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Humpty Dumpty
Humpty Dumpty (in englischer Kindersprache wörtlich „buckliger Gedrungener“) ist eine Figur aus einem britischen Kinderreim. Er ist ein menschenähnliches Ei …
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Figur und Bedeutung
Humpty Dumpty ist eine Figur aus einem bekannten britischen Kinderreim und wird gewöhnlich als menschenähnliches Ei dargestellt. Der vierzeilige Originaltext sagt allerdings nicht ausdrücklich, dass die Figur ein Ei ist. Im englischen Sprachraum gehört der Reim seit Jahrhunderten zum festen Bestand der unter dem Namen Mother Goose gesammelten Kinderreime.
Außerhalb des englischen Sprachraums wurde Humpty Dumpty besonders durch Lewis Carrolls Roman Alice hinter den Spiegeln von 1871 bekannt. In deutschen Übersetzungen trägt die Figur dort den Namen Goggelmoggel. Sie spricht mit Alice über die Bedeutung von Wörtern und erklärt unter anderem die Wortschöpfungen aus Jabberwocky.
Im Englischen kann „Humpty Dumpty“ außerdem eine kleine, rundliche Person bezeichnen. Gelegentlich steht der Name sinnbildlich für etwas Zerbrechliches, das nach seiner Zerstörung gar nicht oder nur schwer wiederhergestellt werden kann.
Kinderreim und Übersetzungen
Der englische Reim lautet:
„Humpty Dumpty sat on a wall, Humpty Dumpty had a great fall, All the King’s horses and all the King’s men, Couldn’t put Humpty together again.“
Er erzählt, dass Humpty Dumpty auf einer Mauer sitzt, schwer stürzt und selbst von allen Pferden und Männern des Königs nicht wieder zusammengesetzt werden kann. Ursprünglich war das Gedicht als Rätsel gedacht; die Lösung „Ei“ wird im Text nicht genannt, ergibt sich aber aus der Vorstellung einer zerbrechlichen Figur, die nach dem Fall nicht repariert werden kann.
Es gibt zahlreiche deutsche Übertragungen. Die Übersetzer versuchen meist, Klang, Rhythmus, Reim und metrische Bindung des Originals zu erhalten. Typisch ist ein Paarreim nach dem Schema AABB. Dabei werden Inhalt und sprachliche Bilder teilweise verändert oder ergänzt, weil deutsche Fassungen Leerstellen des knappen Originals ausfüllen. So heißt es etwa bei Mary Schachinger 1946 ausdrücklich: „Hampti Dampti, ein schneeweißes Ei, fiel von der Mauer und brach entzwei.“ Heinz Kahlau nennt die Figur 1973 „Eilein, Weilein“, während Erika Tophoven 1995 den Namen Humpty Dumpty beibehält und den Sturz mit „aua!“ wiedergibt. Andere Varianten lassen ihn von einer Mauer, einem Wall, einem Stein oder einem Eck fallen und erklären, dass weder der König noch sein Heer ihn retten oder wieder zusammensetzen können.
Melodie und mögliche Ursprünge
Die heute üblicherweise mit dem Reim verbundene Melodie wurde erstmals 1870 von James William Elliott, einem Komponisten und Sammler von Kinderreimen, schriftlich erfasst. Er veröffentlichte sie in National Nursery Rhymes and Nursery Songs. Die notierte Fassung steht im 6/8-Takt und in B-Dur.
Zur Herkunft der Figur existieren mehrere Hypothesen, die der Artikel nicht als gesicherte Erklärungen darstellt:
• Humpty Dumpty soll ein Spottname für den englischen König Richard III. gewesen sein, der von 1483 bis 1485 regierte und zeitgenössischen Berichten zufolge einen buckligen Rücken hatte. In der Schlacht von Bosworth Field wurde er vom Pferd gestoßen, am Kopf tödlich verletzt und anschließend geschändet. Sein in einem Kloster bestatteter Leichnam wurde 2012 wiederentdeckt.
• Nach Angaben der Tourismusbehörde von East Anglia soll Humpty Dumpty eine Kanone gewesen sein. Sie habe 1648 während der Belagerung von Colchester im englischen Bürgerkrieg auf dem Turm der Kirche St. Mary’s at the Wall gestanden. Ein Treffer der republikanischen Belagerer habe sie zum Absturz gebracht; weder Kavallerie noch Infanterie des Königs hätten etwas dagegen ausrichten können. Dies soll die Zeile über „All the King’s horses and all the King’s men“ erklären.
• Martin Gardner nahm an, „Humpty Dumpty“ sei ursprünglich ein altes Slangwort für einen Tollpatsch gewesen.
Philosophie und Physik
In Alice hinter den Spiegeln behauptet Humpty Dumpty gegenüber Alice, ein Wort bedeute genau das, was er es bedeuten lasse. Auf Alices Einwand, man könne Wörtern nicht beliebig viele verschiedene Bedeutungen geben, antwortet er, entscheidend sei, „wer die Macht hat“.
Daran knüpft der meist polemisch gebrauchte Ausdruck „Humpty-Dumpty-Argument“ an. Er bezeichnet erstens eine Behauptung, die allein mit faktischer Macht statt mit einem wirklichen Argument durchgesetzt wird. Zweitens kann er für eine Aussage stehen, in der Wörter mit einer Bedeutung verwendet werden, die stark von ihrer allgemein akzeptierten Bedeutung abweicht.
Als „Humpty-Dumpty-Semantik“ wird eine intentionalistische Sprachauffassung bezeichnet. „Intentionalistisch“ bedeutet hier, dass die Bedeutung eines Wortes durch die bedeutungsverleihende Absicht oder Handlung eines Subjekts entsteht und nicht durch den allgemeinen Sprachgebrauch. Der Ausdruck begegnet besonders in der sprachanalytischen Kritik an der Bewusstseinsphilosophie, beispielsweise an der Phänomenologie Edmund Husserls.
Unter angelsächsischen Physikern veranschaulicht der Reim den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Dieser betrifft die Entropie, vereinfacht ein Maß für die energetische Unordnung eines Systems. Nach dem Zweiten Hauptsatz kann die Entropie nur zunehmen und nicht wieder abnehmen; Prozesse dieser Art sind irreversibel, also nicht umkehrbar. Der zerschellte Humpty Dumpty steht dafür anschaulich: Nach seinem Fall lässt er sich nicht wieder zusammensetzen.
Kulturelle Rezeption
Der 1996 entdeckte Hauptgürtelasteroid 17627 wurde nach der Figur „Humptydumpty“ benannt.
In der Popmusik wird vor allem die zweite Hälfte des Reims häufig als Bild für etwas endgültig Zerbrochenes verwendet, besonders für eine gescheiterte Liebe. Dabei werden die Pferde und Männer des Königs teilweise durch modernere Kräfte ersetzt. Travis überträgt das Bild in The Humpty Dumpty Love Song auf ein gebrochenes Herz; das Stück erschien 2001 auf The Invisible Band. Aimee Mann ersetzt in Humpty Dumpty vom Album Lost in Space von 2002 Pferde und Soldaten durch „perfect drugs and superheroes“ und beschreibt eine gemeinsame Zukunft, die nicht wieder zusammengesetzt werden kann. Joss Stone bezieht All the King’s Horses auf zwei Herzen, und Taylor Swift singt in The Archer von 2019: „All the king's horses, all the king's men / Couldn't put me together again“. Weitere Varianten oder Zitate finden sich unter anderem bei Cliff Richard, Genesis, Chick Corea, The Alan Parsons Project, Mel Brooks, den Beastie Boys, Billy Joel, Nickelback und deutschen Musikgruppen.
Auch literarische Werke greifen das Motiv der nicht wiederherstellbaren Zerbrochenheit auf. In Paul Austers Stadt aus Glas erscheint Humpty Dumpty in einem Gespräch zwischen Peter Stillman senior und Daniel Quinn. Jasper Ffordes Fantasy-Roman The Big over Easy behandelt den Sturz als Kriminalfall. In Joy Kogawas Obasan dient die Figur als Metapher für die unumkehrbare Zerbrochenheit einer internierten Familie oder des selbstverleugnenden Bruders der Hauptfigur. Neal Shustermans Unwind variiert das Motiv durch die Legende von Humphrey Dunfee, dessen verteilte Körperteile wieder zusammengebracht werden sollen.
Im Film Der gestiefelte Kater von 2011 ist Humpty Dumpty der Partner der Titelfigur. Bereits 1922 erschien er in dem Stummfilm The Egg beziehungsweise Das Ei mit Stan Laurel, Colin Kenny und Drin Moro. In der bildenden Kunst schuf Jonathan Meese 2010 die Bronzeplastik Die Humpty-Dumpty-Maschine der totalen Zukunft: Humpty Dumpty steht dort für das Kind im Menschen, während die bunte Flugmaschine zugleich Kunstgenerator und Raumschiff in die Zukunft ist.
Das Bild wird zudem politisch eingesetzt. Nach einem ungünstigen Wahlausgang 2022 verspottete die New York Post Donald Trump auf ihrer Titelseite als „Trumpty Dumpty“. Die Karikatur wandelte den Kinderreim ab und fragte, ob die Männer der Republikanischen Partei die Partei wieder zusammensetzen könnten.