Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
Fin de siècle, Dekadenz, Ästhetizismus | Literaturgeschichte verständlich erklärt
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 49 Zeilen
- Heute wollen wir uns mal einer echt faszinierenden Frage widmen. Warum eigentlich fühlen wir uns von der
- Ästhetik des Verfalls oft so angezogen? Fangen wir doch mal mit einem Gefühl an, dass ihr vielleicht kennt diese seltsame
- Faszination für die Ästhetik des Scheiterns, des Zusammenbruchs. Auf der einen Seite sehen wir da Begriffe
- unserer Zeit wie Doom Asthetics oder Vibe Culture. Aber wisst ihr was? Das ist gar nichts Neues. Auf der anderen
- Seite finden wir nämlich die historische Parallele dazu, das Lebensgefühl des Fien des Jeckel und ein Gefühl, das man
- damals Überdruss nannte. Und da stellt sich natürlich die Frage, warum ziehen uns die Schönheit des Moben und der
- Verfall so in ihren Bann? Um unsere heutige Stimmung zu verstehen, müssen wir eine kleine Zeitreise machen, zurück
- zum Ursprung. Und damit landen wir direkt im sogenannten Feier. Das ist Französisch und heißt wörtlich nichts
- anderes als Ende des Jahrhunderts. Also, was war das genau? Na ja, der Begriff beschreibt weniger einen konkreten Stil
- als viel mehr eine geteilte Stimmung in Europa. So ungefähr von 1890 bis zum Ersten Weltkrieg. Stellt euch das mal
- vor. Eine total paradoxe Mischung aus Endzeitstimmung und Überreizung. Einerseits Skepsis gegenüber dem
- Fortschritt, andererseits eine riesige Faszination für alles, was modern war. Es war also eine zeitvoller, wirklich
- intensiver Widersprüche und wenn es ein Gefühl gab, dass diese Era so richtig geprägt hat, dann war das die sogenannte
- Nervosität. Und Nervosität, das war damals viel mehr als nur persönliche Angst. Man sah das
- als ein Zustand der ganzen Gesellschaft, quasi in der medizinische Diagnose für eine Kultur, die mit diesem neuen
- wahnsinnigen Tempo und der ständigen Reizüberflutung einfach nicht mehr klar kam.
- Okay, aber wie wird aus so einem Gefühl, aus dieser kollektiven Nervosität plötzlich ein Kunststil? Die Antwort
- lautet Dekadenz. Und das war ein ganz bewusstes künstlerisches Programm. Man hat das künstliche, das Inszenierte
- gefeiert und sich damit ganz klar gegen das Natürliche gestellt, was ja im 19. Jahrhundert noch das große Ideal war.
- Stellt euch diesen Kontrast mal vor. Weg von Natur, Echtheit und Erde hin zu Parfüm, Performance und Samt. Plötzlich
- ging es nicht mehr darum, ob Kunst eine moralische Botschaft hatte. Nein, es zählte nur noch die Schönheit, die Form.
- Man liebte das raffinierte und verachtete quasi das Rohe. Dahinter steckten natürlich auch bestimmte
- Strömungen, z.B. der Ästhetizismus, also Kunst um der Kunst willen oder der Symbolismus, wo es viel mehr um
- Andeutungen und Stimmungen ging als um klare Ansagen. Das ging so weit, dass man das Leben selbst als eine Art
- Kunstwerk gesehen hat, dass man bis ins kleinste Detail gestalten muss. Und dieser Stil hat natürlich auch seine
- Stars hervorgebracht, seine Archetypen. Da war zum einen der Dandy, ein Typ, der sein ganzes Leben als Kunstprojekt
- inszeniert hat, immer mit einer gewissen ironischen Distanz. Und auf der anderen Seite die Fem fatal, eine total
- zwiespältige Figur. Sie stand gleichzeitig für die pure Verführung, aber auch für die ganzen Ängste, die mit
- Begehren und den sich wandelnden Geschlechterrollen verbunden waren. Aber mal ehrlich, in was für einer Welt muss
- man leben, um so ein Bedürfnis nach künstlerischer Flucht und gestylter Distanz zu entwickeln? Ein ganz
- entscheidender Faktor, die moderne Metropole. Die war quasi ein regelrechter Angriff auf die Sinne.
- Alles wurde schneller, überall nur noch anonyme Menschenmossen. Dazu dieser ständige überwältigende Lärm und überall
- Werbung, die um deine Aufmerksamkeit kämpft. Und das Ergebnis von alldem. Für viele war es eine ganz tiefe
- grundlegende Erschöpfung. Diese ganze Epoche war also von dieser Spannung geprägt, ein echtes Minenfeld der
- Widersprüche. Fortschritt und Angst, die gingen da Hand in Hand. Auf der einen Seite versprach die Moderne so viel,
- z.B. neue Wissenschaften und Freiheiten. Aber jede dieser Medaillen hatte eben eine Kehrseite, Sinnkrisen, neue soziale
- Kontrolle und diese allgegenwärtige Angst und Überreizung. Und genau da schließt sich der Kreis zu heute. Denn
- mal ehrlich, kommen euch diese Spannungen nicht auch irgendwie bekannt vor? Diese Doom Aesthetics von heute,
- diese ganzen kuratierten Vibes im Netz, das ist natürlich keine eins zu ein Kopie von damals, aber es ist ein Echo,
- ein ganz klares Echo auf eine Welt, die uns heute genauso komplex und überfordernd vorkommt. Die Parallelen
- sind schon echt verblüffend. Klar, die Quellen sind heute andere. Damals war es die Reizüberflutung in der Großstadt,
- heute ist es die digitale Informationsflut. Damals die Futon Kultur, heute die
- Aufmerksamkeitsökonomie von Social Media. Aber das Gefühl dahinter, diese Beschleunigung, diese Sättigung, diese
- Unsicherheit, das ist erstaunlich ähnlich und es führt zu einer ganz ähnlichen kulturellen Reaktion. Und das
- ist der springende Punkt. Damals wie heute scheinen wir unsere Ängste dadurch zu bewältigen, dass wir sie
- ästhetisieren. Wir packen sie in einen Style, den man teilen und konsumieren kann. Wir geben unserer Sorge quasi eine
- schöne Form. Und das wirft am Ende eine Frage auf, die damals genauso aktuell war wie heute. Diese ganze Ästhetik der
- Erschöpfung. Ist das eigentlich Widerstand? Ist es ein echtes Symptom unserer Zeit? Oder ist es am Ende
- vielleicht doch nur eine coole Pose?
Zum Nachlesen
Fin de Sièclefür „Ende des Jahrhunderts“; auch Décadence = „Dekadentismus“) bezeichnet die künstlerischen Strömungen und das Lebensgefühl der letzten zwei Jahrzehnte des 19.
DekadenzdichtungDekadenzdichtung (französisch décadence „Verfall“) ist die vage und umstrittene Bezeichnung für eine Vielzahl an literarischen Strömungen und Einzelwerken …