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Höllensturz
Der Höllensturz, auch Engel(s)sturz genannt, ist ein zentrales Motiv hauptsächlich der christlichen Eschatologie sowie der Ikonografie der christlichen …
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Grundidee des Motivs
Der Höllensturz, auch Engelsturz oder Engelssturz genannt, ist ein zentrales Motiv vor allem der christlichen Eschatologie, also der Lehre von den letzten Dingen, und der Ikonografie der christlichen Kunst. Der Begriff bezeichnet nicht nur einen einzigen Vorgang, sondern drei grundsätzlich verschiedene Bedeutungen: den Fall eines Engels aus dem Himmel, den Sieg über den Teufel in der Apokalypse und die Verdammung der Sünder beim Jüngsten Gericht.
Wichtig ist deshalb, genau zu unterscheiden, worauf sich das Motiv jeweils bezieht. Es kann um einen abtrünnigen Engel gehen, der wegen seiner Auflehnung von Gott aus dem Himmel vertrieben wird. Es kann um den endzeitlichen Kampf gegen den Teufel gehen, wie ihn die Offenbarung des Johannes beschreibt. Oder es kann um Menschen gehen, die beim Jüngsten Gericht nicht gerettet, sondern verdammt werden.
Der gefallene Engel
Die Vorstellung eines gefallenen Engels findet sich im Neuen Testament, in christlichen Deutungen des Alten Testaments, in apokryphen Büchern und im Koran. Gemeint ist ein Engel, der sich gegen Gott stellt und dafür aus dem Himmel vertrieben wird. Dieser Engel wurde häufig mit Luzifer, Iblis, Samael oder mit Satan, dem Teufel, verbunden. In Lk 10,18 heißt es, Satan sei „vom Himmel gefallen“.
Als Gründe für den Fall werden verschiedene Motive genannt. Ein Motiv ist das Streben nach Gottgleichheit: In Jesaja 14,12–14 wird der König von Babylon angesprochen, der sich über Gott erheben wollte; in christlichen Interpretationen wurde er mit einem Engel identifiziert. Im ismailitischen Werk Umm al-kitāb aus dem 8. Jahrhundert stellt sich der Erzengel Asasel wegen seiner Fähigkeit, eigene Welten zu erschaffen, Allah gleich und wird in niedere Sphären verbannt. Auch die Koranexegese deutet Iblis’ Weigerung, sich vor Adam zu verneigen, als Anspruch auf göttliche Autorität, wobei Iblis sich nicht direkt gegen Gott erhebt, sondern Sünder dazu auffordert, seinen Anweisungen statt denen Allahs zu folgen.
Ein weiteres Motiv ist Stolz. Ezechiel 28,12–18 spricht in einer Strafpredigt gegen den König von Tyros von einem „glänzenden, schimmernden Cherub“, dessen „Herz sich hob ob seiner Schönheit“. Als Folge entweiht er durch „Missetat“ und „unrechten Handel“ sein Heiligtum.
Ein drittes Motiv ist die Weigerung, dem Menschen Respekt zu erweisen. Nach dieser Lehre befiehlt Gott den Engeln nach der Erschaffung des Menschen, vor ihm niederzuknien. Einige weigern sich, weil der Mensch aus niedrigerem Stoff gemacht sei. Biblische Belege dafür gibt es nicht; der Ursprung liegt wahrscheinlich im apokryphen Leben Adams und Evas aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Auch das Bartholomäusevangelium schildert, dass Satan den aus Materie geschaffenen Menschen nicht ehren will, weil er selbst aus Feuer geschaffen sei. Im Koran verweigert Iblis in Sure 38,72 dem Menschen die Reverenz, weil er aus Feuer, der Mensch aber nur aus Lehm geschaffen sei; daraufhin wird er verbannt.
Weitere Erklärungen betonen die Willensfreiheit. Nach Origenes konnten Engel durch ihre Freiheit von Gott abfallen; manche wurden zu Menschen oder Dämonen, konnten aber durch Tugend und gottgefälliges Leben zurückkehren. Origenes wurde wegen solcher Lehren beinahe als Häretiker exkommuniziert. Augustinus von Hippo erklärt das Böse als Folge der Willensfreiheit. Da Engel geistige Wesen sind, geschieht ihre Sünde nach ihm im Geist. Ihre Entscheidung gilt als einmalig: Gefallene Engel können nicht bereuen, und Gottes Engel können nicht sündigen.
Das apokryphe Buch Henoch nennt sexuelle Lust als Ursache. Die Grigori, eine Engelgruppe, sollten den Erzengeln bei der Schaffung des Gartens Eden helfen, verliebten sich aber auf der Erde in Menschentöchter, verrieten himmlische Geheimnisse und zeugten die Nephilim, ein Riesengeschlecht. Gott verstieß die Grigori aus dem Himmel, nahm ihnen die Unsterblichkeit und verwandelte sie in Dämonen; die Sintflut sollte auch die Nephilim auslöschen. Eine ähnliche islamische Erzählung betrifft Harut und Marut, die in Menschengestalt auf die Erde gesandt wurden, dort der Lust verfielen und wegen Unzucht und Mord nicht in den Himmel zurückkehren durften.
Diese Motive können sich mischen. In John Miltons Paradise Lost rebellieren Satan und ein Drittel der Engel gegen Gott, nachdem Gott seinen Sohn als Herrscher eingesetzt hat. Nach einem drei Tage dauernden Kampf vertreibt Gottes Sohn die ungehorsamen Engel aus dem Himmel. Satan rächt sich später, indem er die Menschen zum Essen der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis verführt.
Apokalyptischer Kampf gegen den Teufel
Der Höllensturz kann sich auch auf Vorgänge am Ende der Zeiten beziehen. In dieser Bedeutung geht es nicht um eine Urgeschichte des gefallenen Engels, sondern um den Sieg über den Teufel in der Apokalypse.
In der Offenbarung des Johannes erscheint ein Drache, der in Offb 12,9 ausdrücklich mit dem Teufel identifiziert wird. Er hat „sieben Häuptern und zehn Hörnern“, fegt mit seinem Schwanz ein Drittel der Sterne hinweg und bedroht das Kind des Weibes. Danach beginnt ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpfen gegen den Drachen und seine Engel. Der Drache verliert seinen Platz im Himmel und wird auf die Erde gestürzt. Mit ihm werden auch seine Engel hinabgeworfen. Der Drache wird als „die alte Schlange“, „Teufel“ oder „Satan“ beschrieben, der die ganze Welt verführt.
Offb 20,2 ff. führt dieses Motiv weiter. Der Drache, „die alte Schlange – das ist der Teufel oder der Satan“, wird überwältigt und für tausend Jahre gefesselt. Er wird in den Abgrund geworfen, dieser wird verschlossen und versiegelt, damit der Drache die Völker nicht mehr verführen kann, bis die tausend Jahre vollendet sind. Danach soll er für kurze Zeit freigelassen werden. Am Ende wird der Teufel, der Verführer, in den „See von brennendem Schwefel“ geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind; dort werden sie „Tag und Nacht“ gequält, „in alle Ewigkeit“.
Verdammung beim Jüngsten Gericht
Die dritte Bedeutung des Höllensturzes betrifft nicht Engel oder den Teufel, sondern die Verdammung von Menschen beim Jüngsten Gericht. Sie ist das Gegenstück zur Aufnahme der Gerechten ins Paradies. Im Christentum ist diese Vorstellung besonders in Offb 20,12 ff. verankert: Die Toten werden „gerichtet nach der Schrift in den Büchern, nach ihren Werken“. Wer nicht im Buch des Lebens gefunden wird, wird „in den feurigen Pfuhl“ geworfen.
Innerhalb des Christentums gibt es unterschiedliche Deutungen. Katholiken und Arminianer betonen die Hoffnung des Einzelnen auf Erlösung durch eigene Werke, durch die Gnadenmittel der Kirche wie die Taufe, durch den eigenen Glauben und durch die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes. Dabei spielt die Freiheit des Menschen eine Rolle, sich für sein zukünftiges Schicksal eigenverantwortlich zu entscheiden.
Calvin und Calvinisten vertreten dagegen, gestützt auf Augustinus und unter anderem nach der Synode von Dordrecht, eine Prädestinationslehre: Nur ein Teil der Menschheit sei von Anfang an von Gott zur Erlösung vorgesehen und werde tatsächlich erlöst; der Rest falle der ewigen Verdammnis in der Hölle anheim. Diese Lehre wird mit dem Akronym TULIP zusammengefasst: Total Depravity, Unconditional Election, Limited Atonement, Irresistible Grace, Perseverance of the Saints, auf Deutsch völlige Verderbtheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Sühne, unwiderstehliche Gnade und Beharrlichkeit der Heiligen. Der verdammte Teil der Menschheit wird als „massa perditionis“ bezeichnet, lateinisch für „Masse der Verderbtheit und Verlorenheit“.
Damit verbunden ist die Lehre von der Erbsünde, die nach kirchlicher Lehre durch Adam alle Menschen betrifft, außer Jesus und nach katholischer Lehre Maria. Auch diese Vorstellung geht auf Augustinus zurück. Die Erbsünde kann nach dem Artikel nur durch Jesus Christus, den christlichen Glauben und/oder kirchliche Sakramente in der Taufe oder im abschließenden göttlichen Gericht zum Weltende beseitigt werden.
Im Islam gibt es ähnliche Gedanken, unter anderem in der 75. Sure des Korans, al-Qiyāma, „Die Auferstehung“. Im Judentum ist die Scheidung in „Sünder“ und „Gerechte“ weniger ausgeprägt. Jeder Mensch steht mit grundsätzlich reiner Seele vor der Entscheidung zwischen Gut und Böse. Sünder sind Menschen, die sich für das Böse entscheiden und Gottes Gebote nicht befolgen; Gerechte sind gottesfürchtige und ethisch handelnde Menschen, die den Nächsten lieben. Das gilt grundsätzlich für alle Menschen, nicht nur für Juden. Das Judentum kennt zwar ein Gehinnom, aber keine Hölle im christlichen Sinne. Verstöße gegen Gottes Gebot werden eher als „Trennung vom Volk“ verstanden. Zugleich lehrt das Judentum die Möglichkeit der Umkehr und Sühne im Vertrauen auf Gottes Liebe und Vergebung. Der jüdische Satan ist nicht der christliche Teufel oder die Personifizierung des Bösen, sondern Ankläger am göttlichen Gerichtshof und handelt nach Gottes Befehl.
Darstellung in der Kunst
In der christlichen Kunst ist der Höllensturz ein wichtiges Bildmotiv. Häufig wird der Kampf des Erzengels Michael gegen den Teufel oder der Sturz von Dämonen und Verdammten dargestellt.
Um 1500 schuf Albrecht Dürer in seiner Apokalypse-Serie einen Holzschnitt, der den heiligen Michael mit anderen Engeln zeigt. Sie greifen den Teufel in Gestalt gehörnten und geflügelten Drachen mit Schwertern, Lanzen und Bögen an. 1562 malte Pieter Brueghel der Ältere Der Sturz der rebellierenden Engel, heute in den Musées royaux des Beaux-Arts in Brüssel. Das Bild zeigt Gottes Engel in hellen Gewändern und Rüstungen vor einer strahlenden Sonnenscheibe, während sie groteske teuflische Wesen bekämpfen, die in der Art Hieronymus Boschs als Mischwesen aus Tieren und Monstern erscheinen.
Tintoretto malte 1592 eine weitere Darstellung, die heute in der Galerie der Alten Meister in Dresden hängt. Das Bild ist diagonal geteilt: unten links erscheinen Dunkelheit, der siebenköpfige Drache und feuerspeiende Furien; oben rechts herrschen Licht, der heilige Michael, ein weiterer Engel sowie Gottvater und Maria auf der Mondsichel. Die Lanze Michaels verbindet die beiden Bildhälften. Vereinzelt wird das Werk auch Tintorettos Sohn Domenico oder seiner Werkstatt zugeschrieben.
Peter Paul Rubens stellte den Erzengel Michael in Der Engelssturz als Ritter mit schimmernder Rüstung und rotem Mantel dar. Beschützt von Gottvater und unterstützt von Engeln stößt Michael ein schlangenartig gewundenes Ungeheuer in die Tiefe. Mit ihm stürzen auch von Teufel verführte Sünder. Weitere bekannte Darstellungen des Höllensturzes des Teufels stammen unter anderem von Raffael, Johann Michael Rottmayr, Giuseppe Castiglione, William Blake, Eugène Delacroix, Gustave Doré, Marc Chagall und Mahbuba Maqsoodi.
Der Höllensturz von Menschen erscheint meist als Teil von Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Besonders bekannt ist Michelangelos Jüngstes Gericht in der Sixtinischen Kapelle in Rom von 1541. Eine Ausnahme ist Rubens’ Der Höllensturz der Verdammten von 1620, ebenfalls in der Alten Pinakothek in München. Das Gemälde zeigt viele realistisch dargestellte menschliche Körper; 1959 wurde es bei einem Attentat mit Salzsäure beschädigt, später aber erfolgreich restauriert. Ein verwandtes Motiv außerhalb des Christentums ist der Höllensturz der Titanen aus der griechischen Mythologie, dargestellt von Giulio Romano im Saal der Giganten im Palazzo del Te in Mantua.