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Hans Robert Jauß
Schwerpunkte der Forschungen von Hans Robert Jauß waren die mittelalterliche und moderne französische Literatur, die Gattungstheorie, Historik und Ästhetik. Er …
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Bedeutung und Forschungsansatz
Hans Robert Jauß (12. Dezember 1921 in Göppingen; 1. März 1997 in Konstanz) war ein deutscher Romanist und Literaturwissenschaftler. Er erforschte mittelalterliche und moderne französische Literatur, Gattungstheorie, Literaturgeschichte und Ästhetik. Als Mitbegründer der Konstanzer Schule prägte er die Rezeptionsästhetik: Sie untersucht Literatur nicht nur vom Autor oder vom Text her, sondern auch von ihren Leserinnen und Lesern und ihrer Wirkung.
Zentral ist der Erwartungshorizont, also die Erwartungen, Erfahrungen und Maßstäbe, mit denen ein zeitgenössisches Publikum einem Text begegnet. Nach Jauß wirken verschiedene Lesergenerationen an der Ästhetik eines Textes mit; deshalb sei ein Werk nicht über alle Zeiten hinweg unverändert mit sich selbst identisch. Rezeption und Wirkung bilden zusammen mit Autor und Werk einen Prozess ästhetischer Kommunikation.
Wichtige Schriften und Begriffe
Jauß promovierte 1952 über Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts «À la recherche du temps perdu». Die Arbeit wurde grundlegend für die deutsche Proust-Forschung der Nachkriegszeit. Seine Habilitationsschrift Untersuchungen zur mittelalterlichen Tierdichtung (1957; Buchausgabe 1959) interpretierte den Roman de Renart vom Erwartungshorizont seines damaligen Publikums aus und bereitete damit die Rezeptionsästhetik vor.
Die 1967 gehaltene Antrittsvorlesung erschien erweitert als Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt. Sie wandte sich gegen überkommene Methoden der literaturwissenschaftlichen Geschichtsschreibung und verlangte, die Wirkung eines Werks auf seine jeweiligen Leser einzubeziehen.
In Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur (1977) bezeichnet Alterität die befremdende Andersartigkeit vergangener ästhetischer Erfahrungen. Jauß schlug für die Erforschung mittelalterlicher Literatur drei Prinzipien vor: ästhetisches Vergnügen, befremdende Andersheit und Modellcharakter mittelalterlicher Texte. Modernität bedeutet dabei nicht unkritische Aktualisierung, sondern die Erkenntnis ihrer Bedeutung.
Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (1982) behandelt ästhetische Erfahrung als produktive, rezeptive oder kommunikative Tätigkeit. Hermeneutik bedeutet hier die Lehre vom Verstehen. Wege des Verstehens (1994) betont, dass es für das Verstehen von Aussagen und Texten keinen einzigen allgemein gültigen Weg gibt; neue Fragen eröffnen neue Aspekte.
Akademische Laufbahn und Wirkung
Nach der Internierung von 1945 bis 1948 studierte Jauß ab 1948 in Heidelberg Romanische Philologie, Geschichte, Englisch und Russisch. Nach Promotion, Habilitation und Stationen in Heidelberg, Münster und Gießen wurde er 1965 ordentlicher Professor an der neu gegründeten Universität Konstanz. Dort hielt er am 13. April 1967 die Antrittsvorlesung Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturgeschichte?
1963 gründete er mit Clemens Heselhaus, Hans Blumenberg und Wolfgang Iser die Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik; auch Reinhart Koselleck gehörte ihr an. Jauß galt als ihr spiritus rector. Er war zudem Mitbegründer des seit 1962 herausgegebenen mehrbändigen Grundriss der romanischen Literaturen des Mittelalters. 1980 wurde er ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Nach seiner Emeritierung am 11. Februar 1987 arbeitete er weiter; sein Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar.
SS-Vergangenheit und öffentliche Diskussion
Jauß meldete sich nach Kriegsbeginn freiwillig zur SS-Verfügungstruppe und trat am 23. Oktober 1939 ein. In der Waffen-SS stieg er bis zum SS-Hauptsturmführer der Reserve auf, zu dem er am 9. November 1944 befördert wurde. Er war unter anderem Zugführer während der Belagerung von Leningrad und 1943 Kompanieführer bei sogenannten „Befriedungsaktionen“ in Kroatien. Die dort eingesetzte SS-Panzergrenadier-Brigade Nederland beging Kriegsverbrechen, darunter Vertreibungen, Plünderungen, Brandschatzungen, Morde und Geiselnahmen.
Nach Kriegsende machte Jauß Angaben über eine US-Kriegsgefangenschaft; der Historiker Jens Westemeier schließt dies aus und geht davon aus, dass Jauß untertauchte und falsche Papiere verwendete. Jauß wurde von 17. Dezember 1945 bis 2. Januar 1948 interniert und 1947 wegen Mitgliedschaft in der SS zu 2000 RM Geldstrafe verurteilt, die durch die Internierungshaft als verbüßt galt. 1948 wurde er im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft.
Jauß erklärte 1988, er habe zwar SS-Einheiten angehört, die Verbrechen begingen, sei aber selbst nie beteiligt gewesen. Westemeier urteilte 2015 dagegen, Jauß sei kein einfacher Mitläufer gewesen, sondern nationalsozialistisch sozialisiert, überzeugter SS-Mann und SS-Führer mit Führungsverantwortung. Nach Westemeier konnte eine persönliche Beteiligung an Verbrechen nicht nachgewiesen werden; als Kompaniechef habe Jauß jedoch Mitverantwortung für die Taten seiner Einheit getragen. Ob er juristisch als Kriegsverbrecher zu bezeichnen sei, blieb nach seinem Tod nicht mehr gerichtlich klärbar. Die Frage, ob und wie seine Vergangenheit mit seinem wissenschaftlichen Werk zusammenhängt, wird unterschiedlich beurteilt.