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Jüdisches Leben in Berlin
Seit 1671 gibt es dauerhaft eine Jüdische Gemeinde in Berlin, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts auf etwa 173.000 Menschen im Jahre 1925 anwuchs. Die …
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Überblick
Jüdisches Leben in Berlin reicht bis in die Zeit der Stadtentstehung im 13. Jahrhundert zurück. Es war lange von einem Wechsel aus Ansiedlung, rechtlicher Sonderstellung, Verfolgung und Vertreibung geprägt. Seit 1671 besteht dauerhaft eine Jüdische Gemeinde in Berlin. Bis zum frühen 20. Jahrhundert wuchs sie stark an und wurde ein wichtiger Teil des wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens der Stadt.
In der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 wurden 55.000 deutsche Juden aus der Berliner Gemeinde Opfer der Schoah. Die meisten anderen flohen oder wurden vertrieben; nur etwa 9.000 überlebten im Untergrund oder in einer Ehe mit einem nichtjüdischen Ehepartner. Seit 1990 wuchs die jüdische Bevölkerung Berlins wieder, besonders durch Zuwanderung aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebten etwa 12.000 jüdische Gemeindemitglieder in der Stadt; 2015 wohnten außerdem geschätzte 15.000 meist säkulare Israelis in Berlin.
Frühe Geschichte und dauerhafte Gemeinde
Die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Berlin stammt aus dem Jahr 1295. Jüdische Berliner wohnten damals dicht beieinander im Klosterviertel, in der Gegend des späteren Großen Jüdenhofs und der heutigen Jüdenstraße. Sie hatten einen besonderen rechtlichen Status und waren vom Wohlwollen der Herrschenden abhängig. Als Erwerbsmöglichkeiten blieben ihnen vor allem Kreditwesen und Handel.
In Krisenzeiten kam es wiederholt zu Verfolgungen und Vertreibungen. 1348/1349 gab es während der Pest größere Judenverfolgungen. 1446 wies Kurfürst Friedrich II. Juden aus der Mark Brandenburg aus, doch 1454 sind wieder Juden in Berlin belegt. 1510 führte ein antijüdischer Prozess nach einem Kirchendiebstahl in Knoblauch zur Hinrichtung von 38 Juden und Paul Fromm auf dem Scheiterhaufen; zehn weitere Juden waren vorher durch Folter gestorben. Danach wurden alle Juden aus der Mark Brandenburg vertrieben. 1539 durften sie zurückkehren, wurden aber 1573 nach dem Prozess gegen den Münzmeister Lippold erneut „für alle Ewigkeit“ vertrieben. Ob damals ein Friedhof in der später so genannten Judengasse genutzt wurde, ist umstritten.
Die dauerhafte Berliner Gemeinde entstand 1671 neu. Nach der Vertreibung jüdischer Familien aus Wien erlaubte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm am 21. Mai 1671 fünfzig wohlhabenden jüdischen Familien, sich in Brandenburg niederzulassen. Sie durften Handel treiben, mussten aber Steuern und eine jährliche Schutzgebühr zahlen; Zünfte blieben ihnen verschlossen. Am 10. September 1671 erhielten die ersten zwei Familien einen Schutzbrief, dieses Datum gilt als Gründungsdatum der Berliner Jüdischen Gemeinde. 1672 wurde ein jüdischer Friedhof vor dem Spandauer Tor angelegt, 1714 konnte in der Heidereutergasse die später sogenannte Alte Synagoge eingeweiht werden. Das General-Reglement von 1730 und das Revidierte General-Privileg von 1750 brachten neue finanzielle Lasten und Beschränkungen, die im Wesentlichen bis zu den preußischen Reformen Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden.
Aufstieg, Kultur und Emanzipation
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die jüdische Gemeinde Berlins größer und kulturell einflussreicher. Moses Mendelssohn war ein wichtiger Humanist des 18. Jahrhunderts und Hauptvertreter der Berliner Haskala, der jüdischen Aufklärung. Die Haskala stand für Bildung, Vernunft und Reformen innerhalb des jüdischen Lebens. David Friedländer gründete 1778 die erste jüdische Freischule in Berlin, deren Bildungsprogramm der Haskala verpflichtet war und einen Gegenpol zur traditionellen Erziehung im Cheder bildete.
Jüdische Salons prägten das literarische Leben Berlins. Henriette Herz führte in der Spandauer Straße einen bedeutenden Salon, Amalie Beer ebenfalls. In solchen Salons trafen sich Bürgertum und Adel; von ihnen gingen wichtige Impulse für Literatur, Musik und Kultur aus. Genannt werden außerdem Rahel Levin, Dorothea Veit, Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel.
Das preußische Judenedikt von 1812 brachte eine teilweise rechtliche Gleichstellung der in Preußen lebenden Juden. Trotzdem blieben ihnen der Zugang zum Offizierskorps, zur Justiz und zur öffentlichen Verwaltung bis zum Emanzipationsgesetz des Norddeutschen Bundes von 1869 verwehrt. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Juden in Berlin dennoch stark integriert. 1860 hatte die jüdische Gemeinde etwa 28.000 Mitglieder. 1866 wurde die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße eingeweiht. Sie diente bis 1938 als Hauptsynagoge, hatte 3000 Sitzplätze und gehörte mehrere Jahrzehnte lang zu den fünf größten Synagogenbauten der Welt.
Auch das religiöse Leben differenzierte sich. Die Jüdische Gemeinde tendierte stärker zum Reformjudentum, weshalb sich 1869 die Israelitische Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel abspaltete. Ab 1880 wurde der Jüdische Friedhof in Weißensee genutzt, der sich zum größten jüdischen Friedhof Europas entwickelte.
20. Jahrhundert: Blüte, Verfolgung und Neubeginn
Seit 1870 kamen viele jüdische Menschen aus Osteuropa, besonders aus Galizien, nach Berlin. Viele fanden zunächst bei Freunden und Verwandten im Scheunenviertel Unterkunft. 1898 entstand mit Bar-Kochba Berlin der erste jüdische Sportverein im deutschen Kaiserreich. 1902 wurde die Bibliothek der Jüdischen Gemeinde gegründet. 1904 wurde die Synagoge Rykestraße in Prenzlauer Berg eingeweiht, die im 21. Jahrhundert die mitgliederstärkste Synagoge Deutschlands ist. Regina Jonas, in Berlin geboren, wurde die erste Frau weltweit, die zur Rabbinerin ordiniert wurde und in diesem religiösen Amt tätig war.
Vor der Machtübertragung an die NSDAP 1933 waren 160.000 Mitglieder in jüdischen Gemeinden in Berlin eingeschrieben; das entsprach einem Drittel der jüdischen Bevölkerung des Deutschen Reiches. Durch die zunehmende Judenverfolgung litten die Betroffenen stark unter Armut und Arbeitslosigkeit, und eine Auswanderungswelle begann. Bereits 1923 hatte es das Scheunenviertelpogrom gegeben; 1933 inszenierte die SS dort erneut einen Pogrom. Die Kurfürstendamm-Krawalle von 1931 und 1935 steigerten die judenfeindliche Stimmung.
Bei den Novemberpogromen 1938 brannten Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, und viele als Juden denunzierte Deutsche wurden verhaftet. Um 1939 lebten noch rund 75.000 Juden in Berlin. 1941 fuhr der erste Transport mit etwa tausend deportierten Berliner Juden vom Bahnhof Grunewald ins damalige Litzmannstadt. In den folgenden Jahren wurden mehr als 55.000 als Juden eingestufte Menschen aus Berlin nach Theresienstadt sowie in andere Ghettos und Vernichtungslager verschleppt; die meisten wurden ermordet. Auf der Wannseekonferenz 1942 planten die Machthaber den weiteren zeitlichen Ablauf der Vernichtungsaktionen. Die Massendeportationen endeten im Frühjahr 1943 mit der sogenannten Fabrikaktion, bei der Angehörige der letzten Deportationsopfer im Rosenstraßen-Protest protestierten.
Nach 1945 wurde die Gemeinde neu aufgebaut. Erich Nehlhans leitete sie von 1945 bis 1949, danach Hans Erich Fabian. Heinz Galinski war von 1949 bis zu seinem Tod 1992 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, von 1953 bis 1989 der West-Berliner Gemeinde. Der vordere Teil der ehemaligen Neuen Synagoge wurde ab 1988 wiederaufgebaut und nach Abschluss 1995 als Museum genutzt.
Seit 1990 und Gegenwart
Mit der Deutschen Wiedervereinigung 1990 fusionierten die jüdischen Gemeinden aus Ost- und West-Berlin. 2006 zog die Jüdische Gemeinde von ihrem bisherigen Sitz im Westteil der Stadt zurück an ihren ursprünglichen Ort in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Zwischen 1990 und 2010 galt Berlin nach Einschätzung des American Jewish Committee als weltweit am schnellsten wachsende jüdische Gemeinschaft. Grund war vor allem die Zuwanderung russischer Juden. 2015 waren über 80 Prozent der Gemeindemitglieder eingewanderte Juden aus der Sowjetunion oder ihren Nachfolgestaaten; das Gemeindeblatt Jüdisches Berlin erscheint deshalb zweisprachig auf Deutsch und Russisch.
Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist als Einheitsgemeinde organisiert. Das bedeutet, dass sie unterschiedliche religiöse Richtungen unter einem Dach vereint. Sie betreibt orthodoxe und liberale Synagogen; seit 2006 gibt es auch eine sephardische Synagoge. Mit über 10.000 Mitgliedern ist sie die größte jüdische Gemeinde in Deutschland. Zu ihrer Infrastruktur gehören Synagogen, zwei rituelle Tauchbäder, Schulen, Erwachsenenbildung, Pflegeangebote und Wohnangebote für ältere Menschen. Daneben bestehen die orthodoxe Gemeinde Adass Jisroel mit 1000 Mitgliedern sowie mehrere tausend Juden ohne Gemeindezugehörigkeit. 2015 lebten rund 15.000 Israelis in Berlin, davon 6.152 in Israel geboren.
Berlin ist auch ein Zentrum jüdischer Organisationen, Bildung und Kultur. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat seit 1999 seinen Sitz in Berlin. Er wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet und ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts die größte Dachorganisation jüdischer Gemeinden und Landesverbände in Deutschland. 2020 gehörten ihm 23 Landesverbände mit 104 Gemeinden und rund 95.000 Mitgliedern an.
Zur jüdischen Gegenwartskultur in Berlin gehören unter anderem die Jüdische Allgemeine, die Jüdischen Kulturtage, das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg, das Jüdische Museum Berlin, der Chanukka-Leuchter am Brandenburger Tor und der Sportverein TuS Makkabi Berlin. Im Bildungsbereich werden das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, das Abraham Geiger Kolleg, die Touro University Berlin, das Jüdische Bildungszentrum Chabad Berlin und das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg genannt. 2015 fanden die 14. European Maccabi Games in Berlin statt, erstmals in Deutschland. 2016 wurde die Jüdische Studierendenunion Deutschland mit Sitz in Berlin gegründet. Innerhalb der Jüdischen Gemeinde wurden seit 2012 öffentliche Konflikte bekannt; nach Vorwürfen zur Wahl der Repräsentantenversammlung 2015 beschloss der Zentralrat im Februar 2024, dass die Berliner Gemeinde für ein Jahr nicht mehr in seinen Gremien mitbestimmen darf.