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Französischer Adel

Der französische Adel ist – wie der deutsche – aus dem Lehnswesen des Mittelalters entstanden und war bis zur Revolution von 1789 in einen hohen und einen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundstruktur und Stellung im Ancien Régime
  2. 2. Revolution, Abschaffung und bourbonische Restauration
  3. 3. Napoleonischer Adel
  4. 4. Rechtslage in der Republik und heutige Bedeutung
  5. 5. Titelordnung und fortbestehende Familien

Grundstruktur und Stellung im Ancien Régime

Der französische Adel entstand wie der deutsche aus dem mittelalterlichen Lehnswesen. Bis zur Französischen Revolution von 1789 unterschied man einen hohen und einen niederen Adel. An der Spitze des hohen Adels standen die Prinzen von Geblüt, also die Angehörigen des Königshauses der Kapetinger und seiner Nebenlinien. Der Hochadel kämpfte lange gegen die Königsmacht; aus diesen teilweise auch konfessionell geprägten Konflikten ging das Königtum gestärkt hervor.

Im 17. Jahrhundert brachen die Bourbonen und ihre Minister Richelieu und Mazarin die politische Macht des Adels weitgehend. Der Adel wurde zum Hofadel am Schloss Versailles. Das kostspielige Hofleben brachte viele Landadlige wirtschaftlich in Schwierigkeiten. Zugleich schwächte die Einführung der noblesse de robe, des durch Staatsdienst entstandenen Dienstadels, den älteren Adel. Als wichtiges Vorrecht blieb die Steuerfreiheit bestehen. Das Festhalten an ihr vergrößerte bis 1789 den Gegensatz zum Bürgertum.

Der alte Adel verwaltete große, durch den Feudalismus erworbene Ländereien von seinen Schlössern aus. Viele Familien besaßen außerdem Stadtpalais, sogenannte Hôtels particuliers. In Paris lagen diese zunächst besonders im Marais und im 17. und 18. Jahrhundert zunehmend im Faubourg Saint-Germain.

Im Ancien Régime wurden vergleichsweise wenige neue Rangtitel verliehen. Die Titel bedeutender Familien stammten meist aus dem Mittelalter und waren an Territorien gebunden, die als Herzogtümer, Fürstentümer, Markgrafschaften, Grafschaften, Vizegrafschaften oder Baronien anerkannt waren. Starb eine Familie in männlicher Linie aus, konnten Titel und Besitz durch Erbschaft an eine andere Familie gelangen. Bisweilen erhob der König eine Herrschaft in einen höheren Rang, etwa Laval 1429 zur Grafschaft und Brissac 1611 zum Herzogtum. Anders als reichsunmittelbare Häuser im Heiligen Römischen Reich besaßen französische Fürsten und Herzöge jedoch keine unabhängige Regierungsgewalt.

Grundsätzlich führte der Inhaber eines Besitzes den dazugehörigen Titel; seine Frau trug ihn als abgeleiteten Titel. Der älteste Sohn hochadliger Familien führte häufig einen eigenen Titel, jüngere Söhne gelegentlich Sekundogeniturtitel. Söhne von Herzögen waren meist Marquis oder Grafen, Kinder von Grafen häufig Vicomtes oder unbetitelt. Weil es keine Adelsmatrikel gab, kamen Selbstnobilitierungen und eigenmächtige Rangerhöhungen vor. Solche nie offiziell verliehenen, aber gesellschaftlich geduldeten Bezeichnungen heißen titres de courtoisie, also Höflichkeitstitel. Rangunterschiede waren weniger ausgeprägt als im deutschen Adel; die Anrede „Monsieur de …“ oder „Madame de …“ blieb vom Ritter bis zum Herzog üblich.

Revolution, Abschaffung und bourbonische Restauration

Am 4. August 1789 schaffte die Konstituante zu Beginn der Französischen Revolution die Vorrechte des Adels ab; die Titel blieben zunächst erhalten. Bauern konnten das von ihren bisherigen Landherren abhängige Land gegen das 20-Fache der bisherigen jährlichen Abgaben auslösen. Am 26. August 1789 trat die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Kraft. Die Erbrechte der Adelstitel wurden am 19. Juni 1790 abgeschafft. Während der Terrorherrschaft wurden mehrere Tausend Adlige durch die Guillotine oder bei Lynchmorden ohne Prozess getötet oder starben in Gefangenschaft; Abertausende emigrierten.

Die Bourbonenrestauration von 1814 erkannte die von Napoleon geschaffene Noblesse d’Empire formell an und setzte zugleich den alten Adel wieder in seine Titel ein. Sie duldete außerdem, dass Angehörige des alten niederen Adels eigenmächtig die Titel Baron, Graf oder Marquis annahmen, ohne diese zu bestätigen. Dieses Phänomen blieb bestehen; 2004 galten etwa 10.000 Familien als „falscher Adel“.

Unter Louis-Philippe bestand von 1830 bis 1848 erneut das von den Bourbonen geschaffene Oberhaus. Durch die Chambre des Pairs erhielt der Adel im Rahmen der konstitutionellen Verfassung politische Mitsprache; zugleich wurden erbliche Titel verliehen. Nach der Februarrevolution von 1848 wurden unter Berufung auf die Menschenrechte und den Gleichheitsgrundsatz die Adelsprivilegien und der Adel als eigener Stand endgültig abgeschafft.

Napoleonischer Adel

Napoleon Bonaparte schuf als Kaiser durch Dekrete vom 14. August 1806 und vom 1. März 1808 einen neuen Adel, die Noblesse d’Empire. Sie sollte auf persönlicher Ergebenheit gegenüber dem Kaiser und auf Verdiensten um das Kaiserreich beruhen und sich dadurch von der Aristokratie des Ancien Régime unterscheiden.

Dieser Adel umfasste fünf Rangstufen: chevalier de l’Empire (Ritter), baron de l’Empire (Baron), comte de l’Empire (Graf), duc de l’Empire (Herzog) und prince de l’Empire (Fürst). Hinzu kamen die grand-dignitaires, die Großwürdenträger. Ein prince stand im Rang über einem duc. Die genau geregelte napoleonische Heraldik machte den Rang auch im Wappen sichtbar, unter anderem durch unterschiedlich gestaltete Federhüte, sogenannte toques.

Ein Titel galt zunächst nur für die Lebenszeit des Ausgezeichneten. Seine Vererbung war an materielle Voraussetzungen gebunden: Ein möglicher Erbe musste ein „standesgemäßes Leben“ finanzieren können, wofür vor allem ausreichend großer Güter- oder Grundbesitz erforderlich war. Den Rang eines chevalier konnte man durch Aufnahme in die 1802 von Napoleon gestiftete Ehrenlegion erreichen. Hatten bereits Vater und Großvater diesen Rang erworben, konnte ein chevalier bei Erfüllung der materiellen Bedingungen ein Diplom über einen erblichen chevalier-Titel erhalten.

Von 1808 bis 1814 wurden insgesamt 3224 Titel verliehen; 22,5 % der Empfänger gehörten bereits dem Adel des Ancien Régime an. Abgesehen von Napoleons engerer Verwandtschaft vergab er 8 Fürsten-, 34 Herzogs-, 417 Grafen-, 1550 Barons- und 1317 Rittertitel. Der Titel Marquis wurde nicht verliehen. Besonders Heerführer erhielten Titel, die an erfolgreiche Schlachten erinnerten. Unter den acht Fürsten waren vier princes souverains mit der Herrschaft über einen Vasallenstaat und vier princes de l’Empire ohne eigenen Vasallenstaat, die dafür hohe Geldgeschenke und Grundbesitz bekamen. Berthier war zugleich prince souverain de Neuchâtel et de Valangin, prince de Wagram und grand-dignitaire; Davout, Massena und Ney führten sowohl Fürsten- als auch Herzogstitel.

Napoleon nahm auch Angehörige des alten Adels in das neue System auf und verlieh ihnen neue Titel und Wappen. Nach seinem Sturz bestanden die meisten Titel fort. Von den durch Napoleon geadelten Familien existierten 1975 noch 239.

Napoleon III. verlieh im Zweiten Kaiserreich ab 1852 weitere Adelstitel, ohne den Adel wieder zu einem eigenen Stand zu machen. Heerführer erhielten erneut an Siege erinnernde Titel, beispielsweise Mac-Mahon als duc de Magenta und Pélissier als duc de Malakoff. Das heraldische Rangsystem des Ersten Kaiserreichs wurde bei diesen neuen Erhebungen nicht wieder eingeführt.

Rechtslage in der Republik und heutige Bedeutung

Nach der Ausrufung der Dritten Republik 1870 beendete Staatspräsident Patrice de Mac-Mahon mit einer Verordnung von 1875 die Verleihung neuer Adelstitel. Bestehende Titel erkannte er jedoch als Bestandteile des Namens an. Gesellschaftliche Standesunterschiede blieben bis ins 20. Jahrhundert spürbar. Die „Welt des Faubourg Saint-Germain“ bezeichnete die Familien des Ancien Régime. Diese sahen lange auf den napoleonischen Neuadel herab, während sich dieser wiederum dem unter Louis-Philippe oder Napoleon III. entstandenen bürgerlichen Neuadel überlegen fühlte. Bis heute bestehen getrennte Vereinigungen für den alten Adel und die Noblesse d’Empire.

Die früher regierenden Häuser Orléans und Bonaparte waren von 1886 bis 1950 aus Frankreich verbannt. Radikale Republikaner hatten die Verbannung 1886 im Konflikt mit den Monarchisten durchgesetzt. Auf Betreiben Charles de Gaulles wurde sie 1950 aufgehoben, sodass Henri d’Orléans und Louis Napoléon mit ihren Familien zurückkehren konnten.

Französische Gerichte entschieden mehrfach, zuletzt auf Grundlage der Verfassung von 1958, dass Adel als Rechtsbegriff und Status mit der Gleichheit der Bürger nach der Erklärung der Menschenrechte von 1789 unvereinbar ist. Der Adel ist daher offiziell abgeschafft. Erbliche Titel aus den Monarchien werden dennoch nach ihren ursprünglichen Erbregeln als Namensbestandteile anerkannt und rechtlich wie Namen geschützt. Sie vermitteln keine Privilegien und können weder durch bloße Selbstannahme noch durch Gewohnheitsrecht erworben werden.

Ein Büro des französischen Justizministeriums beaufsichtigt die ehemaligen Adelstitel und kann ihre Verwendung in amtlichen Dokumenten wie Geburtsurkunden genehmigen. Jean, Graf von Paris und Thronprätendent aus dem Hause Orléans, vergibt innerhalb seiner Familie weiterhin Herzogs- und Grafentitel. Gerichte betrachten diese als reine Höflichkeitstitel.

Organisationen wie die Association d’entraide de la noblesse française (ANF) verlangen Adel als Aufnahmekriterium und verfolgen gegenseitige Unterstützung sowie die Wahrung adliger Interessen. Auf europäischer Ebene besteht unter anderem die Association de la Noblesse Européenne. Viele Familien besitzen weiterhin Schlösser und Ländereien, die während der Revolution häufig enteignet und später zurückgegeben worden waren. Vor allem Familien des Ancien Régime pflegen besondere Formen höfischer Etikette. Dazu gehört die gegenseitige Anrede mit „Vous“ selbst unter engen Freunden, Ehepaaren oder zwischen Eltern und Kindern, sofern man einander nicht bereits seit der Kindheit als ungefähr Gleichaltrige kennt.

Titelordnung und fortbestehende Familien

Die Rangtitel des Ancien Régime entsprachen grundsätzlich den Systemen Italiens, Spaniens und Großbritanniens. Die Reihenfolge lautete: Herzog (duc), Markgraf (marquis), Graf (comte), Vizegraf (vicomte), Freiherr (baron), Ritter (chevalier) sowie einfacher Herr, Edelherr oder Gutsherr (seigneur). Inhaber höherer Titel konnten zusätzlich Pair de France sein. Die napoleonische noblesse impériale beschränkte sich dagegen auf prince, duc, comte, baron und chevalier de l’Empire.

Von der einzigen noch bestehenden Linie der Kapetinger, dem Haus Bourbon, lebt der Zweig Orléans weiterhin in Frankreich. Die Bourbon-Anjou sind Könige von Spanien; Bourbon-Sizilien und Bourbon-Parma herrschten bis 1860/61 in Teilen Italiens.

Mehrere alte Herzogsfamilien bestehen fort, darunter Bauffremont, Cossé-Brissac, Broglie, Clermont-Tonnerre, Gramont, Harcourt, La Rochefoucauld, d’Albert als Herzöge von Luynes, Rochechouart als Herzöge von Mortemart, Noailles, Polignac und Crussol als Herzöge von Uzès. Außer den Kapetingern lassen sich nur Gramont, Harcourt, Rochechouart, La Rochefoucauld und Rougé urkundlich bis in die Zeit vor der ersten Jahrtausendwende zurückverfolgen. Bei einigen heute geführten hochadligen Namen ist die behauptete Verbindung zu alten Fürstenhäusern wegen einer angeblich unehelichen Abstammung ungeklärt.

Auch napoleonische Herzogshäuser bestehen fort, überwiegend als Nachkommen von Marschällen. Genannt werden Suchet d’Albufèra, Davout d’Auerstädt, Goyon de Feltre, Mac-Mahon de Magenta, Lannes de Montebello, Fouché d’Otrante und Masséna de Rivoli. Der alte Adel boykottierte diese Familien zunächst, erkannte sie im 19. Jahrhundert angesichts des Aufstiegs einer reichen Bourgeoisie jedoch zunehmend an. Heute verbinden zahlreiche verwandtschaftliche Beziehungen den Adel des Ancien Régime mit dem napoleonischen Adel.

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