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RSD-10

... NATO und der Sowjetunion; ihre Stationierung hatte den NATO-Doppelbeschluss zur Folge. Die Raketensysteme wurden unter dem 1987 geschlossenen INF-Vertrag …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Entwicklung und Abrüstung
  3. 3. Aufbau, Start und Gefechtsköpfe
  4. 4. Ausführungen
  5. 5. Stationierung

Überblick und Bedeutung

Die RSD-10 Pioner war eine sowjetische mobile ballistische Mittelstreckenrakete für nukleare Sprengköpfe. Sie wurde vom Moskauer Institut für Wärmetechnik (MIT) entwickelt, von den Strategischen Raketentruppen der Sowjetarmee betrieben und beruhte auf der Temp-2S, der ersten erfolgreichen mobilen Interkontinentalrakete der Sowjetunion. Die Entwicklung begann 1973 unter Leitung von Alexander Nadiradse; die RSD-10 wurde am 11. März 1976 in die Bewaffnung aufgenommen. Ihre Einsatzzeit wird mit 1976–1988 angegeben.

Die Rakete war politisch besonders bedeutsam: Ihre Stationierung löste bei der NATO große Besorgnis aus und trug zum NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979 bei. Der INF-Vertrag vom 8. Dezember 1987 zwischen Gorbatschow und Reagan führte zur vollständigen Abrüstung boden-/landgestützter Nuklearraketen und ihrer Infrastruktur mit Reichweiten von 500 bis 1.000 km sowie 1.000 bis 5.500 km. Die RSD-10-Systeme wurden 1988 bis 1991 ausgemustert und verschrottet; die letzte RSD-10 wurde am 21. Mai 1991 vernichtet.

RSD-10 ist die bilaterale Vertragsbezeichnung. Der GRAU-Index der Rakete lautet 15Sch45 (15Ж45). Die US-amerikanische Defense Intelligence Agency bezeichnete sie als SS-20, wobei SS für surface-to-surface („Boden-Boden“) steht; der NATO-Name war Saber.

Entwicklung und Abrüstung

Anfang der 1970er Jahre beschloss die UdSSR, ihre nuklearen Mittelstreckenwaffen zu modernisieren. Die älteren R-12 und R-14 erreichten das Ende ihrer Garantiezeit. Außerdem wollte die Sowjetunion nach der erreichten zahlenmäßigen Parität mit den USA bei landgestützten Interkontinentalraketen und U-Boot-gestützten ballistischen Raketen (SLBM) eine „tiefe Parität“ erreichen. Damit war gemeint, auch die in Europa stationierten Waffen der USA, Frankreichs und Großbritanniens ausgleichen zu können.

Der SALT-I-Vertrag begrenzte unter anderem die Zahl landgestützter Interkontinentalraketen. Die RSD-10 sollte deshalb auch UR-100-Raketen in ihrer kontinentalen Rolle gegen Ziele in Europa und Asien einschließlich der Volksrepublik China ersetzen. Zugleich war die Stationierung mobiler Interkontinentalraketen wie der Temp-2S verboten. Die auf die Temp-2S-Fertigung vorbereitete Wotkinsker Maschinenbaufabrik sollte durch die Produktion der RSD-10 ausgelastet werden.

Die Flugerprobung begann am 21. September 1974 in Kapustin Jar bei Snamensk und endete am 9. Januar 1976. Die ersten Raketen wurden am 30. August 1976 in Kampfbereitschaft versetzt. Die modernisierte Pioner-UTTCh wurde ab dem 10. August 1979 erprobt; ihr Testprogramm endete am 14. August 1980, ihre Aufnahme in die Bewaffnung erfolgte am 17. Dezember 1980.

Die USA befürchteten, die RSD-10 könne durch eine dritte Stufe zu einer Interkontinentalrakete erweitert werden. Die UdSSR sagte zu, keine solchen dritten Stufen zu produzieren oder zu lagern. Besorgnis bestand ebenfalls wegen möglicher Stationierungen in Sibirien oder im Russischen Fernen Osten, von denen aus unter anderem Japan, Okinawa, Guam und bestimmte US-Radar- und Militärstützpunkte erreichbar gewesen wären. Bis 1986 wurden 441 Pioner-Systeme stationiert, 1987 waren noch 405 im Dienst. Im Rahmen des INF-Vertrags wurden 509 Startfahrzeuge und 654 Raketen zerstört. 72 Raketen wurden durch Starts von Kapustin Jar vernichtet; dabei trat keine Fehlfunktion auf.

Aufbau, Start und Gefechtsköpfe

Die RSD-10 war eine zweistufige Feststoffrakete mit einer Länge von 16,45 m, einem Durchmesser von 1.800 mm und einem Gefechtsgewicht von 37.000 kg. Die beiden Hauptstufen basierten auf der ersten und zweiten Stufe der Temp-2S. Statt einer dritten Stufe besaß sie einen Wiedereintrittskörperträger, auch Post Boost Vehicle oder Bus genannt. Dieser setzte die Gefechtsköpfe auf getrennten Flugbahnen aus. MIRV bedeutet, dass mehrere unabhängig zielbare Wiedereintrittskörper mitgeführt werden.

Die erste Stufe wog 26,7 Tonnen, hatte eine Brenndauer von 63 Sekunden und acht wabenförmige Gitterflossen, von denen vier beweglich waren. Die zweite Stufe wog 8,6 Tonnen. Ihre Steuerung erfolgte durch Einspritzen von flüssigem Inertgas, vermutlich Freon, in den Schubstrahl. Eine Schubterminierung beendete den Antrieb gezielt durch das Öffnen von Öffnungen an der Stufe. Ein Trägheitsnavigationssystem, das mit einem Computer verbunden war, berechnete Kurskorrekturen. Die Brennschlussgeschwindigkeit betrug 3.000 bis 5.500 m/s; der Wiedereintrittskörperträger erreichte auf seiner ballistischen Flugbahn ein Apogäum von rund 500 km.

Die drei 15F452-Wiedereintrittskörper waren spitze Kegel von rund 64 cm Basisdurchmesser und 1,60 m Länge. Sie wogen etwa 290 kg und trugen jeweils einen thermonuklearen AA-74-Gefechtskopf mit 150 kT Sprengleistung, der in der Luft oder bei Bodenkontakt zünden konnte. Der Streukreisradius (CEP), also der Radius um den Zielpunkt, innerhalb dessen Geschosse im Mittel einschlagen, lag je nach Modell bei 150–500 m.

Die Raketen befanden sich in versiegelten 15Ja107-Transport- und Abschussbehältern. Eine Heizung hielt darin 15 bis 20 °C. Startplattform war der geländegängige MAZ-547W-12×12-LKW mit dem Systemindex 15U106 und einer dreiköpfigen Besatzung. Das beladene Fahrzeug war 19,32 m lang, 4,35 m hoch, rund 85 Tonnen schwer und bis etwa 40 km/h schnell. Es konnte aus der Basis, von eingemessenen Punkten einer Patrouillenroute oder aus beliebigem Gelände starten. Nach dem Startbefehl war ein Start innerhalb von 2 Minuten möglich. Die Rakete wurde kalt gestartet: Gasdruck stieß sie zunächst etwa 30 m aus dem Behälter aus, erst danach zündete die erste Stufe.

Ausführungen

Die 15P645 Pioner war die ab 1974 erprobte Initialversion. Nach sowjetischen Angaben blieb sie nach Abschluss des Testprogramms 1976 in der Truppenerprobung und wurde nie offiziell in Dienst gestellt. Ihre 15Sch45-Rakete trug einen einzelnen Gefechtskopf von 900 kg mit 1.000 kT Sprengleistung. Die Reichweite lag bei mindestens 600 km und über 5.000 km.

Die ab 1977 einsatzbereite 15P645K Pioner-K war die in großer Stückzahl eingeführte Standardversion. Ihre 15Sch46-Rakete besaß drei MIRV-Gefechtsköpfe zu je 150 kT, eine Reichweite von 600–5.000 km und einen CEP von 500 m. Die Pioner-UTTCh, System 15P653 und Rakete 15Sch53, erhielt eine verbesserte Lenkeinheit. Dadurch stiegen Reichweite und Verteilungsgebiet der Gefechtsköpfe; die Reichweite betrug 600–5.500 km und der CEP 450 m.

Die Pioner-3, 15P657, nutzte einen neuen Wiedereintrittskörperträger mit mehr Treibstoff und die Lenkeinheit der RS-12M Topol. Ihre Rakete 15Sch57 war 17,00 m lang. Mit drei Gefechtsköpfen zu je 150 kT erreichte sie mehr als 5.500 km bei einem CEP von 150 m. Mit einem einzelnen Gefechtskopf und Täuschkörpern waren 7.500 km möglich. Die Entwicklung wurde 1988 wegen des INF-Vertrags gestoppt; 12 Systeme befanden sich damals in der Truppenerprobung.

Stationierung

Die RSD-10 waren in Raketenregimentern mit jeweils 6–9 Start- und Transportfahrzeugen organisiert. Rund zwei Drittel der Regimenter lagen westlich des Urals in der Russischen SFSR sowie der Weißrussischen und Ukrainischen SSR; sie waren gegen Ziele in Europa und im Nahen Osten vorgesehen. Das übrige Drittel war in der Region Chabarowsk und im Oblast Amur für Ziele in Asien stationiert.

Nahe Anadyr im Autonomen Kreis der Tschuktschen gab es die vorbereitete, unterirdisch im Fels angelegte Garnison Magadan-11, auch Objekt-S oder Raketenbasis Gudym genannt. Bei erhöhter Spannung sollten 2–3 Pioner-Regimenter aus Kansk dorthin verlegt werden. Von dort waren Ziele in Japan, Okinawa, Guam und den Vereinigten Staaten erreichbar.

Beim Vertragsabschluss 1987 bestanden unter anderem in Nowosibirsk und Drowjanaja je fünf Garnisonen mit jeweils 45 Startfahrzeugen, in Barnaul und Kansk je vier Garnisonen mit jeweils 36 Startfahrzeugen. In der Weißrussischen SSR und Ukrainischen SSR lagen weitere Garnisonen mit sechs bis 18 Startfahrzeugen. Einige Basen wurden nach der Ausmusterung für die RT-2PM Topol weiterverwendet.

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