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Gert Westphal
1996: Der Vorleser von Bernhard Schlink, ungekürzte Lesung, 5 CDs, 5:03 h, Litraton-Verlag, Hamburg, ISBN 3-89469-922-1. Deutsche Grammophon, Berlin,
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Profil und Bedeutung
Gert Westphal (eigentlich Curt Gerhard Westphal; * 5. Oktober 1920 in Dresden; † 10. November 2002 in Zürich) war ein deutsch-schweizerischer Regisseur, Schauspieler und Rezitator. Besonders bekannt wurde er für seine literarischen Lesungen, Hörspiele und Rundfunkarbeiten. Wegen seiner außergewöhnlichen Gestaltung von Sprache und Text wurde er als „König unter den Sprechern“, „König der Vorleser“ und „Caruso der Vorleser“ bezeichnet. Marcel Reich-Ranicki nannte ihn wahrscheinlich den besten Rezitator in deutscher Sprache.
Westphals Arbeit verband mehrere Tätigkeiten: Er las literarische Texte als Solosprecher, wirkte in Hörspielen als Sprecher oder Erzähler mit, bearbeitete Texte und führte Regie. Dadurch konnten Werke aus verschiedenen Perspektiven vermittelt werden. Neben der deutschsprachigen Literatur beschäftigte er sich auch mit europäischer und besonders russischer Literatur sowie mit Melodramen und den von Joachim-Ernst Berendt entwickelten Programmen „Lyrik und Jazz“.
Lebensweg und künstlerische Entwicklung
Nach dem Abitur am Realgymnasium Blasewitz absolvierte Westphal eine Schauspielausbildung bei Paul Hoffmann am Dresdner Staatsschauspielhaus. 1940 debütierte er als zweiter Reiter in Goethes Götz von Berlichingen. Nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft kam er 1946 nach Bremen. Dort arbeitete er an den Bremer Kammerspielen sowie als Sprecher und Redakteur bei Radio Bremen.
1948 wurde Westphal Hörspielleiter von Radio Bremen. Diese Aufgabe übte er bis 1953 aus. Anschließend war er bis 1959 Hörspielleiter beim Südwestfunk Baden-Baden und damit für sämtliche dort in dieser Zeit produzierten Aufnahmen verantwortlich. Er stand in Kontakt mit Autoren wie Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn, Max Frisch und Carl Zuckmayer, gab Hörspiele in Auftrag und produzierte oder bearbeitete selbst Hörspiele und Radiofeatures.
Von 1959 bis 1980 gehörte Westphal zum Ensemble des Zürcher Schauspielhauses und wirkte dort in zahlreichen Uraufführungen mit. Daneben arbeitete er als Regisseur an Theatern und Opernbühnen in Deutschland. 1960 erwarb er zusätzlich zur deutschen Staatsbürgerschaft das Schweizer Bürgerrecht; dadurch konnte er auch in der damaligen DDR Aufnahmen realisieren. Ab 1980 konzentrierte er sich als selbstständiger Künstler vor allem auf Lesungen auf der Bühne und im Studio. Bis September 2002 trat er öffentlich auf und nahm weitere Lesungen auf Tonträger auf.
Westphal heiratete im Dezember 1957 die Schauspielerin und Rezitatorin Gisela Zoch (1930–2023), die er 1954 beim Norddeutschen Rundfunk kennengelernt hatte. Sie hatten zwei Töchter, geboren 1963 und 1966. 2002 starb Westphal an einem Krebsleiden. Er wurde auf dem Friedhof von Kilchberg am Zürichsee nahe dem Grab Thomas Manns beigesetzt.
Arbeitsweise und wichtige Hörspielbereiche
Westphal suchte die Texte seiner Lesungen selbst aus und bearbeitete sie teilweise. Ein Schwerpunkt lag auf Johann Wolfgang Goethe, Theodor Fontane und Thomas Mann, die er als „Säulenheilige“ bezeichnete. Von ihnen nahm er – bis auf wenige Ausnahmen – sämtliche Romane und Erzählungen auf, teilweise mehrfach, oder verwendete sie als Vorlagen für eigene Hörspielproduktionen. Außerdem las und inszenierte er Werke von Autoren wie Gustave Flaubert, Victor Hugo, Henry James und Thornton Wilder. Zur russischen Literatur gehörten unter anderem Werke von Fjodor Dostojewski, Nikolai Gogol, Leo Tolstoi und Anton Tschechow.
Eine besondere Rolle spielte das Melodram, also die Verbindung von gesprochenem Text und Musik. Trotz Bedenken von Veranstaltern blieb Westphal diesem Format verbunden. Am 15. Juni 1994 brachte er bei den Sommerlichen Musiktagen Soest Rainer Maria Rilkes Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke in Viktor Ullmanns Fassung für Sprecher und Klavier mit dem Pianisten Michael Allan zur Uraufführung. Auch in Ullmanns orchestrierter Fassung Ghetto Theresienstadt 1944 übernahm er den Sprecherpart, unter anderem in der Berliner Philharmonie mit der Deutsch-Skandinavischen Jugend-Philharmonie unter Andreas Peer Kähler.
Für die „Lyrik und Jazz“-Programme des Südwestfunks galt Westphal wegen seines Textverständnisses und seiner Musikalität als Idealbesetzung. Die Programme, etwa mit dem Metronome Quintett, wirkten bis heute stilbildend. Beispiele sind Lyrik und Jazz Benn (1960), Lyrik und Jazz Enzensberger – Halleluja Im Niemandsland (1962), Lyrik und Jazz Rühmkorf – Im Vollbesitz meiner Zweifel (1963), Ringeljazz (1982) und Kling Hinaus Ins Weite (1993).
Als Hörspielregisseur arbeitete Westphal unter anderem an Das große Netz (1951), Begegnung im Balkanexpress (1953), Rip van Winkle (1954), Am grünen Strand der Spree (1956, fünf Teile), Leonce und Lena (1958), verschiedenen Maigret-Hörspielen (1959) und Rausch der Verwandlung (1985, zweiteilig). Bei mehreren Produktionen übernahm er zusätzlich Bearbeitung, Erzähler- oder Sprecheraufgaben. Unter dem Pseudonym Gerhard Wehner schrieb er die Hörspiele Offene Rechnung, Gestern ist lange her und Große Konjunktion im Zeichen der Fische.
Aufnahmen, Hörspiele und Filmrollen
Als Hörspielsprecher war Westphal in unterschiedlichen Rollen zu hören, etwa als Dichter in Yasushi Inoues Das Jagdgewehr (1965), als Erzähler in Ernst Lothars Der Engel mit der Posaune (1970, acht Folgen) und in Truman Capotes Auf allen Wegen nach Eden (1991). Er sprach außerdem in Charles Dickens’ Der Bahnwärter (1951), Hartmut Langes Die Unberührbare (1984) und Franz Werfels Die Entfremdung (1985).
Zu den bekannten Hörbuchaufnahmen gehören Das Parfum von Patrick Süskind (1995), Bernhard Schlinks Der Vorleser (1996, ungekürzte Lesung, fünf CDs, 5:03 Stunden), Dostojewskis Schuld und Sühne (1998, 22 Kassetten, 1670 Minuten), Goethes Wahlverwandtschaften (1998, etwa 555 Minuten), Thomas Manns Buddenbrooks (2001, ungekürzt, 22 CDs, etwa 28 Stunden), Felix Krull (2005, 13 CDs, 990 Minuten), Der Zauberberg (2005, gekürzt, 15 CDs, 19:30 Stunden), Fontanes große Romane 1 + 2 (2004, 76 CDs, etwa 94 Stunden) und Puschkins Eugen Onegin (2015, gekürzt, 3:31 Stunden). Die Veröffentlichungen nach 2002 sind postume Ausgaben.
Westphal war auch als Schauspieler und Erzähler in Film- und Fernsehproduktionen beteiligt. Genannt werden unter anderem Der letzte Mann (1955), Andorra (1964), Der Fall Liebknecht-Luxemburg (1969), Tatort: Frauenmord (1973), die 1974 ausgestrahlten Verfilmungen von Romanen Hedwig Courths-Mahlers sowie Friedenspolka (1987) und Schneller als das Auge (1988). In den Courths-Mahler-Verfilmungen Die Bettelprinzess, Griseldis, Die Kriegsbraut, Der Scheingemahl und Eine ungeliebte Frau war er als Erzähler beteiligt. Als Synchronsprecher war er nicht tätig.
Auszeichnungen und öffentliche Würdigung
Westphal erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine künstlerische Arbeit. Dazu zählen der Literaturpreis des Kantons Zürich (1975), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1982), der Deutsche Schallplattenpreis (1988), das Goldene Verdienstzeichen des Landes Salzburg und das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich (beide 1990), die Ehrenurkunde der Deutschen Schallplattenkritik (1991), das Goldene Grammophon und die Ehrenmedaille Schloss Reinbek (beide 1995), die Biermann-Ratjen-Medaille für seine künstlerischen Verdienste um die Stadt Hamburg (2001) sowie der Eintrag in das Goldene Buch der Hansestadt Bremen (2001).
Für Aufnahmen wurden unter anderem Melodramen von Liszt, Strauss und Nietzsche (1983), Liebestod in Venedig (1993), Andorra (1963), Madame Bovary (1988), Bleib doch mein (1995), Doktor Faustus (1995), Das dreißigste Jahr (2001), Felix Krull (2002) und Der Erwählte (2005) ausgezeichnet beziehungsweise in Preiszusammenhängen genannt.
Auch an preisgekrönten Hörspielen war Westphal in verschiedenen Funktionen beteiligt: 1955 erhielt Prinzessin Turandot den Hörspielpreis der Kriegsblinden, wobei Westphal Regie führte; im selben Jahr bekam Der trojanische Krieg findet nicht statt den Karl-Sczuka-Preis, ebenfalls unter seiner Regie. 1957 wurde Wovon wir leben und woran wir sterben mit dem Prix Italia ausgezeichnet, an dem Westphal als Sprecher beteiligt war. Weitere Auszeichnungen erhielten Ungeduld des Herzens (1961, Regie), A hard day’s night (1967, Regie) und Udo der Stählerne (Hörspiel des Monats, Januar 1994, Erzähler).
Seine Bedeutung wurde besonders mit seinen Rezitationen und Literaturlesungen im Hörfunk und auf Tonträgern verbunden. Katia Mann nannte ihn nach einer Lesung mit Werken Thomas Manns „des Dichters obersten Mund“. Eine Ausstellung im Schloss Reinbek erinnerte 2010 unter dem Titel Der Dichter oberster Mund an ihn.