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Guanyin
Als eine der am meisten verehrten Figuren des ostasiatischen Buddhismus findet sie sich zahlreich in Ikonographie, Texten und praktizierter Religion.
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Guānyīn als Bodhisattva des Mitgefühls
Guānyīn (chinesisch 觀音 / 观音, Pinyin Guānyīn, W.-G. Kuan-yin) ist im ostasiatischen Mahayana-Buddhismus ein weiblicher Bodhisattva des Mitgefühls. Ein Bodhisattva ist eine Figur, die anderen Lebewesen auf dem Weg zur Befreiung hilft. Im Volksglauben wird Guānyīn außerdem als Göttin verehrt.
Sie ist die chinesische Variante von Avalokiteshvara, einer männlich dargestellten Erscheinungsform. In Japan heißt sie Kannon (観音), in Vietnam Quan Âm oder Quan Thế Âm Bồ Tát und in Korea Kwan Seum Bosal, auch Kwan-um oder Kwan-se-um. Ein älterer Name ist Guānzìzài (觀自在 / 观自在; japanisch Kanjizai, 観自在). Guānyīn gehört zu den am meisten verehrten Figuren des ostasiatischen Buddhismus und erscheint vielfach in Bildern, Texten und religiöser Praxis.
Entstehung und Darstellungen
Das Lotos-Sutra, eine wichtige Schrift des Mahāyāna-Buddhismus, wurde mehrfach ins Chinesische übertragen. Die bedeutendste Übersetzung vollendete Kumarajiva 406. Dabei wurde Avalokiteshvara als Guānshìyīn (觀世音 / 观世音) übersetzt. Guānyīn hat auch im Herz-Sutra eine zentrale Rolle. Der Name ist die Kurzform von Guānshìyīn und bedeutet „die Töne der Welt wahrnehmend“.
Zunächst stellte man Guānyīn in China männlich dar. Während der Táng-Dynastie (618 bis 907) trafen verschiedene Religionen intensiv aufeinander. Das wegen seines Mitgefühls beliebte Lotos-Sutra vermischte sich in der Volksfrömmigkeit mit vorhandenen Vorstellungen, darunter der daoistischen Göttin Xīwángmǔ, der Königinmutter des Westens. So entwickelte sich allmählich die „Göttin“ Guānyīn. Im Lotos-Sutra kann sie 33 Rollen annehmen, davon sieben weibliche. Vom 10. bis 13. Jahrhundert, in der Song-Dynastie, wurde sie besonders im Nordwesten Chinas zunehmend als Frau gezeigt. Im 12. Jahrhundert verbanden religiöse Zentren zudem ältere Göttinnen- und Heldengeschichten mit Guānyīn.
Viele Darstellungen folgen dem Bild Avalokiteshvaras: Viele Augen stehen dafür, Leid überall wahrzunehmen, viele Arme für Hilfe an allen Orten. Literarisch besitzt Guānyīn 1000 Augen und 1000 Arme. Die meisten Statuen der „1000-händigen“ Kannon (senju kannon) zeigen jedoch 42 Arme: zwei normale und 40 weitere. Nach dem Glauben gibt es 25 „Welten“; jeder der 40 Arme rettet Wesen in einer Welt, während 24 Welten nicht sichtbar sind. Daher ergibt sich 40 × 25 = 1000. In Japan ist auch die Jūichimen Kannon mit elf Köpfen verbreitet. Die Köpfe bedeuten, dass sie in alle Richtungen sehen kann. Solche Bilder drücken das Ideal einer Gottheit aus, die alles sieht und jedem hilft.
Legenden um Miào Shàn
Die bekannteste und für die Beliebtheit Guānyīns besonders wichtige Erzählung handelt von der Prinzessin Miào Shàn (妙善). Ihre als schlecht beschriebenen Eltern erkennen das Gute in ihr nicht. Trotz ihrer Schikanen bleibt sie auf dem rechten Weg, entsagt der Welt und geht in ein Kloster. Schließlich erkennen die Eltern ihre Größe und werden bessere Menschen. In manchen Fassungen gilt Miào Shàn als frühere Inkarnation Guānyīns.
Nach der Fassung von Rudolf Bayerl soll Miào Shàn, die Tochter eines chinesischen Fürsten, einen starken benachbarten Kriegsherrn heiraten. Sie lehnt dies trotz der Drohungen ihres Vaters ab, wäre aber bereit, einen Mann zu heiraten, der sich wie sie um arme und kranke Menschen kümmert, etwa einen Arzt. Als ihr Vater sie öffentlich töten lassen will, rettet der Herr des Himmels sie in Gestalt eines Tigers und bringt sie auf einen Berg. Dort erhält sie die Pille des ewigen Lebens und hilft fortan Menschen in Not.
Als ihr Vater schwer krank wird, kann ihm kein Arzt helfen. Ein alter Mönch erklärt, nur die freiwillige Spende von Augenlicht könne ihn heilen. Miào Shàn vergibt ihrem Vater und hilft ihm. Der Herr des Himmels stattet sie daraufhin mit hundert Armen, vielen Köpfen und vielen Augen aus, damit sie weiter helfen kann. In derselben Legende befreit sie den Sohn des Herrn des Meeres, der als prächtiger Fisch in ein Fischernetz geraten ist. Zum Dank erhält sie dessen schönste Perle. Deshalb wird Guānyīn beziehungsweise Miào Shàn häufig mit einer Perle dargestellt; ein Mädchen an ihrer Seite kann die Tochter des Herrn des Meeres darstellen.
Helferin am Meer und psychologische Deutung
An Chinas Küste bestanden zahlreiche, oft nur regional bedeutende Kulte um Meeresgöttinnen. Erzählungen von auf wunderbare Weise geretteten Reisenden oder Seeleuten werden heute mit Guānyīn als Helferin verbunden. Der Berg Pǔtuóshān auf der Insel Pǔtuó, 110 km vor Nìngbō an der Schifffahrtsroute von Japan nach Taiwan, war zunächst ein heiliger Berg des Daoismus. Im späten 14. Jahrhundert wurde er ein Zentrum der Guānyīn-Verehrung und ein heiliger Berg der Buddhisten.
In der Analytischen Psychologie nach Carl Gustav Jung gilt Guānyīn als besonders deutliche Ausprägung des Mutterarchetyps. Die Schöpferinnen-Erzählung betont außerdem die Notwendigkeit eines weisen und gütigen Herrschers: Solange Guānyīn bei den Geschöpfen auf der Erde lebt, zeigt sie ihnen das Zusammenleben und schlichtet Streit; nach ihrer Rückkehr in den Himmel entstehen Feindseligkeiten.