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Geschichte des Freien Willens

Das Christentum lehnt den Gedanken der Selbstwerdung ab und definiert die Freiheit als Hinwendung zu Gott. Die Fragestellung verschiebt sich von der Definition …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlinien des Freiheitsbegriffs
  2. 2. Antike: Natur, Vernunft und Selbstbeherrschung
  3. 3. Christliche und mittelalterliche Deutungen
  4. 4. Frühe Neuzeit: Determination und Autonomie
  5. 5. Vom Idealismus zur Lebensphilosophie
  6. 6. Positionen im 20. Jahrhundert

Grundlinien des Freiheitsbegriffs

Die Geschichte der Willensfreiheit kennt verschiedene Bedeutungen. Freiheit kann als Einfügung des Menschen in eine notwendige Naturordnung verstanden werden: frei ist dann, wer die Notwendigkeit einsieht und ihr gehorcht. Ein anderer Gedanke ist Selbstsetzung oder Autonomie: Der Mensch handelt aus sich selbst und bestimmt seine Seinsweise. Eng damit verbunden sind Autarkie, also Selbstgenügsamkeit und Macht über sich selbst, sowie Freiheit von äußerem Zwang.

Das Christentum definiert Freiheit vor allem als Hinwendung zu Gott und lehnt Selbstwerdung ab. Dadurch wird besonders wichtig, wie menschliche Freiheit mit Gottes Allmacht und Allwissenheit vereinbar ist. In der Neuzeit wird das liberum arbitrium, der freie Wille, verstärkt als absolute Wahlfreiheit (liberum arbitrium indifferentiae) behandelt. Dem wird der Satz vom zureichenden Grunde entgegengesetzt: Für alles soll es einen ausreichenden Grund geben. Spätere Diskussionen verbinden Freiheit außerdem mit moralischer Verantwortung, Naturkausalität, Politik und psychologischen Motiven.

Antike: Natur, Vernunft und Selbstbeherrschung

Bei Homer bezeichnet ἑκών (hekón) das Tätigsein aus dem eigenen Antrieb, ohne durch äußere Gewalt gehindert zu werden. Bei Sophokles nähert sich dies ἀυτόνομος (autónomos) an: höchste sittliche Freiheit bedeutet, das Göttliche als eigenes Gesetz zu tun.

Die Sophisten setzen Freiheit mit dem Naturgemäßen gegen gesetzlich Erzwungenes gleich. Daraus entsteht die Forderung, der Natur zu gehorchen. Sokrates versteht Freiheit als „das Tun des Besten“. Dafür braucht man Erkenntnis, die Wahl des Besseren und Selbstbeherrschung; sein Inhalt lautet „Folge Gott“. Kyniker wie Antisthenes und Diogenes machen Autarkie und Bedürfnislosigkeit zum Ideal.

Platon verlegt die eigentliche Wahl in die Präexistenz: Die Seele wählt ihre Lebensweise oder ihr „Los“ aufgrund früher gewonnener Einsicht und ist dafür verantwortlich. Aristoteles dagegen verortet die freie Wahl im konkreten Handlungsakt. Wahl ist ein „Mit-sich-zu-Rate-Gehen“, das das Richtige ermittelt und dann zur Handlung führt.

Für die Stoa ist Freiheit die Vollmacht, aus sich selbst zu handeln, aber nur im Einklang mit dem weltumfassenden Logos. Freiheit und Schicksal beziehungsweise Notwendigkeit fallen daher zusammen. Seneca sieht Freiheit als Herrschaft über Affekte und Lebensumstände, Epiktet als innere Selbstverfügung und Gottesgehorsam. Plotin unterscheidet die Freiheit der Seele von der gebundenen Körperwelt; die spätere neuplatonische Tradition versteht Befreiung als Erlösung aus der Notwendigkeit der Natur durch Hingabe an Gott.

Christliche und mittelalterliche Deutungen

Altes und Neues Testament behandeln Freiheit nicht ausdrücklich, setzen aber die Entscheidung für Gut oder Böse voraus. Philo von Alexandria hält allein Gott für absolut frei. Menschliche Selbstwerdung, bei der sich der Mensch selbst zur Mitte macht, gilt ihm als äußerste Unfreiheit. Frühchristliche Autoren ringen vor allem mit dem Verhältnis von Verantwortung, freier Entscheidung, Gottes Vorherwissen und Gnade. Justin verteidigt freie Entscheidung gegen stoisches Schicksal. Origenes nimmt eine Wahl der präexistenten Seele zwischen Gut und Böse an und meint, Gottes Vorherwissen verursache die gewussten Ereignisse nicht.

Augustinus unterscheidet das geistige Grundvermögen des Wollens vom liberum arbitrium der Entscheidung. Das rechte Wollen ist auf das höchste Sein ausgerichtet; böses Wollen verkehrt diese Ordnung. Wegen der Ursünde ist dieses Wollen Ohnmacht. Zur vollendeten Freiheit gelangt nur, wer von Gott von Ewigkeit her dazu bestimmt ist.

Im Mittelalter stehen sich mystische Theologie und die Dialektik von Freiheit und Gnade gegenüber. Anselm von Canterbury bestimmt das liberum arbitrium vom Ziel her: Die Vernunft zeigt es auf, der Wille wählt ungezwungen. Abaelard nennt es die Fähigkeit, das von der Vernunft Erkannte ungezwungen zu tun. Thomas von Aquin sieht den Willen notwendig auf den beseligenden Endzweck gerichtet; frei ist er bei der Wahl der Mittel zum Ziel. Duns Scotus betont dagegen die absolute Freiheit des Willens gegenüber dem Intellekt. Wilhelm von Ockham hält menschliche Freiheit aufgrund innerer Erfahrung für gewiss. Martin Luther wendet sich mit dem „servum arbitrium“ gegen eine von göttlicher Mitwirkung gelöste Freiheit: Das Gottesverhältnis wird nicht vom Menschen erworben, sondern von Gott geschenkt.

Frühe Neuzeit: Determination und Autonomie

Calvin führt den Verlust des liberum arbitrium auf den Sündenfall zurück; Gottes Gnade kann zum Guten determinieren. Suárez unterscheidet Freiheit von Notwendigkeit, Freiheit von Zwang und die spezifisch menschliche, durch Voraussicht bestimmte Freiheit. Descartes verbindet größere Freiheit mit besserer Erkenntnis; ihre niedrigste Stufe ist Indifferenz.

Hobbes definiert Freiheit als Abwesenheit physischen Zwangs: Handeln nach Motiven ist frei. Spinoza nennt nur das frei, was allein aus der Notwendigkeit seines Wesens existiert und durch sich selbst handelt; in diesem Sinn ist nur Gott frei. Beim Menschen kann die Identifikation mit Gott zur Freiheit führen, weil Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit wird.

Leibniz verwirft die libertas indifferentiae, weil sie dem Satz vom zureichenden Grunde widerspreche. Er unterscheidet hypothetische Notwendigkeit, die aus einem zureichenden Grund folgt, von absoluter oder innerer Notwendigkeit, bei der das Gegenteil logisch unmöglich wäre. Nur die absolute Notwendigkeit widerspreche recht verstandener Freiheit. Beim Menschen wächst Freiheit mit vernünftigem statt leidenschaftlichem Handeln; Einsicht zwingt den Willen nicht, sondern leitet ihn an. Priestley vertritt radikalen Determinismus und führt Entschlüsse auf Hirnzustände zurück. Hume nimmt beim Entschluss nur eine statistische Geltung des Kausalgesetzes an, verlangt für Strafe aber eine Korrelation zwischen Charakter und Tat.

Rousseau unterscheidet natürliche Freiheit, die durch eigenes Vermögen begrenzt ist, bürgerliche Freiheit durch den Gesellschaftsvertrag und moralische Freiheit. Diese macht den Menschen durch Gehorsam gegenüber einem selbst gegebenen Gesetz zum Herrn seiner selbst. Kant trennt psychologische, transzendentale und praktische Freiheit. Psychologische Freiheit ist durch Motive determiniert; transzendentale Freiheit ist die Fähigkeit, eine Handlung von selbst anzufangen. Praktische Freiheit ist Voraussetzung dafür, Verdienst und Schuld zuzuschreiben. Als Vernunftwesen gibt sich die Person selbst das moralische Gesetz; diese Autonomie ist Selbstgesetzgebung.

Vom Idealismus zur Lebensphilosophie

Fichte macht Freiheit zum Ausgangspunkt der Philosophie: Sie geht allem Sein voraus, ist Selbstsetzung, absolute Reflexion und Ursprung des Sittengesetzes. Schelling ordnet Freiheit jenseits von Determinismus und Indeterminismus ein. Das Ich werde durch Freiheit gesetzt; später beschreibt er Freiheit als Vermögen zum Guten und Bösen. Schopenhauer verneint Freiheit des Handelns: Der Charakter beruht auf einem zeitlosen Willensakt, absichtliches Wollen ist aber motiviert und determiniert. Hegel bestimmt Freiheit als „Beisichsein, Unabhängigkeit von Anderem“ und als erkannte Notwendigkeit; abstrakte Freiheit könne als Wirklichkeit Fanatismus und Terror bedeuten.

Feuerbach deutet freien Willen als „Wesensgemäßheit“, Nietzsche als Irrtum, auf dem Moral beruhe. Mechanistische Auffassungen erklären Entschlüsse durch das stärkste Motiv. Engels übernimmt den Gedanken der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit: Kenntnis realer Bedingungen ermögliche erst freie Entscheidung. Bergson versteht Freiheit nicht als Alternative zwischen möglichen Handlungen, sondern als Qualität einer Handlung, die aus der gesamten Persönlichkeit erwächst. Bei Nicolai Hartmann bleibt ein „metaphysisches Restproblem“: Freiheit soll vom Kausalnexus und zugleich autonom gegenüber dem Reich der Werte sein. Dilthey betont das Zusammenspiel von Kultur, Ideen, Wahrnehmungsgewohnheiten und schöpferisch-spontanem Verhalten; auch naturalistische Weltanschauungen hätten ihren Ursprung in diesem freien Lebenszusammenhang.

Positionen im 20. Jahrhundert

Die Quantenphysik beeinflusst die Debatte; einige Philosophen schreiben Elementarteilchen unter dem Blickwinkel der Unschärferelation ein analoges „Wollen“ zu. Marcuse versteht Freiheit vor allem politisch als Befreiung von der geltenden Realität und ihrem „Realitätsprinzip“.

Bei Heidegger befreit die Angst vor dem Tod dazu, das endliche Leben bewusst zu gestalten. Der Mensch ist in Kultur und Zeitalter „geworfen“; dieser Rahmen seiner Möglichkeiten heißt Schicksal. Später kritisiert Heidegger, Freiheit nur als Ursache ohne Ursache zu denken. Er unterscheidet Entwurf der Lebensgestaltung, das Gebundensein an materielle, gesellschaftliche und kulturelle Umstände („Boden nehmen“) und das Be-gründen von Aussagen. Die ersten beiden Weisen wurzeln in Freiheit. Daher lautet seine Formel: „Die Freiheit ist der Grund des Grundes.“

Sartre betrachtet Freiheit nicht als Eigenschaft des Menschen, sondern als der menschlichen Natur vorausliegende Existenz. Der Wille setzt Freiheit schon voraus. Freiheit ist Aufgabe und Würde des Menschen, erzeugt aber auch Angst: Der Mensch ist dazu verdammt, frei zu sein. Julian Nida-Rümelin betont in seinen Essays Freiheit als Voraussetzung von Verantwortung und behandelt Argumente der Neurowissenschaften im Nachwort.

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