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Heartland-Theorie
Die Heartland-Theorie ist eine geopolitische und -strategische Theorie des britischen Geographen Halford Mackinder. In seinem Aufsatz „The geographical …
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Kernidee der Heartland-Theorie
Die Heartland-Theorie ist eine geopolitische und strategische Theorie des britischen Geographen Halford Mackinder. Er stellte sie 1904 in seinem Aufsatz „The geographical pivot of history“ vor und veröffentlichte sie später als Teil von „Democratic Ideals and Reality“. Nach dem Ersten Weltkrieg überarbeitete er sie unter dem Eindruck des Krieges.
Mackinder untersuchte, wie Geographie, Technik, Wirtschaft, Industrie sowie Rohstoff- und Bevölkerungsressourcen die Macht von Staaten beeinflussen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Landmacht oder Seemacht für politische Herrschaft entscheidender ist. Sein Konzept gilt manchen als „die wohl bedeutsamste Idee in der Geschichte der Geopolitik.“
Weltinsel und Herzland
Mackinder teilt die Weltoberfläche in drei große Räume ein:
- Die „Weltinsel“ besteht aus den zusammenhängenden Kontinenten Europa, Asien und Afrika. Sie ist die größte, bevölkerungsreichste und reichste mögliche Verbindung von Ländern.
- Die küstennahen, halbmondförmig angeordneten Inseln nennt er „Inner or marginal crescent“.
- Zu den küstenfernen, ebenfalls halbmondförmig angeordneten Inseln („Lands of outer or insular crescent“) zählen der amerikanische Doppelkontinent und Australien.
Das Heartland, auch „Pivot Area“ genannt, liegt im Zentrum der Weltinsel. Es reicht von der Wolga bis zum Jangtsekiang sowie vom Himalaya bis zur Arktik. Gemeint war bei Mackinder das Gebiet des Russischen Reiches, später der Sowjetunion, jedoch ohne die Halbinsel Kamtschatka. Als besonders bedeutsam bezeichnete er dabei Westsibirien und das europäische Russland.
Macht, Technik und Mackinders Merksatz
Mackinder ging von einem materialistisch geprägten Menschenbild aus: Menschen stehen wegen ihrer Bedürfnisse nach Sicherheit und Wohlstand im Wettbewerb um Territorium und Ressourcen. Er sah das britische Weltreich am Ende eines „kolumbianischen Zeitalters“ („Columbian era“). Seit der europäischen Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus sei dieses Zeitalter durch die relative Dominanz der Seemacht geprägt gewesen.
Anders als Alfred Thayer Mahan, der von einer alleinigen historischen Dominanz der Seemacht ausging, betonte Mackinder die Bedeutung beider Machtformen. Landmächte hätten Seemächte wiederholt besiegt, indem sie deren Stützpunkte von der Landseite her eroberten. Großbritanniens Kontrolle über die Weltmeere habe ihm bis ins 20. Jahrhundert universale Hegemonie verschafft. Durch Dampfmaschine und Motor sowie Straßen- und Eisenbahnnetze verlor Großbritannien nach Mackinder jedoch seine Welthandelsdominanz gegenüber kontinentalen Staaten.
Wenn das Herzland moderne Verkehrswege, Industrie und wirtschaftliche Durchdringung entwickle, könne es besonders große Macht gewinnen. Ein technisch moderner Kontinentalstaat könne über die Kontrolle des Herzlands die Weltinsel und damit schließlich die Welt beherrschen. Mackinder fasste dies so zusammen:
„Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland. Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel. Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“
Die Rohstoff- und Bevölkerungsressourcen der Weltinsel – Eurasien einschließlich Afrikas – könnten nach dieser Vorstellung die Kontrolle der kontinentalen Randländer und danach auch des amerikanischen und australischen Kontinents sowie Japans ermöglichen.
Kontroverse und Weiterentwicklungen
Die Theorie wird innerhalb und außerhalb der geopolitischen Forschung kontrovers diskutiert. Vertreter einer orthodoxen Geopolitik bewerten sie grundsätzlich wohlwollend, kritisieren aber ihre starke Vereinfachung historischer Entwicklungen. Der Politikwissenschaftler C. Dale Walton meint etwa, Mackinder hätte den Machtzuwachs der Vereinigten Staaten und deren Rolle als Garant der europäischen Sicherheit berücksichtigen können. Seemächte konnten zudem auf die technische Entwicklung von Landmächten mit eigenen Neuerungen reagieren, etwa mit nuklearen und thermonuklearen Waffen, Langstreckenbombern sowie land- und seegestützten Langstreckenraketen.
Nicholas J. Spykman übernahm kurz vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg Mackinders Vorstellung der Weltinsel. Er folgerte, die USA müssten verhindern, dass das nordasiatische Herzland die Weltinsel dauerhaft kontrolliere, um ihre Sicherheit und Unabhängigkeit als Seemacht zu erhalten.
Herfried Münkler stellt fest, dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl Mahans als auch Mackinders Vorstellungen folgten: Sie versuchten, Küstenregionen in Europa und Asien zu kontrollieren; in Ostasien kostete sie dies zwei schwere Kriege. Münkler betont außerdem, dass geopolitische Theorien politische Konflikte selbst beeinflussen können.
Alfred McCoy deutet den Konflikt zwischen Peking und Washington als jüngste Runde eines langen Kampfes zwischen See- und Landmächten um die Kontrolle der eurasischen Landmasse. Wladimir Putin und Xi Jinping proklamierten am 4. Februar 2022 ein „neues globales Governance-System“, das unter anderem auf besserer Verkehrsinfrastruktur in Eurasien sowie gemeinsamer Öl- und Gas-Kooperation beruhen sollte. Nach McCoy verfolgt China im eurasischen Osten eine ähnliche, aber subtilere Strategie, um die bisherige Dominanz der US-Flotte im Indo-Pazifik in Frage zu stellen.