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Heysesche s-Schreibung
... Rechtschreibung, die festlegt, ob der stimmlose Laut [s] als „ss“ oder als „ß“ (Eszett oder „scharfes s“) geschrieben wird, sofern er nicht als einfaches „s …
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Grundidee und Bedeutung
Die heysesche s-Schreibung ist eine Regel der deutschen Rechtschreibung. Sie legt fest, wann der stimmlose s-Laut [s] als „ss“ und wann als „ß“ (Eszett oder „scharfes s“) geschrieben wird, sofern nicht einfaches „s“ verwendet wird. Sie ist nach Johann Christian August Heyse (1764–1829) benannt.
Die zentrale Regel lautet: Nach einem langen Vokal oder einem Diphthong schreibt man den stimmlosen s-Laut als „ß“, nach einem kurzen Vokal schreibt man „ss“. Ein Diphthong ist ein Doppellaut wie „au“, „ei“ oder „eu“. Beispiele sind „Maße“ mit langem Vokal gegenüber „Masse“ mit kurzem Vokal sowie „Buße“ gegenüber „Busse“.
Die heysesche Schreibung wurde in der Rechtschreibreform von 1996 zur geltenden Regel. Früher galt im Deutschen Reich und später allgemein die adelungsche s-Schreibung. In der Schweiz spielt die heysesche Regel keine Rolle, weil dort statt „ß“ grundsätzlich „ss“ geschrieben wird.
Regeln im Vergleich
Die heysesche Regel entscheidet allein nach der Länge des vorangehenden Vokals: langer Vokal oder Diphthong führt zu „ß“, kurzer Vokal führt zu „ss“. Dadurch ähnelt sie der allgemeinen deutschen Regel, dass nach kurzem betontem Vokal oft ein Doppelkonsonant steht, nach langem Vokal dagegen ein einfacher Konsonant.
Die adelungsche s-Schreibung unterscheidet sich nur bei der Wahl zwischen „ss“ und „ß“. Sie hat zusätzlich die graphotaktische Bedingung, dass am Wortende, vor einer Wortfuge und vor einem Konsonanten nie „ss“ geschrieben wird. Deshalb schrieb man nach Adelung etwa „Kuß“ und „Mißbrauch“, während nach Heyse „Kuss“ und „Missbrauch“ gilt.
In der Schweizer s-Schreibung wird jedes „ß“ durch „ss“ ersetzt. Trotzdem wird auch dort zwischen einfachem „s“ und „ss“ unterschieden.
Für die Umwandlung gilt: Von adelungscher zu heysescher Schreibung ersetzt man „ß“ nach kurzen Vokalen durch „ss“. Von heysescher zu adelungscher Schreibung ersetzt man „ss“ am Wortende, vor einer Wortfuge oder vor einem Konsonanten durch „ß“, wenn die Buchstaben zur gleichen Silbe gehören. Zur Schweizer Schreibung ersetzt man alle „ß“ durch „ss“.
Einfaches s und Stammschreibung
Nicht jeder stimmlose s-Laut wird mit „ss“ oder „ß“ geschrieben. Einfaches „s“ bleibt bei Heyse und Adelung in denselben Fällen erhalten. Es steht zum Beispiel, wenn ein im Wortstamm stimmhaftes „s“ am Silbenende stimmlos wird, wie bei „Kreise / Kreis“, oder wenn ein stimmloser Konsonant folgt, wie bei „lesen / ihr lest“ und „reisen / ihr reist“.
Einfaches „s“ steht außerdem in festen Kombinationen mit einem folgenden Konsonanten, etwa in „Last“ oder „Knospe“, in den Buchstabenkombinationen „chs“ bei Aussprache [ks] und „ps“, in Wörtern wie „aus“, „bis“, „das“, „des“, „es“ sowie in den Suffixen „-es“, „-s“ und „-nis“ und in Fremdwörtern.
Wichtig ist auch das Stammprinzip, also das morphologische Prinzip: Ein Wortbestandteil, ein Morphem, soll möglichst gleich geschrieben werden. Die heysesche s-Schreibung folgt diesem Prinzip konsequenter als die adelungsche. Daher schreibt man nach Heyse „passen“, „ich passe“, „er passt“, „gepasst“ immer mit „ss“. Nach Adelung wechselte die Schreibung in Formen wie „passen“, aber „paßt“ und „gepaßt“. Ebenso steht nach Heyse „ich biss“ und „wir bissen“, während nach Adelung „ich biß“, aber „wir bissen“ geschrieben wurde.
Aussprache, Lesbarkeit und Fehlerquellen
Nach der Rechtschreibreform von 1996 wurde kritisiert, dass die heysesche s-Schreibung zu Übergeneralisierungen führen könne. Gemeint ist eine falsche Vereinfachung der Regel, etwa: Nach kurzem Vokal folge immer „ss“, nach langem Vokal oder Doppelvokal immer „ß“. Dadurch könnten Fehler wie „Ausweiß“ oder „Ohne Fleiß kein Preiß“ entstehen. Kritiker sahen darin einen Nachteil der heyseschen Regel. Gegenkritiker führten die Zunahme von Rechtschreibfehlern jedoch eher auf allgemein nachlassendes Orthographiebewusstsein und schnellere, informellere Kommunikation durch E-Mail und SMS zurück.
Ein weiterer Streitpunkt sind regionale Ausspracheunterschiede. Einige Wörter werden nicht überall im deutschen Sprachraum gleich gesprochen. Als Beispiele nennt der Artikel „Maß Bier“, das in Bayern mit kurzem „a“ gesprochen werde, und „Spaß“, das in manchen Gegenden ebenfalls mit kurzem Vokal vorkomme. Deshalb wurden teilweise alternative Schreibweisen zugelassen: Die 24. Auflage des Duden führt „Maß“ und „Mass“ auf; das amtliche Wörterverzeichnis enthält allerdings nur „Maß“. Für Österreich sieht das amtliche Wörterverzeichnis auch „Geschoß“ zusätzlich zu „Geschoss“ vor, seit 2006 auch „Spass“ zusätzlich zu „Spaß“.
Auch die Lesbarkeit wurde kritisiert. Weil nach Heyse „ss“ auch am Wortende und vor Wortfugen stehen kann, entstehen in zusammengesetzten Wörtern häufiger drei „s“ hintereinander, etwa in „Missstand“. Kritiker fanden ältere Schreibungen wie „Mißstand“ übersichtlicher. Dieses Problem war in der ursprünglichen heyseschen Schreibung geringer, weil damals noch zwischen langem „ſ“ und rundem „s“ unterschieden wurde.
Geschichtliche Entwicklung
Die heysesche s-Schreibung wurde in den 1820er Jahren von Johann Christian August Heyse propagiert. Sie lässt sich aber mindestens bis auf Friedrich Carl Fulda (1724–1788) zurückverfolgen. Heyse verwies besonders auf Johann Gottlieb Radlof (1775–1846), der 1820 in seiner „Ausführlichen Schreibungslehre der teutschen Sprache“ ausführlich über „Säusel- und Zischlaute“ schrieb.
Zunächst setzte sich die heysesche Schreibung kaum durch. Preußische und bayerische Schulrichtlinien folgten der adelungschen Schreibung. Auf der I. Orthographischen Konferenz 1876 wurde festgehalten, dass Heyse im Wesentlichen nur in Schulen verbreitet sei und viele die Regel später wieder aufgäben.
1879 wurde die heysesche s-Schreibung an österreichischen Schulen eingeführt und dadurch stärker verbreitet, jedoch von den meisten österreichischen Zeitungen nicht verwendet. 1901 gab die II. Orthographische Konferenz sie „im Interesse der Einheitlichkeit“ auf; auch in Österreich wurde daraufhin die adelungsche Schreibung eingeführt.
Mit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 wurde die heysesche s-Schreibung wieder verbindlich. Eigennamen bleiben unverändert. Der Ständige Ausschuss für Geographische Namen empfahl am 17. September 1999, geographische Namen an die reformierten Regeln anzupassen, sofern sie nicht schon den traditionellen Regeln widersprachen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung prüfte die Regel später erneut, beschloss aber keine Änderungen gegenüber 1996.
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