Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Schwabenkinder

Als Schwaben- bzw. Hütekinder wurden Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, der Schweiz und Liechtenstein bezeichnet, die von Beginn der Neuzeit bis ins …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Wer die Schwabenkinder waren
  2. 2. Beschwerliche Reise über die Alpen
  3. 3. Vermittlung auf den Kindermärkten
  4. 4. Arbeit, Schulpflicht und Schutzversuche
  5. 5. Erforschung und Erinnerung

Wer die Schwabenkinder waren

Als Schwaben- oder Hütekinder bezeichnete man Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, der Schweiz und Liechtenstein, die wegen der Armut ihrer Familien jedes Frühjahr durch die Alpen in fremde Arbeitsgebiete zogen. Hauptziel war Oberschwaben; weitere Einsatzorte lagen auf der Schwäbischen Alb sowie teilweise in Baden und Bayern. Dort wurden die Kinder vor allem an Bauern vermittelt und arbeiteten während der Saison als Hütejungen, Mägde oder Knechte.

Das sogenannte „Schwabengehen“ ist bereits für das 16. und 17. Jahrhundert belegt und erreichte im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Damals arbeiteten schätzungsweise jedes Jahr 5000 bis 6000 Kinder auf fremden Höfen. Ursache waren die sehr geringen Bodenerträge in den alpinen Herkunftsregionen. Viele Familien konnten ihre zahlreichen Kinder nicht ausreichend versorgen und schickten deshalb eines oder mehrere von ihnen zur Arbeit fort.

Beschwerliche Reise über die Alpen

Die meist 5- bis 14-jährigen Kinder mussten lange und anstrengende Wege nach Oberschwaben zurücklegen. Ein Teil überquerte Bergpässe wie den Arlberg, die im März gewöhnlich noch verschneit waren. Viele Kinder waren nur unzureichend gekleidet und trugen schlechtes Schuhwerk.

In der Regel führte ein Erwachsener, manchmal ein Priester, die Gruppe. Die Begleitperson organisierte unterwegs Schlafplätze, häufig in warmen Ställen, und handelte später auf den Märkten die Bedingungen und Preise aus. Der Bau der Arlbergbahn im Jahr 1884 erleichterte besonders den Tiroler Kindern die Reise.

Vermittlung auf den Kindermärkten

Die Kindermärkte in Oberschwaben fanden meistens um den Josefstag, den 19. März, statt. Bedeutende Marktorte waren Ravensburg, Friedrichshafen und Kempten. Bei Bedarf wurden Kinder auch in Wangen, Weingarten, Tettnang und Bad Waldsee vermittelt.

Viele Hütekinder reisten mit dem Schiff von Bregenz nach Friedrichshafen. Seit 1891 befand sich der dortige zentrale Markt in der Karlstraße. Kinder, die in Friedrichshafen keinen Dienstherrn fanden, fuhren mit der Bahn nach Ravensburg und versuchten dort, eine Stelle zu erhalten.

Die Arbeitssaison endete zu Simon und Juda Ende Oktober oder spätestens am Martinstag, dem 11. November. Anschließend kehrten die Kinder nach Hause zurück. Als Entlohnung brachten sie das sogenannte „Doppelt Häs“, also einen doppelten vollständigen Satz Kleidung von der Kopfbedeckung bis zu den Schuhen, sowie abhängig von Alter und ausgehandeltem Preis einige Gulden mit.

Arbeit, Schulpflicht und Schutzversuche

Für die jährliche Arbeit in der Fremde wurden die Kinder in ihren Heimatorten von der Schulpflicht befreit. Im Königreich Württemberg galt die seit 1836 bestehende Schulpflicht zunächst nicht für ausländische Kinder. Eine oberschwäbische Bauernlobby verhinderte bis 1921 die politisch wiederholt geforderte Ausweitung der Schulpflicht auf sie.

Um die Kinder vor willkürlicher Behandlung zu schützen, gründeten der ehemalige Pfarrer Venerand Schöpf und der Gemeindevorsteher Josef Anton Geiger aus Pettneu am Arlberg 1891 den Tiroler und Vorarlberger Hütekinderverein. Der Verein bestand bis 1915.

1908 berichtete die US-amerikanische Presse in einer Kampagne über das System; dabei wurde der Kindermarkt in Friedrichshafen unter anderem mit einem Sklavenmarkt verglichen. Die Kritik führte zu diplomatischen Aktivitäten bis in die Reichskanzlei in Berlin, veränderte die Lage der Kinder aber nicht. 1915 wurden die Kindermärkte abgeschafft, weil die Kinder während des Ersten Weltkriegs zu Hause als Ersatz für einberufene Soldaten arbeiten sollten. Das Schwabengehen ging erst 1921 rasch zurück, nachdem Württemberg die Schulpflicht auch für ausländische Kinder eingeführt hatte.

Erforschung und Erinnerung

Eine Datenbank dokumentiert für ungefähr 6000 Schwabenkinder die Herkunftsregionen sowie die Namen der Kinder und ihrer Dienstherren in Oberschwaben. Dadurch lassen sich die Aufnahmeorte von Kindern aus bestimmten Regionen und teilweise auch die Lebenswege einzelner Kinder untersuchen.

Zur öffentlichen Erinnerung tragen Literatur, Filme und Ausstellungen bei. Die Zeitschrift „Die Gartenlaube“ berichtete bereits 1866 unter dem Titel „Ein Kinderhandel“ über den Ravensburger Kindermarkt. Zu den späteren Darstellungen gehören Othmar Franz Langs Jugendroman „Hungerweg. Von Tirol zum Kindermarkt in Ravensburg“ von 1989 und Regina Lamperts 1996 veröffentlichte Lebenserinnerungen „Die Schwabengängerin. Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg 1864–1874“. Lamperts Selbstzeugnis verschaffte dem Thema erstmals breitere öffentliche Aufmerksamkeit. Elmar Bereuters Roman „Die Schwabenkinder. Die Geschichte des Kaspanaze“ erschien 2002; Jo Baier verfilmte den Stoff 2003 unter dem Titel „Schwabenkinder“, wobei die Filmhandlung von der Buchvorlage abweicht.

Dauerausstellungen befinden sich unter anderem im Bauernhausmuseum Wolfegg und im Vintschger Museum in Schluderns im Vinschgau. Weitere Ausstellungen entstanden in einem EU-Projekt unter Beteiligung Deutschlands, Italiens, Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins. Seit 2012 wurden in einem grenzüberschreitenden EU-Projekt außerdem historische Wege der Schwabenkinder erfasst. Wanderführer verbinden die Routenbeschreibungen mit geschichtlichen Informationen, Erlebnisberichten, Anekdoten, regionalen Hintergründen und Rezepten zu den damaligen gebietstypischen Essgewohnheiten.

Weiterlesen