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Hunnenrede
Die „Hunnenrede“ hielt Kaiser Wilhelm II. am 27. Juli 1900 in Bremerhaven anlässlich der Verabschiedung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps …
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Anlass und Bedeutung
Die Hunnenrede ist eine Ansprache, die Kaiser Wilhelm II. am 27. Juli 1900 in Bremerhaven bei der Verabschiedung deutscher Teile des Ostasiatischen Expeditionskorps hielt. Das Korps sollte den Boxeraufstand im Kaiserreich China niederschlagen. Die Rede wurde weltweit bekannt, weil der Kaiser darin zu besonders rücksichtsloser Gewalt gegen den Feind aufforderte.
Vorausgegangen waren Angriffe der Boxerbewegung auf Ausländer und chinesische Christen sowie die Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Peking. Ein britischer Entsatzversuch scheiterte. Daraufhin entsandte eine Koalition aus Japan, den USA und sechs europäischen Staaten Truppen. Als Auslöser der deutschen Empörung wird die Erschießung des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler am 18. Juni 1900 genannt; an anderer Stelle des Artikels wird für Klemens Freiherr von Ketteler der 20. Juni 1900 angegeben.
Kernaussage und überlieferter Wortlaut
Die Rede ist in mehreren, leicht unterschiedlichen Fassungen erhalten. Die heute als authentisch geltende, von anwesenden Journalisten stenografierte Fassung enthält die zentrale Passage: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“ Der Kaiser verlangte damit, Gegner nicht zu verschonen und keine Gefangenen zu nehmen.
Er verglich die deutschen Soldaten mit den Hunnen unter ihrem König Etzel: Wie diese sich vor tausend Jahren einen Namen gemacht hätten, solle der Name „Deutscher“ in China auf „1000 Jahre“ so gefürchtet werden, dass „es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen“. Gerade dieser Vergleich gab der Ansprache ihren Namen.
Unterschiedliche Fassungen und Vertuschungsversuche
Wilhelm II. sprach frei zu Soldaten des III. Seebataillons am Kaiserhafen I; ein Manuskript ist nicht überliefert und hat möglicherweise nie existiert. Noch am selben Tag kursierten mehrere Texte. Das Wolffsche Telegraphische Bureau verbreitete sowohl eine Zusammenfassung als auch einen angeblichen Wortlaut.
Der Deutsche Reichsanzeiger druckte am 28. Juli eine Fassung ohne Hunnenvergleich. Die Formulierung „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht“ konnte dort auch als Beschreibung des gegnerischen Verhaltens verstanden werden. Bernhard von Bülow autorisierte später eine deutlich entschärfte Variante ohne Hunnenvergleich und ohne die Aufforderung zu keinem Pardon. Eine weitere Fassung änderte den Satz zu „Pardon wird euch nicht gegeben“.
Die Nachrichtensperre, die von Bülow und anderen Gästen versucht wurde, scheiterte. Zeitungsberichte und Mitschriften norddeutscher Journalisten, darunter Josef Ditzen und ein Mitarbeiter des W.T.B., stimmen im Wesentlichen in der schärferen Version überein. Diese gilt deshalb als das tatsächlich gesprochene Wort.
Deutung und rechtliche Einordnung
Nach Mischa Meier verwendete Wilhelm II. „Hunnen“ auffallend positiv: Die den hunnischen Reiterkriegern zugeschriebene Grausamkeit sollte für deutsche Soldaten nicht als barbarisch, sondern als erstrebenswert erscheinen. Timo Stickler sieht darin ein Beispiel dafür, wie wirkmächtig die Geschichte der Hunnen und Attilas noch im 20. Jahrhundert war.
Die Rede wird als Aufforderung zu einem rücksichtslosen Rachefeldzug verstanden. Dazu passt, dass Wilhelm II. das Bild „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“ von Hermann Knackfuß stiftete und es mindestens einmal mit „Pardon wird nicht gegeben“ oder „Kein Pardon“ versah. Die 1899 vom Deutschen Reich unterzeichnete Haager Landkriegsordnung verbot ausdrücklich die Aufforderung, im Krieg kein Pardon zu geben. Ob sie auf China anwendbar war, war unter Zeitgenossen jedoch umstritten, weil China zwar an der Haager Friedenskonferenz teilgenommen hatte, aber die Landkriegsordnung nicht unterzeichnet hatte.
Auch Politiker und Journalisten anderer Interventionsmächte riefen zur Rache auf; niemand ging laut Artikel sprachlich so weit wie Wilhelm II. Seine Rhetorik trug zu der äußersten Grausamkeit des Einsatzes bei, die nicht allein von deutschen Truppen ausging. Bis in die Mitte der 1970er Jahre nahmen Redensammlungen des Kaisers nur entschärfte Fassungen auf.
Folgen, Propaganda und Tonaufnahme
Abziehende Soldaten verstanden die Rede wörtlich. Der Kavallerist Heinrich Haslinde notierte die Worte „Gefangene werden nicht gemacht, Pardon wird keinem Chinesen gegeben“. Auf Eisenbahnwagen standen Parolen wie „Pardon wird nicht gegeben!“ Die Rede fand Zustimmung und Kritik. Eugen Richter und August Bebel kritisierten im Reichstag im November 1900 die durch den Kaiser angeheizte Rache-Rhetorik. Nach heutigem Verständnis begingen alle beteiligten Mächte schwere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen; bemerkenswert ist an der Rede, dass ein Staatsoberhaupt öffentlich zu einem solchen Vorgehen aufforderte.
Im Ersten Weltkrieg griff die britische Propaganda die Metapher auf. „The huns“ wurde in Großbritannien zur Bezeichnung für Deutsche; beschlagnahmte deutsche Handelsdampfer hießen „Hunnendampfer“.
Eine Phonographenwalze mit einer gekürzten zweiten Fassung wurde 2012 rekonstruiert und von Norman Bruderhofer digitalisiert. Ob Wilhelm II. der Sprecher ist, bleibt offen: Ein Stimmvergleich des Bayerischen Landeskriminalamts bestätigte dies nicht eindeutig. Der Artikel enthält zugleich einen Überarbeitungshinweis, nach dem die Aufnahme von 1904 stammen und vom Schauspieler Gustav Schönwald eingesprochen worden sein soll; diese Einordnung wird dort als noch seriös zu belegen bezeichnet.