Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Kreislaufwirtschaft
Die Kreislaufwirtschaft wird gelegentlich mit Recycling verwechselt, geht jedoch weit über das Recycling hinaus; Recycling ist zumeist lediglich das Mittel …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff, Ziel und Funktionsweise
Die Kreislaufwirtschaft ist ein regeneratives Wirtschaftssystem. Sie soll den Einsatz von Ressourcen sowie Abfälle, Emissionen und Energieverluste minimieren, indem Energie- und Materialkreisläufe verlangsamt, verringert und möglichst geschlossen werden. Dazu dienen langlebige Konstruktion, Instandhaltung, Reparatur, Wiederverwendung, Aufarbeitung (Refurbishing), industrielle Wiederherstellung gebrauchter Produkte (Remanufacturing) und Recycling. Auch bei der Verbundproduktion, also der gleichzeitigen Entstehung mehrerer Produkte in einem Produktionsprozess, spielt sie eine wichtige Rolle.
Sie soll das lineare Modell aus Entnahme, Herstellung und Entsorgung ersetzen. In dieser Linear- oder „Wegwerfwirtschaft“ werden viele Rohstoffe nach der Nutzung deponiert oder verbrannt; nur ein geringer Teil wird wiederverwendet. Die Kreislaufwirtschaft gilt daher als möglicher Ansatz gegen Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung und den Verlust der Biodiversität. Sie ist nicht mit Recycling gleichzusetzen: Recycling bildet meist nur das letzte Mittel, nachdem eine längere Nutzung, Reparatur oder Wiederverwendung nicht mehr möglich ist.
Entwicklung und Leitideen
Traditionelle Wirtschaftsformen können bereits als Kreislaufsysteme funktionieren. In manchen landwirtschaftlichen Systemen stammen menschliche und tierische Arbeitsenergie von der bewirtschafteten Fläche; Ausscheidungen, Küchenabfälle, Stroh oder Asche werden wieder in die Produktion eingebracht. Mit der industriellen Revolution setzte sich dagegen zunehmend die lineare Kette aus Rohstoffentnahme, Massenproduktion, Konsum und Entsorgung durch. Dieses Modell kann mit Nachhaltigkeit und den planetaren Grenzen in Konflikt geraten.
Max Himmelheber wies in den frühen 1970er-Jahren auf diese Problematik hin und hatte als Erfinder und Produzent der Spanplatte bereits seit den 1930er-Jahren kreislauforientiert gearbeitet. Spätestens 1974 definierte und untersuchte er die Kreislaufwirtschaft theoretisch. Walter R. Stahel und Geneviève Reday-Mulvey entwickelten das Konzept ebenfalls in den 1970er-Jahren. In einem Bericht an die Europäische Kommission von 1976 schlugen sie vor, Energie teilweise durch menschliche Arbeit zu ersetzen, um Ressourcen zu schonen und Arbeitsplätze zu schaffen. Stahels spätere „Performance Economy“ richtet sich auf Dienstleistungen statt auf den Verkauf von Produkten.
David W. Pearce verband die Kreislaufwirtschaft 1990 mit der industriellen Ökologie. Dabei sollen sowohl der Materialeinsatz als auch die Nutzung der Umwelt als Schadstoffsenke verringert werden. Vorbild ist der natürliche Stoffkreislauf; angestrebt werden kaskadische Nutzungen möglichst ohne Abfälle („Zero Waste“) oder Emissionen („zero emission“). Das Ende der 1990er-Jahre entwickelte Cradle-to-Cradle-Prinzip von Michael Braungart und William McDonough zielt auf Ökoeffektivität: Produkte sollen entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückkehren oder als „technische Nährstoffe“ dauerhaft in technischen Kreisläufen bleiben.
Grundprinzipien und Geschäftsmodelle
Zu den Grundprinzipien gehören:
• Gestaltung ohne Abfall: Produkte werden so entworfen, dass ihre Materialien biologisch abbaubar oder technisch wiederverwertbar sind. • Vielfalt und Widerstandsfähigkeit: Unterschiedliche Ansätze sollen das System gegenüber äußeren Schocks robuster machen. • Erneuerbare Energien: Der Energiebedarf soll aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. • Systemdenken: Zusammenhänge und wechselseitige Abhängigkeiten des gesamten Systems werden berücksichtigt. • Kaskadennutzung: Materialien werden nacheinander auf mehreren Wertschöpfungsstufen eingesetzt, um ihren Wert möglichst vollständig auszuschöpfen. • Verlängerung der Produktlebensdauer: Wiederverwendung, Reparatur und Aufarbeitung halten Produkte und Materialien länger im Kreislauf und senken Ressourcen- und Energiebedarf.
Daraus ergeben sich verschiedene Geschäftsmodelle: Zirkuläre Lieferketten ersetzen lineare Ausgangsstoffe durch erneuerbare, recycelbare oder biologisch abbaubare Materialien. Wiedergewinnung und Recycling nutzen Nebenprodukte und Abfallströme. Bei der Produktlebensdauer-Verlängerung werden Güter langlebig, reparierbar, aufrüstbar und aufarbeitbar gestaltet. Sharing-Plattformen ermöglichen mehreren Personen die Nutzung derselben Ressourcen. Produkt-als-Service-Modelle verkaufen nicht den Besitz, sondern die Nutzung oder Funktion eines Produkts.
Michelin bietet seit 2007 Fahrzeugflotten Reifen pro gefahrenem Kilometer an. Das Unternehmen bleibt Eigentümer, übernimmt Wartung und Wiederaufbereitung und kann dadurch die Lebensdauer erhöhen. Vergleichbare Modelle bestehen beim Leasing von Uniformen und Hoteltextilien. Auch Carsharing sowie die Vermietung von Maschinen und Geräten verlagern Verantwortung über die gesamte Lebensdauer zum Hersteller oder Anbieter und schaffen Anreize für langlebige Gestaltung.
Recht, Wirtschaft und Zusammenarbeit
Die Richtlinie des Rates der Europäischen Gemeinschaft vom 15. Juli 1975 über Abfälle verlangte bereits, Abfallbildung einzuschränken sowie Abfälle wiederzuverwenden und zu verwerten. Deutschland verabschiedete im September 1994 das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz, später Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG). Danach sind Abfälle zuerst zu vermeiden, besonders durch eine Verringerung ihrer Menge und Schädlichkeit, und erst danach stofflich oder energetisch zu verwerten. Die Kreislaufwirtschaft soll natürliche Ressourcen schonen und Mensch und Umwelt schützen (§ 1 KrWG).
Die EU-Abfallrahmenrichtlinie nennt den Übergang zur Kreislaufwirtschaft ausdrücklich als Ziel. Sie fordert unter anderem nachhaltige Produktions- und Konsummodelle, langlebige und reparierbare Elektrogeräte, Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung und geplante Obsoleszenz sowie Informationskampagnen. Die durch die Richtlinie (EU) 2018/851 verlangten Änderungen waren bis zum 5. Juli 2020 umzusetzen. Zugleich bestand weiterhin ein Trend zu Einwegprodukten, kurzen Lebenszyklen, langen Transportwegen globaler Stoffströme und einer Wegwerfmentalität. Rechtsgutachten weisen zudem auf Zielkonflikte mit geistigem Eigentum hin, weil dieses Reparaturen und weiterführende Innovationen erschweren kann (Stand: Anfang 2024).
Der Bericht „Towards the Circular Economy“ der Ellen MacArthur Foundation und McKinsey von 2013 hob wirtschaftliche Chancen hervor. Studien zufolge könnte die Kreislaufwirtschaft in einigen Staaten Treibhausgasemissionen um bis zu 70 % reduzieren und die Beschäftigung um etwa 4 % erhöhen, besonders durch lokale Arbeit in Reparatur, Wiederverwendung und Aufbereitung. Außerdem könnte sie den Bedarf an neuen Rohstoffen und Importabhängigkeiten verringern. Laut einer IfEU-Studie von 2024 im Auftrag von Powershift entfallen über 94 % des metallischen Rohstoffkonsums Deutschlands auf überwiegend importierte Basismetalle wie Eisen, Aluminium und Kupfer; ihr Recycling bietet daher ein hohes Potenzial.
Ein verändertes Geschäftsmodell allein löst jedoch nicht die Schwierigkeiten, zirkuläre Maßnahmen in weiterhin lineare Produktionssysteme einzubauen. Kate Raworth und andere betonen, dass unternehmens- und produktübergreifende Kooperation nötig ist. Diese „Zusammenarbeit unter Unbekannten“ kann durch frei verfügbare und veränderbare technische Dokumentationen, Open-Source-Hardware und digitale Produktpässe unterstützt werden.
Technik, Energie und Bauwesen
Die technische Umsetzung umfasst Wiederverwendung, Reparatur, Recycling, ökologisches Design, nachhaltige Beschaffung und verantwortungsvollen Konsum. Weil Wiederverwertung häufig mehrere Unternehmen betrifft und schon bei der Produktentwicklung eingeplant werden muss, wird Systems Engineering als wichtig angesehen. Der 3D-Druck könnte Lieferketten verändern und lokale Kreisläufe ermöglichen, etwa wenn Kunststoffabfälle zu neuen Gütern oder Ersatzteilen für Reparaturen verarbeitet werden. Der „Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft 2020“ behandelt Kunststoffrecycling wegen seiner Bedeutung und der öffentlichen Aufmerksamkeit für Kunststoffabfälle in den Weltmeeren als Schwerpunkt.
Komplexe Materialmischungen moderner Produkte sind oft schwer zu trennen. Forschungen in Metallurgie und Chemie sollen deshalb effizientere Verfahren bis hin zur Zerlegung auf atomarer Ebene und möglichst vollständigen Materialrückgewinnung entwickeln. Weitere Verfahren sind Metallrecycling, die Zweitraffination von Altöl und die thermische Gewinnung von Ersatz- oder Sekundärbrennstoffen aus Papierschlamm, nicht recycelbaren Betriebsabfällen, Altreifengummi oder Biomasse. Abfallverbrennung kann Deponiegasemissionen vermeiden; außerdem können fossile Energieträger ersetzt sowie Metalle und mineralische Ersatzbaustoffe aus Rückständen gewonnen werden. Ein Beispiel aus der chemischen Industrie sind geschlossene Kohlenstoffkreisläufe, die Kohlenstoffverbindungen dauerhaft im industriellen Umlauf halten sollen.
2005 umfassten die weltweiten Materialflüsse etwa 62 Milliarden Tonnen. Davon stammten 58 Milliarden Tonnen aus neu gewonnenen Rohstoffen und vier Milliarden Tonnen beziehungsweise etwa sechs Prozent aus recycelten Gütern. 44 % der Materialflüsse, also 28 Milliarden Tonnen, dienten der Energiegewinnung. Vor allem fossile Energieträger werden dabei verbraucht und können grundsätzlich nicht recycelt werden. Der Wechsel zu erneuerbaren Energien ist daher eine wichtige Voraussetzung für eine Kreislaufwirtschaft.
Die Bauwirtschaft verbraucht jährlich rund 60 Gigatonnen Material. In Deutschland entstehen pro Jahr 400 Millionen Tonnen Abfall, davon mehr als 50 % im Bauwesen. Seit Anfang der 2020er-Jahre verfolgen Forschung und Politik verstärkt das „Urban Mining“: Baustoffe und Bauteile sollen länger erhalten, wiedergewonnen und weiterverwendet werden. Zirkuläres Bauen wird damit zu einem Leitbild für Planung, Architektur und Produktinnovation. Es soll auch dazu beitragen, den Anteil von Bauen und Wohnen an den globalen Treibhausgasemissionen von rund 40 % zu senken.
Grenzen und Kritik
Die Kreislaufwirtschaft gilt nicht automatisch als wirtschaftlich, ökologisch und sozial vorteilhaft. Zwar wird häufig angenommen, dass Kreislaufstrategien Unternehmen Gewinne bringen und zugleich die Nachhaltigkeit fördern. Doch nicht jede Strategie ist rentabel, und zwischen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Zielen können Zielkonflikte entstehen. So kann in bestimmten Fällen die Anschaffung energieeffizienterer Technik umweltfreundlicher sein als eine möglichst lange Weiternutzung alter Geräte. Soziale Fragen werden in vielen Darstellungen nur nachrangig behandelt.
Kritiker sehen das Konzept häufig mit neoliberalen und ökologisch modernisierenden Vorstellungen verbunden: Marktmechanismen und technische Innovationen sollen Umweltprobleme lösen, ohne das Wirtschaftswachstum einzuschränken. Diese Ausrichtung könne Wachstumsgrenzen übergehen und tiefgreifende Änderungen beim Konsum und in der Ressourcenpolitik verhindern. Bei weiterhin hohem Verbrauch und ständigem Wirtschaftswachstum reiche eine Kreislaufwirtschaft allein nicht zur Lösung der Umweltprobleme aus.
In der Wissenschaft ist die Bewertung daher umstritten. Einige Forschende betrachten die Kreislaufwirtschaft als Voraussetzung eines nachhaltigen Wirtschaftssystems, andere nur als eine Strategie unter mehreren oder in bestimmten Fällen sogar als nachteilig. Forschende des Umweltbundesamts empfehlen eine kritische Anwendung und eine gleichzeitige Begrenzung von Rebound-Effekten. Rebound-Effekte entstehen, wenn Effizienzgewinne durch zusätzlichen Konsum teilweise oder vollständig aufgehoben werden. Als ergänzende Ansätze nennen sie Systemdenken, Degrowth, also eine Verringerung ressourcenintensiver Wirtschaftsaktivität, und Ressourceneffizienz. Der Journalist Kris de Decker hält eine Kreislaufwirtschaft ohne Überwindung des Wachstumszwangs für unmöglich und fordert außerdem mehr Naturstoffe sowie eine Abkehr von Hochtechnologie wie modernen Halbleitern.