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Homo cooperativus

Homo cooperativus (auch: Homo heterogenus, seltener: Homo cooperans) ist das Menschenbild der sogenannten Nachhaltigen Ökonomie.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Eigenschaften und Entscheidungsverhalten
  3. 3. Erkenntnisse aus Verhaltensökonomie und Spieltheorie
  4. 4. Abgrenzung vom Homo oeconomicus

Grundidee und Bedeutung

Der Homo cooperativus, auch Homo heterogenus und seltener Homo cooperans genannt, ist das Menschenbild der Nachhaltigen Ökonomie. Das Modell beschreibt den Menschen als ein vielschichtiges Wesen, das weder ausschließlich eigennützig noch immer vernünftig handelt. Es soll erklären, warum Menschen sowohl egoistisch als auch kooperativ, hilfsbereit oder idealistisch entscheiden können und dabei kurz- wie langfristige Ziele verfolgen.

Der Begriff wurde durch Holger Rogall als festen Bestandteil der Nachhaltigen Ökonomie verbreitet, erstmals 2002 in seinem Buch „Neue Umweltökonomie – Ökologische Ökonomie“. Das Modell ist besonders wichtig, weil es wirtschaftliches Verhalten nicht allein aus rationaler Nutzenmaximierung erklärt, sondern auch Gefühle, gesellschaftliche Einflüsse, Wertvorstellungen und begrenzte Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung berücksichtigt. Der Artikel weist allerdings darauf hin, dass seine Angaben nicht hinreichend durch Einzelnachweise belegt sind.

Eigenschaften und Entscheidungsverhalten

Nach diesem Menschenbild verfügt der Mensch aufgrund seiner Entwicklung über unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Eigenschaften. Empathie ermöglicht es ihm, Mitgefühl zu empfinden, sich in andere Wesen hineinzuversetzen und aus idealistischen Gründen für sie zu handeln. Liebe bildet eine wichtige Bindungskraft, weil Menschen etwas für andere tun können, ohne unmittelbar ihren eigenen Nutzen erhöhen zu wollen. Unterschieden werden romantische, verwandtschaftliche und freundschaftliche Liebe.

Auch Kooperation gilt als grundlegende menschliche Fähigkeit. Nach Klaus Meyer-Abich kann der Mensch nur in Gruppen überleben; als einzelner Egoist wäre er ausgestorben. Gemeinschaftliches Handeln beruht unter anderem auf der Erfahrung, dass Menschen in Gruppen sicherer und glücklicher leben. Commoning, also Gemeinschaffen, und eine zweckmäßige Arbeitsteilung können das Gesamtwohl erhöhen und für alle Beteiligten effizienter sein.

Menschen besitzen ungleiche Ausgangsbedingungen, etwa hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, Eigenschaften und verfügbaren Informationen. Ihre Entscheidungen entstehen aus mehreren Einflussfaktoren: Dazu zählen Einkommen und Preise, sozial-kulturelle Einflüsse wie Lebensstil und gesellschaftliche Normen, das Image und die wahrgenommene Qualität von Produkten, psychologische und natürliche Anlagen wie Triebe, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste sowie idealistische Ziele wie Umweltbewusstsein und ethische Ansprüche.

Weil eine vollständig rationale Berechnung häufig zu kompliziert ist, verwenden Menschen Vereinfachungsheuristiken. Das sind einfache Entscheidungsregeln, die beispielsweise auf Intuition oder Erziehung beruhen. Eigennutz spielt zwar eine wichtige Rolle, zugleich sind Menschen aber zu Hilfsbereitschaft, Fairness, Verantwortungsübernahme und Kooperation fähig. Meist orientieren sie sich an einer Art Mindestfairnessprinzip: Sie sind bedingt kooperationsbereit und können unter bestimmten Bedingungen sogar uneigennützig handeln, wehren sich jedoch, wenn ihr Vertrauen missbraucht wird.

Als soziale Wesen suchen Menschen Bestätigung und Aufmerksamkeit. Deshalb können Werbung, Modetrends, gesellschaftliche Bedingungen und Ideologien sie beeinflussen oder manipulieren. Im Extremfall können kulturelle Entwicklungen und Ideologien unmenschliches Handeln fördern. Außerdem gehen manche Menschen irrationale Risiken ein, die ihre Möglichkeiten übersteigen, beispielsweise beim Glücksspiel oder bei kreditfinanzierten Finanzanlagen.

Erkenntnisse aus Verhaltensökonomie und Spieltheorie

Die wissenschaftliche Grundlage des Modells bilden Untersuchungen der Verhaltensökonomie und der Spieltheorie. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen ihre Entscheidungen meist nicht vollständig zweckrational treffen, sondern zahlreichen nicht rationalen Einflüssen unterliegen. Der Artikel nennt dazu Untersuchungen der Nobelpreisträger Reinhard Selten (1993), Daniel Kahneman (1986) und Joseph E. Stiglitz (2011) sowie Arbeiten von Axel Ockenfels (1999) und Armin Falk (2001).

Entscheidungen sind multifaktoriell: Gesellschaftliche Normen, grundlegende Überzeugungen, Erwartungen, Gefühle und das Image von Gütern können stärker wirken als rationale Überlegungen. Die Neuroökonomie untersucht den Einfluss von Gehirnprozessen auf wirtschaftliche Entscheidungen. Nach den dargestellten Ergebnissen entscheidet das Unterbewusstsein häufig schneller als das Bewusstsein; anschließend suchen Menschen Gründe dafür, warum sie sich auf eine bestimmte Weise entschieden haben.

Mindestfairness und Reziprozität können wichtiger sein als der eigene Nutzen. Reziprozität bedeutet Gegenseitigkeit: Menschen belohnen faires und bestrafen unfaires Verhalten, selbst wenn ihnen dadurch Kosten entstehen oder sie auf einen Vorteil verzichten. Als Beispiel wird das Ultimatumspiel genannt. Armin Falk bezeichnet dieses Verhalten mit dem Modell des Homo Reciprocans.

Menschen gewichten neue Informationen häufig stärker als ältere Erkenntnisse und überschätzen dadurch deren Bedeutung. Außerdem entscheiden sie oft nach Faustregeln und persönlichen Erfahrungen. So kann die Annahme „Bisher ist doch alles immer gut gegangen“ dazu führen, Risiken falsch einzuschätzen. Menschen bevorzugen zudem Informationen, die ihre eigene Position bestätigen, unabhängig von deren tatsächlicher Bedeutung.

Der Evolutionsbiologe David Sloan Wilson stellte in Teilen seiner Werke die Frage nach einer „bewussten Evolution“ („conscious evolution“). Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Kooperation ein grundlegender Faktor der Evolution ist und ihre gezielte gesellschaftliche Verankerung wiederum evolutionäre Folgen haben kann.

Abgrenzung vom Homo oeconomicus

Der Homo oeconomicus ist ein wirtschaftswissenschaftliches Modell eines rein zweckrational denkenden Menschen, der uneingeschränkt seinen Eigennutz maximiert. Nach der Darstellung des Artikels existiert ein solcher Mensch in der Realität nicht: Die menschliche Informationsverarbeitung ist begrenzt, und Entscheidungen werden regelmäßig durch Zufälle, Triebe und äußere Einflüsse geprägt.

Der zentrale Unterschied betrifft neben der Rationalität auch Verantwortung und Zeithorizont. Der eigennutzorientierte Homo oeconomicus wäre höchstens zu Maßnahmen bereit, deren Wirkung noch in seine eigene Lebenszeit fällt. Der Homo cooperativus beziehungsweise Homo heterogenus kann dagegen die Interessen anderer Menschen und langfristige Entwicklungen in seine Entscheidungen einbeziehen.

Im Modell des Homo oeconomicus besteht keine Verantwortung gegenüber der Mitwelt oder künftigen Generationen. Die Natur erscheint darin als Objekt und als Inputfaktor der Wirtschaft, wird also dem ökonomischen System untergeordnet; absolute Belastbarkeitsgrenzen werden nicht anerkannt. Das Modell des Homo cooperativus bildet demgegenüber die Fähigkeit ab, Verantwortung zu übernehmen, fair und kooperativ zu handeln und langfristige Folgen zu berücksichtigen, ohne zu bestreiten, dass Menschen zugleich eigennützig, beeinflussbar und irrational sein können.

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