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Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger (* 11. November 1929 in Kaufbeuren; † 24. November 2022 in München) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Lebensweg
  2. 2. Literarische Anfänge und poetisches Programm
  3. 3. Studentenbewegung und Kursbuch
  4. 4. Werkentwicklung seit 1980
  5. 5. Spätwerk, Archiv und politische Positionen
  6. 6. Bedeutung, Kritik und Auszeichnungen

Person und Lebensweg

Hans Magnus Enzensberger (11. November 1929 in Kaufbeuren – 24. November 2022 in München) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber, Übersetzer und Redakteur. Er schrieb außerdem unter den Pseudonymen Andreas Thalmayr, Linda Quilt, Elisabeth Ambras, Giorgio Pellizzi, Benedikt Pfaff und Serenus M. Brezengang. Enzensberger war in der kulturellen und politischen Debatte der Bundesrepublik besonders einflussreich, weil er literarische Arbeit mit Medienkritik, politischer Analyse und gesellschaftlichen Themen verband.

Er wuchs in einer katholischen bürgerlichen Familie in Nürnberg auf und besuchte dort von 1940 bis 1944 das heutige Willstätter-Gymnasium. Sein Vater war Oberpostdirektor und zuvor Ingenieur für Fernmeldetechnik; außerdem war er der erste Radiosprecher Bayerns. Während des Luftkriegs zog die Familie nach Wassertrüdingen. Die letzten Kriegstage erlebte Enzensberger als Angehöriger des Volkssturms, entzog sich jedoch dem Dienst.

Nach dem Krieg machte er in Nördlingen Abitur und arbeitete unter anderem als Schwarzmarkthändler, Dolmetscher und Barmann bei der Royal Air Force. Mit einem Stipendium studierte er Literaturwissenschaft und Philosophie in Erlangen, Freiburg im Breisgau, Hamburg und an der Sorbonne in Paris. 1955 promovierte er mit einer Arbeit über Clemens Brentanos Poetik.

Enzensberger war dreimal verheiratet. Mit der Norwegerin Dagrun Kristensen hatte er die 1957 geborene Tochter Tanaquil. Von 1967 an war er einige Jahre mit Maria Makarowa verheiratet; diese Beziehung bezeichnete er später als „Amour fou“. Seine dritte Ehe schloss er mit der Journalistin Katharina Bonitz; 1986 wurde die gemeinsame Tochter Theresia geboren. Zwischen Frühsommer 1959 und Sommer 1960 bestand außerdem eine Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Zwei Wochen nach seinem Tod wurde Enzensberger seinem Wunsch entsprechend im Grab seiner Eltern auf dem Alten Städtischen Friedhof in Kaufbeuren bestattet.

Literarische Anfänge und poetisches Programm

Bis 1957 arbeitete Enzensberger für Alfred Andersch als Hörfunkredakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Auch danach verfasste er zahlreiche „Radio-Essays“, darunter Beiträge zur Medien- und Sprachkritik wie Die Sprache des „Spiegel“. Eine Sammlung dieser Arbeiten erschien 1962 unter dem Titel Einzelheiten I und II und bildete den Auftakt seiner umfangreichen Essayproduktion.

1957 veröffentlichte Enzensberger seinen ersten Gedichtband die verteidigung der wölfe. Die Gedichte verbinden virtuose Sprachspiele mit Weltekel, politische Empörung mit genauer Detailbeobachtung. Die Dreiteilung des Bandes lautet „Freundliche Gedichte“, „Traurige Gedichte“ und „Böse Gedichte“. Enzensbergers poetisches Programm unterscheidet sich von einem Verständnis von Lyrik, das sich ausschließlich auf Stimmungen und Gefühle konzentriert: Gedichte können nach seiner Überzeugung auch Ereignisse nacherzählen, Theorien vermitteln und Ideen ausdrücken.

Enzensberger nahm an mehreren Tagungen der Gruppe 47 teil. Er arbeitete als freier Schriftsteller unter anderem in Stranda in West-Norwegen, 1959 in Lanuvio bei Rom, 1960 als Lektor beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main und ab 1961 in Tjøme im Oslofjord. Mit dem Suhrkamp Verlag, in dem seine Werke seit 1957 erschienen, blieb er zeitlebens eng verbunden.

In einem Radio-Essay prägte er den Begriff „Gratismut“. Damit ist ein Mut gemeint, der nichts kostet, weil er keine Risiken, Gefahren oder negativen Folgen mit sich bringt, während die betreffende Person sich dennoch als mutiger Widerstandskämpfer darstellt. Der Begriff verbindet Kulturkritik mit Selbstkritik an der eigenen intellektuellen Zunft. Bereits 1963, im Alter von 33 Jahren, erhielt Enzensberger den Georg-Büchner-Preis.

Studentenbewegung und Kursbuch

Von 1965 bis 1975 gab Enzensberger die Zeitschrift Kursbuch heraus. Zusammen mit seinen Gedichten und Essays machte ihn die Zeitschrift zu einer wichtigen Orientierungsfigur der Studentenbewegung. 1967 unterzeichnete er den Gründungsaufruf für den Republikanischen Club in West-Berlin und stand der außerparlamentarischen Opposition (APO) nahe.

Gleichzeitig bewahrte er eine kritische Distanz zur Studentenbewegung. In einer Debatte mit Peter Weiss lehnte er politische Bekenntnisse und widerspruchsfreie Weltbilder ab: Er ziehe Argumente, Zweifel und die Entscheidung durch die Wirklichkeit den Sentiments vor. Auch die Aktivitäten der Kommune I, zu deren Gründern sein Bruder Ulrich gehörte, verfolgte er zunächst interessiert. Als die Kommune zeitweise in seinem Berliner Haus in Friedenau lebte, schritt Enzensberger jedoch dagegen ein.

1968 brach er ein Fellowship an der Wesleyan University nach drei Monaten aus Protest gegen die US-Außenpolitik ab und ging für ein Jahr nach Kuba. In der Anthologie Freisprüche (1970) sammelte er 24 Texte, überwiegend Verteidigungsreden revolutionärer Angeklagter aus politischen Prozessen. In seiner Nachbemerkung erläuterte er die rechtstheoretische Logik der Revolutionäre: Der revolutionäre Akt sei seiner Natur nach nicht justitiabel; vor Gericht könne nicht die Revolution, sondern nur ihr Scheitern stehen.

Werkentwicklung seit 1980

1980 gründete Enzensberger gemeinsam mit Gaston Salvatore das Kulturmagazin TransAtlantik, das er 1982 wieder verließ. Von 1985 bis 2007 gab er zusammen mit Franz Greno die Buchreihe Die Andere Bibliothek heraus. Neben einer kontinuierlichen Gedichtproduktion veröffentlichte er zahlreiche Essaybände zu Migration, Gewalt in Zivilgesellschaften, Lyrik, Mathematik und Intelligenzforschung.

Zu den herausragenden poetischen Werken gehört das Versepos Der Untergang der Titanic (1978). Es behandelt nicht nur das Schiffsunglück, sondern blickt auch auf die revolutionären Hoffnungen der 1960er-Jahre zurück und kommentiert ironisch Vorstellungen vom Weltuntergang. George Tabori brachte das Werk 1979 in München auf die Bühne.

Enzensberger schrieb außerdem Prosa, Dramen, Hörspiele, Drehbücher und Kinder- und Jugendbücher. Zu seinen bekannten Kinderbüchern gehört Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben (1997). Zu seinen Prosawerken zählen Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod (1972), Ach, Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern (1987), Hammerstein oder Der Eigensinn (2008), Tumult (2014) und Immer das Geld! (2015). Er gab Werke anderer Autoren heraus, verfasste Nachもworte und übersetzte unter anderem Texte von William Carlos Williams, César Vallejo, Pablo Neruda, Molière, Denis Diderot, Lars Gustafsson, Charles Simic, Federico García Lorca, William Shakespeare, Antoine de Saint-Exupéry und Hilaire Belloc.

2000 wurde der Landsberger Poesieautomat der Öffentlichkeit vorgestellt. Er stand ab 2006 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach und war seit 2023 in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zu erleben. Mit dem 2013 verstorbenen Filmemacher Peter Sehr arbeitete Enzensberger an einer Verfilmung des Lebens von Georg Christoph Lichtenberg.

Spätwerk, Archiv und politische Positionen

Im Dezember 2014 übergab Enzensberger sein Archiv als Vorlass an das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Es enthält unter anderem Manuskripte, Dokumente und Korrespondenzen. Teile davon sind in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne zu sehen, darunter Übersetzungen von Pablo Neruda, das Manuskript für das Museum der modernen Poesie und Pläne für den Landsberger Poesieautomaten.

In seinem Spätwerk beschäftigte er sich unter anderem mit der Europäischen Union (2011), mit Überlebenskünstlern (2018) und in Eine Experten-Revue in 89 Nummern (2019) mit den biographischen Folgen extremer Arbeitsteilung. Bis 2019 veröffentlichte er weiterhin unter Pseudonymen, etwa als Andreas Thalmayr und unter weiblichen Namen wie Elisabeth Ambras und Linda Quilt. Im November 2020 entging er Medienberichten zufolge als Zufallsopfer nur knapp einem Mordanschlag durch einen Pfleger in einem Münchner Klinikum.

In Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970) bezeichnete Enzensberger elektronische Medien als Hauptinstrumente der „Bewusstseins-Industrie“ und forderte eine sozialistische Medientheorie sowie einen emanzipatorischen Mediengebrauch. Beim „repressiven Mediengebrauch“ steuert ein Sender zentral ein Programm für viele passive Empfänger. Beim „emanzipatorischen Mediengebrauch“ soll jeder Empfänger auch zum Sender werden; technische Barrieren sollen aufgehoben und Menschen politisch eingebunden werden. 1988 bezeichnete er das Fernsehen als „Nullmedium“.

Weitere politische Stellungnahmen betrafen die deutsche Einheit, islamistischen Terror, die Rechtschreibreform, den Irak-Krieg, die Europäische Union und digitale Überwachung. In Schreckens Männer (2006) beschrieb er islamistische Selbstmordattentäter als radikale Verlierer. 2003 gehörte er zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die den US-geführten Irak-Krieg verteidigten. 2011 kritisierte er die EU als Konstruktion von oben mit einem „Geburtsfehler der Institution“, nämlich einem technokratischen, undemokratischen und von Geheimhaltung geprägten Aufbau. 2013 sprach er angesichts der Überwachungsaffäre von „postdemokratischen Zuständen“ und sah eine Allianz zwischen Konzernen und Nachrichtendiensten. 2014 veröffentlichte er zehn Regeln gegen Ausbeutung und Überwachung in der digitalen Welt. Über die RAF schrieb er, sie sei „aus Versehen entstanden“, da bei ihrer Gründung keine politische Strategie vorhanden gewesen sei.

Bedeutung, Kritik und Auszeichnungen

Enzensberger setzte häufig Themen in der kulturellen und politischen Debatte und machte nach Einschätzung von Beobachtern zutreffende Vorhersagen. Jürgen Habermas fasste dieses Gespür mit dem Satz zusammen: „Er hat die Nase im Wind.“ Zugleich wurde kritisiert, dass Enzensberger seine politischen Ansichten häufig wechselte. Dazu zählen seine schrittweise Abkehr von den Idealen der 68er-Bewegung und die umstrittene Gleichsetzung Saddam Husseins mit Hitler. Kritiker warfen ihm vor, antifaschistische Rhetorik zur Rechtfertigung deutscher Kriegsteilnahme zu verwenden.

Enzensberger selbst bezeichnete die Erzählungen über ihn als Legenden, räumte aber ein, dass an den Geschichten vom ständig die Überzeugung wechselnden „Bruder Leichtfuß“, vom unzuverlässigen „Verräter“ und vom Deutschland-kritischen Autor jeweils etwas dran sei. Ein Symposium des Deutschen Literaturarchivs Marbach im März 2009 bewertete seine Positionswechsel überwiegend verständnisvoll. Sie wurden als „habituelles Hakenschlagen“ oder „Zickzackkurs“, aber auch als Ironie, frühe Postmoderne und grundsätzliche Zustimmungsverweigerung gedeutet. Eine literatursoziologische Analyse von 2012 sah in seinen überraschenden Positionsnahmen und seiner medialen Vielseitigkeit wesentliche Gründe für die große öffentliche Aufmerksamkeit.

Kritik löste auch ein Leserbrief von 2016 zum Prozess gegen Siegfried Mauser wegen sexueller Nötigung aus. Enzensberger deutete die Anzeige als mögliche Vergeltung zurückgewiesener Avancen und forderte, bei Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen die Glaubwürdigkeit der Anklägerin zu prüfen. Patrick Bahners verwies darauf, dass das Gericht die Aussagen von sechzehn Zeugen gehört hatte. Bernd Redmann kritisierte 2018, solche Relativierungsversuche diskreditierten Betroffene sexueller Belästigung und Gewalt.

Zu den Auszeichnungen Enzensbergers gehören der Deutsche Kritikerpreis (1962 und 1978), der Georg-Büchner-Preis (1963), der Preis der Stadt Nürnberg (1966), der Heinrich-Böll-Preis (1985), der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis (1993), der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf (1998), der Prinz-von-Asturien-Preis und der Ludwig-Börne-Preis (beide 2002), der Sonning-Preis (2010) sowie der Frank-Schirrmacher-Preis (2015). 1967 und 1974 wurde er für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen.

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