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Friedensdemonstration in Den Haag 1983
Die niederländische Regierung wurde aufgefordert, sich vom NATO-Doppelbeschluss aus dem Jahr 1979 loszusagen. Die Veranstaltung gilt bis heute als die …
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Bedeutung und Anlass
Die Friedensdemonstration in Den Haag, in den Niederlanden „Antikernwapendemonstratie“ genannt, war eine Großdemonstration der niederländischen Friedensbewegung am 29. Oktober 1983. Etwa 550.000 Menschen nahmen teil. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Keine neuen Atomwaffen in Europa“ und richtete sich gegen den NATO-Doppelbeschluss von 1979. Die niederländische Regierung wurde aufgefordert, sich von diesem Beschluss loszusagen. Die Demonstration gilt bis heute als größte Demonstration in der Geschichte der Niederlande.
Politischer Hintergrund
Der NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979 sah vor, insgesamt 572 Marschflugkörper in der Bundesrepublik Deutschland, in Großbritannien, in Italien, in den Niederlanden und in Belgien zu stationieren. In den Niederlanden sollten 48 Marschflugkörper des Typs BGM-109G Gryphon auf dem Militärflugplatz Woensdrecht aufgestellt werden.
Die Vereinigten Staaten begründeten die Stationierung mit der Modernisierung des NATO-Waffenarsenals. Außerdem sollte sie ein Zeichen der Stärke gegenüber den SS-20-Raketen der Sowjetunion sein. Innerhalb der niederländischen Regierung bestand jedoch Uneinigkeit. Deshalb wurde die Entscheidung, zum Unmut der übrigen NATO-Partner, lange aufgeschoben. Die zögernde Haltung der Regierung und die begleitenden Proteste wurden mit den Begriffen „Hollanditis“ oder „Hollandse ziekte“ („Holländische Krankheit“) bezeichnet.
Ablauf und Beteiligte
Bereits 1981 hatte es in Amsterdam eine große Friedensdemonstration mit bis zu 400.000 Teilnehmern gegeben, die vom Interkirchlichen Friedensrat organisiert worden war. Am 29. Oktober 1983 fanden auf dem Malieveld und im Zuiderpark in Den Haag erneut große Kundgebungen statt. Zusammengenommen versammelte sich dort mehr als eine halbe Million Menschen aller Altersgruppen. Die Veranstaltung wurde von „Kruisraketten Nee“ („Marschflugkörper Nein“) geleitet.
Die ersten Teilnehmer kamen bereits um sieben Uhr morgens. Rund 3000 Busse und zahlreiche Züge brachten Menschen aus allen Teilen der Niederlande nach Den Haag. Um 10 Uhr füllte sich das Demonstrationsgelände deutlich; gegen Mittag wurde die größte Teilnehmerzahl erreicht. Obwohl gleichzeitig ein Lohnstreik von Bahnbeamten und Polizisten stattfand, wurden zusätzliche Züge eingesetzt. Die letzten Demonstranten trafen erst nach 15 Uhr in Den Haag ein.
Nach Polizeiangaben verliefen die Demonstration und der Marsch entlang des Binnenhofs trotz ihrer Größe geordnet und friedlich. Es gab nur wenige Zwischenfälle. 16 Gegendemonstranten wurden festgenommen, weil sie die Veranstaltung stören wollten; unter ihnen waren auch Rechtsextremisten, die den Hitlergruß zeigten.
An der Demonstration beteiligten sich unter anderem Soldaten in Uniform und Franziskanermönche. Manche Teilnehmer trugen raketenförmige Kopfbedeckungen. Am Rand des Protestgeländes gab es Stände politischer Parteien, von Gewerkschaften und anderen unterstützenden Gruppen. Joop den Uyl von der PvdA sprach zur Menge. Wegen des großen Abstands zur Bühne konnten viele Menschen nur wenig sehen. Über kleine Radios erfuhren sie jedoch, dass auch Prinzessin Irene, die Schwester der amtierenden Königin Beatrix, eine Ansprache hielt. Sie äußerte ihre Sorge über die geplante Aufstellung der Marschflugkörper und kritisierte das Wettrüsten zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Ihre Aussage lautete: „Wir haben Waffen geschaffen, die uns an den Rand des Abgrunds bringen. Wir dürfen keinen Fehler mehr machen, sonst wird die ganze Welt zerstört.“ Diese politische Rede durfte sie nur halten, weil sie nicht mehr der niederländischen Königsfamilie angehörte.
Politische Folgen und spätere Entwicklungen
Ministerpräsident Ruud Lubbers zeigte sich von der Größe der Demonstration beeindruckt. In einem Fernsehinterview erklärte er jedoch, nicht die Größe einer Demonstration, sondern die Mehrheitsverhältnisse im Abgeordnetenhaus seien letztlich entscheidend.
Ein Jahr nach der Demonstration sammelte „Kruisraketten Nee“ 3,75 Millionen Unterschriften gegen die Stationierung der Raketen und übergab sie Lubbers. Als der Ministerpräsident eine Rede an die Übergebenden richten wollte, drehten diese ihm den Rücken zu.
Trotz des öffentlichen Protests stimmte das Kabinett der Stationierung zu, allerdings mit einer Verzögerung von zwei Jahren. Die Niederlande sollten Marschflugkörper aufstellen, falls die Sowjetunion bis zum 1. November 1985 mehr als 378 SS-20-Atomraketen stationieren würde. Dazu kam es nicht mehr: Am 8. Dezember 1987 unterzeichneten Michail Gorbatschow und Ronald Reagan in Washington den INF-Vertrag. In dessen Folge wurden keine neuen Raketen in Europa stationiert.
2003 wurde offiziell bekannt, dass bereits seit den 1960er Jahren Atomwaffen auf dem niederländischen Militärflugplatz Volkel stationiert sind. Es soll sich um 22 frei fallende Wasserstoffbomben des Typs B61 handeln. Im November 1983 veröffentlichte außerdem die niederländische Musikband Klein Orkest das Lied „Over de Muur“ („Über die Mauer“), das im Zusammenhang mit den Friedensdemonstrationen und der Hollanditis steht und von einem geteilten Berlin im Kalten Krieg handelt. Die Single wurde erst im Juni des folgenden Jahres zu einem großen und nachhaltigen Erfolg.