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Geschichte Estlands
Die Geschichte Estlands umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Estland von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die erstmalige Besiedlung des …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und mittelalterliche Herrschaften
Die Geschichte Estlands umfasst die Zeit von der Besiedlung vor etwa 11.000 Jahren bis zur Gegenwart. Seit 1219 prägten wechselnde Fremdherrschaften das Land: Dänemark, der Deutsche Orden, Polen-Litauen, Schweden und Russland. Der Süden als Teil Livlands und der Norden mit den Inseln entwickelten sich oft getrennt. Die erste staatliche Unabhängigkeit begann 1918; sowjetische und deutsche Besetzungen unterbrachen sie 1940 bis 1991. Die Erfahrung von Fremdherrschaft und der Erhalt von Nation und Kultur sind deshalb wichtige Elemente des estnischen Geschichtsbewusstseins.
Ab dem späten 12. Jahrhundert missionierten deutsche und dänische Kräfte Livland. Die Livländischen Kreuzzüge führten zur Eroberung: 1201 wurde Riga gegründet, 1202 der Schwertbrüderorden. Waldemar II. von Dänemark eroberte 1219 Nordestland mit Reval, dem heutigen Tallinn; der Name Tallinn bedeutet „dänische Burg“. Die südlichen Gebiete unterwarfen die Schwertbrüder. Nach ihrer Niederlage bei Schaulen 1236 wurden sie 1237 formal mit dem Deutschen Orden vereinigt, blieben als Livländischer Orden aber faktisch eigenständig.
Die dänische Krone behielt Nordestland bis 1346. Der Aufstand in der Georgsnacht von 1343 bis 1345 richtete sich gegen die Unterdrückung der estnischen Landbevölkerung. Dänemark verkaufte seine Besitzungen 1346 für 19.000 Mark an den Livländischen Orden. Städte wie Tallinn, Pärnu, Tartu und Viljandi waren in Handelsnetze eingebunden; Tallinn erhielt 1248 das Lübische Stadtrecht. 1400 wurde die Leibeigenschaft eingeführt: Esten waren rechtlich von Handel und selbstständiger Landwirtschaft ausgeschlossen und den Gutsherren dienstpflichtig.
Die Reformation begann 1523, förderte Schulen und die ersten Bücher auf Estnisch. Im Livländischen Krieg von 1558 bis 1583 griff Zar Iwan IV. an; Estland wurde verwüstet. Die Verträge von Jam Zapolski 1582 und Pljussa 1583 bestätigten Livland als polnisch-litauisch und Nordestland als schwedisch.
Polnisch-litauische und schwedische Zeit
Polen-Litauen ordnete Livland 1583 durch die Constitutiones Livoniae neu, ohne frühere Privilegien zu bestätigen. Tartu und Pärnu wurden Hauptorte von Präsidien; Esten und Liven waren von der Leitung der Starosteien ausgeschlossen. Die Jesuiten gründeten 1583 in Tartu ein Kollegium und förderten die Gegenreformation. Mit dem Vertrag von Altmark 1629 fiel Livland an Schweden; 1645 erhielt Schweden auch Saaremaa von Dänemark.
Die schwedische Herrschaft blieb trotz Kriegen und anfänglicher Repression als „die gute Schwedenzeit“ in Erinnerung. Entscheidend waren Bildungsförderung und Verbesserungen für Bauern. Gustav II. Adolf gründete 1632 in Dorpat die Academia Gustaviana, die erste Universität im Baltikum. Die estnische Sprache wurde erforscht; Heinrich Stahl veröffentlichte 1637 eine estnische Grammatik. Bengt Gottfried Forselius gründete 1684 ein Lehrerseminar für Bauernschulen.
Ab 1632 verloren Gutsherren die hohe Gerichtsbarkeit über Bauern; bei schwereren Fällen konnten Bauern vor ordentlichen Gerichten gegen Gutsherren klagen. Die Güterreduktion überprüfte Landbesitz bis zur Ordenszeit, zog viele verliehene Güter ein und betraf fünf Sechstel des Gutsbesitzes in Estland und Livland. Domänenbauern waren nicht mehr Leibeigene des Pächters. Wackenbücher legten Abgaben und Dienste verbindlich fest und sollten Willkür begrenzen. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts flohen russische Altgläubige wegen religiöser Verfolgung an den Peipussee; bis zum frühen 19. Jahrhundert lebten dort über 3000 Siedler.
Russische Herrschaft und nationales Erwachen
Im Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 verlor Schweden Estland und Livland an Russland. Tartu und Narva fielen 1704, bis 1710 auch Tallinn und ganz Estland. Der Frieden von Nystad von 1721 erkannte die russische Hoheit an. Das heutige Estland wurde zwischen Gouvernement Estland im Norden und Gouvernement Livland im Süden geteilt. Die Pest von 1708 bis 1714, andere Krankheiten und Hunger forderten viele Opfer.
Peter I. hob schwedische Reformen auf und stellte die Privilegien deutscher Gutsherren wieder her; die Lage der Bauern verschlechterte sich stark. Die Herrnhuter-Bewegung, seit 1726 in Estland und Livland aktiv, predigte Gleichheit und die Abschaffung der Leibeigenschaft. Gleichzeitig entstanden Manufakturen, die Kartoffel wurde eingeführt, und Anton Thor Helle veröffentlichte 1739 die erste vollständige Bibelübersetzung ins Estnische.
Alexander I. hob die Leibeigenschaft 1816 in Nordestland und 1819 in Livland auf. Bauern waren nun persönlich frei, blieben aber zunächst an Gut und Pacht- sowie Frondienste gebunden. Reformen von 1849 in Livland und 1856 in Nordestland schafften die Arbeitspacht ab und teilten Privatland in gutsherrliche und bäuerliche Bereiche. Das Passgesetz von 1863 ermöglichte Stadtmigration; 1870 eröffnete die Bahnstrecke Sankt Petersburg–Paldiski.
Der Kauf eigener Höfe stärkte das nationale Bewusstsein. Ende des 19. Jahrhunderts gehörten etwa drei Viertel der Güter in Livland und etwa die Hälfte in Nordestland estnischen Bauern. Die Gelehrte Estnische Gesellschaft wurde 1838 in Tartu gegründet; 1862 erschien das Nationalepos Kalevipoeg. Das erste estnische Liederfest fand 1869 in Tartu mit etwa 900 Sängern und etwa 15.000 Zuschauern statt. Die blau-schwarz-weiße Flagge entstand unter Studenten in Tartu; 1904 gewannen Esten erstmals die Kommunalwahlen in Tallinn.
Ab Alexander III. wurde die Autonomie durch Russifizierung eingeschränkt. 1887 wurde Estnisch selbst an Grundschulen als Unterrichtssprache verboten, 1889 die Autonomie der Universität Tartu aufgehoben. In der Revolution von 1905 wurden am 16. Oktober in Tallinn etwa 100 Demonstrierende getötet und etwa ebenso viele verletzt. Das Oktober-Manifest gewährte danach unter anderem Versammlungs- und Redefreiheit sowie das Recht auf Parteien; Jaan Tõnisson gründete noch 1905 die Eesti Eduerakond.
Erste Republik und Verlust der Unabhängigkeit
Nach der Oktoberrevolution konkurrierten Bolschewiki und Maapäev um die Macht. Am 24. Februar 1918 proklamierte ein Estnisches Rettungskomitee die Republik Estland; schon am nächsten Tag besetzte die 8. deutsche Armee das Land. Die Unabhängigkeit wurde erst im Freiheitskrieg von 1918 bis 1920 erkämpft. Nach dem sowjetrussischen Angriff auf Narva am 28. November 1918 vertrieb Estland unter Johan Laidoner die russischen Truppen bis Ende Januar 1919. Unterstützung kam vor allem aus Finnland, außerdem aus Schweden, Dänemark und von der Royal Navy. Im Frieden von Tartu vom 2. Februar 1920 erkannte Sowjetrussland Estlands Unabhängigkeit „auf alle Zeiten“ an.
Die Landreform vom 10. Oktober 1919 enteignete 97 % des deutschbaltischen Gutslandes. In den folgenden 20 Jahren entstanden etwa 57.000 Bauernhöfe mit durchschnittlich 20 ha; etwa 400.000 Menschen profitierten. Die Verfassung vom 15. Juni 1920 machte Estland zu einer parlamentarischen Demokratie. Staatsoberhaupt war der Ministerpräsident als Staatsältester (Riigivanem), ein Staatspräsident existierte nicht. Allgemeines aktives und passives Wahlrecht für Frauen und Männer war gesichert. Der Staatsaufbau blieb schwierig: Von 1920 bis 1933 gab es 17 Regierungen. Ein kommunistischer Putschversuch mit etwa 500 Beteiligten scheiterte am 1. Dezember 1924.
Das Minderheitengesetz vom 2. Februar 1925 gewährte Deutschen, Russen, Schweden und Juden Kulturautonomie, also kulturelle Selbstverwaltung. Deutsche und Juden beantragten sie. Die 1920er- und 1930er-Jahre brachten wirtschaftliche und kulturelle Blüte, besonders in der Textilindustrie; die Weltwirtschaftskrise ab 1929 beendete den Aufschwung.
1933 gewann der anti-parlamentarische Verband der Freiheitskämpfer an Einfluss. Die neue Verfassung von Januar 1934 schuf eine Präsidialdemokratie. Konstantin Päts erklärte am 12. März 1934 den Ausnahmezustand, löste Verband und Parlament auf, verbot Parteien und regierte per Dekret. Erst 1938 lockerte eine neue Verfassung das autoritäre Regime. Der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 ordnete Estland der sowjetischen Einflusssphäre zu und bereitete das Ende der ersten Republik vor.
Sowjetische und deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg
Die Sowjetunion zwang Estland am 28. September 1939 zum Pakt über gegenseitige Hilfeleistung und zur Zulassung sowjetischer Stützpunkte. Nach einem weiteren Ultimatum besetzten 115.000 Rotarmisten am 17. Juni 1940 wichtige Einrichtungen. Eine unter Andrei Schdanow gebildete prosowjetische Regierung unter Johannes Vares führte Scheinwahlen durch. Estland wurde zur Estnischen SSR erklärt und am 6. Oktober 1940 eingegliedert. Die meisten westlichen Staaten erkannten dies nicht an. Estland und Russland sind bis heute uneinig, ob es ein freiwilliger Beitritt oder eine rechtswidrige Annexion war.
Die erste sowjetische Besatzung brachte Verhaftungen, Verstaatlichungen, Deportationen und Morde. In der Junideportation vom 13. auf den 14. Juni 1941 wurden mehr als 10.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, nach Sibirien deportiert. 1940 und 1941 waren 52.750 Personen von Repressalien betroffen, 18.090 starben. Widerstand leisteten Waldbrüder, darunter die Gruppe Erna.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion besetzte Deutschland Estland bis Ende August 1941. Eine erneute Eigenstaatlichkeit wurde nicht zugelassen; Estland wurde ab 5. Dezember 1941 als Generalbezirk Estland Teil des Reichskommissariats Ostland. Esten kämpften teils freiwillig, teils zwangsrekrutiert auf deutscher, sowjetischer und finnischer Seite. Bis Mitte 1944 kämpften etwa 70.000 Esten auf deutscher Seite. Die Nationalsozialisten ermordeten bis Ende 1941 929 fast aller im Land verbliebenen Juden und 243 Sinti und Roma; insgesamt wurden während der deutschen Besatzung etwa 10.000 Juden in Estland ermordet.
1944 kehrte die Rote Armee zurück. Bei Bombardierungen am 6. März wurde Narva zerstört; am 9. März starben in Tallinn etwa 500 Menschen, etwa 25.000 wurden obdachlos und 40 % des Wohnraums wurden zerstört. Tallinn fiel am 22. September 1944. Etwa jeder achte Este starb im Zweiten Weltkrieg durch Krieg oder Besatzungsterror.
Unabhängigkeit seit 1991 und Modernisierung
Nach der erneuten sowjetischen Besetzung 1944 wurden Tausende Esten deportiert; überwiegend russischsprachige Zuwanderung führte etwa in Narva dazu, dass Esten zur Minderheit wurden. Estland verlor die Gebiete um Iwangorod (Jaanilinn) und Petschory (Petseri) an Russland. Finnische Radio- und Fernsehsendungen blieben wegen des nur 80 Kilometer breiten Finnischen Meerbusens erreichbar und verständlich. Am 13. November 1989 erklärte das Parlament der Estnischen SSR die Besetzung von 1940 für rechtlich ungültig.
Am 8. Mai 1990 erklärte Estland erneut seine Souveränität. Im Referendum vom 3. März 1991 stimmten 78 % der Teilnehmenden bei 84 % Beteiligung für Unabhängigkeit. Nach dem gescheiterten Putsch in Moskau erklärte der Oberste Rat am 20. August 1991 die volle Unabhängigkeit. Die Sowjetunion erkannte sie am 6. September 1991 an; der Abzug russischer Truppen wurde bis Ende August 1994 umgesetzt.
Die frühen 1990er-Jahre waren durch Inflation, Arbeitslosigkeit, Hunger, Kälte und wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland geprägt. Estland führte im Juni 1992 eine neue Verfassung und die Estnische Krone ein; sie war an die Deutsche Mark gekoppelt. 1994 wurde ein einheitlicher Einkommensteuersatz von 26 % eingeführt, der laut Artikelstand 2018 bei 20 % lag. Finnische und schwedische Investitionen unterstützten den Wiederaufbau; Estland wurde zum „baltischen Tiger“.
Der Tigersprung (Tiigrihüppe) trieb ab 1997 die Digitalisierung voran. Seit 2000 besteht ein Anspruch auf Internetzugang, seit 2005 sind Onlinewahlen möglich. Verwaltung, Justiz und Gesundheitswesen sind weitgehend digitalisiert; ausgenommen sind Eheschließung, Scheidung und Immobilienkauf. Estland trat 2004 EU und NATO bei und führte am 1. Januar 2011 den Euro ein. Im April 2007 löste die Verlegung des Bronzesoldaten von Tallinn Unruhen aus; mehr als 700 Menschen wurden verletzt. Anschließend richteten sich mehrwöchige Hackerangriffe gegen staatliche Internetseiten.