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Französische Aussprache des Lateinischen
Charakteristika der französischen Lateinaussprache · AI, EI, OI, OU werden getrennt ausgesprochen: Danai [danai], fidei [ fidei], introitus [ ɛ̃tɾɔitys], prout [ …
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Begriff und Grundprinzip
Die französische Aussprache des Lateinischen, auch latin à la française oder latin gallican, war die historische lateinische Aussprache in Frankreich. Sie wurde über viele Jahrhunderte im Unterricht und in der Kirche verwendet. Sie folgt weitgehend den Lautregeln des Französischen, überträgt diese jedoch nicht vollständig auf das Lateinische.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie an Schulen und Universitäten durch die klassisch-restituierte Aussprache ersetzt. In der Kirche setzte sich stattdessen das italienische Lautmodell durch. Heute erscheint die alte Aussprache vor allem wieder in historisch informierten Aufführungen französischer Barockmusik.
Wichtige Ausspracheregeln
Nach Charles-François Lhomonds Élémens de la Grammaire françoise (1829) werden AI, EI, OI und OU getrennt gesprochen, etwa Danai [danai], fidei [fidei], introitus [ɛ̃tɾɔitys] und prout [pɾɔyt]. AU klingt wie französisches ô, beispielsweise laus [los] und auctor [oktɔɾ]; bei Eigennamen auf -US bleiben die Vokale dagegen getrennt, etwa Nicolaus [nikɔlays]. Æ, Œ sowie E in offener Silbe werden wie französisches é gesprochen, zum Beispiel pœnæ [pene].
Viele Vokal-Nasal-Kombinationen erhalten französisch wirkende Nasallaute: AM und AN werden [ɑ̃], EM und EN stets [ɛ̃], OM, ON, UM und UN [ɔ̃]. In wenigen Wörtern wird UN wie französisches un [œ̃] gesprochen, etwa nunc [nœ̃k], hunc [œ̃k], tunc [tœ̃k] und cuncti [kœ̃kti]. Die Endung -UM lautet jedoch immer [ɔm], etwa domum [domɔm]. Vor M oder N und am Wortende werden AM, AN, EM, EN, OM und ON nicht nasaliert, etwa Titan [titan], lumen [lymɛn] und omnis [ɔmnis].
Auch Konsonantenregeln sind wichtig: Alle Buchstaben ohne folgenden Vokal werden gesprochen, etwa in psalmus [psalmys] und emptor [ɛ̃ptɔɾ]. CH wird immer [k], GN „hart“ als [ɡn] gesprochen. QU hat drei Lautungen, wenn U keine eigene Silbe bildet: [kw] vor A, [kɥ] vor E, Æ und I, aber [k] vor O und U. -TI vor Vokal klingt wie französisches ci [si], etwa gratia [ɡɾasija] und actio [aksijo].
Übergang zur klassischen Aussprache im Bildungswesen
Der Lautstand des klassischen Lateins war spätestens seit Erasmus von Rotterdam allgemein bekannt. Erkenntnisse der historischen Linguistik und Altphilologie verstärkten im 19. Jahrhundert in Frankreich den Wunsch nach einer Aussprache-Reform.
Befürworter der klassisch-restituierten Aussprache, besonders der Altphilologe Éloi Ragon, kritisierten die französische Lautung als überholt. Sie beanstandeten unter anderem, dass U je nach Wort verschiedene Werte haben könne, etwa [y], [œ̃], [ɔ] oder [ɔ̃], und dass Formen wie possint und possent gleich klingen könnten. Außerdem wurde kritisiert, dass französische Sprecher den lateinischen Wortakzent oft nicht beachteten oder ihn wie im Französischen auf die letzte Silbe setzten.
Spätestens ab 1914 war an französischen Universitäten eine dem damaligen Stand der historischen Linguistik entsprechende Aussprache verbindlich: die prononciation à la cicéronienne. Nach dem Ersten Weltkrieg, teilweise schon früher, setzte sie sich in gemäßigter Form auch an Schulen durch und verdrängte dort die traditionelle französische Aussprache.
Italienisches Lautmodell in der Kirche
Papst Pius X. verlangte 1903 im Motu proprio Tra le sollecitudini, der liturgische Text solle unverändert, ohne unerlaubte Wiederholungen und ohne Verstümmelung von Silben so gesungen werden, dass die Gemeinde ihn verstehen könne. Damit ordnete er nicht ausdrücklich die italienische Lateinaussprache an. Seine Forderung wurde jedoch in diesem Sinn verstanden, weil die französische Aussprache durch Nasalierung und Lautnivellierungen das Textverständnis erschweren konnte.
Die Benediktinerabtei Saint-Pierre zu Solesmes verwendete nach der Herausgabe der Editio Vaticana (1905), besonders ab 1940 unter dem ersten Kantor Eugène Cardine, im gregorianischen Choral die italienische Aussprache. Dies sollte die Verbundenheit mit Rom ausdrücken. Nach der Trennung von Kirche und Staat 1905 strebte die französische Kirche zudem eine unification romaine an.
Die Umstellung dauerte mehrere Jahrzehnte. 1938 wurde noch von einem Gemisch italienischer und alter französischer Aussprache berichtet; Cambrai und Dijon galten als Ausnahmen von der allgemeinen Reform. Erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts verschwand die alte französische Lautung aus dem Gottesdienst. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde auch das romanisierende Latein weitgehend durch Französisch ersetzt. Wenn heute in Frankreich lateinische Messen, Gesänge, Motetten, Kantaten oder Oratorien aufgeführt werden, geschieht dies meist mit italienischer Aussprache.
Heutige Verwendung und Wiederbelebung
Lateinische Lehnwörter und Fachausdrücke werden im Französischen weiterhin französisch ausgesprochen, weil sie zu französischen Wörtern geworden sind. Beispiele sind curriculum vitæ [kyʁikylɔm vite], cæcum [sekɔm], exequatur [ɛɡzekwatyʁ], fœtus [fetys] und vadémécum [vademekɔm].
Seit den 1990er Jahren wird die traditionelle Aussprache in Frankreich in kleinem Umfang wiederbelebt. Ensembles der Alten Musik nutzen sie für historisch informierte Aufführungen französischer Kirchenmusik des Barock, darunter Les Arts Florissants unter William Christie, Le Concert Spirituel unter Hervé Niquet, Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset, Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre und Le Parlement de Musique unter Martin Gester. Sie verwenden sie vor allem bei Werken von Lully, Charpentier, Campra, Couperin und Rameau.
Obwohl auch Kirchenmusik bis ins 20. Jahrhundert in dieser Lautung aufgeführt wurde, beschränkt sich die heutige Praxis meist auf Barockkompositionen. Der Artikel hebt Francis Poulenc hervor: Seine französisch akzentuierten Vertonungen lateinischer Wörter, etwa Endsilben auf betonten Zählzeiten, werden als Hinweis gedeutet, dass er seine geistlichen Werke eher in traditioneller französischer als in der damals neuen italienischen Aussprache hören wollte. Weitere genannte Opernbeispiele sind lateinische Studentenlieder und Gebete in Berlioz’ La damnation de Faust sowie „Te Deum laudamus“ in Halévys La juive.