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Jean Baudrillard
Jean Baudrillard (* 27. Juli 1929 in Reims; † 6. März 2007 in Paris) war ein französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe, der als Professor an …
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Person und zentrale Bedeutung
Jean Baudrillard (27. Juli 1929 in Reims – 6. März 2007 in Paris) war ein französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe. Er lehrte unter anderem an der Universität Paris-Nanterre und an der Université de Paris-IX Dauphine. Bekannt wurde er vor allem durch seine Analysen der Vermittlungs- und Kommunikationsweisen der Postmoderne. Er gilt als einflussreicher Vertreter des poststrukturalistischen Denkens.
Baudrillard studierte zunächst Germanistik an der Sorbonne, arbeitete von 1958 bis 1966 als Deutschlehrer und war zugleich Literaturkritiker und Übersetzer. Außerdem studierte er Philosophie und Soziologie. 1968 promovierte er an der Universität Paris-Nanterre mit Le Système des Objets (Das System der Dinge) und übernahm dort im selben Jahr einen Lehrstuhl für Soziologie. Von 1986 bis 1990 war er Wissenschaftlicher Direktor am IRIS der Université de Paris-IX Dauphine. 1987 habilitierte er sich mit L’Autre par lui-même (Das Andere selbst).
Baudrillard bezeichnete sich selbst nicht als typischen Soziologen oder Philosophen, sondern eher als Theoretiker oder Metaphysiker. Neben Philosophie und Soziologie beschäftigte er sich mit Fotografie. Sein Hauptwerk Der symbolische Tausch und der Tod erschien 1976; darin und in späteren Schriften entwickelte er die Simulationstheorie weiter.
Frühwerk: Konsum, Zeichen und symbolischer Tausch
In seiner frühen Phase war Baudrillard von marxistischen und linksradikalen Denkern, von Jean-Paul Sartre, Henri Lefebvre, den Situationisten, Roland Barthes, Marcel Mauss und Georges Bataille beeinflusst. Seine frühen Bücher verbanden Kulturtheorie, Ökonomie und Sprachkritik mit Analysen der aktuellen Gesellschaft. Dabei untersuchte er besonders die Konsumgesellschaft und versuchte, Materialismus und Strukturalismus miteinander zu verbinden. Marx’ Kritik der politischen Ökonomie deutete er zeichen- und kulturtheoretisch.
In Das System der Dinge analysierte Baudrillard die Zeichenfunktion von Gebrauchsgegenständen. Die Dinge würden nicht mehr hauptsächlich wegen ihrer technischen Gebrauchsfunktion konsumiert, sondern auch als Zeichen für einen bestimmten Lebensstil. Konsum sei deshalb eine „absolut idealistische Praxis“: Er diene der Ersetzung oder symbolischen Befriedigung individueller Wünsche und erscheine als praktizierter Hedonismus.
Um 1975 wandte sich Baudrillard, angeregt durch Marcel Mauss’ Untersuchungen des Gabentauschs sowie Batailles Überlegungen zu Verschwendung und Potlatsch, dem „symbolischen Tausch“ zu. Dieser wurde für ihn zu einem Gegenprinzip sowohl zur politischen Ökonomie des Kapitalismus als auch zum marxistischen „Produktionsparadigma“. In Le miroir de la production (1975) kritisierte er, dass dieses Paradigma weiterhin im kapitalistischen Denken verhaftet sei. In Der symbolische Tausch und der Tod verglich er Todesriten außereuropäischer Kulturen mit der westlichen „Verdrängung des Todes“ und stellte ein Verschwinden des symbolischen Tauschs mit dem Tod fest.
Simulationstheorie: Zeichen und Hyperrealität
Baudrillards Simulationstheorie beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand, in dem Zeichen und Wirklichkeit zunehmend ununterscheidbar werden. Er unterscheidet drei Zeitalter des Zeichens beziehungsweise „drei Ordnungen des Simulakrums“: die „Imitation“, die „Produktion“ und die heutige „Simulation“.
Im Zeitalter der Simulation haben sich die Zeichen von dem gelöst, worauf sie ursprünglich verwiesen. Sie sind „referenzlos“ geworden. Zeichen in Städten, in der Werbung und in den Medien erscheinen zwar als entschlüsselbare Botschaften, dienen nach Baudrillard aber vor allem sich selbst und der Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Gesamtsystems, damit „jeder an seinem Platz bleibt“. Sie bilden keine unabhängige Wirklichkeit mehr ab, sondern erzeugen eine künstliche Realität, die Baudrillard „Hyperrealität“ nennt.
Die Entwicklung zur Simulation bezeichnete er auch als „strukturale Revolution des Werts“. In der Ökonomie entspreche ihr die Verselbständigung der Konsumtion gegenüber der Produktion sowie des Tauschwerts gegenüber dem Gebrauchswert. Damit verband Baudrillard eine Kritik an Marx’ ökonomischen Theorien, die er mit Bezug auf Ferdinand de Saussure und durch eine historisch-kritische Untersuchung verschiedener Kulturstufen von außerhalb der Ökonomie entwickelte.
Die Theorie wurde vor allem in Der symbolische Tausch und der Tod (1976) systematisch formuliert und später unter anderem in Die Präzession der Simulacra (1978), Politik und Simulation (1978), Simulacres et Simulation (1981) und Transparenz des Bösen (1990) weiterentwickelt.
Medien, Terrorismus und Amerika
In seiner Medientheorie übertrug Baudrillard die Simulationstheorie besonders auf die Massenmedien und das Fernsehen. Bereits in Requiem für die Medien (1972) wandte er sich gegen die Vorstellung, Medien seien einfach Instrumente der Manipulation. Stattdessen kritisierte er ihre hierarchische Struktur: Die Apparate würden Kommunikationsprozesse vereinseitigen, anstatt echte Kommunikation zu fördern. Medien verweigerten dauerhaft eine Antwort und ermöglichten einen Tauschprozess höchstens als simulierte, bereits in den Sendeprozess eingebaute Antwort. Deshalb sprach Baudrillard von einer medialen „Rede ohne Antwort“. Er vertrat außerdem die Auffassung, Massenmedien könnten nicht kritisch verwendet werden.
In den 1980er und 1990er Jahren beschäftigte sich Baudrillard mit dem scheinbaren „Ende der Geschichte“ und dem Verschwinden von Ereignissen hinter der Simulation. In Das Jahr 2000 findet nicht statt (1984) und Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse (1992) entwickelte er diese Gedanken weiter. In seinen kontroversen Analysen des Golfkriegs von 1991 folgerte er, der Krieg sei als Ereignis und konfrontative Herausforderung „verschwunden“.
Die Islamische Revolution im Iran begrüßte er als Beweis von Lebenskraft und als Herausforderung der westlichen Weltordnung. Im Terrorismus sah er zugleich eine Reaktion gegen die Simulation. In den Anschlägen vom 11. September 2001 erkannte er einen Versuch, durch das „reine Ereignis“ den Kreislauf der Simulation zu durchbrechen. Der Terrorismus sei jedoch keine zeitgenössische Form der Revolution gegen Unterdrückung und Kapitalismus und nicht zu rechtfertigen. Im Zusammenhang mit der Globalisierung deutete Baudrillard ihn als fatale Reaktion auf ein Machtungleichgewicht und bezeichnete den daraus entstehenden Konflikt als „Vierten Weltkrieg“.
Sein Verhältnis zu den Vereinigten Staaten war von kritischer Distanz geprägt. In Amerika beschrieb er das Land einerseits als anziehend, andererseits als „vollendet primitive Originalversion einer Modernität“. Zugleich nannte er Amerika ein „Paradies“, von dem es, trotz seiner beklagenswerten, monotonen und oberflächlichen Seiten, kein anderes gebe.
Wirkung, Kritik und wichtige Veröffentlichungen
Baudrillard beeinflusste die Diskussion über Medien, Konsum, Zeichen und die Stellung des Individuums in vernetzten Gesellschaften. Jeremy Rifkin fasste eine an Baudrillard anschließende Deutung so zusammen: Menschen, die sich als autonome Individuen verstehen, würden zu einem Anachronismus; der neue Mensch sei eher ein Knotenpunkt verschiedener Beziehungen. Baudrillard selbst formulierte, Menschen existierten nicht mehr als Subjekte, sondern eher als „Terminal“, in dem zahlreiche Netze zusammenliefen.
Besonders umstritten waren seine Aussagen über das „Ende der Geschichte“ in der Simulation, seine Deutung der Anschläge vom 11. September als „Mutter aller Medienereignisse“ und die provokante Behauptung, „der Golfkrieg hat nicht stattgefunden“. Kritiker beanstandeten außerdem seinen assoziativen und wissenschaftlich unsauberen Stil. Mathematisch-physikalische Begriffe wie Raum-Zeit, Paralleluniversum oder Möbiusband habe er teilweise nicht im fachwissenschaftlichen Sinn verwendet. Alan Sokal und Jean Bricmont bezeichneten sein Werk im Zusammenhang mit ihrer Kritik an postmodernen und poststrukturalistischen Autoren als „Eleganten Unsinn“. In den späten 1970er Jahren wurde Baudrillards Denken wegen seiner gewagten Thesen teilweise mit Science-Fiction verglichen.
Zu seinen wichtigen Werken gehören Das System der Dinge, Die Konsumgesellschaft, Requiem für die Medien, Der symbolische Tausch und der Tod, Simulacres et Simulation, Die fatalen Strategien, Transparenz des Bösen, Amerika, Die Illusion des Endes, Das perfekte Verbrechen, Der unmögliche Tausch und Die Intelligenz des Bösen. 1995 erhielt er gemeinsam mit Peter Greenaway den Siemens-Medien-Preis beziehungsweise Siemens Medienkunstpreis, der mit 100.000 DM dotiert und in Kooperation mit dem ZKM verliehen wurde. 2010 komponierte Alfons Karl Zwicker eine Hommage à Jean Baudrillard für Ensemble. Außerdem erschienen Audioveröffentlichungen wie Die Illusion des Endes, Das Ende der Illusion (1997) und Die Macht der Verführung (2006).