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Gemeinwohl-Ökonomie

Werte wie Kooperation, die Achtung der Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit (etwa Kreislaufwirtschaft), soziale Gerechtigkeit und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Das Modell nach Christian Felber
  3. 3. Bewegung und praktische Umsetzung
  4. 4. Wissenschaftliche Untersuchung und Rezeption
  5. 5. Mariana Mazzucatos Konzept

Kernidee und Bedeutung

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist eine 2010 von Österreich, Bayern und Südtirol aus gestartete zivilgesellschaftliche Reformbewegung. Ihr Ziel ist, wirtschaftliche Aktivitäten auf ein demokratisch definiertes Gemeinwohl auszurichten. Wirtschaftlicher Erfolg soll daher nicht hauptsächlich an der Vermehrung von Geldkapital gemessen werden, sondern daran, ob wirtschaftliches Handeln zu einem guten Leben für alle beiträgt.

Leitende Werte sind die Achtung der Menschenwürde, Kooperation, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit – etwa durch Kreislaufwirtschaft – sowie demokratische Mitbestimmung, auch „Partizipation“ genannt. Diese Werte sollen sowohl volkswirtschaftliche Prozesse, also die Wirtschaft eines Landes oder einer Region, als auch betriebswirtschaftliche Prozesse in einzelnen Unternehmen bestimmen.

Das Gemeinwohl gilt auch in verschiedenen demokratischen Verfassungen als wichtiger Grundwert. Artikel 151 der Verfassung des Freistaates Bayern erklärt: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesonders der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle [...].“ Artikel 14 des Grundgesetzes lautet: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Nach Artikel 128 der Verfassung des Königreichs Spanien ist „der gesamte Reichtum des Landes in seinen verschiedenen Formen und unabhängig von seiner Trägerschaft [...] dem Gemeinwohl untergeordnet.“

Das Modell nach Christian Felber

Das Modell nach Christian Felber wird auf der Website der Gemeinwohl-Bewegung in zehn Punkten zusammengefasst. Im Mittelpunkt steht die Idee einer „ethischen Marktwirtschaft“. Ihr Ziel ist nicht die Vermehrung von Geldkapital, sondern „das gute Leben für alle“.

Dafür sollen sich die Zielvorgaben und Erfolgsmessungen der Wirtschaft verändern:

  • Auf staatlicher Ebene soll ein Gemeinwohl-Produkt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ablösen. Das Gemeinwohl-Produkt soll nicht nur die wirtschaftliche Leistung, sondern die Ausrichtung einer Volkswirtschaft auf gemeinsam bestimmte Gemeinwohlziele erfassen.
  • Auf betrieblicher Ebene soll die Gemeinwohl-Bilanz rein monetäre Erfolgsmaßstäbe ersetzen. Sie ist ein werteorientiertes Mess- und Reportingverfahren, mit dem Unternehmen, Gemeinden und Institutionen ihre Auswirkungen auf das Gemeinwohl darstellen sollen.
  • In der Gemeinwohl-Bilanz werden unter anderem Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung als Kategorien genannt.

Unternehmen, die stark auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind, sollen gegenüber anderen Unternehmen stärker gefördert werden. Als mögliche Mittel nennt die GWÖ den öffentlichen Einkauf, kommunale Wirtschaftsförderung, Finanzierungen und Steuern sowie einen privilegierten Zugang zum Weltmarkt und Welthandel. Wirtschaftlich schädigende Aktivitäten sollen dagegen schlechter gestellt werden. Langfristig sollen dadurch nur noch wirtschaftliche Tätigkeiten rentabel sein, die keine ökologischen und sozialen Schäden verursachen.

Weitere vorgeschlagene Reformen sind ein Wechsel von Konkurrenz zu Kooperation, Arbeitszeitverkürzung und Sabbaticals, eine Begrenzung der Ungleichheit, ethischer Welthandel und ökologische Menschenrechte. Die konkreten Reformen sollen in demokratischen Wirtschaftskonventen entwickelt werden. Diese sollen ähnlich wie Bürgerräte arbeiten, die bereits in Irland, Deutschland und Frankreich eingesetzt wurden. Ein Bürgerrat könnte beispielsweise die Ausarbeitung eines Gemeinwohl-Produkts übernehmen.

Bewegung und praktische Umsetzung

Seit dem Start im Jahr 2010 entwickelte sich die GWÖ zu einer internationalen Bewegung. Nach eigenen Angaben hatten sich ihr etwa 3.000 Unternehmen und 8.000 Personen angeschlossen (Stand: Beginn 2021). Rund 200 Regionalgruppen bestanden im Januar 2021. Schwerpunkte liegen in Deutschland, Österreich und der Schweiz; weitere Gruppen gibt es in anderen Staaten Europas sowie in Süd- und Nordamerika.

Einige Städte und Kommunen interessieren sich für die Umsetzung der GWÖ-Prinzipien. Genannt werden Stuttgart, Mannheim, Amsterdam, Wien und Barcelona. Der Stadtrat von Münster beschloss, für sämtliche Kommunalbetriebe eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen.

Auch auf europäischer und internationaler Ebene wurde das Modell diskutiert. Ab Februar 2015 befasste sich der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss mit der Einbettung der GWÖ in das europäische Wirtschaftssystem und in das Wirtschaftsprogramm Europa 2020. Am 17. September 2015 nahm der Ausschuss eine zehnseitige Initiativ-Stellungnahme mit 86 Prozent Stimmenmehrheit an. Darin wurde das Modell als geeignet beurteilt, in den Rechtsrahmen der EU und ihrer Mitgliedschaften integriert zu werden.

2017 lud das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) die GWÖ ein, ihr Konzept vorzustellen. 2019 wurde sie im UNRISD Working Paper „Sustainable Development Impact Indicators for Social and Solidary Economy“ erwähnt. Ebenfalls 2019 stellte die GWÖ ihr Modell auf der UNECE-Konferenz in Genf vor. Dort wurde es als geeignetes Instrument bezeichnet, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) auf der Ebene von Unternehmen und Gemeinden umzusetzen.

Wissenschaftliche Untersuchung und Rezeption

Die Aktionskreise „Bildung“ sowie „Wissenschaft und Forschung“ koordinieren Aktivitäten der GWÖ in Bildung und Wissenschaft. 2018 bot die Fachhochschule Burgenland gemeinsam mit dem Studienzentrum Saalfelden erstmals den Lehrgang „Angewandte GWÖ“ an. An der Universität Valencia wurde 2017 ein Lehrstuhl für GWÖ eingerichtet.

Eine erste empirische Studie untersuchte 206 Unternehmen mit Gemeinwohl-Bilanz. Nach ihrem Ergebnis verbessert das GWÖ-Modell die ethische Performance von Unternehmen stark und die finanzielle Performance leicht. Eine Studie der Universitäten Flensburg und Kiel bescheinigte der GWÖ das „Potenzial, zu einem Wandel in Richtung einer Postwachstumsgesellschaft beizutragen“. Im Herbst 2019 fand an der Hochschule Bremen die erste dreitägige wissenschaftliche Konferenz zur GWÖ statt. Weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen waren eine Sonderausgabe der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik im Dezember 2019, das Special Issue „Sustainable Economy for the Common Good“ des Journals sustainability Anfang 2021 und ein Sammelband zur Gemeinwohlökonomie im Gesundheitswesen im Juli 2022.

In der Rezeption wird die GWÖ unterschiedlich bewertet. Der Bericht des Club of Rome von 2017 stellte sie als Beispiel für eine soziale Transformation zu globaler Nachhaltigkeit vor. Auch der Bericht „earth for all“ des Club of Rome von 2022 erwähnt die Gemeinwohlökonomie als Wirtschaftsmodell einer positiven Zukunft.

Der Ökonom Peter Ulrich hält die GWÖ im Hinblick auf eine umfassende Systemtransformation „bis auf Weiteres hoffnungslos utopisch“. Gleichzeitig spricht er ihr „allen Respekt“ zu und bezeichnet sie als „zukunftsträchtigen Impuls“. Größere Unternehmen stehen insbesondere der vorgeschlagenen neuen Bilanzierung kritisch gegenüber. Als schwierig gelten unter anderem eine Suffizienzorientierung bei Produkten und Produktion, also eine Orientierung am ausreichenden statt am ständig steigenden Verbrauch, sowie Solidarität mit Wettbewerbern. Ein Sprecher der Otto-Group bewertete das Konzept einerseits als „gut und inspirierend und auch innovationsfördernd“, lehnte es andererseits jedoch ab, weil es auch den Verzicht auf betriebliches Wachstum bedeute und dadurch die Notwendigkeit von Entlassungen schaffen könne.

Mariana Mazzucatos Konzept

Der von Christian Felber ausgehende Ansatz blieb über weite Strecken in der akademischen Ökonomik unbeachtet. 2023 entwickelte die Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato unter Bezug auf Felbers Idee ein eigenes Konzept. Es soll helfen, auf das Gemeinwohl gerichtete Ziele für Volkswirtschaften zu definieren und zu erreichen.

Nach Mazzucatos Einschätzung verstehen Regierungen ihre Aufgabe meist darin, bei Marktversagen in Märkte einzugreifen oder öffentliche Güter zu verwalten. Weniger häufig richten sie Volkswirtschaften aktiv auf kollaborativ bestimmte Gemeinwohlziele aus. Auch viele Ökonomen konzentrieren sich vor allem auf die Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten und beschäftigen sich weniger mit übergeordneten Zielen.

Mazzucatos Entscheidungsprozesse sollen auf fünf von ihr definierten Säulen beruhen. Im Artikel wird besonders die erste Säule, das Wirtschaftswachstum, erläutert: Wachstum dürfe nicht länger nur eine Zahl sein, sondern müsse eine Richtung erhalten. Es soll Ergebnis gemeinsam definierter Strategien sein und auf das Wohl aller, also inklusiv, sowie auf die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet werden.

Mazzucato betont außerdem die Bedeutung staatlicher Beteiligung und Förderung. Sie bilden häufig die Grundlage für finanzielle Gewinne und neues Wissen, etwa bei medizinischen Innovationen, erneuerbaren Energien oder neuen digitalen Technologien. Private Akteure erzielen später oft die daraus entstehenden Profite. Durch sektorübergreifend entwickelte Zielvorstellungen sowie eine gemeinsame Beteiligung an Risiken und Gewinnen soll in kollaborativen wirtschaftlichen Prozessen die Ausrichtung auf das Gemeinwohl zum leitenden Prinzip werden. 2026 erschien Mazzucatos Buch „Common Good Economy“ (Gemeinwohl-Ökonomie).

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