Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gemmenicher Platt
Konsonanten. Bearbeiten. Weitverbreitet sind der J-Anlaut und -Mittenlaut, die aus dem Ripuarischen stammen. Typisch für die Dialekte der Region ist auch …
Inhalt5 Abschnitte
Einordnung und Verbreitung
Das Gemmenicher Platt, auch Jömelejer Platt oder Gemmenicher Mundart genannt, ist ein ostlimburgisch-ripuarischer Übergangsdialekt. Er wird in Gemmenich gesprochen, einem Ort im Nordosten der belgischen Provinz Lüttich.
Der Dialekt gehört innerhalb der linguistischen Klassifikation zum Indogermanischen, Germanischen, Westgermanischen, Niederfränkischen, Südniederfränkischen beziehungsweise Limburgischen und genauer zum ostlimburgisch-ripuarischen Bereich. Er ist damit Teil eines Dialektkontinuums im Rheinland, also eines Gebiets, in dem benachbarte Mundarten schrittweise ineinander übergehen.
Sprachliche Klassifizierung
Gemmenich zählt zu den plattdeutschen Gemeinden im äußersten Osten Belgiens. Die dort gesprochenen Mundarten gehören zu den Übergangsdialekten des Rheinlands. Das Gemmenicher Platt ähnelt daher mehreren Nachbarmundarten, besonders dem Aachener Platt, auch Öcher Platt genannt, und dem benachbarten Vaalser Platt, auch Völzer genannt, in den Niederlanden.
Die stärksten Ähnlichkeiten bestehen aber mit südniederfränkischen Übergangsdialekten, die in einem halbkreisförmigen Gebiet zwischen dem bergischen Land und Eupen in der Eifel gesprochen werden. Wegen seines Lautstands wird das Gemmenicher Platt dem niederfränkischen Sprachraum zugeordnet. Ein wichtiges Merkmal ist, dass meist kein hoch- oder mitteldeutsches „z“ vorkommt: Hochdeutsch „Zeit“ entspricht „Tiit“, „Zeichen“ entspricht „Teeke“. Auch ein hoch- oder mitteldeutsches „s“ fehlt häufig, zum Beispiel in „verbeatere“ für „verbessern“. Es gibt aber Ausnahmen, etwa „tsuker“ im Vergleich zu hochdeutsch „Zucker“.
Aussprache und Schreibweise
In der Aussprache sind der J-Anlaut und der J-Mittenlaut weit verbreitet; sie stammen aus dem Ripuarischen. Typisch für die Region ist außerdem die Velarisierung von aus- und inlautendem „-nd“. Velarisierung bedeutet hier, dass der Laut weiter hinten im Mund gebildet wird, zum Beispiel in „Kingk“ und „kinger“. Im Gemmenicher Platt geschieht dies aber nicht durchgehend. So heißt es im Singular „Tand“ für „Zahn“, aber im Plural „Täng“ für „Zähne“. In Diminutiven, also Verkleinerungsformen, wird „-nd“ meistens velarisiert, etwa in „Kengche“ für „Kindchen“; daneben kommt auch „Keneke“ vor, was eher zum ostlimburgischen Dialektraum passt.
Die meisten Konsonanten unterscheiden sich weder in der Schreibung noch in der Aussprache stark von ihren standarddeutschen Entsprechungen. Einige Laute kennt das Standarddeutsche jedoch nicht oder nicht in derselben Funktion. Dazu gehören Zeichen wie „ĝ“ und „w“. Die stimmhaften Varianten von „ĝ“ ähneln etwa der berlinerischen und rheinischen Aussprache in Wörtern wie „sagen“ oder „Wagen“ sowie dem stimmhaften niederländischen „g“ in „gracht“. Die stimmlose Variante von „ĝ“ vor stimmlosen Konsonanten und am Wortende klingt wie das deutsche „ch“ in „Dach“. Das Zeichen „w“ steht nur für ein nicht geriebenes „w“, ähnlich wie im Englischen in „way“ oder „work“.
Der Buchstabe „v“ bezeichnet ausschließlich den geriebenen Laut wie in deutschen Wörtern „Wasser“ und „Vase“. Der Laut aus deutschen Wörtern wie „Vater“ oder „Vogel“ wird im Gemmenicher Platt einheitlich als „f“ geschrieben. Für das stimmhafte „sch“ in Fremdwörtern wie „Journalist“ oder „Blamage“ wird „ĵ“ verwendet. Ein stimmloses „s“ kann als „ç“ geschrieben werden, wenn es aus der Umgebung nicht eindeutig erkennbar ist. Die hochdeutschen Regeln, nach denen „sp“ und „st“ am Wortanfang mit „sch“-Laut gesprochen werden, gelten auch hier am Wortanfang, aber nicht im Wortinnern. Doppelte Konsonanten sind nicht nötig und kommen deshalb nicht vor; auch Schreibungen wie alleinstehendes „c“, „x“, „z“, „tz“, „qu“, „chs“, „ph“ oder „-tion“ werden durch einfachere lautnahe Schreibungen wie „k“, „ts“, „ks“, „kw“ oder „f“ ersetzt.
Wortschatz
Viele Wörter des Gemmenicher Platt sind aus dem Französischen der Wallonie und aus dem benachbarten Deutschen entlehnt. Das passt zur Lage Gemmenichs im Osten Belgiens und in der Nähe deutscher und niederländischer Sprachräume.
Die Beispielsätze im Artikel zeigen außerdem, dass das Gemmenicher Platt in Wortschatz und Formen Bezüge zu mehreren Nachbarsprachen und Dialekten hat. Einzelne Wörter werden ausdrücklich mit dem Niederländischen, Englischen, Kölschen, Ripuarischen oder Pfälzischen verglichen, zum Beispiel „lää“ mit englisch „late“ und niederländisch „geleden“, „mä“ mit niederländisch „maar“ oder „vertoot“ von „vertele“ mit niederländisch „vertellen“, ripuarisch „verzälle“, pfälzisch „verzeehle“ und englisch „to tell“.
Typische Beispiele
Die Beispiele vermitteln, wie das Gemmenicher Platt in ganzen Sätzen aussieht und wie nahe es teils am Niederländischen und Deutschen steht. Ein Satz lautet: „de aanköndejong van de trow, dat is at dree joor lää.“ Die deutsche Übersetzung ist: „Die Ankündigung der Trauung, das ist schon drei Jahre her!“
Ein weiteres Beispiel lautet: „ene lierer mot jeder daaĝ aufjaabe verbeatere, mä wän ech der tiit ha, koom ech noch hüj verbee.“ Das bedeutet auf Deutsch: „Ein Lehrer muss jeden Tag Aufgaben korrigieren/verbessern, aber wenn ich die Zeit habe, komme ich heute noch vorbei.“ Sinngemäß kann der Satz auch heißen: „Als Lehrer muss ich …“
Auch Alltagssituationen werden gezeigt, zum Beispiel: „dat wädt schoon jue, ech sal dat möreje metbrenge.“ Die deutsche Bedeutung lautet: „Das wird schon gehen, ich werde das morgen mitbringen.“ Ein weiterer Beispielsatz ist: „vör hant os an et spatseerender jät vertoot, än du hat dä Scharel sech der voot vertroon.“ Auf Deutsch: „Wir haben uns beim Spazieren etwas erzählt, und dann hat der Karl sich den Fuß vertreten.“