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Gottebenbildlichkeit
Die moderne Theologie geht aufgrund der Verwandtschaft der göttlichen Ebenbildlichkeit im Menschen mit dem „elterlichen“ Gott von einer Wesensaussage aus. Die …
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Grundidee und Bedeutung
Gottebenbildlichkeit (hebräisch צֶלֶם אֱלֹהִים, tzäläm elohim; griechisch εἰκὼν τοῦ θεοῦ, eikōn tou theou; lateinisch imago dei) ist die religiöse Vorstellung, dass der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen ist – ausdrücklich als Mann und Frau. Sie ist in mehreren Religionen zentral und gehört im Christentum zur theologischen Anthropologie, also zur Lehre vom Menschen vor Gott.
Die Deutung ist umstritten: Sie kann eine Aussage über das Wesen des Menschen, über seine Beziehung zu Gott oder über seine Aufgabe in der Welt sein. Moderne Theologie versteht sie häufig als Wesensaussage: Wegen seiner Verwandtschaft mit dem „elterlichen“ Gott könne der Mensch über die Natur herrschen (Dominium terrae). Andere Deutungen betonen gerade eine verantwortliche Stellvertretung statt unbegrenzter Macht.
Ein Grundproblem der christlichen Tradition ist der Sündenfall. Seit der Patristik wurde oft angenommen, die Ähnlichkeit mit Gott sei verlorengegangen, das innere Abbild Gottes aber erhalten geblieben. Luther betrachtete die Ebenbildlichkeit dagegen als durch den Sündenfall korrumpiert. Seit dem Renaissance-Humanismus wird sie oft zur theologischen Begründung der Menschenwürde herangezogen. Durch Säkularisierung verlor die Vorstellung in der Moderne außerhalb der Theologie an Bedeutung.
Königsideologie und biblische Grundlagen
Im Alten Orient wurde zunächst besonders der König als Abbild einer Gottheit verstanden. In Mesopotamien nennt eine mittelassyrische Siegeshymne Tukulti-Ninurta I. (1244–1208 v. Chr.) das „bleibende Abbild“ Enlils. Im Gilgamesch-Epos gestaltet die Göttin Aruru Enkidu nach einem in ihrem Herzen gebildeten Ebenbild des Gottes Anu aus Lehm.
Im Alten Ägypten galt der König als Gottes Sohn und konkretes, gegenwärtig machendes Bild Gottes. Statuen konnten die dargestellte Person am Ort der Statue gegenwärtig sein lassen; entsprechend sollte Gott im König auf Erden gegenwärtig sein. Die Aufgabe dieses Abbilds war Herrschaftsausübung. Daneben konnte der König Gott in Wesen und Handeln ähnlich sein; Privatleute konnten dies ebenfalls, aber in deutlich geringerem Grad.
In der hebräischen Bibel stehen die entscheidenden Aussagen in Gen 1,26f., Gen 5,1 und Gen 9,6. Gen 1,27 formuliert: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ Die Texte verbinden die Erschaffung des Menschen mit der Herrschaft über die Tiere und begründen in Gen 9,6 das Mordverbot mit dem Bild Gottes im Menschen.
Die Wörter ṣäläm und demût bedeuten ungefähr plastisches Abbild beziehungsweise Gleichheit; sie sind sprachlich fast gleichbedeutend und beide vergleichen Mensch und Gott. Der Plural „Lasset uns“ in Gen 1,26 wird unterschiedlich erklärt: als Einbeziehung himmlischer Wesen, Hoheitsplural oder Plural der Selbstaufforderung.
Neues Testament und jüdische Auslegungen
Im Neuen Testament bezeichnet εἰκών besonders Christus als Ebenbild Gottes: 2 Kor 4,4, Kol 1,15 und Hebr 1,3 beziehen den Begriff auf ihn. Zugleich wird der christliche Mensch auf die zukünftige Gleichgestaltung mit Christus bezogen, etwa in 1 Kor 15,49, 2 Kor 3,18 und Kol 3,10. Vereinzelt wird auch der natürliche Mensch als Gottes Bild bezeichnet: Jak 3,9 spricht von Menschen, „die als Abbild Gottes erschaffen sind“; 1 Kor 11,7 nennt den Mann Abbild und Abglanz Gottes, die Frau Abglanz des Mannes.
Vor- und außerrabbinische jüdische Deutungen sehen in der Ebenbildlichkeit vor allem Erkenntnis von Gut und Böse sowie die Fähigkeit zu ethischem, gesetzesgemäßem Handeln. Daraus folgt Verantwortung vor dem göttlichen Endgericht. Hellenistisch-jüdische Schriften, besonders das Buch der Weisheit, verbinden dies mit der Unsterblichkeit der Seele: Das endgültige Sein bei Gott steht mit einem gottgemäßen, tugendhaften Leben in Beziehung.
Philon von Alexandria unterscheidet Gott, den göttlichen Logos als direktes Bild Gottes und den Menschen. Der Mensch ist für ihn nicht selbst Bild Gottes, sondern „nach dem Bild“ geschaffen. Sein menschlicher Logos, seine Vernunft als mögliches Ideal, kann sich dem göttlichen Logos durch Selbsterkenntnis, Gelehrigkeit, Intuition oder Tugend angleichen.
Die rabbinische Auslegung erklärt den Plural in Gen 1,26 durch Dienstengel, damit Gottes Alleinsein gewahrt bleibt. Sie betont ethisches Handeln, Gerechtigkeit und Schutz der Mitmenschen. Mittelalterliche jüdische Aristoteliker sahen die Ebenbildlichkeit vor allem im entfalteten Intellekt; Maimonides verstand zelem als geistige Essenz und menschliche Vernunft, nicht als körperliche Ähnlichkeit. Spätere Kabbala bezog den Körper wieder ein, etwa durch die Analogie von zehn Fingern und zehn Sephiroth. Leo Baeck betonte schließlich Gleichwertigkeit, Individualität und Würde jedes Menschen.
Christliche Deutungen bis zur Reformation
Irenäus von Lyon unterschied Abbild (eikōn, imago) und Ähnlichkeit (homóiōsis, similitudo). Das Abbild sei ein bleibender, natürlicher Besitz des Menschen; die Ähnlichkeit sei durch den Sündenfall verlorengegangen. Rückkehr und endgültige Gottähnlichkeit seien nur durch die Gnade Christi möglich. Clemens von Alexandria, Origenes und Augustinus übernahmen diese Unterscheidung.
Augustinus verlegte das Bild Gottes in die mens, den vernunftbegabten Geist, nicht in den Körper. Er sah darin Spiegelungen der Trinität: sapientia beziehungsweise mens, notitia und dilectio entsprechen Vater, Sohn und Heiligem Geist; ebenso memoria, intellectus und amor beziehungsweise voluntas. Die durch den Sündenfall entstellte Ebenbildlichkeit mache den Menschen dennoch für Gott aufnahmefähig.
Die Scholastik verstand sie weithin als Grundlage der Gotteserkenntnis. Albertus Magnus unterschied die undeutliche „Spur“ Gottes in der Schöpfung vom Bild Gottes in der Seele. Bonaventura beschrieb einen Weg von der Betrachtung der Schöpfung über das Bild Gottes in den Seelenvermögen bis zur Betrachtung des durch Gnade erneuerten Bildes; ohne Christus sei dieser Weg nach dem Sündenfall nicht möglich. Thomas von Aquin sah den Menschen als Ursprung eigener Handlungen, ausgestattet mit freiem Willen. Das Bild Gottes zeige sich besonders im Verstehen (intellegere) und Wollen (velle) und bezeichne ein Ziel, nicht das Sein des Menschen.
Der Renaissance-Humanismus, besonders Giovanni Pico della Mirandola, verband Gottebenbildlichkeit mit der Würde und freien Gestaltungsfähigkeit des Menschen. Luther erklärte sie dagegen im status peccatoris infolge der Erbsünde für gänzlich verloren und nur in Christus künftig vollendet. Calvin und Melanchthon nahmen weiterhin Reste im menschlichen Intellekt und in Fähigkeiten gegenüber Tieren an.
Neuere Ansätze und Kritik
Im Deutschen Idealismus wurde Gottebenbildlichkeit dynamisch verstanden: Bei Herder und Hegel besteht ihr Sinn in einer Verähnlichung zu Gott und im Aufstieg zu einer höheren Stufe. Karl Barth deutete sie als Beziehung (analogia relationis), nicht als Vergleich zweier Seinsarten (analogia entis). Die Beziehung zu Gott entspreche der Beziehung zum Mitmenschen. Bonhoeffer verstand sie als „Freisein für Gott und den Anderen“, das durch Jesus Christus gestiftet wird; Gottgleichheit und Gottebenbildlichkeit seien strikt zu unterscheiden. Das Zweite Vatikanische Konzil nutzte das Motiv in Gaudium et spes für ein positives Menschenbild, Menschenwürde, soziale Existenz sowie Kenntnis und Liebe des Schöpfers.
Die heutige alttestamentliche Forschung deutet Gen 1,26f. häufig funktional: Die Königsideologie sei auf alle Menschen übertragen, die damit Stellvertreter Gottes auf Erden seien. Dieser Ansatz wird als „demokratisierte Königsideologie“ bezeichnet.
Feuerbach kritisierte die Lehre mit seiner Projektionstheorie: Der Mensch schaffe Gott nach seinem eigenen Bild; der menschgewordene Gott sei die Erscheinung des gottgewordenen Menschen. Die Evolutionstheorie Darwins stellte das Verständnis des Menschen als „Krone der Schöpfung“ in Frage. Theologische Gegenpositionen halten fest, Evolution erkläre höchstens sterbliche und biologisch übertragbare Merkmale, nicht den besonderen Gottesbezug, Liebe oder Altruismus.
Kritik am Herrschaftsauftrag, besonders durch Lynn Townsend White 1967 und Carl Amery 1972, sieht darin eine Ursache von Naturausbeutung und Anthropozentrismus. Alttestamentliche Exegese verweist dagegen darauf, dass כבש kabasch ein hirtenähnliches „Leiten“ bedeuten könne und Gen 2,15 „Bewahren und Bebauen“ fordere. Feministische Kritik richtet sich gegen die aus 1 Kor 11,7 abgeleitete Einschränkung der Ebenbildlichkeit von Frauen; 1 Kor 11,11f. und Gal 3,28 werden als Gegenakzente genannt.
Menschenwürde und Bioethik
Die Gottebenbildlichkeit gilt häufig als ideengeschichtliche Wurzel von Menschenwürde und Menschenrechten: Wenn jeder Mensch Gottes Bild ist, kommt jeder Person Würde zu. Diese Begründung ist jedoch umstritten. Walter Sparn bestreitet, dass es eine theologische Begründung der Menschenwürde gebe, und hält eine vorrangige Auslegung des säkularen Würdebegriffs durch Gottebenbildlichkeit für irreführend.
Die Gegenposition betont die theonome, also auf Gott bezogene, Prägung von Gleichheit, Freiheit, Lebensrecht und Brüderlichkeit vom 16. bis 18. Jahrhundert. John Locke leitete die Gleichheit der Menschen einschließlich der Gleichstellung der Geschlechter aus Gen 1,27f. ab. Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten begründete unveräußerliche Rechte wie „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ mit dem „Schöpfer“ (Creator). Neuere Rechtsphilosophen wie Ronald Dworkin und John Rawls leiten Rechte dagegen aus säkularen Voraussetzungen wie Autonomie, Vernunft oder „moral personality“ ab.
In der Bioethik verwenden Kirchen die Gottebenbildlichkeit als ökumenisches Fundament für Fragen moderner Biomedizin. Sie soll die Einmaligkeit, das Personsein und die Beziehung jedes Menschen zu Schöpfung und Schöpfer sichtbar machen. Die Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ von EKD und Deutscher Bischofskonferenz betont: Die Bezeichnung „Bild Gottes“ gilt nicht nur der Menschheit als Gattung, sondern jedem einzelnen Menschen; individuelle Besonderheit gehört wesentlich zum Menschsein.