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Guido Reil
Guido Thorsten Reil (* 19. Januar 1970 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Politiker (AfD) und ehemaliger Bergmann. Für seinen Übertritt von der SPD zur AfD …
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Person und Bedeutung
Guido Thorsten Reil, geboren am 19. Januar 1970 in Gelsenkirchen, ist ein deutscher Politiker der AfD und ehemaliger Bergmann. Bekannt wurde er bundesweit vor allem durch seinen Wechsel von der SPD zur AfD nach 26 Jahren Mitgliedschaft. Er begründete diesen Schritt mit seiner Kritik an der SPD-Politik während der Flüchtlingskrise. Von 2019 bis 2024 gehörte er dem Europäischen Parlament an.
Reil wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater wurde mit 31 Jahren Frührentner und Pflegefall, als Reil fünf Jahre alt war. Nach seinem Hauptschulabschluss mit 16 Jahren arbeitete Reil im Bergbau. Er machte zunächst eine Ausbildung zum Schlosser und war bis zur Schließung 2018 im Bergwerk Prosper-Haniel tätig, zuletzt als Steiger. Dort engagierte er sich auch als Gewerkschafts- und Betriebsratsmitglied. Reil ist mit einer Russin verheiratet.
Weg in der SPD
Reil kam aus einer SPD-geprägten Familie: Sein Vater und sein Großvater waren SPD-Mitglieder. Er selbst trat mit 20 Jahren in die Partei ein. Von 2004 bis 2014 war er Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Essen-Karnap. Seit der Kommunalwahl 2009 war er Ratsherr für Karnap im Essener Stadtrat.
Anfang 2016 organisierte Reil als SPD-Mitglied eine Demonstration gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Essen-Karnap, einem Stadtteil, der damals bereits einen hohen Migrantenanteil hatte. Die damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft intervenierte, woraufhin die Veranstaltung abgesagt wurde. Anfang Mai 2016 kandidierte Reil als stellvertretender SPD-Vorsitzender in Essen und forderte dabei eine Kurswende in der Flüchtlingspolitik. Nach eigenen Angaben wollte er damit auch die SPD retten. Zuvor hatte er sich in einem Interview kritisch geäußert und war bundesweit als SPD-Parteirebell in den Medien zitiert worden.
Nach einer heftigen Kontroverse mit dem Essener SPD-Vorsitzenden Thomas Kutschaty erhielt Reil bei der Wahl nur 21,5 Prozent der Stimmen. Am 11. Mai 2016 trat er nach 26 Jahren Mitgliedschaft aus der SPD aus. Im Juli 2016 trat er in die AfD ein. Als Begründung sagte er, er könne nicht mehr ertragen, wie sich seine Partei der Realität verweigere.
Politische Arbeit in der AfD
Für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2017 wurde Reil auf Platz 26 der AfD-Landesliste gesetzt. Er absolvierte mehrere Wahlkampfauftritte im Ruhrgebiet. Während des Wahlkampfs kam es zu Anschlägen Unbekannter auf sein Haus und auf das Auto seiner Ehefrau. Außerdem trat Reil in den Talkshows Hart aber fair und Markus Lanz auf.
Als Direktkandidat im Wahlkreis 65 Essen I-Mülheim II erhielt Reil 13,35 Prozent der Stimmen. Die AfD erreichte dort 13,11 Prozent der Zweitstimmen. In seinem Wohnort Essen-Karnap bekam die AfD 20,3 Prozent, im Stadtteil Vogelheim 22,1 Prozent der Zweitstimmen und wurde dort vor der CDU zweitstärkste Partei. In Altenessen und Bergeborbeck lag sie jeweils bei mehr als 15 Prozent.
Bei der Bundestagswahl im September 2017 trat Reil im Bundestagswahlkreis Essen II an. Er erhielt 15,8 Prozent der Erststimmen, seine Partei 15 Prozent der Zweitstimmen im Wahlkreis. Ein Bundestagsmandat erhielt er erwartungsgemäß nicht.
Auf dem 7. Bundesparteitag der AfD in Hannover vom 2. bis 3. Dezember 2017 wurde Reil als dritter Beisitzer mit 55,53 Prozent der Delegiertenstimmen in den Bundesvorstand gewählt. In seiner Bewerbungsrede nannte er die „Entdämonisierung“ der AfD als seine Aufgabe. Er sagte, der Partei würden zu Unrecht antidemokratische Umtriebe vorgeworfen; sie stehe auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung. Seine Themen im Bundesvorstand seien Arbeit und Soziales, und das Ruhrgebiet solle „zur Herzkammer der AfD“ werden.
Im Februar 2018 erklärte Reil gegenüber der New York Times, es gebe Pläne zum Aufbau einer bundesweiten AfD-nahen Gewerkschaft. Er kündigte eine Revolution besonders in der Automobilindustrie an. Für die Europawahl 2019 wurde er auf Listenplatz 2 der AfD hinter Jörg Meuthen gewählt. Sein Ziel nannte er die „Rettung des Ruhrgebiets“, die seiner Ansicht nach nicht von Essen oder Düsseldorf, sondern nur in Berlin oder Brüssel möglich sei, weil die EU immer neue Kompetenzen an sich reiße. Für die Europawahl 2024 wurde Reil nicht erneut auf einen AfD-Listenplatz gesetzt. Deshalb schied er im Juli 2024 aus dem Europaparlament aus.
Konflikte nach dem Parteiwechsel
Nach Reils Übertritt zur AfD betrieb der Essener Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt, die der SPD nahesteht, seinen Ausschluss. Reil war dort seit 25 Jahren Mitglied und einer der Initiatoren eines Seniorenbus-Fahrdienstes. Im Februar 2017 bestätigte das Schiedsgericht des AWO-Bezirks Niederrhein, im Oktober 2017 das Bundesschiedsgericht die zunächst auf ein Jahr befristete Aussetzung seiner Mitgliedschaft. Als Grund wurden unter anderem Reils Aussagen zur Integrationsfähigkeit von Menschen aus arabischen Kulturen und zum Zuzug von Sinti und Roma in Gelsenkirchen genannt. Diese Aussagen wurden als „rassistisch“ bewertet und als Widerspruch zu den Grundwerten der AWO beschrieben. Ein endgültiger Ausschluss sei abwendbar, wenn Reil „binnen Jahresfrist selbstkritisch von seinen Ansichten abschwöre“. Reil selbst sah seine Aussagen als Beschreibung der Realität und wollte Mitglied bleiben sowie das Seniorenbus-Projekt weiter unterstützen.
Zur gleichen Zeit begann ein Konflikt mit seinem Arbeitgeber RAG, ehemals Ruhrkohle AG. Reil blieb zwar als Steiger beschäftigt, durfte aber seine alte Abteilung nicht mehr führen. Stattdessen wurde er als Seilfahrtaufseher eingesetzt. Nach seinen Angaben hatte er dort wenig zu tun und verdiente wegen wegfallender Schichtdienste monatlich rund 2000 Euro weniger. Reil sah darin eine Degradierung wegen seines Parteiwechsels und klagte vor dem Arbeitsgericht Herne. Die Anwältin der RAG nannte dagegen „gesundheitliche Einschränkungen“ und die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers als Grund für die Versetzung. Vor Gericht bezweifelte die Richterin, ob der neue Einsatz „vertragsgerecht“ sei, und riet zu einer gütlichen Einigung.
Weitere Auseinandersetzungen
Am 1. Mai 2018 wollte Reil an einer Demonstration in Essen teilnehmen. Er und seine Personenschützer wurden von der Polizei angehalten. Bei einem Sicherheitsmann wurde Pfefferspray gefunden, dessen Mitführung bei Demonstrationen verboten ist. Die Polizei erteilte daraufhin der gesamten Gruppe einen Platzverweis. Reil widersetzte sich mit Worten und wurde in Polizeigewahrsam genommen. Eine Anwaltskanzlei erhob später in seinem Auftrag schwere Vorwürfe und kündigte eine Klage vor dem Verwaltungsgericht an. Nach ihrer Darstellung sei der Ausschluss des Sicherheitsmitarbeiters gerechtfertigt gewesen, nicht aber der Ausschluss der ganzen Gruppe. Die Polizei widersprach und sah den Eingriff als berechtigt an.
Im Juli 2017 wurde bekannt, dass Reil im Wahlkampf Geld oder Leistungen von Spendern aus der Schweiz angenommen hatte. Deutschen Politikern ist die Annahme von Spenden aus dem Nicht-EU-Ausland verboten; Ausnahmen gelten unter anderem für Einzelspenden unter 1000 Euro. Reil nahm als AfD-Kandidat bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017 und als Direktkandidat in Essen die Hilfe der Schweizer PR-Agentur Goal in Anspruch. Die von Alexander Segert geführte Agentur bot an, seinen Wahlkampf mit Plakaten im Essener Norden zu unterstützen. Die Agentur erklärte, die Kosten seien gedeckt, aber nicht von wem. Reil gab der Goal AG eine „Nutzungserlaubnis“ und schickte Fotos von sich in die Schweiz. Es kam zu einer juristischen Sanktionierung.
Veröffentlichungen
Reil veröffentlichte mehrere Bücher beziehungsweise Schriften. 2017 erschien „Wahrheit statt Ideologie: Was mir auf der Seele brennt“ im Berns photographie Verlag in Essen, ISBN 978-3-932177-22-4. 2020 folgte „Obdachlos in Europa“ bei der ID-Fraktion, also der Gruppe Identität und Demokratie, in Brüssel, ISBN 978-3-00-065868-6. 2021 erschien ebenfalls bei der ID-Fraktion in Brüssel „Abwärts in Europa“, ISBN 978-3-00-069589-6.