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Französisch-Algerien

Französisch-Algerien bezeichnet den Zeitraum der französischen Kolonialherrschaft über das heutige Algerien von der Eroberung 1830 bis zur Unabhängigkeit …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und kolonialer Status
  2. 2. Eroberung, Landnahme und Widerstand
  3. 3. Siedlerherrschaft und ungleiche Rechte
  4. 4. Kolonialgesellschaft und Nationalbewegung
  5. 5. Krieg, Unabhängigkeit und Bevölkerung
  6. 6. Gewaltverbrechen und Folgen der Kolonialzeit

Überblick und kolonialer Status

Französisch-Algerien bezeichnet die französische Herrschaft über das heutige Algerien von 1830 bis 1962. Zunächst war das Gebiet eine Kolonie (1830–1848), ab 1848 erklärte Frankreich es zu einem Teil seines Staatsgebiets und gliederte den Norden in Départements. Anders als Marokko und Tunesien, die französische Protektorate waren, galt Algerien als Siedlungskolonie (colonie de peuplement): Europäische Siedler sollten dauerhaft dort leben, während Frankreich das Land als integralen Bestandteil Frankreichs behandelte.

Amtssprache war Französisch, Hauptstadt Algier. Die Fläche wird mit 585.814 km² für 1899 und 2.381.741 km² für 1962 angegeben; die Bevölkerung stieg von etwa 3 Millionen 1830 auf etwa 11 Millionen 1962. Die Kolonialherrschaft endete nach dem Algerienkrieg mit der Unabhängigkeit der Republik Algerien.

Eroberung, Landnahme und Widerstand

Die französische Invasion begann im Juni 1830, unter anderem nach der Fliegenwedel-Affäre von 1827. Am 5. Juli 1830 kapitulierte Algier, der Dey floh; damit endete faktisch die mehr als dreihundertjährige osmanische Oberhoheit. Frankreich weitete die Besetzung auf Küstenstädte und das Hinterland aus. Widerstand leisteten algerische Gruppen von Beginn an, besonders Emir Abd el-Kader im Westen.

Die Eroberung war von extremer Gewalt begleitet. Kommandeure wie Thomas Bugeaud betrieben eine Politik der Verbrannten Erde: Dörfer, Felder und Lebensgrundlagen wurden zerstört. Bei den Enfumades erstickten französische Truppen Flüchtlingsgruppen in Höhlen. Für 1830 bis 1875 schätzen Historiker 500.000 bis 1.000.000 tote Algerier, etwa ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung; die meisten waren Zivilisten, die durch Krieg, Hunger und Krankheiten starben.

1834 annektierte Frankreich die eroberten Gebiete als Kolonie, ab 1839 hießen sie Algérie. Abd el-Kaders Widerstand wurde bis 1847 weitgehend niedergeschlagen; die Unterwerfung der Kabylei und der Sahara dauerte teils länger. 1848 entstanden die drei nördlichen Départements Algier, Oran und Constantine. Frankreich förderte zugleich die Ansiedlung von Franzosen sowie Menschen aus Italien, Spanien und Malta. Schätzungsweise 40 % des fruchtbaren Bodens wurden Algeriern entzogen und europäischen Siedlern übertragen, was Hungersnöte verschärfte.

Siedlerherrschaft und ungleiche Rechte

Nach 1848 gewannen die später Pieds-noirs genannten europäischen Siedler zunehmend Macht. Napoleon III. plante in den 1860er Jahren zeitweise ein „royaume arabe“ mit begrenzter Autonomie, doch dies blieb wirkungslos. Die Hungersnot von 1867–1868 forderte etwa 500.000 Tote; Enteignungen und Epidemien verschärften die Not.

1870/71 erhoben sich Siedler gegen die Verwaltung in Paris, während zugleich ein großer algerischer Aufstand unter anderem unter Mohammed El Mokrani gewaltsam niedergeschlagen wurde. Danach ersetzte die Dritte Republik die Militärverwaltung durch eine zivile Verwaltung, in der Siedlerpolitiker erheblichen Einfluss besaßen. Das Décret Crémieux von 1870 machte alle jüdischen Einwohner Algeriens zu französischen Staatsbürgern. Muslimische Algerier konnten seit dem Sénatus-consulte von 1865 zwar theoretisch die Staatsbürgerschaft beantragen, mussten dafür aber ihre religiös begründeten zivilrechtlichen Gewohnheitsrechte aufgeben. Nur wenige tausend taten dies.

Der Code de l’indigénat von 1881 schuf ein Sonderrecht für Muslime. Er erlaubte unter anderem Geldstrafen, Haft, Zwangsarbeit, Internierung und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, auch bei geringfügigen Vergehen oder wegen Zugehörigkeit zu einer als „unruhig“ geltenden Gemeinschaft. Er blieb bis 1946 in Kraft. Kinder europäischer Abstammung, die in Algerien geboren wurden, erhielten seit 1886 automatisch die französische Staatsbürgerschaft.

Kolonialgesellschaft und Nationalbewegung

Bis 1902 eroberte Frankreich auch die Sahara weitgehend; bei Tamanrasset wurde die Tuareg-Föderation Kel Ahaggar besiegt. Häfen, Städte und Infrastruktur wurden ausgebaut, und eine Exportwirtschaft für etwa Weizen und Wein entstand. Davon profitierten fast ausschließlich Europäer. Die Schulpflicht wurde für Muslime nicht konsequent umgesetzt: 1914 besuchten nur 5 % der muslimischen Kinder eine Schule, 1954 etwa 10 %. Arabisch wurde zur Fremdsprache herabgestuft. Die Wehrpflicht galt ab 1912 auch für Algerier, ohne ihnen entsprechende Bürgerrechte zu geben.

Im Ersten Weltkrieg dienten rund 173.000 muslimische Algerier als Soldaten oder Arbeiter für Frankreich; etwa 25.000 fielen. 1919 erhielten nur einige zehntausend besonders „verdiente“ oder westlich gebildete Muslime ein begrenztes lokales Wahlrecht. Reformvorhaben wie der Blum-Viollette-Plan von 1936, der 20.000 Muslimen Bürgerrechte geben sollte, scheiterten.

In der Zwischenkriegszeit entstand eine Nationalbewegung: Emir Khaled und Ferhat Abbas forderten zunächst Gleichberechtigung, Messali Hadj gründete 1926 die Étoile Nord-Africaine mit dem Ziel der Unabhängigkeit. Die Association des Oulémas um Abdelhamid Ben Badis betonte die arabisch-islamische Identität. Unter dem Vichy-Regime wurden jüdische Algerier durch die zeitweise Aufhebung des Décret Crémieux erneut entrechtet. Nach den Demonstrationen für Rechte und Unabhängigkeit am 8. Mai 1945 wurden in Sétif, Guelma und Kherrata zehntausende Algerier getötet; die Schätzungen reichen von mindestens 20.000 bis 45.000 Toten. Dies zerstörte bei vielen das Vertrauen in Reformen.

Krieg, Unabhängigkeit und Bevölkerung

Am 1. November 1954 begann die Front de Libération Nationale (FLN) mit Anschlägen auf französische Einrichtungen den bewaffneten Aufstand. Frankreich setzte bis zu 500.000 Soldaten ein. In der Schlacht von Algier 1957 erhielten Fallschirmjäger weitreichende Befugnisse gegen FLN-Netzwerke; dies führte zu systematischer Folter, Massenverhaftungen und dem Verschwindenlassen Verdächtiger, das als Französische Doktrin bezeichnet wird. Die FLN verübte ihrerseits Bombenanschläge und Attentate, auch gegen Zivilisten.

1958 putschten radikale Siedler und Teile des Militärs in Algier. Die Krise führte zum Ende der Vierten Republik und zur Rückkehr Charles de Gaulles. 1959 erkannte de Gaulle Algeriens Selbstbestimmungsrecht an. Radikale Siedler und abtrünnige Militärs gründeten die OAS, die durch Terroranschläge die Unabhängigkeit verhindern wollte. Im März 1962 wurden die Abkommen von Évian abgeschlossen; am 3. Juli 1962 wurde Algerien nach einem Referendum mit 99 % Zustimmung unabhängig. Die Zahl der algerischen Kriegstoten ist umstritten und reicht von etwa 250.000 bis über eine Million; rund 30.000 französische Soldaten fielen.

Zu Beginn der Kolonialzeit lebten schätzungsweise 2,5 bis 3 Millionen Menschen in Algerien, überwiegend muslimische Araber und Berber sowie eine kleine jüdische Minderheit. Um 1950 gab es knapp 1,4 Millionen Europäer, gut 13 % der Gesamtbevölkerung; rund 9 Millionen Menschen waren Muslime. Die Gruppen waren rechtlich und sozial stark getrennt. Laut Volkszählung von 1906 sprachen 1.305.730 von 4,5 Millionen Einheimischen Berbersprachen, also 29 %. Nach 1962 flohen über 900.000 Pieds-noirs nach Frankreich. Etwa 60.000 Harkis, algerische Hilfssoldaten auf französischer Seite, wurden evakuiert; Tausende Zurückgebliebene wurden Opfer von Vergeltungsakten.

Gewaltverbrechen und Folgen der Kolonialzeit

Zu den dokumentierten Gewaltverbrechen zählen die Enfumades von 1844–1845: Truppen unter Colonel Pélissier erstickten etwa 800 Angehörige des Ouled-Riah-Stammes in einer Höhle im Dahar-Gebirge. Nach dem Aufstand von 1871 wurden Landflächen konfisziert, Anführer hingerichtet oder etwa nach Neukaledonien verbannt. Im Algerienkrieg zwang die französische Armee über 2 Millionen Bauern in lagerähnliche Umsiedlungsdörfer. Die OAS tötete 1961/62 ebenfalls tausende Zivilisten. Beim Massaker von Paris am 17. Oktober 1961 wurden auf Befehl des Polizeipräfekten Maurice Papon demonstrierende Algerier erschossen oder in die Seine geworfen; die Opferzahl wird auf über 100 geschätzt.

Die Kolonialzeit formte die Grenzen des heutigen algerischen Staates und hinterließ Infrastruktur wie den Hafen von Algier, Eisenbahnen und Städtebau. Diese Modernisierung wird als „brutal“ und unvollständig beschrieben: Die Bedürfnisse der muslimischen Mehrheit spielten in der Verwaltung kaum eine Rolle. Der Befreiungskrieg von 1954–1962 wurde zu einem zentralen Gründungsmythos Algeriens. Der Weggang europäischer Fachkräfte 1962 stellte den neuen Staat vor erhebliche Probleme.

Das Verhältnis zwischen Algerien und Frankreich blieb von Spannungen geprägt, obwohl französische Sprache und wirtschaftliche Verbindungen wichtig blieben. In Frankreich wurden Krieg und Verbrechen lange verschwiegen oder als „Les événements“ bezeichnet. François Hollande nannte die Herrschaft 2012 „zutiefst ungerecht und brutal“. Emmanuel Macron bezeichnete die Kolonisation 2017 als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“; eine formelle staatliche Entschuldigung gegenüber Algerien blieb aus. Im Oktober 2021 erklärte das Büro von Präsident Abdelmadjid Tebboune, während der Kolonialherrschaft seien 5,6 Millionen Algerier ums Leben gekommen.

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