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Hainichen
Hainichen ist eine schrumpfende Stadt mit einem Geburtendefizit und einem Migrationsdefizit.
Inhalt6 Abschnitte
Lage und Aufbau der Stadt
Hainichen ist eine sächsische Kleinstadt im Zentrum des Landkreises Mittelsachsen. Seit dem 1. Januar 2021 besitzt sie den Status einer Großen Kreisstadt. Die Stadt liegt an der Kleinen Striegis, 26 Kilometer nordöstlich von Chemnitz, 66 Kilometer südöstlich von Leipzig, 44 Kilometer westlich von Dresden und 17 Kilometer nordwestlich von Freiberg.
Hainichen liegt 304 m ü. NHN und umfasst 51,74 km². Am 31. Dezember 2025 hatte die Stadt 8154 Einwohner; die Bevölkerungsdichte betrug 158 Einwohner je km². Zu den Verwaltungsdaten gehören die Postleitzahl 09661, die Vorwahl 037207 und der Gemeindeschlüssel 14 5 22 230.
Zum Stadtgebiet gehören neun Ortsteile beziehungsweise Ortschaften: Bockendorf, Cunnersdorf, Eulendorf, Gersdorf/Falkenau, Riechberg/Siegfried und Schlegel; außerdem gehören Berthelsdorf, Crumbach und Ottendorf zur Stadt, ohne einer Ortschaft zugeordnet zu sein. Nachbargemeinden sind Rossau, Striegistal, Frankenberg, Oederan und Oberschöna.
Geologisch liegt Hainichen im Nordosten der Vorerzgebirgs-Senke, einem im Unterkarbon entstandenen intramontanen Sedimentbecken mit Sand- und Tonvorkommen sowie Steinkohleflözen. Die Steinkohle erwies sich als nicht abbauwürdig. Lehm wurde bis 2008 abgebaut und zu Ziegeln gebrannt.
Von der Gründung zur Industriestadt
Hainichen wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von fränkischen Siedlern als Waldhufendorf gegründet. 1276 ist der Ort erstmals als Marktflecken villa forensis Heynichen urkundlich erwähnt; 1282 wird Hainichen zusammen mit Frankenberg als Stadt bezeichnet. Die Stadt gehörte zunächst der Familie von Honsberg, später der Familie von Maltitz und ab 1446 der Familie von Schönberg. Die Grundherrschaft wechselte später vom Rittergut Oberschöna zum Rittergut Wingendorf. Am 1. Februar 1851 erhielt Hainichen städtische Rechte, und die Gerichtsherrschaft ging auf den sächsischen Staat über.
Tuchmacher und Leineweber prägten Hainichen früh. Der Innungsartikel der Tuchmacher wurde 1481 ausgestellt; das Tuchmacherhaus von 1784 erinnert an diese Tradition. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Hainichen für Flanell- und Friesstoffe bekannt. Um 1859 gab es Woll-, Baumwoll- und Leinenspinnereien, Putzwarenfabriken, eine Gerberei und Wollhandel. Um 1885 bestanden 22 Spinnereien, 2000 Webstühle, Färbereien und Bleichen sowie Leder-, Lederlack-, Chenille- und Plüschfabriken.
Die Stadt wurde mehrfach schwer getroffen. 1607 starben 682 Mitglieder der Kirchgemeinde an der Pest. Ein Stadtbrand zerstörte 1644 70 Häuser, das Rathaus, die Kirche, das Pfarrhaus und die Schule. Am 23. April 1800 wurde Hainichen von einem Tornado der höchsten Klasse F5 nach der Fujita-Skala getroffen; damit gehört der Fall zu den beiden einzigen bisher bekannten F5-Fällen in Deutschland. Beim Stadtbrand vom 14. Juli 1832 verbrannten 194 Wohnhäuser, 130 Hintergebäude, die Schule, das Rathaus und das Hospital. Beim Wiederaufbau entstanden am Markt die charakteristischen Heisten.
Die Industrialisierung wurde durch die Bahnstrecke Roßwein–Niederwiesa unterstützt. Der Abschnitt Niederwiesa–Frankenberg–Hainichen wurde 1869 eröffnet und 1874 bis Roßwein verlängert. Von 1900 bis 1934 bestand außerdem ein Technikum, an dem bis zu 400 Studenten Maschinenbau oder Elektrotechnik studierten. Seit 1933 wurde die Automobilindustrie wichtig: Die Kleinlastwagenproduktion der Framo-Werke wurde aus Frankenberg nach Hainichen verlegt.
Diktatur, Krieg und DDR-Zeit
Von 4. April bis 13. Juni 1933 bestand im Volks- und Sportheim an der Oederaner Straße ein frühes SA-Internierungslager. Zwischen 200 und 300 Männer, darunter Sympathisanten, Mitglieder und Funktionäre linker Parteien, wurden dort festgehalten und anschließend in die Konzentrationslager Sachsenburg und Colditz gebracht.
Vom 2. September 1944 bis 30. April 1945 bestand in Hainichen ein Frauen-Außenlager des KZ Flossenbürg. 500 jüdische Frauen aus Ungarn und Polen waren in der ehemaligen Nadelfabrik an der Frankenberger Straße untergebracht und mussten in den Framo-Werken Zwangsarbeit leisten. Mindestens 20 KZ-Häftlinge starben in Hainichen. Im Frühjahr 1945 gab es außerdem im Goßberger Wald ein SS-Lager für etwa 1500 weibliche Häftlinge. Weitere Frauen und Männer aus besetzten Ländern arbeiteten als Zwangsarbeiter, mindestens vier von ihnen starben in Hainichen. Am 7. Mai 1945 wurde die Stadt von Einheiten der Roten Armee wohl weitestgehend kampflos übernommen.
Nach 1945 wurden die Framo-Werke als Reparationsleistung vollständig demontiert. 1946 begann die Herstellung von Haushaltsgütern und Kfz-Ersatzteilen; 1949 wurde die Fahrzeugproduktion wieder aufgenommen. 1957 entstanden aus den Framo-Werken die VEB Barkas-Werke. Von 1961 bis 1991 wurden in Hainichen Barkas B 1000 als Kleinlasttransporter und Minibusse endmontiert.
Hainichen war von 1952 bis 1990 Sitz des Kreises Hainichen im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Am 7. und 8. Oktober 1989 löste die Volkspolizei Demonstrationen zunächst von knapp 20, später von etwa 150 Personen gewaltsam auf. Mindestens 30 Menschen wurden festgenommen, mindestens sieben in das Gefängnis auf dem Kaßberg in Karl-Marx-Stadt überführt. Aufgrund des anhaltenden öffentlichen Drucks wurden die Gefangenen am 12. und 13. Oktober 1989 freigelassen. Am 2. November 1989 entstand eine Untersuchungskommission; es gab mindestens acht Anklagen gegen Volkspolizisten und vier Verurteilungen.
Entwicklung seit 1990 und Bevölkerung
1991 wurde die Barkas-Produktion eingestellt; der Maschinenpark wurde demontiert. 1994 wurde der Kreis Hainichen aufgelöst, und die Stadt verlor ihren Status als Kreisstadt. Sie gehörte zunächst zum Landkreis Mittweida, der 2008 im Landkreis Mittelsachsen aufging. 2008 wurde das kommunale Wohnungsunternehmen HWG mit 1100 Wohnungen und etwa 78.100 m² Wohnfläche verkauft. Der Preis wurde auf 3 bis 4 Millionen Euro beziehungsweise unter Einbeziehung der Altschulden auf 22 bis 24 Millionen Euro geschätzt.
Die Einwohnerzahl stieg von etwa 680 im Jahr 1551 über 4623 im Jahr 1834 und 8331 im Jahr 1871 auf 11.984 im Jahr 1950. 1990 hatte Hainichen 9149 Einwohner, 1994 nach Eingemeindungen 10.461 und 1999 10.266. Danach sank die Zahl auf 9131 im Jahr 2008 und 8531 im Jahr 2020. Unter Einbeziehung der später eingemeindeten Ortsteile verlor Hainichen von 1990 bis 2008 17 % seiner Einwohner.
Die Stadt wird als schrumpfende Stadt mit Geburtendefizit und Migrationsdefizit beschrieben. Eine Prognose der Bertelsmann-Stiftung erwartete für 2025 etwa 7500 Einwohner beziehungsweise genau 7554 in der Prognosetabelle. Die Prognose des Statistischen Landesamtes lag für 2010 bei 9000 bis 9100 und für 2020 bei 8200 bis 8500 Einwohnern.
Die Eingemeindungen erfolgten in mehreren Schritten: Berthelsdorf, Crumbach und Ottendorf kamen am 1. Juli 1950 hinzu; Falkenau wurde am 1. Januar 1979 nach Gersdorf eingemeindet; Bockendorf, Cunnersdorf, Eulendorf, Gersdorf und Riechberg mit Siegfried folgten am 1. Januar 1994; Schlegel kam am 1. Januar 1999 hinzu.
Hainichen war traditionell protestantisch geprägt. 1925 waren 92 % der Bevölkerung evangelisch, 2 % katholisch; eine jüdische Gemeinde umfasste 14 Personen. Heute ist eine Mehrheit konfessionslos. Die evangelisch-lutherische Trinitatis-Kirche wurde 1899, die katholische Sankt-Konrad-Kirche 1936 erbaut. Mit 72 m ist die Trinitatis-Kirche das höchste Gebäude der Stadt.
Politik, Kultur und Gedenken
Oberbürgermeister ist Dieter Greysinger (SPD), der seit dem 1. Dezember 2004 amtiert und am 28. September 2025 mit 96,2 % bestätigt wurde. Bei der Stadtratswahl am 9. Juni 2024 erhielten die Freien Wähler Hainichen 35,2 % und sechs Sitze, die CDU 26,9 % und fünf Sitze, die SPD 17,6 % und drei Sitze, Bündnis Dorf Stadt 14,8 % und drei Sitze sowie Die Linke 4,2 % und einen Sitz. Die Grünen erhielten 1,4 % und keinen Sitz. Die Wahlbeteiligung betrug 67,7 %.
Hainichen wird auch Gellertstadt genannt, weil hier der Fabeldichter und Hochschullehrer Christian Fürchtegott Gellert geboren wurde. Weitere wichtige Persönlichkeiten der Stadtgeschichte sind der Mineraloge Christlieb Ehregott Gellert und Friedrich Gottlob Keller, der als Erfinder des Holzschliffs gilt. Das Gellert-Museum befindet sich im Parkschlößchen; außerdem gibt es eine Camera Obscura, eine von ungefähr 30 weltweit begehbaren Anlagen dieser Art.
Zu den bedeutenden Bauwerken gehören das Herfurthsche Haus, die Trinitatiskirche, das 1784 errichtete Tuchmacherhaus und königlich-sächsische Meilensteine an der B 169 in Falkenau sowie in Schlegel-Juchhöh. Der Stadtpark besteht seit 1899 und besitzt ein Wildgehege, eine Blumenuhr, das Gellertmuseum und einen Steinkohlestollen. Das Landschaftsschutzgebiet Striegistäler gehört ebenfalls zu den genannten Sehenswürdigkeiten.
An das nationalsozialistische Unrecht erinnern unter anderem eine Gedenkanlage für Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus auf dem Karl-Marx-Platz, Grabstätten für Zwangsarbeiter sowie eine Grabstätte für 16 jüdische Frauen-Häftlinge, die im April 1945 bei einem Todesmarsch ermordet wurden. Auf dem Friedhof in Berthelsdorf sind vier unbekannte KZ-Häftlinge bestattet.
Hainichen unterhält Städtepartnerschaften mit Dorsten in Nordrhein-Westfalen, deren Vereinbarung 1990 unterzeichnet wurde, und mit Úštěk in Tschechien seit dem 18. April 2019. Der in Hainichen geborene Filmemacher Rainer Simon drehte Teile des DEFA-Films Fernes Land Pa-isch (1993/94) in der Stadt.
Verkehr, Einrichtungen und Sport
Hainichen ist über die Anschlussstelle 73 der Bundesautobahn 4 und die Bundesstraße 169 erreichbar. Die Stadt gehört zum Tarifgebiet des Verkehrsverbunds Mittelsachsen. Chemnitz ist mit der Regionalbahn C15 der City-Bahn Chemnitz im Stundentakt erreichbar. Der Abschnitt der Bahnstrecke Roßwein–Niederwiesa bis Hainichen wurde 2004 nach einer Rekonstruktion wiedereröffnet. Der Abschnitt Roßwein–Hainichen durch das Striegistal war 2001 stillgelegt und für einen Radwanderweg demontiert worden. Seit der ersten Stufe des Chemnitzer Modells gibt es umsteigefreie Verbindungen bis in die Chemnitzer Innenstadt.
In Hainichen befinden sich eine Zweigstelle des Amtsgerichts Döbeln und eine Geschäftsstelle der Bundesagentur für Arbeit. Zu den Sportvereinen gehören unter anderem der Kegelsportverein Hainichen 92, der Hainichener Fußballverein Blau/Gelb 46, der Motor Sport Verein MSV Hainichen, der Radsportverein Hainichen, SV Motor Hainichen und ATV1848 Hainichen.
Sportanlagen sind ein Sportzentrum mit Lehrschwimmhalle, ein Freibad mit 50-m-Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken, eine automatische 4-Bahn-Kegelanlage sowie eine Radrennstrecke im Rossauer Wald.