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Hörtypologie
Als Hörtypologie, oder auch Hörertypologie, wird in der Musikwissenschaft der Versuch bezeichnet, die unterschiedliche Art und Weise des musikalischen …
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Begriff und Ziel
Eine Hörtypologie oder Hörertypologie versucht in der Musikwissenschaft, unterschiedliche Arten des musikalischen Hörens in Typen einzuordnen. Solche Modelle gehen von der Annahme aus, dass Menschen Musik nicht alle auf dieselbe Weise wahrnehmen, verstehen, bewerten oder nutzen. Ausgehend von westlich-antiken Typenlehren der Psychologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstanden besonders in der westlichen Musikwissenschaft des 20. Jahrhunderts verschiedene Typologien.
Frühe Modelle des musikalischen Hörens
Friedrich Rochlitz beschrieb 1799 vier Typen: Musikhörer aus Eitelkeit und Mode, Hörer, die nur mit den Ohren hören, solche, die ausschließlich mit dem Verstand hören, sowie Menschen, die mit der ganzen Seele hören.
Heinrich Besseler verband 1925 Hörstile mit Epochen der Musikgeschichte. Renaissance-Musik ordnete er dem „vernehmenden Hören“, Barockmusik dem „verknüpfenden Hören“ zu. Für klassische Musik nannte er „aktives Hören“, für romantische Musik „passives Hören“.
Richard Müller-Freienfels unterschied 1936 unter anderem den Sensoriker, der stark auf Klang bezogen ist, den motorischen Typ, den imaginativen Typ mit Bildern und Fantasien zur Musik, den reflektierenden Typ und den emotionalen Typ, der Musik konzentriert miterlebt.
Albert Wellek unterschied 1939 nach psychologischen Kriterien einen linear-analytischen, verstandesbetonten Typus, einen polar-zyklischen, gefühlsbetonten Typus und einen gestaltungskräftigen Typus. Hörtests zu Intervallen, also Tonabständen, bezogen auch absolutes und relatives Gehör ein. Der lineare Typ beurteile Intervalle nach ihrer Distanz und verwechsle daher eher benachbarte Töne. Der polare Typ beurteile sie nach ihrem Konsonanzgrad und neige zur Verwechslung von Oktave, Quinte und Quarte. Der gestaltungskräftige Typ verbinde beide Formen. Wellek setzte den linearen Typ mit stärker polyphonen Formen, den polaren Typ mit kantablem Melos und harmonisch betonter Musik in Beziehung. Seine nicht empirisch weiter untersuchte Zuordnung des linearen Typs zu Norddeutschen und des polaren Typs zu Süddeutschen beziehungsweise Österreichern ist mit nationalsozialistischem Rassendenken verknüpft.
Adornos Typen musikalischen Verhaltens
Theodor W. Adornos Typologie von 1962 ist die bekannteste. Für ihn hängt die Art des Hörens von Musiktheoriekenntnissen, Vertrautheit mit Musikarten und Besonderheiten der Wahrnehmung ab. Anders als empirische Untersuchungen, die Vorlieben, Abneigungen und Gewohnheiten erfassen, bewertet Adorno die Angemessenheit des Hörens bezogen auf das jeweilige Werk. Seine Reihe reicht von „voller Adäquanz“ bis zu „gänzlichem Unverständnis“.
Der seltene Experte, am ehesten ein Berufsmusiker, kann aus bereits Gehörtem auf Kommendes schließen, versteht Kompositionstechnik und folgt dem Gedanken des Komponisten. Gute Zuhörer können Musik charakterisieren, interpretieren und beurteilen sowie Stil hören, kennen aber die Technik nicht. Adorno vergleicht dies mit Menschen, die eine Sprache gut sprechen und Fehler hören, diese jedoch ohne Grammatikkenntnisse nicht erklären können. Er sieht diesen Typ besonders im aristokratischen Kunstliebhaber des 19. Jahrhunderts.
Der Bildungskonsument hört viel, ist informiert und nimmt am Musikleben teil, kann musikalischen Strukturen aber nicht wirklich folgen. Sein Interesse richte sich oft auf Persönlichkeiten, Biografisches oder Brillanz der Aufführung; das Verhältnis zur Musik habe etwas Fetischistisches. Der emotionale Hörer erlebt starke Gefühle und lebt über Musik sonst verdrängte Gefühle aus. Die musikalische Struktur trete zurück; nach Adorno sei dieser Typ etwa durch klischeehafte Musik der Unterhaltungsindustrie leicht manipulierbar.
Der Ressentiment-Hörer identifiziert sich mit speziellen Musikrichtungen, verachtet die aktuelle Kulturindustrie und bevorzugt vergangene Musik in werktorientierter Aufführungspraxis. Adorno verbindet ihn mit einer reaktionären Weltanschauung und spielt dabei auf die damals beginnende Historische Aufführungspraxis an. Als Untertyp gilt der Jazz-Experte, der ebenfalls offizielle Musikkultur ablehnt, Musik als Ventil nutzt und nach Adorno bei einer Musik verharre, die hinter der Entwicklung der Neuen Musik zurückfalle.
Der Unterhaltungshörer nutzt Musik zur Ablenkung und zum Abschalten, ähnlich einer Reizquelle wie Alkohol oder Zigaretten. Er sei der häufigste und für die Musikindustrie wichtigste Typ. Gleichgültige, Unmusikalische und Antimusikalische seien eher selten; als Gründe nennt Adorno meist frühkindliche Erziehung zusammen mit technischen Spezialbegabungen. Diese Hörer seien realitätsnah.
Empirische und klangbezogene Ansätze
Hermann Rauhe entwickelte 1975 eine Typologie jugendlicher Popmusikhörer. Er unterscheidet zerstreute Rezeption, etwa bei Hintergrundmusik, motorisch-reflektorische Rezeption, assoziativ-emotionale und empathische Rezeption. Bei empathischem Hören werden Gefühle erlebt, zugleich wird Musik bewusst ausgewählt. Weitere Formen sind strukturelles beziehungsweise strukturell-synthetisches Hören, subjektorientiertes Hören als Suche nach dem eigenen Subjekt in der Musik sowie integratives Hören, das mehrere Hörweisen verbindet.
Klaus-Ernst Behne untersuchte in den 1980er-Jahren Musikpräferenzen von mehr als 1200 Schülerinnen und Schülern. Mittels Clusteranalyse, also einer statistischen Gruppierung ähnlicher Daten, fasste er verbale und klingende Präferenzen zu Typologien zusammen und entwickelte 37 Hörertypen.
Peter Schneider untersuchte 2006, ob Menschen klanglich eher den Grundton oder das Obertonspektrum wahrnehmen. Grundtonhörer fanden sich eher bei Schlagzeug, Gitarre, Klavier, Trompete, Querflöte oder Geige. Obertonhörer übten meist tiefe Streich-, Blech- oder Holzblasinstrumente, Orgel oder Gesang aus. Eine Korrelation zur Musikalität stellte Schneider nicht fest.
Kritik und spätere Verwendung
Vor allem Adornos Typologie wurde wegen ihrer stark wertenden Ordnung kritisiert. Diskutiert wurden insbesondere seine negativen Einschätzungen von Jazz und der Aufführungspraxis alter Musik sowie seine offensichtliche Verachtung von Jazz und Pop-Musik.
Seit den 1970er Jahren stehen meist empirisch untersuchte musikalische Präferenzen im Mittelpunkt. Im kommerziellen Bereich dienen solche Untersuchungen auch dazu, Radioprogramme für bestimmte Hörertypen zu gestalten; dabei zählt besonders die Verwertbarkeit von Vorlieben.
Das Institut für Demoskopie Allensbach untersuchte 1980 ebenso wie die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) musikalische Vorlieben. Die SRG nutzte Klangbeispiele und unterschied fünf Typen: den „volkstümlichen Typ“ (21 %), den „progressiven Typ“ (19 %), den „Rock-Pop-Typ“ (19 %), den „Vielhörer“ (26 %) und den „Klassik-Typ“. Der volkstümliche Typ bevorzugt alpenländische Volksmusik, hat eher geringe Schulbildung, nimmt nicht aktiv am Musikleben teil und ist eher älter. Der progressive Typ hört aktuellen Jazz und Avantgarde, spielt häufig ein Instrument, ist jünger und höher gebildet, lehnt aber viele Musikrichtungen ab. Der sehr junge, eher städtische Rock-Pop-Typ hört breit angelsächsische U-Musik, Folk, Rock und auch leichte Barockmusik. Vielhörer bevorzugen ein breites Spektrum von Schweizer Volksmusik über Operette bis zur aktuellen Unterhaltungsmusik und sind mit dem Rundfunkangebot zufrieden. Der Klassik-Typ hört Kunstmusik von Barock, Klassik und Romantik sowie weitere Sparten.
Die Untersuchungen betonen, dass Präferenzen differenziert betrachtet werden müssen: Sie können sich im Lebenslauf, im Tagesverlauf und je nach Situation verändern. Auch ein Klassik-Typ möchte nicht schon zum Frühstück Opern im Radio hören.