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Geschichte Haitis

Nach den USA war Haiti zudem der zweite Staat des amerikanischen Kontinents, dem dies aus eigener Kraft – durch die Haitianische Revolution – gelang. …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge der Geschichte Haitis
  2. 2. Indigene Bevölkerung und Kolonialherrschaft
  3. 3. Saint Domingue und die Revolution
  4. 4. Unabhängigkeit, Teilung und Instabilität
  5. 5. USA, Diktaturen und Übergänge
  6. 6. Krisen im 21. Jahrhundert

Grundzüge der Geschichte Haitis

Haiti ist ein Karibikstaat auf der Westhälfte der Insel Hispaniola. Seine Geschichte ist besonders wichtig, weil Haiti 1804 als erstes Land Lateinamerikas seine Unabhängigkeit von einer europäischen Kolonialmacht erkämpfte und nach den USA der zweite Staat des amerikanischen Kontinents wurde, dem dies aus eigener Kraft gelang. Diese Unabhängigkeit entstand aus der Haitianischen Revolution, einem erfolgreichen Aufstand versklavter Menschen gegen die französische Kolonialherrschaft.

Vor der Unabhängigkeit war Hispaniola mehr als 200 Jahre spanisch geprägt. Ab dem 17. Jahrhundert setzte sich im Westen zunehmend Frankreich durch. Damit trennten sich die Entwicklungslinien des westlichen Teils, des späteren Haiti, und des östlichen Teils, der späteren Dominikanischen Republik. Zur Geschichte Haitis gehören die fast vollständige Vernichtung der indigenen Bevölkerung, die Verschleppung von Menschen aus Afrika in die Sklaverei, die wirtschaftliche Blüte der französischen Plantagenkolonie Saint Domingue und danach eine lange Geschichte politischer Instabilität, ausländischer Interventionen, Diktaturen, Naturkatastrophen und Krisen.

Indigene Bevölkerung und Kolonialherrschaft

Als Christoph Columbus 1492 Hispaniola erreichte, lebten dort nach Schätzungen 300.000 bis zu einer Million indigene Menschen. Die meisten gehörten zu den Taíno, die zu den Arawak gerechnet werden. Im später haitianischen Teil gab es außerdem eine kleine Gruppe der Ciboney. Die Taíno waren um 250 nach Hispaniola eingewandert und beherrschten die Insel in fünf Häuptlingstümern; Guacanagari und Behechio lagen im haitianischen Teil.

Die spanische Eroberung war wenige Jahre nach Columbus abgeschlossen. Eingeschleppte Krankheiten, besonders Pocken, und das 1503 eingeführte System der Zwangsarbeit, die „Encomienda“, führten zum Massensterben der Taíno. Zwischen 1519 und 1533 erhoben sich angeblich nur noch 4000 Überlebende unter Enriquillo gegen die Spanier und erreichten einen Vertrag, der ihre De-facto-Versklavung beendete. Mitte des 16. Jahrhunderts lebten dennoch nur noch wenige hundert Taíno; seit Ende des 16. Jahrhunderts galten sie als vernichtet.

Ab 1501 führten die Spanier den Zuckerrohranbau ein, der auf Zwangsarbeit und Sklaverei beruhte. Ab 1503/1505 wurden Afrikaner als Sklaven nach Hispaniola verschleppt; 1542 lebten dort neben 200 Indios und 5000 Spaniern etwa 30.000 schwarze Sklaven. Während Spanien sich stärker auf den Osten mit Santo Domingo konzentrierte, setzten sich ab 1625 französische und englische Freibeuter auf der Île de la Tortue und an verlassenen Westküsten fest. 1659 erkannte Ludwig XIV. erstmals eine französische Siedlung auf Tortuga an. 1670 wurde Cap François, heute Cap-Haïtien, gegründet. Im Frieden von Rijswijk 1697 erkannte Spanien die französische Herrschaft über den Westteil Hispaniolas an, der Saint Domingue hieß. 1776 wurde die Grenze zwischen spanischem und französischem Hispaniola festgelegt, im Wesentlichen die heutige Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik.

Saint Domingue und die Revolution

Saint Domingue wurde vom späten 17. Jahrhundert bis 1790 eine der reichsten Kolonien Frankreichs. Der Reichtum beruhte auf Plantagen für Zuckerrohr und Kaffee. In den 1780er Jahren kamen etwa 40 % des in Europa verbrauchten Zuckers und 60 % des Kaffees aus Haiti. Dafür wurden in großem Umfang Menschen aus Afrika versklavt. Am Vorabend der Haitianischen Revolution waren etwa 90 % der Bevölkerung schwarze Sklaven; zeitweise wurden jährlich 40.000 Sklaven „importiert“.

Der Code Noir von 1685 sollte die Sklavenhaltung regeln. Er gewährte Sklaven rudimentäre Menschenrechte, verpflichtete die weißen Herren zu gewisser Versorgung und erlaubte zugleich körperliche Bestrafung. Viele Sklaven flohen in schwer zugängliche Berge und lebten dort als Maroons oder Cimarrones. Der bekannteste Anführer eines lokalen Aufstands war François Mackandal, der nach sechs Jahren gefasst und in Cap-Français öffentlich verbrannt wurde. Aus afrikanischen Religionen und Kulturen entstand in Haiti unter anderem der Voodoo-Glaube.

1788 lebten etwa 455.000 Menschen in Saint Domingue: mehr als 400.000 Schwarze, 27.000 Weiße und knapp 22.000 Mulatten, also Menschen mit schwarzen und weißen Vorfahren. Die „gens de couleur“ standen gesellschaftlich zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven. Sie hatten Einschränkungen, konnten aber Land und Sklaven besitzen. 1798 besaßen Mulatten und freie Schwarze ein Drittel aller Plantagen und ein Viertel aller Sklaven Saint Domingues.

Die Französische Revolution von 1789 mit den Idealen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wirkte in Saint Domingue besonders stark, weil fast 90 % der Bevölkerung versklavt waren und auch die Mulatten keine Gleichberechtigung hatten. Der Sklavenaufstand begann am 22. August 1791 in der Plaine-du-Nord unter François-Dominique Toussaint L’Ouverture. Die Revolution umfasste Massaker, Abschaffung und Wiedereinführung der Sklaverei, französische Invasion, Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten sowie Besetzung und Räumung des spanischen Inselteils. 1804 wurde der unabhängige Staat Haiti ausgerufen; „Haiti“ bedeutet in der Sprache der Taíno „bergiges Land“.

Unabhängigkeit, Teilung und Instabilität

Am 1. Januar 1804 proklamierte Jean-Jacques Dessalines die Unabhängigkeit von Saint Domingue. Praktisch wurde zunächst nur der Westteil Hispaniolas unabhängig, da französische Truppen Santo Domingo besetzten und dort die Sklaverei wieder einführten. Dessalines nannte das Land Haiti, ließ aus der französischen Trikolore das Weiß entfernen und ernannte sich 1804 zum Kaiser Jakob I. Am 20. Mai 1805 erließ er eine neue Verfassung. Viele im Land verbliebene Franzosen wurden ermordet. Die Plantagen wurden enteignet, aufgeteilt, besetzt oder verlassen; die frühere Exportwirtschaft brach ein. Das Ziel einer egalitären Gesellschaft wurde nicht erreicht: Mulatten wurden zur neuen Elite, während die schwarze Landbevölkerung weitgehend ungebildet und rechtlos blieb.

Nach der Ermordung Dessalines’ am 17. Oktober 1806 wurde Haiti wieder Republik, spaltete sich aber bald in eine südliche Mulatten-Republik unter Alexandre Pétion und einen nördlichen Staat unter Henri Christophe. Christophe verwandelte Nord-Haiti 1811 in eine Monarchie und ließ sich als Henri I. krönen. Nach seinem Tod 1820 wurden beide Teile unter Jean-Pierre Boyer vereinigt. 1822 kam auch Santo Domingo erneut unter haitianische Herrschaft; der Artikel nennt dazu zwei Deutungen: entweder bevorzugten viele Schwarze und Mulatten dort wegen der abgeschafften Sklaverei eine Union mit Haiti, oder Boyer unterwarf und annektierte Santo Domingo militärisch.

Frankreich erkannte Haiti 1825 an, verlangte aber eine Entschädigung von 150 Millionen Franc für ehemalige Plantagenbesitzer. 1838 wurde diese Summe auf 60 Millionen Franc gesenkt, zahlbar bis 1867. Diese Schuldenlast hemmte die haitianische Wirtschaft dauerhaft. 1843 wurde Boyer gestürzt. Am 27. Februar 1844 erklärte Santo Domingo als Dominikanische Republik seine Unabhängigkeit von Haiti.

Von 1844 bis 1915 blieb Haiti politisch instabil. Es kam zu Kämpfen zwischen schwarzen und mulattischen Machtgruppen, zu gescheiterten Feldzügen gegen die Dominikanische Republik und zu häufigen Regierungswechseln. Faustin Soulouque ließ sich 1849 als Faustin I. zum Kaiser ausrufen, wurde aber 1859 gestürzt. Danach wurde die Republik wiederhergestellt. Bis 1915 folgten weitere Präsidenten; allein von 1912 bis 1915 amtierten sieben Präsidenten.

USA, Diktaturen und Übergänge

Am 28. Juli 1915 besetzten die USA Haiti, unmittelbar nachdem Präsident Jean Vilbrun Guillaume Sam von einer Menschenmenge gelyncht worden war. Offiziell sollte die öffentliche Ordnung wiederhergestellt werden. Mit der Haitian–American Convention vom 16. September wurde Haiti faktisch zum Protektorat: Die USA behielten sich für zehn Jahre Polizeiaufgaben und Kontrolle über die Finanzen vor. Die Besatzung dauerte 19 Jahre. Die USA bauten Straßen, Krankenhäuser und Telefonanlagen, demütigten aber viele Haitianer durch Rassismus, Zwangsarbeit und Gewalt gegen Widerstandsgruppen. Gegen sogenannte cacos fielen gut 2000 Kämpfer. 1934 wurden die US-Truppen im Rahmen der Good Neighbour Policy abgezogen.

Nach 1934 blieb Haiti stark von inneren Konflikten geprägt. Während des Zweiten Weltkriegs erklärte Haiti dem Deutschen Reich am 12. Dezember 1941 den Krieg, leistete aber keinen militärischen Beitrag in Europa oder Asien. Bis 1950 gab es ein Zensuswahlrecht, also Wahlrecht nur bei bestimmten Einkommens- und Besitzgrenzen; Frauen hatten bis 1950 weder aktives noch passives Wahlrecht.

1957 wurde François Duvalier, genannt Papa Doc, mit Hilfe des Militärs Präsident. Er entmachtete die mulattische Elite und errichtete eine Familiendiktatur. Nach seinem Tod 1971 folgte sein Sohn Jean-Claude Duvalier, Baby Doc, als Präsident auf Lebenszeit. 1984 begannen Unruhen. Die Verfassung von 1985 dehnte das Wahlrecht auf alle Bürgerinnen und Bürger aus. 1986 wurde Jean-Claude Duvalier abgesetzt und ging ins französische Exil.

Zwischen 1986 und 1990 versuchte Haiti erneut, eine stabile Republik aufzubauen. 1987 wurde eine neue Verfassung angenommen, doch Wahlen wurden durch Gewalt von Duvalier-Anhängern behindert. 1990 gewann Jean-Bertrand Aristide die Präsidentschaftswahl, wurde aber am 30. September 1991 durch einen Armeeputsch gestürzt. General Raoul Cédras übernahm die Macht. Es folgten Terror, Korruption, Misswirtschaft, Flüchtlingsbewegungen und internationale Sanktionen. 1994 intervenierten die USA im Rahmen der Operation Uphold Democracy und setzten Aristide wieder ein. 1995 löste Aristide das Militär auf. René Préval wurde 1995 gewählt und amtierte von 1996 bis 2001.

Krisen im 21. Jahrhundert

Nach umstrittenen Parlamentswahlen 2000 gewann Aristide am 26. November 2000 die Präsidentenwahl mit 91,8 % der Stimmen; die Opposition hatte die Wahl boykottiert, und es gab Manipulationsvorwürfe. Internationale Hilfe wurde auf Drängen der USA eingestellt. 2004, im Jahr des 200. Unabhängigkeitstags, kam es zu schweren Unruhen. Bewaffnete Aufstände brachten Haiti an den Rand eines Bürgerkriegs. Aristide verließ am 29. Februar 2004 unter Druck der Rebellen und der USA das Land in einem amerikanischen Militärflugzeug. Er bezeichnete dies später als „moderne Entführung“ und „Staatsstreich“ der USA; die US-Regierung bestritt das.

Nach Aristides Sturz wurden internationale Truppen entsandt. Die UN-Mission MINUSTAH begann 2004 und wurde mehrfach verlängert; die Blauhelme beendeten ihren Einsatz Mitte Oktober 2017. Eine Übergangsregierung unter Boniface Alexandre und Premierminister Gérard Latortue sollte freie Wahlen organisieren. Die Jahre bis 2006 waren von Gewalt, Versorgungsproblemen und politischen Spannungen geprägt. 2006 wurde René Préval nach umstrittenen Wahlen mit 51,15 % der Stimmen zum Präsidenten erklärt.

Am 12. Januar 2010 erschütterte ein katastrophales Erdbeben Haiti. Mindestens 250.000 Menschen starben, mehr als 1,2 Millionen wurden obdachlos, und in Port-au-Prince wurden tausende Bauwerke zerstört. Staatliche Institutionen brachen weitgehend zusammen. Mehr als neun Milliarden US-Dollar Hilfe wurden zugesagt; der Internationale Währungsfonds erließ Haiti sämtliche Schulden. Neun Monate später brach eine Cholera-Epidemie aus. Anfang November 2010 waren bereits mehr als 550 Menschen gestorben und mehr als 8000 infiziert.

Die Wahlen 2010/11 fanden nach der Erdbebenkatastrophe verspätet statt. Michel Martelly wurde nach vorläufigem Ergebnis mit 67,6 % der Stimmen zum 56. Präsidenten Haitis erklärt. 2016 endete seine Amtszeit ohne bestimmten Nachfolger; erst am 20. November wurde Jovenel Moïse gewählt. Im Oktober 2017 wurden die letzten Blauhelme abgezogen, danach unterstützte eine UN-Mission bis Oktober 2019 die Polizei. Ab Herbst 2017 wurde unter Moïse die Armee wieder aufgebaut, was Menschenrechtsgruppen wegen früherer Verantwortlichkeiten kritisierten.

In der Nacht zum 7. Juli 2021 wurde Präsident Jovenel Moïse in seiner Residenz erschossen, seine Ehefrau wurde verletzt. Seit dem 2018 bekannt gewordenen Korruptionsskandal um Petrocaribe-Öllieferungen aus Venezuela versank Haiti in einer tiefen Krise. 2023 wurden mehr als 2000 Menschen bei Kämpfen zwischen bewaffneten Gruppen und staatlichen Sicherheitskräften getötet. Im Oktober 2023 billigte der UN-Sicherheitsrat eine von Kenia geleitete Mission zur Unterstützung der Sicherheitskräfte. 2024 setzte die Karibische Gemeinschaft CARICOM unter Ägide der USA durch, dass ein Übergangsrat den kommissarisch amtierenden Präsidenten Ariel Henry ablöste.

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