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Interpretationsforschung (Musikwissenschaft)

Als musikwissenschaftliche Interpretationsforschung wird ein Teilbereich der Musikforschung bezeichnet, der sich die Vermittlungs- und Deutungsprozesse …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Abgrenzung
  2. 2. Entwicklung zur Forschungsdisziplin
  3. 3. Quellen und ihre kritische Auswertung
  4. 4. Methoden und messbare Merkmale
  5. 5. Untersuchte Gestaltungsparameter

Gegenstand und Abgrenzung

Die musikwissenschaftliche Interpretationsforschung untersucht Vermittlungs- und Deutungsprozesse musikalischer Werke. Ausgangspunkte sind sowohl klangliche Realisierungen, also performative oder musikalische Interpretationen, als auch sprachlich festgehaltene Kommentare, also hermeneutische Interpretationen. Sie ist interdisziplinär und nutzt Methoden der historischen, systematischen und vergleichenden Musikwissenschaft sowie zunehmend der künstlerischen beziehungsweise künstlerisch motivierten Forschung (Artistic Research).

Seit etwa 1900 wurde „Interpretation“ zum Zentralbegriff des deutschsprachigen Diskurses. Anders als ältere Begriffe wie Vortrag, Ausführung, Aufführung oder Reproduktion stellt er das rezipierende Subjekt stärker in den Mittelpunkt: Nicht allein eine „schöne“ oder „richtige“ Darbietung zählt, sondern das Vermitteln, Erklären und Deuten eines Werks. Nach dem Riemannschen Musiklexikon von 1929 ist das Notenbild nur eine andeutungsweise Fixierung der lebendigen Gestalt einer Komposition. Sänger, Spieler oder Dirigent schaffen daraus eine Nachschöpfung; deren Qualität ergibt sich aus der Annäherung an die vom Komponisten gemeinte Idealgestalt. Dabei bleibt dem Ausführenden ein ästhetisch berechtigter, aber begrenzter subjektiver Spielraum.

Historische Aufführungspraxis und Interpretation wurden früher oft getrennt: Erstere bezog man auf Musik vor 1750 und eine „objektive“ Vortragsweise, letztere auf spätere Musik und stärker subjektive Entscheidungen. Diese Gegenüberstellung gilt heute als überholt. Aufführungspraxis erforscht vor allem Voraussetzungen des Musizierens, Interpretationsforschung vor allem die klingenden Ergebnisse, unabhängig davon, ob sie auf Tonträgern erhalten sind. Gegenüber der englischsprachigen Musical Performance Research besitzt sie meist einen engeren Werkbegriff: Musikalische Notate, etwa Kompositionen, gelten als Werk, Aufführungen als mögliche Deutungen. Performance Research kann dagegen auch Aufführungen ohne schriftliche Vorlage untersuchen.

Entwicklung zur Forschungsdisziplin

Ansätze zur Systematisierung musikalischer Interpretation finden sich bereits in Instrumental-, Gesangs- und Dirigierlehren des späten 18. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert standen unter anderem Gustav Schillings Musikalische Dynamik oder die Lehre vom Vortrage in der Musik (1848) und Arbeiten Hugo Riemanns für eine weitergehende Theoriebildung. Besonders einflussreich wurden Richard Wagners Schriften Über das Dirigieren (1869) und Zum Vortrag der Neunten Symphonie Beethovens (1873).

Im 20. Jahrhundert entstand im Umfeld der Wiener Schule ein vergleichsweise konsistentes Gedankensystem zur Interpretation. Wichtige Beiträge waren Rudolf Kolischs Dokumente zu einer Theory of Performance, Theodor W. Adornos Entwürfe Zu einer Theorie der musikalischen Reproduktion (ca. 1927–1959), Erwin Steins Form and Performance (1962) und René Leibowitz’ Le compositeur et son double (1971). Dennoch erschienen die Umrisse einer umfassenden „Theorie der Interpretation“ weiterhin diffus; viele Vorhaben blieben unvollendet.

Als eigenständige musikwissenschaftliche Disziplin etablierte sich die Interpretationsforschung im deutschsprachigen Raum spätestens mit dem 1992 erschienenen Band Musikalische Interpretation, herausgegeben von Hermann Danuser. Hermann Gottschewski formulierte 1993, veröffentlicht 1996, die Vorstellung der „Interpretation als Kunstwerk“: Eine Aufführung wird dabei auf eine Stufe mit der Komposition gestellt. Er schlug zudem Methoden vor, musikalische Zeitgestaltung objektiv zu vermessen. Impulse kamen auch aus dem englischsprachigen Raum, besonders durch Nicholas Cooks Beyond the Score. Music as Performance (2013). Ziele des Fachs sind Theoriebildung sowie Darstellungen historischer Interpretationshaltungen, -konzepte und ihrer Protagonisten.

Quellen und ihre kritische Auswertung

Untersucht werden alle Quellen, die zwischen musikalischem Notat, Deutung und klanglicher Realisierung beteiligt sind. Dazu zählen handschriftliche und gedruckte Noten, biographische Dokumente, Werkanalysen, Vortragslehren, Instrumentalschulen und Musikinstrumente. Besonders aufschlussreich sind Dokumente zum konkreten Prozess der In-Klang-Setzung eines Werks: handschriftlich bezeichnete Stimmen, instruktive Notenausgaben mit etwa Fingersätzen sowie Rezeptionsdokumente wie Konzertkritiken.

Tondokumente haben seit etwa den 1980er Jahren eine herausragende Bedeutung. Ihr Aussagewert ist jedoch umstritten. Einmalige Aufnahmen müssen nicht repräsentativ für eine Interpretation sein; außerdem kann die Aufnahmetechnik selbst das Ergebnis geprägt haben. Geräte der „akustischen“ Aufnahmeära von 1877–1925 veränderten Aufführungen klanglich massiv und zwangen Musiker zu beträchtlichen Anpassungen.

Ein Beispiel ist die annotierte Solostimme Georg Kulenkampffs zu Ludwig van Beethovens Violinkonzert op. 61: Zusätze wie „dolce“, „espressivo“ und „hineinstürzen“ sowie Fingersätze dokumentieren sowohl eine expressive Werkdeutung als auch deren praktische Umsetzung.

Methoden und messbare Merkmale

Bei der Analyse werden paläographische Methoden zur Untersuchung älterer Schriften und Notationen, philologische Methoden zur quellenkritischen Textarbeit sowie hermeneutische Methoden zur Deutung eingesetzt. Zunehmend kommen computergestützte Verfahren hinzu. Zentral sind digitale Annotationen von Tondokumenten und bildgebende Darstellungen wie Soundwaves und Spektrogramme. Die seit 2007 vom Queen Mary Institute der University of London veröffentlichte Software SonicVisualiser wurde hierfür wichtig, weil sie zahlreiche musikalische Aspekte parametrisieren kann und Plug-ins unterstützt.

In Spektrogrammen lassen sich beispielsweise Tonanfänge, Tonlängen, dynamische Verläufe sowie Merkmale von Artikulation, Vibrato und Portamento objektiv messen. Vibrato bezeichnet eine regelmäßige Schwankung der Tonhöhe, Portamento ein gleitendes Verbinden von Tönen. An Kulenkampffs Aufnahme des Beethoven-Violinkonzerts von 1936 werden regelmäßiges, aufblühendes Vibrato, Portamenti und dynamische Steigerung als Hinweise auf eine romantisch-drängende Interpretation eines von Beethoven mit „cantabile“ bezeichneten Abschnitts beschrieben.

Künstlerische beziehungsweise künstlerisch motivierte Forschung ergänzt diese Verfahren. Sie versucht, konkrete Interpretationsentscheidungen durch Embodiment und Reenactment nachzuvollziehen und für die künstlerische Praxis nutzbar zu machen.

Untersuchte Gestaltungsparameter

Lange konzentrierte sich die Interpretationsforschung vor allem auf die Gestaltung musikalischer Zeit: Dauern, Tempo und Agogik. Agogik meint kleine, ausdrucksbezogene Veränderungen des Tempos. In jüngerer Zeit werden außerdem Intonation, Dynamik sowie expressive Gestaltungsmittel wie Vibrato und Portamento genauer erforscht.

Bei Tondokumenten ist entscheidend, welche beobachtbaren Merkmale tatsächlich auf die zugrunde liegende Interpretation schließen lassen. Kai Köpp unterscheidet dafür „intentionale“, „unreflektierte“, „zufällige“ und „missglückte“ Elemente einer Aufführung. Diese Kategorien beeinflussen, wie repräsentativ eine Aufnahme für die Interpretation eines Musikers oder einer Musikerin gelten kann.

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