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Systemtheorie (Luhmann)
Der Körper eines Menschen (als biologisches System) ... Die Grenze eines Systems zur Umwelt markiert somit ein Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und System.
Inhalt6 Abschnitte
Kernidee und theoretische Grundentscheidungen
Die Luhmannsche Systemtheorie betrachtet die Welt als aus autopoietischen Systemen bestehend. Autopoiesis bedeutet, dass ein System sich durch seine eigenen Elemente und Operationen selbst herstellt und erhält. Jedes System ist von seiner Umwelt abgegrenzt; diese Unterscheidung von System und Umwelt nennt Luhmann Differenz. Andere Systeme gehören jeweils zur Umwelt eines Systems.
Luhmann ersetzt traditionelle Ausgangspunkte wie einzelne Menschen, Subjekte oder Handlungen durch hochabstrakte Ereignisse und Operationen. Ein System entsteht, wenn gleichartige Operationen aneinander anschließen. Die Operationen verschiedener Systeme können sich nicht unmittelbar miteinander verbinden. Soziale und psychische Systeme sind daher operativ geschlossen, stehen aber gleichzeitig in Beziehungen zu ihrer Umwelt.
Die Gesellschaft ist für Luhmann ein „umfassendes soziales System, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt“. Sie differenziert sich evolutionär in verschiedene soziale Systeme aus, etwa Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Religion und Erziehung. Die Entwicklung der Theorie führte von der Grundlegung zentraler Begriffe in Soziale Systeme (1984) über die Beschreibung ausdifferenzierter sozialer Systeme bis zur Darstellung der Gesellschaft als umfassendem sozialen System in Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997).
Erkenntnistheorie und Zugang zur Theorie
Luhmann schließt an konstruktivistische Grundannahmen an. Wirklichkeit wird dabei als Ergebnis eines Konstruktionsprozesses verstanden, der von den Bedingungen des Erkennens abhängt. Eine vom Erkennen unabhängige „Realität“ wird nicht als Grundlage der Theorie verwendet. Stattdessen ist der Beobachter wichtig, der Wirklichkeiten durch eigene Unterscheidungen konstruiert.
Gleichzeitig setzt Luhmann voraus: „Es gibt Systeme“ beziehungsweise „Es gibt selbstreferentielle Systeme“. Diese Eingangsthese ist für ihn mit keinem erkenntnistheoretischen Zweifel verbunden. Sie kann als ontologische Setzung verstanden werden, weil sie einen erkenntnisunabhängigen Fixpunkt behauptet. Darin liegt eine Spannung zum Konstruktivismus.
Die Theorie ist selbstreferentiell und zirkulär: Die Gesellschaft wird nicht als etwas betrachtet, das eine außerhalb von ihr stehende Theorie beschreibt. Die Theorie entsteht vielmehr in der Gesellschaft, die sie beschreibt und erklärt. Luhmann grenzt sich dadurch von der „alteuropäischen Tradition“, der klassischen zweiwertigen Logik und einer ontologischen Auffassung von Realität ab. Paradoxien und Selbstbezug nehmen deshalb eine wichtige Rolle ein.
Der Zugang zur Theorie ist schwierig, weil das Verständnis eines Begriffs häufig das Verständnis anderer Begriffe voraussetzt. Besonders wichtig ist die Trennung zweier Ebenen: Auf der Ebene der Konstitution entstehen und erhalten sich soziale Systeme durch Kommunikation. Auf der Ebene der Beobachtung und Selbstbeschreibung werden Vorgänge dagegen als Handlungen zugerechnet. Soziale Systeme bestehen daher aus Kommunikationen und deren Zurechnung als Handlung. Menschen und Handlungen werden nicht ausgeschlossen, gelten aber nicht als elementare Bestandteile, aus denen soziale Systeme entstehen.
Systeme, Autopoiesis und operative Geschlossenheit
Luhmann versteht ein System nicht als Ganzes, das aus einzelnen Teilen zusammengesetzt ist. Entscheidend ist die Differenz von System und Umwelt. Ein System grenzt sich durch seine eigenen Operationen von allem ab, was nicht zu ihm gehört. Dadurch entsteht zugleich eine systemspezifische Umwelt.
Ein System ist autopoietisch, wenn es sich selbst herstellt und reproduziert. Der Merksatz lautet: „Wenn es sich nicht selbst macht, ist es kein System.“ Luhmann übernahm den Begriff von den chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela, die ihn auf organische Prozesse bezogen hatten. Luhmann wendete ihn auch auf psychische und soziale Systeme an.
Eine Operation ist die Reproduktion eines Elements eines autopoietischen Systems mithilfe der Elemente desselben Systems. Ein System besteht nur so lange, wie eine Operation jeweils die nächste gleichartige Operation ermöglicht. Die Operationen müssen also anschlussfähig sein; ihr Ablauf hängt von vorherigen Operationen ab. Deshalb sind Systeme operational geschlossen.
Bei biologischen Systemen schließen organische Prozesse aneinander an. Ein biologisches System ist etwa der Körper eines Lebewesens, der sich durch seine Körpergrenze von der Umwelt abgrenzt und permanent operiert, indem er lebt. Im psychischen System folgt Gedanke auf Gedanke; Gedanken sind dessen Letztelemente. Im sozialen System folgt Kommunikation auf Kommunikation; Kommunikationen sind dessen Letztelemente.
Operative Geschlossenheit bedeutet nicht, dass Systeme unabhängig voneinander existieren. „Selbstreferentielle Geschlossenheit ist (…) nur in einer Umwelt, ist nur unter ökologischen Bedingungen möglich.“ Die Systemtheorie muss daher erklären, wie geschlossene Systeme trotz ihrer Trennung zusammenhängen und miteinander in Kontakt stehen.
Soziale und psychische Systeme
Ein psychisches System ist ein Bewusstseinsprozess, beispielsweise ein Bewusstseinsprozess im menschlichen Gehirn. Es existiert nur, solange es operiert, also Gedanken hervorbringt und an Gedanken anschließt. Ein psychisches System kann selbst nicht kommunizieren, ist aber eine Voraussetzung dafür, dass Kommunikation stattfinden kann.
Ein soziales System besteht bei Luhmann aus Kommunikation. Gesellschaft, Familie, Gespräch und kurze Begegnung sind Beispiele sozialer Systeme; Menschen selbst sind keine sozialen Systeme. Der Körper ist ein biologisches System, das Bewusstsein ein psychisches System. Beide können das Funktionieren sozialer Systeme ermöglichen, sind aber nicht mit ihnen identisch. Luhmann formuliert deshalb: „Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren.“
Psychische und soziale Systeme sind sinnverarbeitende Systeme. Sinn ist ihre nicht reduzierbare und nicht transzendierbare Wirklichkeitsform. Er bezeichnet die Art und Weise, in der diese Systeme Komplexität reduzieren. Die Umwelt enthält mehr Möglichkeiten, als ein System gleichzeitig verarbeiten kann. Durch Auswahl entsteht eine höhere Ordnung mit weniger Möglichkeiten; diese Entstehung einer neuen Ordnung wird als Emergenz bezeichnet. Sinn kann in psychischen und sozialen Prozessen weder vermieden noch verneint werden.
Die Grenzen psychischer und sozialer Systeme sind Sinngrenzen. Gedanken können nicht unmittelbar in ein anderes Bewusstsein übergehen, und nicht alles Gedachte wird gesagt. Umgekehrt wird nicht alles Mitgeteilte vollständig verstanden oder gedanklich weiterverarbeitet. Systeme können sich jedoch über strukturelle Kopplungen indirekt gegenseitig anstoßen.
Kommunikation, Medien und funktionale Differenzierung
Kommunikation ist bei Luhmann keine Übertragung von Informationen und keine Handlung. Sie ist ein „Prozessieren von Selektion“ beziehungsweise eine „Synthese dreier Selektionen“: Information, Mitteilung und Verstehen. Erst ihr Zusammenspiel bildet die Einheit der Kommunikation. Der Begriff setzt weder Intentionalität noch Sprache voraus und kann nicht auf einzelne Bewusstseine oder Individuen zurückgeführt werden.
Da Gedanken das psychische System nicht verlassen können, werden sie nicht zu Bestandteilen der Kommunikation. Ebenso gibt es keine direkte Übertragung eines Gedankens in das Bewusstsein eines Gesprächspartners und keine direkte Einflussnahme eines Bewusstseins auf den Verlauf der Kommunikation. Kommunikation kann aber durch Umweltbeziehungen und strukturelle Kopplungen angestoßen werden. Schrift, körperliche Anwesenheit und Arbeit können Kommunikation wahrscheinlicher machen.
Gesellschaftlich wichtige Kommunikation läuft häufig über symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien. Dazu gehören Macht, Geld, Recht, Liebe, Kunst und Wahrheit. Sie vereinfachen Kommunikation, indem sie sie einem bestimmten Schematismus unterstellen, etwa Macht haben/keine Macht haben, zahlen/nicht zahlen, Recht/Unrecht oder lieben/nicht lieben. Ein systemspezifischer binärer Code dient als Leitunterscheidung und macht Kommunikation als zum jeweiligen System gehörig erkennbar.
Die Gesellschaft differenziert sich funktional in verschiedene soziale Systeme aus. Diese halten ihre Selbstreproduktion mithilfe binärer Codes aufrecht: In der Wirtschaft gilt zahlen/nicht zahlen, in der Politik Macht/keine Macht, in der Religion Immanenz/Transzendenz, im Recht Recht/Unrecht, in der Wissenschaft wahr/unwahr und in den Massenmedien Information/Nichtinformation. Im Wirtschaftssystem verbindet beispielsweise das Kommunikationsmedium Geld eine Zahlung mit der nächsten; wird Geld nicht mehr akzeptiert, verliert das Wirtschaftssystem seine Anschlussfähigkeit.
Luhmann unterscheidet drei Typen sozialer Systeme: Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften.
Kritik, Weiterentwicklung und Anwendungen
Kritisiert wird vor allem, dass Luhmann keine zentralen Begriffe für handelnde Menschen bereitstellt. Dadurch wird gefragt, welchen Nutzen eine soziologische Theorie für konkrete Gesellschaften haben kann. Luhmann und seine Befürworter sehen gerade den Verzicht auf handelnde Menschen als theoretische Neuerung. Weitere Kritik richtet sich gegen die universelle Anwendbarkeit: Sie könne dazu führen, dass die Theorie für praktische Probleme zu wenig konkrete Erklärungen liefert. Befürworter bewerten ihre umfassende Anwendbarkeit dagegen als Stärke.
Umstritten ist auch das hohe Abstraktionsniveau. Kritiker sehen eher eine Begriffssammlung als ein geschlossenes Theoriegebäude und bemängeln, dass weder eine präzise, allgemein akzeptierte Definition des funktionalistischen Systembegriffs noch explizite Hypothesen über die Lösung der vier Problembereiche des AGIL-Schemas von Parsons vorlägen.
Da die Systemtheorie vor allem funktional-strukturelle Beschreibungen liefern will, versteht sie sich nicht als kritische Theorie im Sinne der Kritischen Theorie. Bekannt ist in diesem Zusammenhang die Kontroverse zwischen Luhmann und Jürgen Habermas. Außerdem wird der Theorie eine versteckte Teleologie vorgeworfen: Die Erhaltung des Gesamtsystems könne als positive Funktion bewertet und dadurch der gesellschaftliche Status quo legitimiert werden. Robert K. Merton hatte mit der Unterscheidung zwischen latenten und manifesten Funktionen bereits die funktionale Einheit eines Systems zurückgewiesen.
Weil Systeme nach eigenen Gesetzmäßigkeiten arbeiten, sind Eingriffe eines Systems in ein anderes nur begrenzt möglich. Wirtschaft und Politik können einander daher nicht vollständig steuern. Dies wird als Begrenzung rationaler, ethischer und gerechter Gesellschaftsgestaltung interpretiert; deshalb gilt Luhmann im Vergleich zu Jürgen Habermas oder Ulrich Beck teilweise als politisch konservativ. Diese Einordnung wird jedoch bestritten. Karl-Siegbert Rehberg beschreibt Luhmann eher als Theoretiker der Enthierarchisierung und Dezentralisierung und ordnet ihn höchstens als traditionalistisch ein.
Die Theorie wird vor allem in Deutschland und Italien rezipiert und von mehreren Soziologen, darunter Rudolf Stichweh, Peter Fuchs, Dirk Baecker, Elena Esposito, Armin Nassehi, Helmut Willke und André Kieserling, weiterentwickelt. In Textlinguistik wurde sie von Christina Gansel (2011) weiterentwickelt. Anwendungen finden sich unter anderem in Psychologie, Psychotherapie, Beratung, Pädagogik, Sozialer Arbeit und Organisationsentwicklung. Dort dient der Luhmannsche Systembegriff zur Erklärung sozialer, pädagogischer, therapeutischer und organisationaler Phänomene sowie zur Bildung von Hypothesen und Planung von Interventionen.