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Hans Spethmann

Hans Spethmann (* 11. Dezember 1885 in Lübeck; † 19. März 1957 ebenda) war ein deutscher Geologe und Wirtschaftsgeograph.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Person und wissenschaftlicher Schwerpunkt
  2. 2. Ausbildung und Tätigkeit bis 1918
  3. 3. Ruhrgebiet und politische Kontroversen
  4. 4. Spätere Jahre, Familie und Werke

Person und wissenschaftlicher Schwerpunkt

Hans Spethmann (* 11. Dezember 1885 in Lübeck; † 19. März 1957 ebenda) war ein deutscher Geologe und Wirtschaftsgeograph. Seine Arbeiten verbinden Geologie, Geomorphologie, Landeskunde, Wirtschaftsgeographie und Wirtschaftsgeschichte. Besonders beschäftigte er sich mit Island, der Ostsee sowie dem Ruhrgebiet und dem Ruhrbergbau.

Spethmann untersuchte, wie Landschaft, geologische Bedingungen, Wirtschaft, Technik und Politik zusammenwirken. Dadurch wurde er vor allem durch seine umfangreichen Darstellungen des Ruhrgebiets bekannt. Seine historische Darstellung des Ruhrkampfs ist allerdings stark umstritten, weil ihm eine einseitige politische Perspektive und teilweise sogar Quellenfälschungen vorgeworfen werden.

Ausbildung und Tätigkeit bis 1918

Spethmann war der Sohn des Hauptlehrers Johann Spethmann und Henriette, geborene Engelbrecht. Am Katharineum zu Lübeck legte er 1906 als „primus omnium“, also als Jahrgangsbester, das Abitur ab. In seinem wissenschaftlichen Vortrag Über eine Senkung im südwestlichen Ostseegebiet behandelte er Landhebungen und Schwankungen des Meeresspiegels. Weil er bereits als Schüler geologische und geomorphologische Fragen erforscht hatte, erhielt er dafür als erster Studienanfänger ein Stipendium der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit.

Von 1906 bis 1909 studierte Spethmann Geologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und an der Universität Kiel. Er unternahm Exkursionen unter anderem in den Französischen Jura, den Appennin, nach Sizilien und im Juli 1907 nach Island. Dort erforschten Walther von Knebel und Max Rudloff das Vulkanmassiv Askja und die Kraterseen Öskjuvatn und Víti (Askja). Von Knebel und Rudloff kamen wahrscheinlich am 10. Juli 1907 auf dem Öskjuvatn ums Leben. Spethmann war weit vom Unglücksort entfernt und blieb der einzige Gewährsmann für das Geschehen. Wahrscheinlich wurden die beiden von herabstürzenden Bimssteinen getroffen; endgültig geklärt ist der Vorgang bis heute nicht. Im August 1907 nahm Spethmann an einer weiteren Suchexpedition teil. Island blieb ein Schwerpunkt seines Lebens. 1913 gründete er mit Otto Cahnheim, Paul Herrmann und Heinrich Erkes die Vereinigung der Islandfreunde und wurde Mitglied ihres Vorstands.

1909 promovierte Spethmann an der Universität Kiel mit Vulkanologische Forschungen im östlichen Zentralisland. Die bereits im vierten Semester verfasste Schrift wurde als „opus eximium“, also als herausragendes Werk, anstelle einer Dissertation angenommen. Anschließend war er Assistent bei Otto Krümmel in Kiel, Max Friederichsen in Greifswald und Albrecht Penck in Berlin. 1913 habilitierte er sich an der Universität Köln. Der Erste Weltkrieg unterbrach seine wissenschaftliche Laufbahn. Nach einem kurzen Einsatz an der Ostfront wurde er wegen einer Herzmuskelentzündung entlassen und arbeitete in den letzten beiden Kriegsjahren im kartographischen Dienst des Generalstabes.

Ruhrgebiet und politische Kontroversen

Nach dem Ersten Weltkrieg war Spethmann zunächst stellungslos. Als Privatdozent hielt er unbezahlte Lehrveranstaltungen und finanzierte sich durch Vorträge sowie geologische Gutachten, unter anderem für die mitteldeutsche Braunkohleindustrie. Über Industrieverbände erhielt er 1921 die Stelle des Generalsekretärs der Hauptgeschäftsstelle der Deutschen Volkspartei in Bochum, die von Gustav Stresemann geführt wurde.

Während der Ruhrbesetzung unterstützte Spethmann unter dem Decknamen „Hermann Schüllenbach“ den „Ruhrkampf“, also den passiven Widerstand von Bergleuten und Metallarbeitern gegen die französischen und belgischen Besatzer. 1924/1925 war er Lehrbeauftragter der Universität Köln für Landes- und Wirtschaftskunde des rheinisch-westfälischen Industriegebietes. Sein Buch Großwirtschaft an der Ruhr von 1925 führte dazu, dass ihn der Bergbauverein in Essen als Wirtschaftsgeograph und Wirtschaftshistoriker einstellte. Spethmann zog mit seiner Familie nach Essen.

Im Auftrag des Bergbauvereins plante er Das Ruhrgebiet im Wechselspiel von Land und Leuten, Wirtschaft, Technik und Politik, ein fünfbändiges Werk über die Entwicklung des Ruhrgebiets zwischen 1914 und 1925. Drei Bände erschienen 1933; die Bände 4 und 5 wurden erst 2011 aus nachgelassenen Manuskripten veröffentlicht. Außerdem verfasste er aus der Sicht der Bergbauunternehmen eine Geschichte des Ruhrbergbaus von 1914 bis 1925. Die Teile über den Ruhraufstand und die Ruhrbesetzung erschienen 1930 beziehungsweise 1933 als günstige Volksausgaben.

Spethmann stellte in seiner Darstellung des Ruhraufstands Reichswehr und Bergbauunternehmer positiv dar. Der KPD, der USPD und Teilen der Mehrheitssozialdemokratie warf er vor, schon ab Frühjahr 1919 auf eine „Diktatur des Proletariats“ hingearbeitet zu haben. Den Generalstreik erklärte er als von Kommunisten und Betriebsräten aufgezwungen. Innenminister Carl Severing beschuldigte er, durch das Bielefelder Abkommen das Ruhrgebiet dem „Linksradikalismus“ und dem „Sieg der bolschewistischen Idee“ ausgeliefert zu haben.

Diese Deutung ist in der Forschung umstritten. Wilfried Reininghaus bewertet Die Rote Armee an Ruhr und Rhein von 1930 als politische Positionierung mit durchgängiger Schwarz-Weiß-Malerei und als Propaganda gegen die SPD und für die Reichswehr. George Eliasberg wirft Spethmann bei der Darstellung der Kämpfe am Essener Wasserturm Fälschungen vor und kritisiert seine Unternehmerperspektive. Erhard Lucas sieht eine Verbindung zwischen Spethmanns Werk und der Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus. Dennoch galt das Werk noch lange nach 1945 als Standardwerk.

Spätere Jahre, Familie und Werke

Auch während seiner Tätigkeiten in Bochum und Essen arbeitete Spethmann weiter zu Island, Geologie und Wirtschaftsgeographie Mitteleuropas. Zu seinen Themen gehörten besonders das Ruhrgebiet und der Ruhrbergbau. Außerdem verfasste er Biographien über Hans von Loewenstein zu Loewenstein, Franz Haniel, Johann Dinnendahl, Franz Dinnendahl, Ernst Honigmann und Friedrich Marthe. Als Privatdozent lehrte er unter anderem an den Universitäten Zürich, Berlin und Köln. Zwischen 1942 und 1947 veröffentlichte er außerdem historische Dramen.

Ab 1947 lebte Spethmann wieder in Lübeck, wo er 1957 im Alter von 71 Jahren starb. Sein Nachlass mit unveröffentlichten Manuskripten und einer Plakatsammlung aus den Jahren 1916 bis 1924 befindet sich im Stadtarchiv Essen. Er heiratete am 23. März 1912 Margarethe Spethmann in Altona. Sein Sohn Dieter Spethmann war Jurist und ehemaliger Vorstandschef von Thyssen.

Zu seinen wichtigsten selbstständigen Veröffentlichungen gehören Studien über die Bodenzusammensetzung der baltischen Depression vom Kattegat bis zur Insel Gotland (1911), Die Grosswirtschaft an der Ruhr (1925), Dynamische Länderkunde (1928), Zwölf Jahre Ruhrbergbau (1928–1931, fünf Bände), Deutsche Islandforschung (1930), Das länderkundliche Schema in der deutschen Geographie (1931), Die Rote Armee an Ruhr und Rhein (1932), Das Ruhrgebiet im Wechselspiel von Land und Leuten, Wirtschaft, Technik und Politik (Bände 1–3: 1933; Bände 4–5: 2011) sowie zahlreiche Untersuchungen zur Geschichte des Ruhrbergbaus und einzelner Unternehmen. Daneben veröffentlichte er Fachaufsätze zur Ostsee, zur Geographie des Ruhrreviers und zur Bergbaugeschichte. Literatur über ihn behandelt unter anderem seine Islandforschung sowie das schwierige Verhältnis zwischen Spethmann und der Geographie.

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