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Jüdische Gemeinde Alexandria
Jüdische Gemeinde Alexandria, jüd. Mädchen bei der Bat Mizwa. Chor des Rabbiners Moshe Cohen in der Samuel Menashe Synagoge Alexandria.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick
Die jüdische Gemeinde Alexandrias bestand seit der Antike und gehörte zeitweise zu den bedeutenden jüdischen Gemeinden des Mittelmeerraums. Sie war religiös, kulturell und wirtschaftlich wichtig, weil in Alexandria jüdisches Leben, griechische Sprache und hellenistische Bildung eng miteinander verbunden waren. Besonders bedeutsam war die Septuaginta, die griechische Übersetzung der Bibel, die zur Grundlage jüdisch-hellenistischer Literatur wurde.
Die Gemeinde erlebte wiederholt Phasen von Wachstum, Wohlstand und kultureller Blüte, aber auch Verfolgungen, Verbannungen, Aufstände und starke demographische Rückgänge. Im 20. Jahrhundert wurde sie durch politische Konflikte, Nationalismus, Internierungen, Ausweisungen und Auswanderung fast vollständig zerstört. Heute gibt es in Alexandria nur noch eine sehr kleine jüdische Präsenz; die Eliyahu-Hanavi-Synagoge bleibt als wichtiges religiöses und historisches Zeugnis erhalten.
Antike und hellenistische Kultur
Nach Flavius Josephus siedelten sich Juden in Ägypten unter Ptolemaios Soter an und genossen in Alexandria dieselben Privilegien wie die Makedonen. Laut Avigdor Tcherikover und dem Jüdischen Weltkongress kamen die ersten Juden im dritten Jahrhundert v. d. Z. nach Alexandria. In der Zeit des Ptolemaios Philadelphos soll dort die Tora ins Griechische übersetzt worden sein. Viele alexandrinische Juden waren Handwerker, daneben gab es Geldverleiher, Händler und Alabarchen. In ptolemaiischer Zeit waren die Beziehungen zwischen Juden und ihrer Umgebung im Allgemeinen gut; Auseinandersetzungen in den Jahren 145 und 88 v. d. Z. hatten vermutlich politischen Hintergrund. Zahlreiche Juden erhielten das Bürgerrecht.
Die griechischsprachigen Juden Alexandrias kannten die Werke griechischer Dichter und Philosophen und entwickelten eine eigene Form hellenistischer Kultur. Jüdische Philosophen in Alexandria betonten die universellen Aspekte des jüdischen Gesetzes und der Propheten, schwächten den nationalen Charakter der Religion ab und suchten rationale Erklärungen für religiöse Praktiken. Der wichtigste Vertreter dieser Richtung war Philon von Alexandria.
In römischer Zeit lebten Juden in zwei der fünf Stadtteile Alexandrias; Synagogen gab es in allen Teilen der Stadt. Zu Beginn der römischen Ära verschlechterte sich ihre Lage, weil Rom zwischen Griechen mit vollem Bürgerrecht und Ägyptern mit Kopfsteuerpflicht unterschied. Juden strebten nach Bürgerrechten, während Alexandriner sich dagegen wehrten. Im Jahr 38 n. d. Z. kam es unter Caligula zu schweren Ausschreitungen: Viele Juden wurden ermordet oder öffentlich gegeißelt, Synagogen wurden entweiht und geschlossen, und alle Juden wurden in einen Stadtteil gedrängt.
Nach Caligulas Tod bewaffneten sich Juden und griffen Griechen an; der Aufstand wurde von den Römern niedergeschlagen. Kaiser Claudius gab den alexandrinischen Juden religiöse und nationale Rechte zurück, verweigerte aber eine Erweiterung ihrer Bürgerrechte. Im Jahr 66 rebellierten Juden in Alexandria gegen Rom; Tiberius Julius Alexander schlug den Aufstand nieder, wobei 50.000 Juden getötet wurden. Auch während der jüdischen Aufstände im Römischen Reich 115–117 litten die Juden Alexandrias, und die große Synagoge brannte nieder. Danach verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Gemeinde, und ihre Zahl nahm ab.
Byzantinische und arabische Zeit
Zu Beginn der byzantinischen Ära wuchs die jüdische Bevölkerung wieder, litt aber unter kirchlicher Verfolgung. Im Jahr 414 wurden die Juden zur Zeit des Patriarchen Kyrill von Alexandria aus der Stadt verbannt. Als Alexandria 642 von Muslimen erobert wurde, gab es dort erneut eine bedeutende jüdische Bevölkerung. Arabische Quellen nennen etwa 400.000 Juden und 70.000, die während der Belagerung die Stadt verlassen hätten; diese Zahlen gelten als stark übertrieben, weisen aber auf eine große Gemeinde im siebten Jahrhundert hin.
Unter den Kalifen nahm die Gemeinde demographisch und kulturell ab. Aus einem Geniza-Dokument des 11. Jahrhunderts schloss J. Mann auf 300 jüdische Familien in Alexandria, was Eliyahu Ashtor bezweifelte. Auch den Bericht Benjamins von Tudela, der um 1170/1171 etwa 3.000 Juden in Alexandria genannt haben soll, hielt Ashtor für fraglich. Schätzungen zur jüdischen Bevölkerung Ägyptens aus Benjamins Angaben liegen bei 12.000 bis 20.000 Personen.
Im Mittelalter unterhielten die Juden Alexandrias enge Beziehungen zu den Gemeinden in Kairo und anderen ägyptischen Städten. Sie baten diese häufig um Hilfe beim Freikauf von Juden, die von Piraten entführt worden waren. Ein Brief von 1028 erwähnt Nethanel b. Eleazar ha-Kohen und seine Hilfe beim Bau einer Synagoge, die vermutlich zuvor unter dem fatimidischen Kalifen al-Ḥākim zerstört worden war. Mittelalterliche Quellen nennen zwei Synagogen in Alexandria. Eine weitere Synagoge wurde 1354 gebaut; nach ihrer Zerstörung 1798 entstand die heutige Eliyahu-Hanavi-Synagoge. Die alexandrinischen Juden waren im internationalen Handel tätig, einige hatten auch Regierungsposten.
Mamluken, Osmanen und neuer Aufschwung
Unter den Mamluken schrumpften sowohl die jüdische als auch die allgemeine Bevölkerung Alexandrias. Ein Bericht von 1481 nennt 60 jüdische Familien und erinnert an eine frühere Gemeinde von 4.000 Juden; auch diese Zahl gilt Eliyahu Ashtor als übertrieben, zeigt aber den Rückgang im späten Mittelalter. 1488 fand Obadja Bertinoro in Alexandria 25 jüdische Familien vor. Im 14. und 15. Jahrhundert siedelten spanische Exilanten in Alexandria, und nach dem Alhambra-Edikt von 1492 wanderten Sephardim aus Spanien nach Ägypten ein. Sephardim sind Juden mit Herkunft oder Tradition aus Spanien und Portugal.
Nach der Pestepidemie von 1602 verließen die meisten Juden die Stadt und kehrten nicht zurück. 1648/49 kamen wegen Verfolgungen durch Kosaken jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine nach Alexandria. Um 1700 zogen jüdische Fischer aus Raschid nach Alexandria und bildeten ein jüdisches Viertel in Küstennähe; weitere Fischer aus Rosetta, Dimyat und Kairo kamen später hinzu. Dieses Viertel wurde durch ein Erdbeben zerstört. Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Gemeinde sehr klein und litt während Napoleons Ägyptenfeldzug stark. Napoleon Bonaparte erlegte den Juden hohe Bußgelder auf und ließ die mit dem Propheten Elija verbundene Synagoge zerstören.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann unter Muhammad Ali Pascha eine neue Phase des Wohlstands. Die Entwicklung des Handels machte jüdische und nichtjüdische Händler reich. Die Gemeinde organisierte sich neu und gründete Schulen, Krankenhäuser und Vereinigungen. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten sephardische Juden aus dem Osmanischen Reich und aus Italien ein; Alexandria galt als wirtschaftlich verheißungsvolles Ziel für Kaufleute und Händler aus Europa. Besonders Einwanderer aus Livorno prägten Teile der Oberschicht.
Auch das jüdische Druckwesen entwickelte sich. Der erste hebräische Verlag Alexandrias wurde 1862 von Solomon Ottolenghi aus Livorno gegründet. Weitere Drucker und Verleger folgten, darunter Faraj Ḥayyim Mizraḥi, dessen Verlag von 1873 bis 1913 und durch seine Söhne bis 1916 bestand. Insgesamt wurden über 100 Bücher für Juden in Alexandria gedruckt, meist auf Hebräisch, außerdem in Judäo-Arabisch und Ladino. Es handelte sich vor allem um Werke ägyptischer Rabbiner, Gebetbücher und Lehrbücher. Während des Ersten Weltkriegs wurden zahlreiche Juden aus Palästina, die keine osmanischen Bürger waren, nach Alexandria exiliert. 1915 beschlossen ihre Anführer unter dem Einfluss von Wladimir Zeev Jabotinsky und Joseph Trumpeldor, jüdische Bataillone, die Jüdische Legion, auf Seiten der Alliierten zu bilden.
Zerstörung im 20. Jahrhundert
In den 1920er Jahren lebten rund 30.000 Juden verschiedener Nationalitäten in Alexandria. Sie spielten eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Leben der Hafenstadt. Viele profitierten vom Kapitulationssystem aus osmanischer Zeit: Eingewanderte Juden konnten ihre ursprüngliche Nationalität behalten und standen dadurch unter dem politischen Schutz ihrer Herkunftsländer. Es bildete sich eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Elite. Besonders sephardische Juden prägten durch Banken- und Firmengründungen das Finanz- und Wirtschaftsleben Alexandrias und bald ganz Ägyptens. Zu den wohlhabenden Familien gehörten de Menasces, Suares, Goari und Rolo.
Für 1937 nennt Haim J. Cohen 24.690 Juden, der Jüdische Weltkongress 24.829. 1940 hatte die Gemeinde laut Ofer Aderet 40.000 Mitglieder. Danach schrumpfte sie zunächst aus Furcht vor einem Vormarsch der Nationalsozialisten nach Ägypten. 1945 wurde ein Firmengesetz beschlossen, nach dem 75 % aller Angestellten eines Unternehmens Ägypter sein mussten, in Fabriken 90 % der Arbeiter; außerdem mussten 51 % des Kapitals einem Ägypter gehören. 1947 lebten noch 21.128 Juden in Alexandria, darunter 243 Karäer. Laut Volkszählung waren 59,1 % der alexandrinischen Juden Händler und 18,5 % Handwerker.
Nach dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 kamen mehrere Juden in Internierungslager, etwa bei Abukir; die meisten wurden vor 1950 freigelassen. Nach der Gründung Israels verstärkte sich in Ägypten der Panarabismus, und die Lebensbedingungen ethnischer Minderheiten verschlechterten sich. Antijüdische Ausschreitungen militanter Jugendbewegungen und islamisch-fundamentalistischer Gruppen mussten von der Polizei gestoppt werden. Im Juli 1951 wurde eine Bombe in eine Synagoge geworfen. Unter Gamal Abdel Nasser wurden ab 1954 zahlreiche Juden des Zionismus, Kommunismus und Währungsschmuggels beschuldigt und verhaftet.
Während der Operation Kadesh im Oktober 1956 verschärfte sich die Lage. Juden wurden aus der Stadt verbannt, und etwa 50.000 Juden verließen in diesem und im folgenden Jahr Ägypten. 1960 waren laut Volkszählung nur noch 2.760 Juden verblieben. 1961/62 wurde der Zionismus als „kriminelle Bewegung“ bezeichnet, obwohl aktive Zionisten in Ägypten in der Minderheit waren. Nassers Verstaatlichungen und Nationalismus-Erlasse beendeten die Ära der prosperierenden Handelsmetropole am Mittelmeer. Nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 kamen etwa 350 Juden, darunter Oberrabbiner Nafusi, in das Internierungslager Abu Zaʻbal, das für strenge Haftbedingungen bekannt war. Einige wurden noch 1967 entlassen. Nach dem Lexikon des Judentums wanderten die letzten Juden 1970 aus Alexandria aus; Haim J. Cohen zufolge verblieben 1970 sehr wenige Juden. In den 1990er Jahren waren noch 50 Juden als Einwohner gemeldet.
Gegenwart und Erinnerung
Die Eliyahu-Hanavi-Synagoge in Alexandria ist neben Shaʻar Hashamayim in Kairo die einzige aktive Synagoge Ägyptens. Beide sind sephardisch und tendieren zur Orthodoxie. Da es keinen offiziellen Rabbiner gibt, wird für Gottesdienste ein Rabbiner bestellt. Die Eliyahu-Hanavi-Synagoge wird von einem alexandrinischen Juden und dem Obersten Rat für Altertümer Ägyptens betreut, der sie als historisch und archäologisch bedeutend ansieht. Wegen der sehr kleinen Gemeinde finden Gottesdienste nur selten statt. Für die hohen Feiertage 5773, also 2012, wurde die Synagoge aus Sicherheitsgründen geschlossen.
Die Angaben zur heutigen Zahl der Juden in Alexandria und Ägypten unterscheiden sich. Nach dem Jüdischen Weltkongress lebten 2019 in Ägypten insgesamt rund 100 Juden in Kairo und Alexandria. Nach Joe Harari leben noch 16 Juden in Alexandria. Laut Jewish Virtual Library waren 2017 noch 12 Juden verblieben; gegenwärtig seien es 16 in Ägypten, davon zehn in Alexandria. 2017 kündigte die ägyptische Regierung die Restaurierung der Eliyahu-Hanavi-Synagoge an. Die Renovierung war Teil eines Programms zum Schutz jüdischen Erbes, darunter Synagogen und jüdische Friedhöfe. Bei der Wiedereröffnung im Januar 2020 waren drei Juden anwesend. Im Februar 2020 besuchten 180 Juden aus Europa, Israel und den USA Alexandria, um an religiösen Zeremonien in der renovierten Synagoge teilzunehmen. Dies war die größte Versammlung von Juden in Ägypten seit der Vertreibung eines Großteils der jüdischen Bevölkerung.
Im Spielfilm „Nicht ganz koscher“ wird die sehr kleine Gemeinde erzählerisch aufgegriffen: Nach dem Tod eines Gemeindemitglieds kommt kein Minjan zustande. Ein Minjan ist die für bestimmte jüdische Gebete nötige Gruppe von zehn religionsmündigen Juden. Im Film drohen dadurch das Ende der Gemeinde und ihre Enteignung durch den ägyptischen Staat, weshalb ein ultraorthodoxer Jude aus den USA nach Alexandria reist.