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Friedrich Sengle

Friedrich Sengle (* 14. November 1909 in Thalassery, Kerala, Indien; † 14. März 1994 in Seefeld, Oberbayern) war ein deutscher Germanist und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Literaturhistorische Grundposition
  3. 3. Die Biedermeierzeit als Koordinatensystem
  4. 4. Einordnung von Autoren
  5. 5. Wertung von Richtungen
  6. 6. Methode und Geschichtsbild

Person und Bedeutung

Friedrich Sengle (14. November 1909 in Thalassery, Kerala, Indien; 14. März 1994 in Seefeld, Oberbayern) war ein deutscher Germanist und Literaturhistoriker. Er ist vor allem wichtig wegen seiner Forschungen zur deutschen Literatur von 1750 bis 1850 und wegen seines dreibändigen Hauptwerks „Biedermeierzeit“ (1971–1980). Darin deutete er die Literatur zwischen Restauration und Revolution 1815–1848 nicht nur als Übergangszeit, sondern als eigenständige und originäre Literaturepoche.

Sengle studierte Deutsch, Englisch und Geschichte in Tübingen, Berlin und Frankfurt am Main. 1933 legte er das Lehramtsexamen ab, 1936 promovierte er in Tübingen und wurde Assistent bei Paul Kluckhohn. Er beantragte 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen; von einem damals entstandenen antisemitisch-tendenziösen Aufsatz über Ludwig Börne distanzierte er sich später. Von 1939 bis 1945 war er Soldat und habilitierte sich 1942 mit einer Studie über das deutsche Geschichtsdrama.

Nach 1945 lehrte er in Tübingen, Köln, Marburg, Heidelberg und München. Von 1965 bis zu seiner Emeritierung 1978 war er Ordinarius in München. Er war Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und seit 1968 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Sengle starb 1994 und wurde auf dem Alten Evangelischen Friedhof von Seefeld-Hechendorf begraben.

Literaturhistorische Grundposition

Sengle lehnte als Literaturhistoriker sowohl positivistische als auch marxistische Positionen ab. Positivismus meint hier eine stark fakten- und quellenorientierte Betrachtung, Marxismus eine Deutung von Literatur vor allem aus sozialen und ökonomischen Gegensätzen. Am Irrationalismus kritisierte Sengle die Bevorzugung pathetischer und tragischer Literatur. Stattdessen befürwortete er den ironischen Stil.

In seiner Heidelberger Antrittsrede 1959 trat Sengle für die Einheit von Literaturgeschichte und Literaturkritik ein. Das bedeutet: Literaturgeschichte soll nicht nur beschreiben, welche Werke und Richtungen es gab, sondern auch literarische Qualität bewerten. Diese Verbindung von historischer Einordnung und Urteil prägt besonders seine Sicht auf die Biedermeierzeit, das Junge Deutschland und den Realismus.

Zu seinen wichtigen Arbeiten gehören die Dissertation „Goethes Verhältnis zum Drama“ (1937), „Das deutsche Geschichtsdrama“ (1952), „Die literarische Formenlehre“ (1967), das dreibändige Werk „Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815–1848“ sowie spätere Goethe-Studien wie „Das Genie und sein Fürst“ (1993). 1976 war Sengle Mitbegründer des „Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der deutschen Literatur“ und bis 1983 Mitherausgeber. Sein umfangreicher Nachlass wurde Ende 1994 vom Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf übernommen.

Die Biedermeierzeit als Koordinatensystem

Sengles Hauptwerk „Biedermeierzeit“ beruht auf der Vorstellung, dass eine Epoche als Koordinatensystem verschiedener literarischer Richtungen und Strömungen verstanden werden kann. Eine „Richtung“ ist dabei eine literarische Tendenz, Tradition oder Haltung, die in Werken und Autoren erkennbar ist. Zuerst bestimmt Sengle die Richtungen der Zeit, dann ordnet er literarische Formen und einzelne Dichterpersönlichkeiten in dieses Koordinatensystem ein.

Die ältere Literaturgeschichte beschrieb das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert oft durch Gegensatzpaare: Aufklärung/Empfindsamkeit, Klassik/Romantik, Biedermeier/Junges Deutschland, danach Realismus. Sengle hielt dieses Schema für zu einfach. Das Gegensatzpaar Biedermeier/Junges Deutschland erfasse nur einen Teil der Literatur, die für die Biedermeierzeit dichterisch wertvoll oder historisch interessant sei. Deshalb führte er mehr als zehn Richtungen ein.

Zu diesen Richtungen gehören zum Beispiel Weltschmerz, Junghegelianer und geistliche Restauration. Weltschmerz bezeichnet eine Haltung der Zerrissenheit und Weltverneinung. Junghegelianer sind Denker und Schriftsteller, die an Hegels Philosophie anschließen und sie kritisch weiterführen. Geistliche Restauration meint eine kirchliche Gegenbewegung gegen Atheismus und Materialismus. Besonders wichtig ist bei Sengle auch das Weiterwirken älterer Traditionen: Barocktradition, Aufklärungstradition, Rokoko-Tradition, Empfindsamkeitstradition, Sturm-und-Drang-Tradition und Romantiktradition. Dazu kommen Einstellungen wie Idealismus und Klassizismus; Klassizismus bezeichnet Kunstströmungen, die sich an der Antike orientieren.

Ein Schriftsteller steht nach Sengle nicht einfach auf einer einzigen Linie. Sein „geschichtlicher Ort“ liegt meist im freien Raum zwischen mehreren Richtungen. Sengle berücksichtigt außerdem die Entwicklung eines Autors im Laufe seines Lebens und regionale Unterschiede, etwa österreichisches oder schwäbisches Biedermeier. Von den 15 Schriftstellern, denen der dritte Band eigene Abschnitte widmet, stammen sechs aus dem habsburgisch-österreichischen Raum: Franz Grillparzer, Nikolaus Lenau, Johann Nestroy, Ferdinand Raimund, Charles Sealsfield und Adalbert Stifter.

Einordnung von Autoren

Sengle ordnet wichtige Autoren der Biedermeierzeit jeweils mehreren Richtungen zu. Grillparzer beginnt für ihn als Schauerromantiker und steht später zwischen Biedermeier und Klassizismus, also in einem „klassizistisch überformten Biedermeier“. Ferdinand Raimund steht zwischen biedermeierlicher Gemütskultur und Weltschmerz. Johann Nestroy gehört in die Spätphase der Barocktradition. Adalbert Stifter hat in der Jugend Anteil am „empfindsamen Weltschmerz“, gilt vor 1850 als Inbegriff des Biedermeier und nach 1850 als Vertreter eines „klassizistisch überformten Biedermeier“.

Mörike ist zuerst Weltschmerzpoet und wird dann durch eine „klassizistische Wende“ zum „heiteren Meister des Spätbiedermeier“. August Graf von Platen entwickelt sich von romantischen Formen über antik orientierte dramatische Versuche zum „Klassizisten“. Nikolaus Lenau ist für Sengle der „Klassiker des Weltschmerzes“. Gotthelf vertritt die geistliche Restauration. Annette von Droste-Hülshoff steht besonders zentral im Biedermeier und zugleich im Spannungsfeld zwischen weltlichem und geistlichem Biedermeier.

Heinrich Heine ist für Sengle ein besonders wichtiges Beispiel, weil er zu fast allen Richtungen der Zeit Bezüge hat. Als Zeitgenosse ist er der geistige Führer der Jungdeutschen. Zugleich zeigt er Weltschmerz, empfindsam-biedermeierliche Elemente, Aufklärungstradition, Romantiktradition, Barocktradition und eine Witzkultur des 18. Jahrhunderts. Sengles Fazit lautet: Literaturhistorisch ist Heines Werk ein nicht bewältigter Versuch, Romantik als Schwärmerei und Aufklärung als Ironie zu vermitteln. Zentral ist dabei die „Illusionsbrechung“, also das gleichzeitige Erzeugen und Zerstören von romantischen oder empfindsamen Vorstellungen.

Wertung von Richtungen

Weil Sengle Literaturgeschichte und Literaturkritik verbinden will, bewertet er Richtungen und Autoren deutlich. Die Jungdeutschen beurteilt er, mit Ausnahme Heines, als Dichter im strengen Sinne eher negativ. Er wirft ihnen vor, „in der Negation steckenbleiben“: Sie seien vor allem eine Oppositionsbewegung gegen die Restauration, aber ohne eigene positive dichterische Kraft. Bei Autoren wie Karl Gutzkow, Theodor Mundt, Heinrich Laube und Ludolf Wienbarg betont Sengle ästhetische Schwächen, etwa mangelnde Gestaltungskraft oder bloße Tendenzdichtung.

Die Biedermeierdichter bewertet Sengle günstiger, weil sie nicht so stark verneinend seien. Er formuliert den Gedanken, dass produktive Geister nicht ein Leben lang in der Verneinung leben könnten und dass dichterische Weltschöpfung von einem begrenzten „Ja zur Welt“ abhänge. Stifters Novellen sowie Annette von Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“ und Mörikes „Mozart auf der Reise nach Prag“ nehmen nach Sengle einen zunehmend gesicherten Platz in der deutschen Nationalliteratur und wohl auch bald in der Weltliteratur ein.

Die Realisten schätzt Sengle besonders hoch. Mit ihnen erreiche Deutschland das literarische Niveau der westeuropäischen Nationalstaaten; die Dichtung der realistischen Generation entspreche dem Maßstab der Weltliteratur. Zu den großen realistischen Dichtern zählt er Keller, Raabe und Fontane. Als „größten Meister unter den deutschsprachigen Realisten“ betrachtet er Gottfried Keller.

Methode und Geschichtsbild

Sengles Geschichtsauffassung beruht auf zwei Grundannahmen. Erstens müsse Geschichte auf der Grundlage großer Materialmengen betrieben werden. Diese „Erhebung von Massendaten“ soll verhindern, dass einzelne Zitate willkürlich gedeutet werden. Sengle meint: Für jedes Einzelzitat gebe es ein Gegenzitat; ohne quantitative Erfassung historischer Tendenzen bleibe man „im Vorhof der Geschichte“. Deshalb wertete er nicht nur Primär- und Sekundärliteratur aus, sondern auch unbekannteres Material wie die „Evangelische Kirchenzeitung“.

Zweitens muss Geschichte rekonstruiert werden. Der Historiker darf nicht nur Stoff sammeln, sondern muss aus den Daten ein Bild der Vergangenheit herstellen. Diese Rekonstruktion ist notwendig, aber sie bleibt auch subjektiv. Leser sollen deshalb wissen, dass ein Geschichtsbuch keine unmittelbare Vergangenheit zeigt, sondern eine durch Historiker geordnete Darstellung.

Sengles Gesamtkonzept sieht die Jahrhundertmitte 1848/50 als großen Umschlagpunkt. Die Zeit vor 1848/50 versteht er idealtypisch als „vorrealistische Zeit“ oder „Altes Europa“, die Zeit danach als „Zeitalter des Realismus“. Alle Schriftsteller, die in der Biedermeierzeit 1815–1848 aktiv waren, gehören für ihn noch zum „Alten Europa“, unabhängig davon, ob sie progressiv oder konservativ waren.

Vor 1850 war Deutschland nach Sengle noch ein Agrarstaat; nach 1850 beginnt das technische Zeitalter mit Eisenbahn, Dampfmaschine und Fabriken. In der ersten Jahrhunderthälfte besteht die Jenseitsreligion stärker fort, in der zweiten verstärkt sich ihr Abbau. Stilistisch steht das Alte Europa für Rhetorik, Stilmischung und ein Nebeneinander von hohem Stil und niederem Stil, also Pathos einerseits und Witz, Satire, Ironie oder Groteske andererseits. Der bürgerliche Realismus tendiert dagegen zum mittleren, nüchternen und sachlichen Stil. Durch beide Jahrhunderthälften zieht sich für Sengle die „Schlacht um das Christentum“: auf der einen Seite die geistliche Restauration als christlicher Widerstand gegen Atheismus, auf der anderen Seite anti-christliche Bewegungen.

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