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Geschichte der Studentenverbindungen
Die Nationalsozialisten nutzten diese Vorfälle mit Hilfe der gleichgeschalteten Presse sofort aus, um publizistischen Druck für die Gleichschaltung auch der …
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Grundidee und frühe Vorläufer
Die Geschichte der Studentenverbindungen ist eng mit der Geschichte der Universitäten verbunden. Schon an den europäischen Universitäten des 12. und 13. Jahrhunderts entstanden Zusammenschlüsse von Studenten und Professoren. Diese frühen Formen waren noch keine Studentenverbindungen im heutigen Sinn, prägten aber spätere Traditionen wie gemeinsame Organisation, Schutz der Mitglieder, Wohnen, Regeln, Kleidung und Symbole.
Wichtige frühe Formen waren die Nationes und Kollegien. Nationes waren mittelalterliche Korporationen an Universitäten, die Mitglieder nach Herkunftsgruppen ordneten und Rechte innerhalb der Universität wahrnahmen. In Bologna hatten Studenten großen Einfluss, unter anderem auf die Wahl der Rektoren und die Kontrolle der Professoren. In Paris war dagegen das Modell der Professorenuniversität stärker, die Nationes wurden dort von Magistern geleitet. Auch Prag, die erste Universität im Heiligen Römischen Reich, hatte Nationen.
Kollegien entstanden besonders in Paris, Oxford und Cambridge. Sie waren Wohn-, Unterrichts- und Lebensgemeinschaften unter Leitung eines Magisters. Das berühmteste Beispiel ist das 1257 von Robert de Sorbonne gegründete Kolleg für arme Theologiestudenten, nach dem später die Pariser Universität Sorbonne genannt wurde. In Oxford und Cambridge bestehen Colleges bis heute. Nationes und Kollegien regelten nicht nur das Studium, sondern auch Teile des Privatlebens der Studenten.
Deutsche Universitäten, Bursen und alte Landsmannschaften
Die erste Universität auf dem Boden des Deutschen Reiches wurde 1348 von Kaiser Karl IV. in Prag gegründet. Es folgten Wien 1365, Heidelberg 1386, Köln 1388, Erfurt 1392 und Leipzig 1409. Prag übernahm wie Paris die Einteilung in vier Fakultäten und vier Nationen. Die meisten späteren deutschen Hochschulen verzichteten jedoch auf Nationen und gliederten sich stärker nach Fakultäten.
An deutschen Universitäten übernahmen Bursen eine ähnliche Funktion wie die Kollegien. Bursen waren Wohn-, Ess- und Lehrgemeinschaften unter Leitung eines Magisters. Die dort wohnenden Studenten wurden collegiati, bursati oder bursarii genannt; daraus entwickelte sich der heutige Begriff „Bursche“. Die Kleidung der Bursenbewohner war genau vorgeschrieben. Daraus wird im Artikel die spätere Entwicklung des Couleurs, also der verbindungstypischen Farben und Kleidung, abgeleitet.
Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden private Studentenzirkel, die nicht mehr Teil der Universität waren. Sie dienten Geselligkeit und gegenseitiger Hilfe und waren landsmannschaftlich organisiert, also nach regionaler Herkunft. Sie nannten sich Nationen oder Landsmannschaften. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus der Pennalismus: Studienanfänger wurden oft ein Jahr lang ausgebeutet und mussten älteren Studenten dienen. 1654 befasste sich der Reichstag in Regensburg damit; Universitäten bekämpften den Brauch und die Landsmannschaften unterschiedlich streng. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verloren die Landsmannschaften an Bedeutung. Die Zugehörigkeit endete mit dem Studienabschluss; ein Lebensbund existierte noch nicht.
Studentenorden, Corps und Burschenschaften
Im 18. Jahrhundert entstanden innerhalb der schwächer werdenden Landsmannschaften Studentenorden. Sie orientierten sich an Freimaurerlogen und literarisch-philosophischen Orden. Von ihnen stammen Elemente wie strenges internes Reglement, Constitution, förmliches Aufnahmeversprechen und geheime Identitätssymbole wie Zirkel und Bundeszeichen. Wichtig war auch das Lebensbund-Prinzip: Die Mitgliedschaft endete nicht mit dem Examen. Die vier wichtigsten Orden waren Amicisten, Constantisten, Unitisten und Harmonisten. 1793 verbot ein Abschied des Immerwährenden Reichstags in Regensburg alle Studentenorden im Heiligen Römischen Reich.
Seit etwa 1800 entwickelten sich Studentenverbindungen im heutigen Sinn. Aus neuen selbstverwalteten studentischen Zusammenschlüssen entstanden die später so genannten Corps. Sie verbanden Elemente der Orden, etwa Reglement, verbindliche Zusammengehörigkeit und geheime Symbole, mit Elementen der alten Landsmannschaften, etwa lateinischen Landesnamen und einheitlicher Kleidung. An den Universitäten organisierten sie sich in Senioren-Conventen und gaben sich mit dem SC-Comment ein studentisches Regelwerk. Die Corps verstanden sich grundsätzlich nicht als politische Organisationen, sondern als Gemeinschaften zur Regelung des studentischen Lebens und zur Charakterbildung.
Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon entstand die Idee, die landsmannschaftliche Gliederung zu überwinden und alle Studenten in einer Burschenschaft zusammenzuführen. In Jena gingen am 12. Juni 1815 die bestehenden Landsmannschaften in der Urburschenschaft auf. Die Burschenschaften waren von Anfang an politisch: Sie forderten demokratische Reformen und die Einigung Deutschlands. Beim Wartburgfest am 18. Oktober 1817 entstand die Allgemeine Deutsche Burschenschaft als deutschlandweiter Zusammenschluss. Die Farben Schwarz-Rot-Gold wurden 1819 in einem Lied von August Daniel von Binzer erwähnt und später Symbol der Burschenschafts- und Demokratiebewegung. Nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 wurden selbstverwaltete studentische Zusammenschlüsse bis 1848 verboten; die Verbote wurden unterschiedlich streng durchgesetzt.
Liberalisierung, Kaiserreich und Weimarer Republik
Schon vor 1848 entstanden christliche Studentenverbindungen. Sie machten christlich-religiöse Bindungen zu einem Teil ihres Gemeinschaftslebens und lehnten Duell und Mensur ab. Die 1836 gegründete Uttenruthia in Erlangen verzichtete von Beginn an auf Duell und Mensur. Die älteste katholische Studentenverbindung KDStV Bavaria Bonn besteht seit 1844. Zugleich entstand in den 1840er Jahren die Progressbewegung, die studentische Traditionen an die bürgerliche Kultur anpassen wollte.
1848 wurden die Karlsbader Beschlüsse aufgehoben. Dadurch wurden Studentenverbindungen aus verbotenen Zusammenschlüssen zu offen auftretenden Vereinigungen der akademischen Elite. Ehemalige Mitglieder, später Alte Herren genannt, bekannten sich wieder zu ihren Verbindungen. Viele hatten gesellschaftliche Spitzenpositionen erreicht und wirkten auch in der Nationalversammlung. Durch Industrialisierung und neue Ausbildungsgänge entstanden Verbindungen auch an Fachschulen, Forst- und Bergakademien sowie späteren Technischen Universitäten.
Im Kaiserreich nach 1871 erreichten Studentenverbindungen hohes gesellschaftliches Ansehen. Viele Mitglieder gehörten zur Führungsschicht; Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm II. waren Corpsstudenten. Gleichzeitig wuchs mit der Arbeiterschaft eine politische Gegenkraft. Linke Bewegungen kritisierten Verbindungen oft als Träger konservativ-nationaler bürgerlicher Ideen. Antisemitismus erfasste auch Verbindungen, wobei Ausmaß und Entwicklung je nach Dachverband und Verbindung unterschiedlich waren. Es gab Ausgrenzungen von Juden, besonders um 1880, zugleich aber auch jüdische Mitglieder und später jüdische Studentenverbindungen. Um 1900 wurden Frauen schrittweise zum regulären Studium zugelassen, und 1899 entstanden erste Zusammenschlüsse von Studentinnen.
Der Erste Weltkrieg brachte das Universitäts- und Verbindungsleben weitgehend zum Erliegen. Nach 1918 entstanden in der Weimarer Republik viele Verbindungen neu oder lebten wieder auf. 1919 wurden Schwarz-Rot-Gold Staatsfarben, und das vom Burschenschafter Hoffmann von Fallersleben gedichtete Lied der Deutschen wurde Nationalhymne. Viele Verbindungen blieben konservativ und national geprägt, viele Aktive lehnten die Republik ab. 1920 beschloss die Deutsche Burschenschaft den Ausschluss aller Juden und mit Juden Verheirateten; ähnliche Entwicklungen folgten in weiteren Dachverbänden. 1921 schufen schlagende und nichtschlagende Verbindungen mit dem Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen eine Grundlage zur Streitbeilegung.
Nationalsozialismus und Nachkriegszeit
Nach 1933 begrüßten viele Studenten Hitlers Machtübernahme und den Wahlsieg der NSDAP. Gewalt gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden wurde von vielen Verbindungen hingenommen oder befürwortet. Die Nationalsozialisten strebten jedoch die Gleichschaltung auch der Studentenorganisationen an. Der 1926 gegründete Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund organisierte Studenten in Kameradschaften und lehnte traditionelle Verbindungsformen als „reaktionär“ ab.
Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde auch auf Verbindungen angewandt. Sie mussten jüdische Mitglieder und Mitglieder mit nach NS-Kriterien jüdischen Ehepartnern oder Verwandtschaftsbeziehungen ausschließen, sonst galten sie als „nicht-arische Organisation“. Einige Verbindungen passten sich an, andere lösten sich auf oder versuchten Traditionen verdeckt zu bewahren. Zwischen 1934 und 1936 wurden die meisten Studentenverbindungen selbst aufgelöst oder zwangsaufgelöst. Altherrenverbände und wenige aktive Verbindungen bestanden teils bis zum Himmler-Erlass vom 20. Juni 1938. Viele Verbindungshäuser gingen an nationalsozialistische Kameradschaften. 1938 verkündete Reichsstudentenführer Gustav Adolf Scheel das Ende der traditionellen Studentenverbindungen.
Während des Krieges ließ die Kontrolle der Universitäten ab etwa 1941 nach, sodass lokal heimliche Neugründungen und Veranstaltungen stattfanden. Einige Verbindungsstudenten machten Karriere im NS-Staat, andere waren an Widerstandsversuchen beteiligt, etwa im Umfeld des 20. Juli 1944, des Kreisauer Kreises oder der Bekennenden Kirche. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln; der Artikel geht davon aus, dass einige zehntausend Verbindungsstudenten im Krieg fielen oder an Kriegsfolgen starben.
Nach 1945 verboten die alliierten Militärregierungen zunächst viele deutsche Vereinigungen, darunter Studentenverbindungen. Das generelle Verbot wurde 1950 aufgehoben. In Westdeutschland und Österreich begannen Wiedergründungen bereits ab etwa 1947. In der Bundesrepublik stießen Verbindungen an Universitäten zunächst auf starken Widerstand, besonders wegen Mensur, Ehrbegriff, Vereinsdisziplin und öffentlichem Farbentragen. Der Göttinger Mensurenprozess führte 1951 zum Freispruch; der Bundesgerichtshof bestätigte 1953, dass die Mensur kein Duell mit tödlichen Waffen sei und unter bestimmten Bedingungen nicht strafbar. 1953 erklärten maßgebliche mensurschlagende Verbände gegenüber Bundespräsident Theodor Heuss den Verzicht auf Ehrenhändel mit der Waffe. Damit gehörte das studentische Duellwesen endgültig der Vergangenheit an.
Seit 1960: Protest, DDR, Wiedervereinigung und Globalisierung
Ab den 1960er Jahren veränderten Bildungsreformen und neue Universitäten die Hochschullandschaft. Die Studentenbewegung ab 1965 wurde zu einer starken Konkurrenz für Studentenverbindungen. Sie kritisierte unter anderem das Verschweigen der NS-Verbrechen durch die Elterngeneration und kompromittierte Traditionen. Der Slogan „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ wurde auch als Angriff auf studentische Verbindungsformen verstanden. Die Verbindungen verloren zunächst Mitglieder; viele stellten den aktiven Betrieb ein. Einige nahmen Studentinnen auf. Ab etwa 1980 stoppte der Rückgang, seit etwa 1985 nahm die Zahl neuer Mitglieder wieder zu.
In der DDR galten Studentenverbindungen offiziell als bürgerlich-feudalistisches Relikt. Die Tradition wurde aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verdrängt, auch wenn einzelne Alte Herren in der Führungselite vertreten waren. Seit den frühen 1960er Jahren interessierten sich Studenten wieder heimlich für studentische Lieder, Kneipen, Kommerse und teilweise Mensur. Als älteste bekannte Verbindung in der DDR gilt die 1964 gegründete Keynhausia zu Leipzig. 1986 trafen sich Vertreter verschiedener Verbindungen offiziell in Schmiedeberg, 1987 fand ein Allianzkommers auf der Rudelsburg statt. Am 10. Februar 1990 wurde die Rudelsburger Allianz gegründet, ein Freundschaftsbund für Verbindungen mit DDR-Tradition vor dem 9. November 1989.
Nach der Wiedervereinigung konnten Verbindungen in den neuen Bundesländern wieder offen aktiv werden. Viele verlegten ihren Sitz aus Westdeutschland an frühere Heimatuniversitäten wie Jena, Leipzig, Halle, Rostock, Greifswald, Dresden, Freiberg und Tharandt zurück. Anfangs erschwerten die lange negative Prägung seit 1933 und das Fehlen von Alten Herren vor Ort den Wiederaufbau. Seit 1994 veranstalten der Kösener Senioren-Convents-Verband und der Verband Alter Corpsstudenten ihren Congress und Abgeordnetentag wieder in Bad Kösen.
In der jüngeren Zeit gibt es europäische und globale Zusammenarbeit. Der 1975 gegründete Europäische Kartellverband verbindet katholische Studentenverbindungen und -vereine. 2002 fand in Würzburg der erste Weltkorporationstag statt. Besonders mit estnischen und lettischen Verbindungen in Dorpat, Riga und Reval entstanden Kontakte. Durch Globalisierung haben viele Verbindungen ausländische Mitglieder aus Europa, Amerika, Asien und Afrika. Der türkische Staatsbürger und Muslim Aydin Karaduman wurde 1993 Vorortsprecher des Weinheimer Senioren-Conventes und damit erster Ausländer an der Spitze eines deutschen Korporationsverbands. Zugleich bleiben Verbindungen politisch umstritten; 2006 erklärte die SPD nur die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft der Burschenschaftlichen Gemeinschaft für unvereinbar mit der SPD-Mitgliedschaft, während andere Fälle einzeln geprüft werden.