörigkeit zum ursprünglichen Johannesevangelium. Sie fehlt außerdem in zahlreichen späteren griechischen Handschriften, in der Mehrheit der Lektionare sowie in verschiedenen alten syrischen, koptischen, gotischen, armenischen und georgischen Übersetzungen. Mehrere frühe Kirchenväter erwähnen sie ebenfalls nicht.

Für ihre Aufnahme sprechen vor allem der Codex Bezae aus dem 5. Jahrhundert, verschiedene Handschriften seit dem 9. Jahrhundert und der Großteil des byzantinischen Textes. Sie steht außerdem in der Mehrheit der Vetus Latina, in der Vulgata und in einigen syrischen, koptischen, armenischen und äthiopischen Übersetzungen. Kirchliche Autoren und Werke wie die Didaskalia, Didymus der Blinde, Ambrosius, Hieronymus und Augustinus bezeugen ihre Bekanntheit.

Einige Manuskripte enthalten die Erzählung, kennzeichnen sie jedoch mit einem Asterisk oder Obelus als zweifelhaft. Andere ordnen sie an abweichenden Stellen ein. In mehreren Handschriften und fast allen armenischen Übersetzungen folgt sie auf Johannes 21,25; in der Handschriftenfamilie 13 steht sie nach Lukas 21,37. Weitere Zeugen setzen sie nach Johannes 7,36 oder übertragen nur Johannes 8,3–11. Diese wechselnde Position unterstützt die Annahme, dass eine bereits alte, zunächst selbstständig überlieferte Geschichte erst später in die Evangelientexte eingefügt wurde.

Historische Einordnung und Wirkung

Ob die Erzählung ein wirkliches Ereignis aus dem Leben Jesu wiedergibt, ist umstritten. Gegen ihre Historizität wird angeführt, dass die römische Besatzungsmacht den jüdischen Gerichten in Palästina zur Zeit Jesu die Befugnis entzogen hatte, Todesurteile zu vollstrecken. Der Exeget Walter Klaiber hält einen historischen Kern dennoch für gut begründbar. Er verweist auf die inhaltliche Nähe zur Geschichte von der „großen Sünderin“ in Lukas 7,36–50, auf Berichte über Lynchjustiz durch Steinigung in Jerusalem und darauf, dass sich in der frühen Kirche kaum eine theologische Richtung finden lasse, die eine so liberale Haltung vertreten habe. Vor allem trage der Satz „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ nach Klaiber alle Merkmale eines echten Jesus-Wortes. Falls die Geschichte keinen historischen Kern besitzt, könnte sie seiner Vermutung nach zu Beginn des 2. Jahrhunderts als Protest gegen eine zunehmend strengere Bußpraxis der Alten Kirche entstanden sein.

Die Szene wurde vielfach in der Kunst dargestellt, unter anderem von Pieter Bruegel dem Älteren, Lucas Cranach dem Älteren, Hans Kemmer, Nicolas Poussin, Jacopo Tintoretto, Giovanni Francesco Barbieri und Emil Nolde. Ein früher Tintoretto, später Hans Rottenhammer zugeschriebenes Gemälde inspirierte Theodor Fontanes Erzählung „L’Adultera“. Der Satz über den ersten Stein wirkt außerdem bis in die Gegenwart als allgemein bekannte Redewendung fort.

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