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Handelsbilanzdefizit
Ein Handelsbilanzdefizit (auch Außenhandelsdefizit, negative (Außen-)Handelsbilanz oder Handelslücke genannt) liegt im Außenhandel vor, wenn in der …
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Definition und Einordnung
Ein Handelsbilanzdefizit, auch Außenhandelsdefizit, negative Außenhandelsbilanz oder Handelslücke genannt, liegt vor, wenn die wertmäßig erfassten Importe eines Staates innerhalb einer bestimmten Rechnungsperiode – meist eines Jahres oder Quartals – die Exporte übersteigen. Das Gegenstück ist der Handelsbilanzüberschuss.
Die Handelsbilanz erfasst den Außenhandel eines Staates, insbesondere Transaktionen, bei denen der Produktions- und Warencharakter im Vordergrund steht. Dazu gehören vor allem Exporte, Importe und Lohnveredelungen. Sie ist eine Teilbilanz der Leistungsbilanz; die Leistungsbilanz wiederum ist Bestandteil der Zahlungsbilanz. Die Zahlungsbilanz stellt alle in Geld bewerteten wirtschaftlichen Transaktionen einer Volkswirtschaft mit dem Ausland während einer bestimmten Periode systematisch gegenüber.
Neben der Handelsbilanz gehören zur Leistungsbilanz die Dienstleistungsbilanz, die Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie die laufenden Übertragungen. Weitere Bestandteile der Zahlungsbilanz sind Vermögensübertragungen, die Kapitalbilanz, die Veränderung der Währungsreserven und der Saldo der statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen.
Berechnung und Bewertung
Die Handelsbilanz ist die rechnerische Gegenüberstellung der Ein- und Ausfuhr aller Waren einer Volkswirtschaft innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Bezieht man passive und aktive Lohnveredelungen ein, gilt:
- Handelsbilanzdefizit: H_d = Ex < Im
- Handelsbilanzüberschuss: H_s = Ex > Im
Dabei steht Ex für Exporte und passive Lohnveredelungen, Im für Importe und aktive Lohnveredelungen. Die Differenz zwischen Exporten und Importen wird neutral als Saldo bezeichnet.
Ein negativer beziehungsweise passiver Saldo erscheint auf der Aktivseite der Handelsbilanz, auf der die Exporte stehen. Ein positiver beziehungsweise aktiver Saldo erscheint auf der Passivseite, auf der die Importe stehen. Der Saldo wird in die Zahlungsbilanz übertragen und erscheint dort auf der entgegengesetzten Seite.
Exportierte Waren werden zu FOB-Preisen bewertet. FOB bedeutet „free on board“. Importierte Waren werden mit dem CIF-Preis bewertet; CIF steht für „cost, insurance, freight“. Diese Incoterm-Preise bewerten Waren an der eigenen Landesgrenze und machen internationale Zahlen vergleichbar.
Folgen eines dauerhaften Defizits
Ein negativer Saldo der Handelsbilanz führt zu einem negativen Vorzeichen in der Leistungsbilanz. Man spricht dann von einer passiven Handelsbilanz oder einem Passivsaldo.
Weist eine Volkswirtschaft ein Leistungsbilanzdefizit auf, vermindert sich ihre finanzielle Nettoauslandsposition beziehungsweise ihr Nettoauslandsvermögen. Bei einem Nettoschuldnerland steigt dadurch die Nettoverschuldung gegenüber dem Rest der Welt; bei einem Nettogläubigerland nimmt die Nettoforderungsposition gegenüber dem Ausland ab.
Regelmäßige negative Handelsbilanzen bedeuten, dass die Schulden gegenüber dem Ausland wachsen und höhere Zinsen gezahlt werden müssen. Die Verschuldung entsteht, weil die Ausgaben für Importe die Einnahmen aus Warenexporten übersteigen. Dadurch entsteht eine Nachfrage nach ausländischer Währung und ein Überangebot an inländischer Währung, sodass die inländische Währung abgewertet wird. Die Waren des Landes können für das Ausland dadurch günstiger werden. Nach dem im Artikel beschriebenen Modell verringert sich das Handelsbilanzdefizit anschließend, bis es zu einem Handelsbilanzausgleich kommen kann.
Makroökonomische Einflussfaktoren
Folgende Faktoren verschlechtern die Handelsbilanz. Liegt bereits ein Defizit vor, vergrößern sie es ceteris paribus, also unter sonst gleichen Bedingungen:
- Steigende Preise für im Inland produzierte Waren erschweren den Export, weil das Ausland mehr bezahlen muss.
- Eine Abwertung der inländischen Währung verschlechtert die Handelsbilanz zunächst und verbessert sie später. Dieser Verlauf wird als J-Kurven-Effekt bezeichnet.
- Steigendes Realeinkommen im Inland führt zu mehr Importen.
- Sinkendes Realeinkommen im Ausland verringert die Nachfrage nach inländischen Exportgütern.
- Eine steigende Güternachfrage im Inland wird zu einem großen Teil durch zusätzliche Importe gedeckt.
- Handelsabkommen oder Handelsschranken können Exporte beeinflussen; Ausfuhrkontingente und Ausfuhr-Embargos verhindern mögliche Exporte.
Die umgekehrten Entwicklungen verbessern die Handelsbilanz und können zu einem Handelsbilanzüberschuss führen.
Als Beispiel für die Bedeutung von Importkosten nennt der Artikel fossile Energieträger. Die Importabhängigkeit kostete die 27 EU-Länder zwischen Oktober 2010 und September 2011 insgesamt 408 Milliarden Euro. Das Leistungsbilanzdefizit betrug im selben Zeitraum dagegen 119 Milliarden Euro. Nach dem im Artikel genannten Papier von Abgeordneten des Europäischen Parlaments trugen diese Importkosten insbesondere zur Verschärfung der Schuldenkrise der EU-Staaten bei.
Beispiel USA und ausgewählte Länder
Die USA weisen als derzeit größte Volkswirtschaft der Erde seit den 1970er Jahren regelmäßig ein Handelsbilanzdefizit auf. Seit den 1990er Jahren vergrößerte es sich stark. 2007 wurde das Defizit erstmals seit Langem wieder etwas kleiner: Die Außenhandelsbilanz stieg um 27 Milliarden US-Dollar auf −790,1 Milliarden US-Dollar. Der Fehlbetrag musste durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland finanziert werden, wodurch sich die USA zunehmend gegenüber dem Ausland verschuldeten.
Der Artikel nennt drei wichtige Gründe:
- Hohes Wirtschaftswachstum: In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wuchs die US-Wirtschaft deutlich stärker als die ihrer Handelspartner. Dadurch stiegen die US-Importe, die von der inländischen Nachfrage abhängen, stärker als die Exporte, die von der Nachfrage der Handelspartner abhängen. Konsum und Investitionen im Inland nahmen deutlich stärker zu als die ausländische Nachfrage nach US-Gütern.
- Reale Aufwertung US-amerikanischer Güter: Bei konstantem multilateralem realem Wechselkurs und starkem Wirtschaftswachstum verschlechtert sich die Handelsbilanz. Da der reale Wechselkurs bis 2002 sogar stieg, wurde die Verschlechterung verstärkt.
- Vorliebe für ausländische Güter: Amerikanische Konsumenten kauften bevorzugt ausländische Waren, beispielsweise Autos, und fragten entsprechend weniger einheimische Güter nach.
Von Anfang 2006 bis Ende 2015 belief sich das US-Handelsbilanzdefizit insgesamt auf 7,3 Billionen US-Dollar, durchschnittlich 734 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Wegen der seit der Präsidentschaft Ronald Reagans gleichzeitig hohen Staatsverschuldung weisen die USA ein sogenanntes Zwillingsdefizit auf.
Die Tabelle zu ausgewählten Volkswirtschaften, die 2007 ein Handelsbilanzdefizit auswiesen, nennt für 2007 folgende Nettoexporte in Milliarden Euro: USA −619, Großbritannien −119, Spanien −88, Europäische Union −76, Frankreich −47, Griechenland −38, Türkei −34, Portugal −15, Australien −7, Luxemburg −4 und Dänemark −1. Für die Europäische Union sind für 1987 keine Angaben verfügbar.
Wirtschaftspolitische Bedeutung
In den EU-Mitgliedstaaten gilt das Staatsziel des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts als verfehlt, wenn ein permanentes Handelsbilanzdefizit länger als drei Jahre besteht und mehr als 6 % des Bruttoinlandsprodukts beträgt.