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Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Senegal

Religion und geschlechtliche Vielfalt. Bearbeiten. Die senegalesische Gesellschaft ist muslimisch geprägt. 97,2 % der Bevölkerung gehören dem Islam an …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und historische Entwicklung
  2. 2. Verschärfung seit 2008
  3. 3. Strafrecht und fehlender Schutz
  4. 4. Gesellschaftliche Lage und Gewalt
  5. 5. Religion und kulturelle Darstellung

Überblick und historische Entwicklung

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ist im Senegal weder rechtlich anerkannt noch gesellschaftlich weithin akzeptiert. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen werden strafrechtlich verfolgt; auch positive öffentliche Darstellungen von Homosexualität, Bisexualität und Transsexualität sind strafbar. Dies prägt das Leben von LGBT+-Personen und drängt viele von ihnen in den gesellschaftlichen Untergrund.

Unter französischer Kolonialherrschaft galten der französische Code pénal und für die indigene Bevölkerung der Code de l’indigénat. Aus Dakar, damals Hauptstadt von Französisch-Westafrika, gibt es für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Berichte über ein reges LGBT-Leben. Rechtliche Einschränkungen für Homosexuelle begannen mit einer Verordnung vom Juni 1942, die Philippe Pétain als Chef des Vichy-Regimes unterzeichnete und die auf deutschem Vorbild beruhen soll.

Nach der Unabhängigkeit 1960 führte Senegal mit dem Gesetz 65-60 vom 21. Juli 1965 den Code pénal sénégalais (CPS) ein, der auch homosexuelle Handlungen kriminalisierte. Dennoch galt das Land vor 2008 als eines der gegenüber Homosexualität tolerantesten afrikanischen Länder. Als erstes französischsprachiges Land Afrikas richtete es öffentliche Gesundheitsprogramme für Männer mit homosexuellen Kontakten ein.

Verschärfung seit 2008

In den Jahren 2008 und 2009 nahm die Homophobie stark zu. Im August 2008 wurden zwei Männer wegen „gleichgeschlechtlicher Ehe und widernatürlicher Handlungen“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Einer von ihnen floh nach Südafrika. Weitere Festnahmen und Proteste gegen die Freilassung Beschuldigter lösten eine Verfolgungswelle aus. Abgeordnete aus Regierung und Opposition versuchten daraufhin, die Strafen zu verschärfen; unterstützt wurde dies durch konkurrierende muslimische Bruderschaften.

Am 6. Januar 2009 wurden neun im Kampf gegen AIDS tätige Senegalesen in einem Privathaus festgenommen, darunter Vertreter von AIDES. Wegen Bildung einer „kriminellen Vereinigung“ erhielten sie acht Jahre Gefängnis ohne Bewährung. Sexspielzeug und für die AIDS-Prävention verwendete Kondome sollen zur Verschärfung der Strafe beigetragen haben. Das Berufungsgericht in Dakar hob das Urteil auf; am 20. April 2009 kamen die Männer frei. Danach gründeten muslimische Religionsführer die Front islamique pour la défense des valeurs éthiques, die für jede wegen Homosexualität verurteilte Person die Todesstrafe forderte.

Präsident Macky Sall erklärte 2016, Homosexualität werde niemals legal sein, solange er Präsident sei. Im Dezember 2015 und im Oktober 2020 wurden Gruppen festgenommen, die privat an Zeremonien gleichgeschlechtlicher Eheschließungen teilgenommen hatten.

Ein 2021 von elf Abgeordneten eingebrachter Vorschlag sollte die Strafen erheblich verschärfen. Er wurde von „And Samm Jikko“ („Gemeinsam zur Bewahrung der Werte“) getragen, aber im Januar 2022 zunächst vom Präsidium der Nationalversammlung verworfen. Nach dem Aufruf eines Zusammenschlusses von 125 Anti-LGBT-Vereinigungen fanden ab dem 21. Februar 2022 in Dakar über Monate große Demonstrationen für die Verschärfung statt. Am 12. März 2026 verabschiedete das Parlament schließlich den geänderten Artikel 319 CPS; er trat am 27. März 2026 in Kraft.

Strafrecht und fehlender Schutz

Nach Artikel 319 CPS in der Fassung vom 27. März 2026 gelten sexuelle oder sexuell geprägte Handlungen zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts als „widernatürliche Handlung“. Dafür drohen 5 bis 10 Jahre Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 2.000.000 bis 10.000.000 CFA-Franc. Fünf Jahre sind die Mindestfreiheitsstrafe; eine Aussetzung zur Bewährung ist ausgeschlossen. Wird die Handlung mit einem Minderjährigen begangen, muss die Höchststrafe verhängt werden. Verurteilten werden außerdem nach Artikel 34 CPS die Bürgerrechte aberkannt.

Strafbar ist auch jede öffentliche Darstellung durch Wort, Schrift, Bild, Geste, Ton oder andere Mittel, die darauf abzielt, Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität oder eine vergleichbare Praxis zu fördern oder zu „verherrlichen“. Damit kann in der Praxis bereits eine nicht abwertende Darstellung erfasst werden. Die Darstellung von Homosexualität in öffentlichen Medien wird mit 2 bis 5 Jahren Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe von 500.000 bis 2.000.000 CFA-Franc bestraft.

Es gibt keinen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität. Eingetragene Partnerschaften und gleichgeschlechtliche Ehen werden ebenfalls nicht anerkannt.

Gesellschaftliche Lage und Gewalt

Schriftliche Quellen belegen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den Wolof-Begriff „Goor-jigeen“, wörtlich „Mann-Frau“. Wegen der Illegalität und des starken familiären, religiösen und gesellschaftlichen Drucks verbergen viele LGBT+-Personen ihre sexuelle Identität; ihnen kann auch Zwangsheirat drohen. Homosexualität wird häufig als aus dem Westen importiert dargestellt, und ihre Ablehnung gilt Teilen der Gesellschaft als moralische und patriotische Pflicht. Polizei und politische Persönlichkeiten dulden, tolerieren oder fördern nach Darstellung des Artikels Übergriffe.

Medien verstärken Homophobie durch sensationsorientierte, voreingenommene Berichte und Gerüchte über vermeintliche LGBT+-Personen. Internet und soziale Medien verbreiten solche Behauptungen zusätzlich und können Namen sowie Identitäten offenlegen. Am 17. Mai 2022 wurde beispielsweise ein mutmaßlich homosexueller Mann auf einem Markt von einer Menschenmenge angegriffen und beleidigt; ein veröffentlichtes Video machte seine Identität erkennbar.

LGBT+-Personen sind Drohungen, Mob-Angriffen, Raub, Vertreibung, Erpressung und Vergewaltigung ausgesetzt. 2014 lynchten Studenten einen Mann, der angeblich seinen Nachbarn an einem Urinal zu intensiv angesehen hatte. Im Mai 2022 wurde ein Mann wegen seiner Art und seines Kleidungsstils der Homosexualität verdächtigt, von einer großen Menge angegriffen und schwer verletzt. In mehreren Regionen wurden Beerdigungen von Goor-jigen gestört oder ihre Leichen aus Friedhöfen ausgegraben.

LGBT+-Vereinigungen können nicht legal gegründet werden. Dennoch setzt sich Sourire de femme für die Rechte von Lesben ein. Lesbische Frauen und schwule Männer organisieren sich meist getrennt; schwule Organisationen entstanden hauptsächlich zur Bekämpfung von AIDS.

Religion und kulturelle Darstellung

Senegal ist stark muslimisch geprägt: 97,2 % der Bevölkerung gehören dem Islam an. Religiöse Gruppen beeinflussen Fragen der öffentlichen Moral erheblich; insbesondere Sufi-Bruderschaften besitzen großen sozialen und politischen Einfluss. Im Juni 2022 forderte die römisch-katholische Bischofskonferenz dazu auf, die körperliche Unversehrtheit jedes Menschen zu achten. Zugleich lehnte sie eine Legalisierung von Homosexualität als unvereinbar mit traditionellen Werten und christlichen Überzeugungen ab. Im Januar 2024 weigerten sich die senegalesischen Bischöfe, gleichgeschlechtliche Paare ohne liturgischen Ritus zu segnen, obwohl die vatikanische Erklärung Fiducia supplicans vom Dezember 2023 dies zugelassen hatte. Sie bezeichneten Homosexualität als moralische Abweichung der heutigen Zeit.

Künstlerische Werke behandeln die schwule Lebenswelt und die Repression im Land. Dazu gehören Mohamed Mbougar Sarrs Roman De purs hommes („Reine Männer“) von 2018 und Valérian MacRabbits Les Pangolins de Dakar („Die Schuppentiere von Dakar“) von 2020. Der Film Karmen Geï von Joseph Gaï Ramaka überträgt Georges Bizets Oper Carmen in ein senegalesisches Umfeld und zeigt Karmen als verführerische, bisexuelle Kriminelle. Die homophob motivierte Exhumierung von Madièye Diallo wurde in Mame-Diarra Niangs Performance Éthérée verarbeitet.

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