Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Absolutes Gehör
Als absolutes Gehör oder Tonhöhengedächtnis bezeichnet man die Fähigkeit eines Menschen, die Höhe eines beliebigen gehörten Tons ohne Hilfsmittel exakt zu …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Absolutes Gehör, auch Tonhöhengedächtnis genannt, ist die Fähigkeit, die Höhe eines beliebigen gehörten Tons ohne Hilfsmittel genau zu bestimmen. Die Person kann also seine Tonklasse innerhalb eines Tonsystems benennen, etwa C, Cis, D oder Dis, ohne zuvor einen Bezugston gehört zu haben. Welche neuronalen Zusammenhänge und Hirnfunktionen dies ermöglichen, ist weitgehend ungeklärt.
Die frühere Lehrmeinung, absolutes Gehör sei angeboren und nicht erlernbar, gilt seit etwa 2000 als überholt. Einige Kinder können die Fähigkeit innerhalb eines kritischen Zeitfensters bis zum Alter von sechs Jahren durch musikalische Erfahrung bewusst oder unbewusst erwerben.
Entstehung und Verbreitung
Als mögliche Ursache gilt intensiver Kontakt mit Musik in der frühen Kindheit. Von mehr als 1000 befragten Berufsmusikern, die bereits mit drei Jahren ein Instrument lernten, hatten 90 % ein absolutes Gehör; bei Beginn erst im Grundschulalter waren es 42 %. Eine andere Erklärung nimmt an, die Fähigkeit sei angeboren und bleibe durch das regelmäßige Hören gestimmter Instrumente erhalten.
Regelmäßiges Musiktraining könnte in den ersten drei bis fünf Lebensjahren den Vorrat bewusst erkennbarer Phoneme und Toneme um musikalische Töne erweitern. Dafür spricht, dass absolutes Gehör bei Kindern mit Muttersprachen häufiger vorkommt, bei denen die Melodie zur Worterkennung gehört. Die Erklärungen reichen jedoch nicht aus, um alle Fälle zu erklären. Nach einem neurowissenschaftlichen Ansatz besitzen nur wenige Personen ein genuin veranlagtes absolutes Gehör: Bei ihnen werden beim Hören Strukturen im Planum temporale des linken Schläfenlappens aktiviert.
2009 stellte Elisabeth Theusch einen Zusammenhang mit Genen auf Chromosom 8 bei Europäern und auf Chromosom 7 bei Asiaten fest. Ob diese Gene notwendig sind oder den Erwerb nur begünstigen, ist offen. Menschen mit Williams-Beuren-Syndrom, das auf einer genetischen Besonderheit von Chromosom 7 beruht, haben signifikant häufiger absolutes Gehör. Insgesamt gelten die Entstehungsbedingungen als komplex.
Häufigkeit bei Menschen und Tieren
Bei musikalischen Laien ist absolutes Gehör angeblich sehr selten. Nach Eckart Altenmüller besitzen etwa ein bis drei von 1000 Personen diese Fähigkeit; bei Berufsmusikern sind es etwa zehn Prozent.
Sprecher von Tonsprachen hören deutlich häufiger absolut. In einer Untersuchung in den USA hörten 52 Prozent der chinesischen Musikstudenten „absolut“. Im Standardchinesischen Mandarin verändert die melodische Kontur einer Silbe ihre Bedeutung. Mit dem Spracherwerb wird deshalb zugleich das Erkennen von Tonhöhen trainiert.
Auch bei Wölfen, Blauwalen, Mäusen, Fledermäusen und Vögeln wurde die Fähigkeit nachgewiesen. Bestimmte Tonhöhen können ihnen helfen, Sexualpartner und Beute zu identifizieren. Blauwale erkennen möglicherweise außerdem anhand des Dopplereffekts die Bewegungsrichtung einer Schallquelle.
Formen und Genauigkeit
Beim passiven absoluten Gehör kann die Höhe gehörter Töne angegeben werden. Aktives absolutes Gehör bedeutet, gewünschte Töne aus dem Stegreif singen zu können; es schließt das passive absolute Gehör ein und benötigt zusätzlich eine ausgeprägte musikalische Vorstellungskraft. Manche Sänger treffen unbewusst den Anfangston einer Melodie, ohne ihn benennen zu können. Instrumentalisten können nach jahrelanger Übung beispielsweise den Stimmton a ohne Stimmgabel exakt einstimmen oder singen. Eine schwächere Form kann durch Übung zum aktiven absoluten Gehör verbessert werden.
Weitere Formen sind Ton-Farb-Synästhesie, die dem passiven Absoluthören vergleichbar ist, sowie Fähigkeiten, bei denen nur ein einzelner Ton oder nur Tonarten absolut erkannt werden. Daher gibt es genau genommen nicht nur „das absolute Gehör“, sondern verschiedene absolute Gehörfähigkeiten.
Messung und relatives Gehör
Ob jemand absolut hört, hängt auch von der geforderten Genauigkeit ab. Einige erkennen Töne auf wenige Cents genau, andere nur auf einen Halbton, also hundert Cents. Training kann die Genauigkeit verbessern, Entwöhnung sie verschlechtern. Die Fähigkeit kann auf mittlere Frequenzen beschränkt oder von der Klangquelle abhängig sein: Bei selektivem absolutem Gehör werden etwa Klaviertöne, aber nicht Töne anderer Instrumente erkannt. Das kann trainiert werden. Experimente zeigen zudem, dass sich absolutes Gehör bis zu einem gewissen Grad an die jeweilige Stimmung, etwa den Kammerton, anpassen lässt. Im hohen Alter nehmen viele Musiker Töne als höher wahr, häufig um einen Halbton; die physiologischen Ursachen sind unbekannt.
Die meisten Menschen hören relativ: Sie beurteilen nicht die absolute Tonhöhe, sondern Intervalle, also den Abstand zwischen zwei Tonfrequenzen. Ein Relativhörer erkennt ein Intervall unabhängig von seinen absoluten Frequenzen. Menschen mit absolutem Gehör haben meist auch ein überdurchschnittlich gutes relatives Gehör. Relativhörer können jedoch durch das Auswendiglernen eines Referenztons, beispielsweise einer Stimmgabel, nicht lernen, Töne absolut zu erkennen.