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Hillel
Hillel lehrt die Goldene Regel, Bildfeld an der Knesset-Menora in Jerusalem. Hillel lebte wahrscheinlich um die Zeitenwende (1. Jh. v. Chr. und 1. Jh. n. Chr …
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Einordnung und Bedeutung
Hillel der Ältere (hebräisch Hillel ha-Saqen) war einer der bedeutendsten pharisäischen Rabbinen, also jüdischen Gelehrten der tannaitischen Zeit. Er lebte wahrscheinlich um die Zeitenwende: Er wurde Mitte bis Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. vermutlich in Babylon im Partherreich geboren und starb wahrscheinlich um 10 n. Chr. in Jerusalem. In seiner Jugend kam er aus Babylonien nach Jerusalem. Später wurde er das Oberhaupt der nach ihm benannten Schule Bet Hillel, die eine wichtige Richtung der Auslegung der jüdischen Schrift und des mündlichen Rechts prägte.
Die rabbinische Überlieferung bezeichnet Hillel als Nasi, also als Patriarchen, und als Vorsitzenden des Sanhedrin. Nach heutiger Forschung sind diese Angaben wahrscheinlich redaktioneller Natur: Spätere Verhältnisse wurden demnach in die Vergangenheit zurückprojiziert. Hillels Nachkommen hatten nach der Zeit vor der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n. Chr. tatsächlich eine solche Stellung. Vorher waren die Pharisäer zwar bedeutend, aber nicht die dominierende Gruppierung; die Hillel-Schule war unter ihnen nur eine von mehreren Richtungen. Die Bezeichnung Hillels als Nasi gilt deshalb eher als nachträglicher Ehrentitel. Der Beginn des Amtes des jüdischen Patriarchen wird auf das 2. nachchristliche Jahrhundert datiert.
Hillels Lehre und die Goldene Regel
In der jüdischen Überlieferung gilt Hillel als besonders prägender Lehrer des Judentums. Seine Sanftheit und Geduld wurden sprichwörtlich. Er lehrte Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit und hatte zahlreiche Schüler. Sein wichtigster Gegenspieler war Schammai, der die Tora in manchen Fragen strenger auslegte. Hillels Aussagen sind besonders für die jüdische Ethik weiterhin bedeutsam.
Eine zentrale Lehre Hillels ist die „Goldene Regel“. Sie beantwortet die rabbinische Frage nach dem Klal, der Grundnorm, in der die ganze Tora enthalten ist. Der babylonische Talmud erzählt, ein Nichtjude habe Hillel erklärt, er werde zum Judentum übertreten, wenn Hillel ihm die Lehre vermitteln könne, solange er auf einem Bein stehe. Hillel antwortete: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht; das ist die ganze Gesetzeslehre, alles Andere ist nur die Erläuterung, gehe und lerne sie.“ Diese Aussage steht im Babylonischen Talmud, Schabbat 31a.
Die Goldene Regel ist im Gebot der Nächstenliebe aus 3. Buch Mose 19,18 begründet. Der hebräische Vers lautet: „וְאָהַבְתָּ לְרֵעֲךָ כָּמוֹךָ אֲנִי ה׳“. Er wird maßgeblich auf zwei Arten ins Deutsche übersetzt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich (bin) der EWIGE (bzw. HERR).“ Oder: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie Du. Ich (bin) der EWIGE (bzw. HERR).“ Neben Hillel und Schammai nennt der Mischnatraktat Avot beide als Nachfolger von Schemaja und Abtaljon in der Überlieferungskette der mündlichen Tora. Sie bilden eines der fünf überlieferten Sugot, also „Paare“.
Die sieben Auslegungsregeln
Hillel werden sieben exegetische Regeln zugeschrieben. Exegese bedeutet hier die methodische Auslegung der Tora. Die Regeln heißen Middot, also „Maße“. Wahrscheinlich wurden sie erst nach Hillel auf Grundlage seiner Grundsätze formuliert. Neben den sieben Middot Hillels gibt es die 13 Middot des Rabbi Jischmael und die 32 Middot des Elieser ben Jose ha-Gelili.
Die sieben Regeln sind:
- Qal wachomer („vom Leichteren auf das Schwerere“): Ein Schluss führt vom minder Bedeutenden auf das Bedeutendere oder umgekehrt.
- Gserah schawa („gleiche Verordnung, gleiche Satzung“): Ein Analogieschluss verbindet Aussagen aufgrund einer entsprechenden Formulierung oder Regel.
- Binjan ab mi-katub echad („Gründung einer Familie von einem Wort“): Von einer einzigen Bibelstelle aus werden besondere Gesetze verallgemeinert und Schriftstellen einer bestimmten, als richtig angesehenen Erklärung untergeordnet.
- Binjan ab mi-schne ketubim („Gründung einer Familie von zwei Wörtern“): Die vorherige Regel wird auf Grundlage des doppelten Vorkommens in zwei Stellen der Tora verallgemeinert.
- Kelal u-ferat u-ferat u-kelal („Allgemeines und Besonderes“): Es wird vom Allgemeinen auf das Besondere oder vom Besonderen auf das Allgemeine geschlossen. Die 13 Middot des Jischmael teilen diesen Bereich in acht Regeln auf, die dort den Regeln 4 bis 11 entsprechen.
- Kejotse bo be-maqom acher („Quasi-Analogieschluss“): Eine ähnliche Aussage oder Regel an einer anderen Stelle wird herangezogen.
- Dabar ha-lamed me-injano („Schluss aus dem Kontext“): Die Bedeutung wird aus dem Zusammenhang der jeweiligen Situation erschlossen. Diese Regel findet allgemein Zustimmung, kann aber zu fragwürdigen Schlüssen führen, wenn formal nebeneinanderstehende Aussagen auch inhaltlich miteinander verbunden werden.
Der Diskurs mit Schammai
Schammai und Hillel waren die Leitfiguren zweier rabbinischer Denkschulen während der Zeit der Tannaim. Ihre Schulen, Bet Schammai und Bet Hillel, diskutierten heftig über rituelle Praxis, Ethik und Theologie. Diese Auseinandersetzungen waren für die Entwicklung des mündlichen Gesetzes und für die spätere Gestalt des Judentums von entscheidender Bedeutung. Die beiden Schulen waren in ihrer Epoche die großen Einrichtungen zur Auslegung des mündlichen Rechts; ihre Blütezeit reichte vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. Die talmudische Tradition überliefert mehr als 350 Streitigkeiten zwischen ihnen.
Die Mischna bewertet den Streit zwischen Hillel und Schammai als konstruktive Auseinandersetzung mit bleibendem positivem Wert. Sie unterscheidet zwischen zwei Formen der Machloket, also der Meinungsverschiedenheit:
- Machloket leSchem Schamajim („Streit um des Himmels willen“): eine sachliche Kontroverse, die der Wahrheitssuche dient.
- Machloket sche-lo leSchem Schamajim („Streit nicht um des Himmels willen“): ein Streit aus eigennützigen oder destruktiven Motiven.
Als Beispiel für den ersten Typ nennt die Mischna die Meinungsverschiedenheiten von Hillel und Schammai. Der Streit von Korah und seiner Gemeinde gilt dagegen als Beispiel für eine nicht um des Himmels willen geführte Auseinandersetzung. Der Begriff Machloket leSchem Schamajim wird klassisch auf die tannaitische Zeit, etwa vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr., bezogen und ausdrücklich mit den Schulen Hillels und Schammais verbunden.