Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gegenklang
Der Dominantgegenklang kommt als leitereigener Akkord auf der VII. Stufe der lydischen Tonleiter vor. In Dur kann er nicht ausschließlich aus leitereigenen …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Aufbau
Gegenklänge, auch Gegenparallelen oder Leittonwechselklänge, sind Nebenfunktionen einer Tonart. Sie sind mit den Hauptfunktionen Tonika (T), Dominante (D) und Subdominante (S) großterzverwandt. Damit bilden sie Gegenpole zu den Parallelklängen, die mit den Hauptfunktionen kleinterzverwandt sind.
In Dur liegt der Gegenklang eine große Terz über der zugehörigen Hauptfunktion und ist ein Molldreiklang. In Moll liegt er eine große Terz unter der Hauptfunktion und ist ein Durdreiklang. Zwei der drei Töne stimmen jeweils mit dem Ausgangsakkord überein. In der Funktionsbezeichnung wird an das Symbol der Hauptfunktion ein g oder G angehängt: Kleinbuchstaben stehen für Moll, Großbuchstaben für Dur.
In C-Dur sind dies: der Tonikagegenklang Tg auf der III. Stufe mit e–g–h, der Dominantgegenklang Dg auf der VII. Stufe mit H–d–fis und der Subdominantgegenklang Sg auf der VI. Stufe mit A–c–e. In a-Moll ergeben sich der Tonikagegenklang tG auf der VI. Stufe mit F–A–c, der Dominantgegenklang dG auf der III. Stufe mit c–e–g und der Subdominantgegenklang sG auf der erniedrigten II. Stufe mit B–d–f.
Leiterfremde Formen und Neapolitaner
Nicht alle Gegenklänge lassen sich ausschließlich aus den Tönen der jeweiligen Dur- oder Molltonleiter bilden. Der Dominantgegenklang in Dur enthält einen leiterfremden Ton. In C-Dur lautet er H–d–fis; dafür muss die IV. Stufe zur lydischen Quart erhöht werden. Als leitereigener Akkord kommt dieser Gegenklang auf der VII. Stufe der lydischen Tonleiter vor.
Entsprechend benötigt der Subdominantgegenklang in Moll eine erniedrigte II. Stufe, die sogenannte phrygische Sekunde. In a-Moll entsteht dadurch B–d–f. Der Akkord ist auf der II. Stufe der phrygischen Tonleiter leitereigen. In der Musik tritt der Gegenklang der Mollsubdominante meistens als Neapolitanischer Sextakkord auf, also in Sextakkordlage, und seltener als grundstelliger „verselbstständigter Neapolitaner“.
Erklärung als Austausch eines Leittons
Hugo Riemann (1849–1919) erklärte den Akkord als Leittonwechselklang. Bei einem Durdreiklang wird der unterste Ton gegen den unmittelbar darunterliegenden Leitton ausgetauscht; zugleich wechselt das Tongeschlecht von Dur nach Moll. So wird aus C-Dur durch den Austausch von c gegen h der Akkord e-Moll. Bei einem Molldreiklang wird der oberste Ton durch den unmittelbar darüberliegenden, abwärtsführenden Leitton ersetzt; dadurch entsteht ein Durdreiklang. Aus a-Moll wird auf diese Weise F-Dur.
Riemann formulierte dies als „Einstellung des Leittons zur Prim statt der Prim“. Seine Erklärung beruht auf dem harmonischen Dualismus: Er verstand den Durdreiklang als „Oberklang“ aus Prim, großer Oberterz und Oberquint, den Molldreiklang dagegen als gespiegelten „Unterklang“ aus Prim, großer Unterterz und Unterquint. Deshalb galt ihm beim Molldreiklang der oberste und nicht der unterste Ton als Prim.
In Riemanns eigener Funktionssymbolik wurden Hauptfunktionszeichen mit < oder > verschränkt. Dabei bezeichnete < einen aufwärtsführenden, > einen abwärtsführenden Leitton. Obwohl solche Akkorde nur konsonante Intervalle enthalten und satztechnisch vollwertige Akkorde sind, können ihre Leittöne eine Auflösung verlangen. In solchen Zusammenhängen wirken sie daher „auffassungsdissonant“. Riemann nannte sie „scheinkonsonant“ und verwendete auch den Ausdruck „Scheinharmonie“.
Beziehung zu Parallelklängen
Fast jeder Gegenklang stimmt mit dem Parallelklang einer anderen Hauptfunktion überein. Ausnahmen sind die Formen mit leiterfremden Tönen: der Dominantgegenklang in Dur und der Subdominantgegenklang in Moll.
In Dur ist der Tonikagegenklang Tg auf der III. Stufe zugleich die Dominantparallele Dp. Der Subdominantgegenklang Sg auf der VI. Stufe ist zugleich die Tonikaparallele Tp. In Moll entspricht der Tonikagegenklang tG auf der VI. Stufe der Subdominantparallele sP; der Dominantgegenklang dG auf der III. Stufe ist mit der Tonikaparallele tP identisch.
Die Töne allein entscheiden deshalb nicht, wie ein Akkord funktional bezeichnet wird. Maßgeblich ist, welche Hauptfunktion er im Verlauf einer Kadenz, also einer harmonischen Schluss- oder Fortschreitungsfolge, vertritt. Von den Gegenklängen wird Tg beziehungsweise tG am häufigsten verwendet. Zwischen Dur und Moll bestehen dabei deutliche Unterschiede.
Typische Verwendung in Dur und Moll
In Dur erscheint die VI. Stufe fast immer als Tonikaparallele. Besonders häufig vertritt sie die Tonika in einer Trugschlusswendung, bei der statt des erwarteten Schlussakkords ein anderer Akkord folgt. Als Subdominantgegenklang wird die VI. Stufe nur äußerst selten eingesetzt.
Die III. Stufe dient in Dur meistens als Tonikagegenklang und damit als Stellvertreter der Tonika. Eine Deutung als Dominantparallele ist möglich, aber selten. Auch die Schlusswendung Dp–T gilt als nahezu „exotisch“; sie kommt jedoch beispielsweise in der Schlusskadenz der Bilder einer Ausstellung vor. Der Dominantgegenklang wird in Dur insgesamt nur äußerst selten verwendet.
In Moll übernimmt die VI. Stufe hauptsächlich die Rolle des Tonikagegenklangs. In Kadenzen erfüllt sie ungefähr dieselbe Aufgabe wie die Tonikaparallele in Dur und kann ebenfalls Zielakkord eines Trugschlusses sein. Als Subdominantparallele wird sie nur selten gedeutet.
Die III. Stufe erscheint in Moll praktisch nur als Tonikaparallele. Als Dominantgegenklang ist sie ungeeignet, weil ihr der Leitton fehlt. Der Subdominantgegenklang auf der erniedrigten II. Stufe wird dagegen gerne als Neapolitaner verwendet.