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Geschichte Anatoliens
Der fruchtbare Halbmond, in dem um 11.000 v. Chr. die neolithische Revolution begann, liegt zum kleinen Teil auf türkischem Gebiet; Boncuklu und Pınarbaşı sind …
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Raum und früheste Besiedlung
Anatolien wird in der historischen Geographie meist ohne den Küstensaum verstanden; seine Ostgrenze wird unterschiedlich gezogen, etwa am oberen Euphrat oder an der Ostgrenze der heutigen Türkei. Die Geschichte des Raums reicht über eine Million Jahre zurück. Im Gediz-Flussgebiet wurde ein etwa 1,2 Millionen Jahre altes bearbeitetes Steinfragment gefunden, das bislang älteste sicher datierte Steinzeitwerkzeug auf türkischem Boden. Auf frühe Bewohner, meist Homo erectus genannt, folgten Neandertaler und Homo sapiens.
Die altsteinzeitliche Forschung ist noch lückenhaft. Die Karain-Höhle bei Antalya lieferte über 400.000 Jahre alte Funde; Kaletepe Deresi 3 in Kappadokien weist etwa 800.000 Jahre alte Werkzeuge des Acheuléen auf. Obsidian, vulkanisches glasartiges Gestein, wurde früh für Waffen und Werkzeuge genutzt. Für 40.000 bis 26.000 v. Chr. gibt es vergleichsweise viele Funde, danach eine Lücke von sechs Jahrtausenden. Meeresspiegelschwankungen während und nach der Würmvereisung zerstörten viele küstennahe Siedlungsspuren.
Im Epipaläolithikum, der Zeit unmittelbar vor Sesshaftigkeit und Landwirtschaft, lebten Gruppen als mobile Jäger und Sammler. Kennzeichnend waren Mikrolithen, kleine Steinwerkzeuge, und die Nutzung weit entfernter Ressourcen. Pınarbaşı und die Öküzini-Höhle belegen Jagd, Sammeln von Pistazien, Mandeln und weiteren Wildpflanzen sowie Obsidianhandel; Getreide spielte kaum eine Rolle. Eine eindeutige archäologische Grenze zum Mesolithikum gibt es nicht.
Neolithikum, Kupferzeit und Bronzezeit
Um 9000 v. Chr. begann die neolithische Revolution: Menschen produzierten Nahrung durch Ackerbau und Viehzucht und lebten dauerhaft in Dörfern. Der Fruchtbare Halbmond, die Kernregion dieser Entwicklung, wurde inzwischen bis in den Südosten Zentralanatoliens erweitert. Pınarbaşı und Boncuklu waren zwischen 8500 und 8000 v. Chr. langfristig bewohnte Siedlungen. In Südostanatolien zeigen Hallan Çemi, Demirköy, Körtik, Çayönü und Göbekli Tepe verschiedene Wege zur Sesshaftigkeit, Tierhaltung und zum Ackerbau. Göbekli Tepe entstand um 10.500 v. Chr. als Bergheiligtum mit t-förmigen, 10 bis 20 Tonnen, in Einzelfällen 50 Tonnen schweren Pfeilern; Wohngebäude wurden dort bisher nicht gefunden.
Çatalhöyük bestand von 7400 bis 6200 v. Chr., umfasste über 13 ha und hatte vermutlich mehrere Tausend Einwohner. Schafe und Ziegen lieferten den Großteil der tierischen Nahrung; Jagd, Fischfang und Sammeln blieben wichtig. Häuser waren dicht gebaut und wohl über Flachdächer zugänglich. Die Fundstätte besitzt Malereien, Reliefs, Figurinen und zahlreiche Bestattungen unter Häusern. Ab etwa 8300 v. Chr. breitete sich die neolithische Lebensweise nach Westen aus. Dabei gab es vermutlich zwei Hauptwege: eine Route nach Nordgriechenland und auf den Balkan sowie eine Seeroute über mediterranes Anatolien nach Kreta und Süditalien. Das „neolithische Paket“ umfasste mitgeführte Nutzpflanzen, Haustiere und Keramikformen.
Die Kupfersteinzeit wird ungefähr auf 6100 bis 3000 v. Chr. datiert und ist unter anderem durch mehrfarbig bemalte Keramik geprägt. Kupferobjekte, etwa Perlen aus Çayönü, sind allerdings schon zwischen 8200 und 7500 v. Chr. belegt. Bis 3000 v. Chr. nahm die Siedlungstätigkeit stark zu; es werden Tausende Dörfer angenommen. In der frühen Bronzezeit (ca. 3400/3000–2000 v. Chr.) entstanden größere, hierarchisch gegliederte Siedlungen, Handelsnetze und erste Herrschaftsgebiete. Metallhandel, besonders mit Zinn, förderte die Zentralisierung. Troja I begann um 3000 v. Chr.; Troja II entstand zwischen 2700 und 2500 v. Chr.
Ab etwa 2000 v. Chr. ermöglichen assyrische Handelsarchive erstmals umfangreiche Schriftquellen. Das Handelszentrum Kaneš, das heutige Kültepe, war etwa 50 ha groß. Assyrische Händler brachten Stoffe und Zinn, tauschten sie vor allem gegen Gold und Silber und nutzten Karum, Händlerkolonien. Die Quellen zeigen zahlreiche befestigte Stadtstaaten, Herrscher, Verwaltungsämter, Palastland, Abgaben und Schuldsklaverei. In Zentralanatolien entstand um 1600 v. Chr. das Großreich der indogermanischsprachigen Hethiter mit Hauptstadt Ḫattuša.
Hethiter, Eisenzeit und persische Herrschaft
Das hethitische Reich beherrschte im Kern das Gebiet zwischen Pontus- und Taurusgebirge und unternahm Feldzüge bis an die Ägäis und nach Babylon. Ḫattušili I. machte das Reich zum Großreich; Muršili I. zog 1595 v. Chr. bis Babylon. Dynastische Kämpfe schwächten das Alte Reich, während der Telipinu-Erlass die Thronfolge regelte und Blutrache sowie die Bestrafung ganzer Sippen untersagte. Unter Šuppiluliuma I. und Muršili II. wurde das Reich erneut ausgedehnt. Die Schlacht bei Kadesch 1274 v. Chr. gegen Ägypten blieb ohne Entscheidung; 1259 schloss Ḫattušili III. einen Friedensvertrag.
Im Westen bestand Arzawa, dessen Bewohner als Luwier gelten. Muršili II. eroberte Arzawa und behauptete, 65.000 oder 66.000 Bewohner deportiert zu haben. Milet war seit etwa 1400 v. Chr. eindeutig mykenisch geprägt, wurde aber gegen Ende des 14. Jahrhunderts als wahrscheinlich mit Millawanda gleichzusetzende Stadt zerstört. Das hethitische Großreich zerfiel zu Beginn des 12. Jahrhunderts v. Chr.; Ursachen und genauer Ablauf sind nicht sicher bekannt. Hungersnot, Klimaveränderung, Kriege und Bevölkerungsbewegungen beziehungsweise Seevölker werden im Artikel als mögliche Zusammenhänge genannt. Späthethitische Staaten bestanden im Süden und Osten teilweise bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. fort.
In der Eisenzeit beherrschten Phrygien im Westen und Urartu im Osten große Räume. Das phrygische Reich um Gordion erreichte im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. seine größte Ausdehnung. Kimmerer drangen Ende des 8. Jahrhunderts nach Anatolien vor; ihr Einfall führte zu Beginn des 7. Jahrhunderts zum Zusammenbruch Phrygiens. Die Lyder vertrieben die Kimmerer um 600 v. Chr.; König Gyges fiel 644 v. Chr. im Kampf gegen sie. Seit 850 v. Chr. bestand Urartu mit Zentrum am Vansee und Hauptstadt Tušpa.
Kyros II. eroberte 547 v. Chr. Urartu und besiegte anschließend Kroisos; Sardes und das Lyderreich wurden wohl 541 annektiert. Die ionischen Griechenstädte gerieten unter persische Herrschaft. Der ionische Aufstand begann 499 v. Chr., wurde 494 niedergeschlagen und Milet zerstört. Nach den Perserkriegen wurden die Städte zeitweise unabhängig, im Königsfrieden von 386 v. Chr. jedoch wieder Persien unterstellt. Alexander der Große besiegte die Perser 333 v. Chr. bei Issos und beendete ab 334 v. Chr. ihre Herrschaft in Kleinasien.
Hellenistische und römische Epoche
Nach Alexanders Tod 323 v. Chr. teilten seine Nachfolger Anatolien auf. Später wurden Pergamon, Bithynien, Pontos und Kappadokien eigenständige hellenistische Königreiche. Kelten gründeten nach 278 v. Chr. Galatien in Zentralanatolien. Rom besiegte 190 v. Chr. den Seleukiden Antiochos III.; der Frieden von Apameia 188 v. Chr. stärkte zunächst Pergamon. Attalos III. vererbte sein Reich 133 v. Chr. an Rom. Nach den Kriegen gegen Mithridates VI. von Pontos gliederte Rom schrittweise ganz Kleinasien ein.
Wichtige römische Provinzen waren Asia im Westen, Bithynia et Pontus im Norden, Lycia et Pamphylia im Südwesten und Cilicia im Südosten. Kappadokien wurde 18 n. Chr. unter Tiberius Provinz. Armenien blieb meist Pufferstaat zwischen Rom und den Parthern, später dem Sassanidenreich. Unter Tigranes dem Großen erreichte Armenien im 1. Jahrhundert v. Chr. seine größte Ausdehnung; 301 nahmen König Trdat III. und sein Hof das Christentum an.
Die römische Zeit brachte einen Höhepunkt der Verstädterung: Noch in der Spätantike besaß Kleinasien über 600 Städte. Ephesos, Pergamon, Smyrna, Milet und Sardes waren bedeutende Zentren. Karl Julius Beloch schätzte Anatolien auf 11,5 bis 13,5 Millionen Einwohner; der Artikel betont, dass dies nur Näherungswerte sind. Wirtschaftlich waren Wein, Olivenöl, Weizen, Gartenbau, Viehzucht, Fischfang, Holz und Bergbau wichtig. Städte verwalteten sich durch Stadträte (Boule), während Landtage der Provinzen als Koina die Verbindung zum Kaiser herstellten.
Die Christianisierung setzte früh ein, besonders durch Paulus von Tarsus. Ende des 4. Jahrhunderts waren Nichtchristen anscheinend bereits in der Minderheit. Zugleich entstand der Kolonat: Bauern wurden durch Gesetze zunehmend an die Scholle gebunden. Unter Justinian I. unterschied man nicht mehr zwischen freien und unfreien Kolonen; beide Begriffe bezeichneten nun Ackerbauer ohne freies Eigentum.
Byzanz, Seldschuken und Osmanen
Nach der Reichsteilung von 395 gehörte Anatolien zu Ostrom beziehungsweise Byzanz. Nach dem Sieg über Persien 628 verlor das Reich ab 633 Syrien, Ägypten und weitere Gebiete an muslimische Araber. Anatolien wurde dadurch zum Kernland des verbliebenen Reichs. Militärbezirke, Themen genannt, organisierten die Verteidigung; das Thema Anatolikon gab später ganz Anatolien seinen Namen. Kriege und Überfälle führten zu Entvölkerung im Osten, Rückgang der Landwirtschaft, Schrumpfen der Städte und geringerem Geldumlauf. Ab etwa 850 stabilisierte sich die Lage, ab etwa 940 ging Byzanz wieder in die Offensive.
1071 besiegten türkische Seldschuken Kaiser Romanos IV. bei Manzikert. Um Konya entstand 1081 das unabhängige Sultanat der Rum-Seldschuken. Byzanz gewann mit Hilfe des Ersten Kreuzzugs Teile der Küsten und des Westens zurück, verlor nach der Niederlage von Myriokephalon 1176 aber zunehmend das anatolische Binnenland. Das Kaiserreich Nikaia stabilisierte nach dem Vierten Kreuzzug 1204 Westanatolien und gewann 1261 Konstantinopel zurück; das Kaiserreich Trapezunt bestand bis 1461. Kleinarmenien in Kilikien bestand von 1198 bis 1375.
Die Mongolen besiegten die Rum-Seldschuken 1243 bei Köse Dağ; das Sultanat löste sich 1303 auf. In den türkischen Beyliks setzte sich die Dynastie Osman Beys durch. Die Osmanen eroberten 1453 Konstantinopel und machten Istanbul zur Hauptstadt. Nach der Niederlage Bayezids I. gegen Timur 1402 konnten sie sich wieder festigen. Im 16. Jahrhundert eroberten sie gegen Mamluken und Safawiden Südost- und Ostanatolien. Wirtschaftskrisen und die Celali-Aufstände erschütterten Anatolien um 1590. Im 19. Jahrhundert verlor das Reich fast alle europäischen Gebiete und Nordafrika; Anatolien wurde erneut sein Kernland. Tanzimat-Reformen ab 1838 sollten Staat, Justiz und Steuern modernisieren, doch der Staatsbankrott von 1876 und europäische Finanzkontrolle verstärkten die Abhängigkeit.
Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Osmanische Reich seit dem 2. August 1914 auf Seiten der Mittelmächte. In Gallipoli 1915/16 wehrten türkische Truppen eine gegnerische Streitmacht ab; etwa eine Viertelmillion Menschen wurden getötet. Ab 1915 wurden Armenier deportiert; nach dem Artikel fielen dieser Politik zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Armenier zum Opfer. Nach der Niederlage entstand die nationale Widerstandsbewegung in Ankara. Das Sultanat wurde am 1. November 1922 abgeschafft, Ankara am 13. Oktober 1923 Hauptstadt und am 29. Oktober die Republik ausgerufen.
Republik Türkei
Mustafa Kemal Atatürk gründete die Republik Türkei als demokratische Republik und wollte sie nach dem Vorbild europäischer Nationalstaaten modernisieren. Das Sultanat war 1922, das Kalifat 1924 abgeschafft worden. Es folgten eine neue Verfassung, die Aufhebung religiöser Gerichte, der Gregorianische Kalender, das metrische System, europäische Rechtsordnungen, die Ersetzung der arabischen durch die lateinische Schrift 1928 sowie das Frauenwahlrecht 1934. Säkularisierung und Laizismus wurden 1928 und 1937 in der Verfassung verankert.
Der laizistische Einheitsstaat berücksichtigte Minderheitenrechte nicht. Kurden wurden nicht als ethnische Minderheit anerkannt; kurdische Aufstände, darunter 1920, 1925, 1926–1930 und 1938, wurden niedergeschlagen. Öffentlicher Gebrauch der kurdischen Sprache war untersagt. Nach freien Wahlen 1950 wurde Adnan Menderes Ministerpräsident. Das Militär putschte 1960, 1971 und 1980. Der Konflikt mit der PKK verschärfte sich; bis 1994 räumte das Militär im Südosten etwa 2000 Dörfer. 1996 endete der Ausnahmezustand in den Kurdenprovinzen, 1999 erklärte die PKK einen Waffenstillstand, der bis 2004 hielt.
Nach der Krise von 2001 reformierte die Regierung den Bankensektor. Die AKP gewann 2002; Recep Tayyip Erdoğan wurde am 11. März 2003 Ministerpräsident. Reformen stärkten Menschen- und Freiheitsrechte, schafften die Todesstrafe ab und erlaubten unter anderem kurdische Sprache, Unterricht sowie Radio- und Fernsehkanäle. Die EU beschloss 2004, Beitrittsverhandlungen ab dem 3. Oktober 2005 aufzunehmen.
Die Wirtschaft wuchs durch Marktöffnung, niedrige Löhne, Nachholbedarf sowie den Ausbau von Organisation, Infrastruktur und Bildung. Wichtige Sektoren sind Textilindustrie, Tourismus, Automobilindustrie und Elektronikbranche. Die Verstädterung nahm stark zu: Istanbul hatte mittlerweile weit über 13 Millionen Einwohner, Ankara 4,5 Millionen und Izmir 3,8 Millionen; etwa drei Viertel der Bevölkerung lebten in Städten. Zum UNESCO-Welterbe gehören unter anderem Ḫattuša, Troja, Göreme und seit 2012 Çatalhöyük.