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Feministische Literaturkritik

Es handelt sich bei der feministischen Literaturkritik nicht um ein einheitliches Interpretationskonzept oder eine eigenständige Methode, sondern die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Entstehung
  2. 2. Angloamerikanische und französische Ansätze
  3. 3. Methoden der Text- und Literaturkritik
  4. 4. Intersektionalität und zentrale Kritik
  5. 5. Einfluss und Situation im deutschsprachigen Raum

Grundidee und Entstehung

Feministische Literaturkritik untersucht, wie hegemoniale Machtverhältnisse in literarischen Texten und im Literaturbetrieb wirken. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt ist die Frage nach „männlicher“ Vorherrschaft. Sie ist kein einheitliches Interpretationskonzept und keine einzelne, festgelegte Methode, sondern umfasst verschiedene Verfahren und Perspektiven.

Ihre Grundlagen reichen bis zum Feminismus der ersten Welle zurück. Als wichtige Bezugstexte für spätere Theorien gelten Simone de Beauvoirs Le Deuxième Sexe beziehungsweise Das andere Geschlecht und Virginia Woolfs A Room of One’s Own beziehungsweise Ein Zimmer für sich allein. Als eigenständiges wissenschaftliches Feld entstand die feministische Literaturkritik vor allem in der zweiten Welle des Feminismus in den 1970er-Jahren.

In dieser Zeit entwickelten sich zwei wichtige Strömungen: die politisch und empirisch geprägte angloamerikanische Schule sowie die vom Poststrukturalismus beeinflusste französische beziehungsweise europäische Schule.

Angloamerikanische und französische Ansätze

Die angloamerikanische Schule entstand im Umfeld der Frauenbewegung und der Women’s Studies, die in den 1970er-Jahren Eingang in amerikanische Bildungseinrichtungen fanden. Sie bezog spezifisch weibliche Erfahrungen in die Literaturwissenschaft ein und kritisierte die Vorstellung einer vollständig „entsubjektivierten“ Objektivität. Literatur sollte aus weiblicher Sicht neu gelesen werden. Dabei wurden scheinbar allgemeingültige Denksysteme als patriarchale und unterdrückende Strukturen untersucht. Zugleich entwarf die Schule die Möglichkeit eines subversiven, also bestehende Ordnungen hinterfragenden, und selbstermächtigenden Schreibens und Lesens.

Elaine Showalter prägte den Begriff „Gynokritik“. Damit ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Frauen als Autorinnen gemeint. Die Gynokritik geht von spezifisch weiblichen Erfahrungen aus und will eine weibliche Literaturtradition rekonstruieren. Showalter kritisierte, dass die Literaturgeschichte durch Phallogozentrismus, also durch eine männlich zentrierte Ordnung von Denken, Sprache und Bewertung, geprägt sei. Ihre Arbeit trug dazu bei, viele Autorinnen und Künstlerinnen wiederzuentdecken. Außerdem suchte sie nach einer spezifisch weiblichen Ästhetik und Poetik.

Dieser Ansatz wurde jedoch kritisiert, weil die Unterscheidung zwischen „männlicher“ und „weiblicher“ Literatur dadurch fortbestehen kann. Die Gynokritik läuft deshalb Gefahr, essentialistisch zu denken, also Frauen eine einheitliche, vermeintlich natürliche Wesensart zuzuschreiben. African-American Studies warfen Showalter außerdem vor, hauptsächlich einen weißen Standpunkt zu berücksichtigen und andere Positionierungen sowie Diskriminierungsmerkmale auszublenden. Poststrukturalistische Feministinnen kritisierten den empirisch kulturwissenschaftlichen Ansatz als theoriefern und unwissenschaftlich.

Die französische Schule entwickelte sich stärker aus dem Poststrukturalismus. Ausgehend von Jacques Derridas Dekonstruktion wird die Vorstellung fester Bedeutungen aufgegeben. Sprache gilt nicht mehr als geschlossenes System; stattdessen werden die Uneindeutigkeit sprachlicher Zeichen und die gleichzeitige An- und Abwesenheit von Bedeutung untersucht. Hélène Cixous, Luce Irigaray und Julia Kristeva analysierten, wie die hegemoniale Denk- und Sprachtradition männlich dominiert ist. Das „Weibliche“ werde aus dieser Tradition ausgeschlossen und im Dualismus nur als das „Andere“ gegenüber dem „Männlichen“ bestimmt. Die französischen Theorien kritisieren deshalb binäre Ordnungssysteme und setzen sich für einen Diskurs der Differenz sowie für die bewusste Wahrnehmung sprachlicher Ambivalenz ein.

Toril Moi machte 1985 in Sexual/Textual Politics die Theorien des französischen Feminismus zugänglicher. Zugleich kritisierte sie Showalters Konzentration auf die Inhalte von Texten, durch die sprachliche und stilistische Merkmale zu wenig beachtet würden. Nach Moi liegt ein subversives Potenzial von Literatur, in Anlehnung an Kristeva, im Bruch mit der symbolischen Sprache. Ihr Einfluss trug dazu bei, dass der Poststrukturalismus in den 1980er-Jahren auch den angloamerikanischen Feminismus stärker prägte. Der Fokus verlagerte sich von der Bildung weiblicher Identität und Subjektivität hin zur grundsätzlichen Infragestellung und Auflösung des Subjekts.

Methoden der Text- und Literaturkritik

Durch ihre „re-vision“, also ihren neuen Blick auf Texte und Literaturgeschichte, zeigt die feministische Literaturkritik, dass vieles, was als allgemeingültig gilt, durch den männlichen Blickwinkel, den „male gaze“, geprägt sein kann. Sie untersucht deshalb Hierarchien, Ausschlüsse und Machtmechanismen innerhalb von Texten und im Literaturbetrieb.

Eine frühe Methode war der Widerstand gegen den Text. Judith Fetterley formulierte 1978, der erste Schritt feministischer Kritik müsse darin bestehen, eine „resisting“ statt eine zustimmende Leserin zu werden. Der Text wird gegen den Strich gelesen, und seine Autorität wird nicht selbstverständlich anerkannt. Die subjektive Perspektive der Leserin stellt traditionelle Bewertungsschemata infrage und wertet zugleich die Subjektivität sowie das weibliche Subjekt auf.

Eine weitere Methode untersucht Frauenbilder innerhalb literarischer Texte. Sie fragt, ob weibliche Figuren eindimensional, misogyn, marginalisiert oder überwiegend als Opfer dargestellt werden. Besonders problematisch ist die stereotype Einteilung in die „Heilige“ und die „Hure“. Diese beiden Extreme markieren Randpositionen eines Systems, in dessen Zentrum das Männliche steht. Stereotype männliche Figuren können ebenfalls vorkommen, ihnen stehen im Vergleich jedoch mehr unterschiedliche Rollen und Alternativen gegenüber.

Showalters Gynokritik untersucht weibliche Figuren und dargestellte Frauenbilder, um innertextliche Strategien der Ausgrenzung weiblicher Erfahrungen sichtbar zu machen. Sie ist ideologiekritisch, weil sie vermeintlich geschlechtsneutrale Texte als Träger einer „männlichen“ Ideologie analysiert. Im Zentrum stehen patriarchale Strukturen und Machtmechanismen, die sich hinter scheinbarer Neutralität verbergen.

Die feministische Kritik richtet sich auch auf die Literaturkritik selbst. Deren Urteile gelten nicht als neutral, weil sie aus einem männlich dominierten Blick entstehen und dadurch den literarischen Kanon mitbestimmen. Cynthia Ozick kritisierte, dass bei Autorinnen in Besprechungen immer wieder deren Geschlecht betont werde. Dadurch entstehe der Eindruck, Weiblichkeit und Autorenschaft seien schwer miteinander vereinbar. Elaine Showalter zeigte, dass Autorinnen im 19. Jahrhundert häufig nicht nach künstlerischen Maßstäben, sondern nach dem damaligen Frauenbild beurteilt und automatisch autobiografisch gelesen wurden. „Weibliches“ Schreiben galt als weniger wert als „männliches“ Schreiben; viele Autorinnen veröffentlichten deshalb unter männlichen Pseudonymen.

Der Blick auf Autorinnen macht außerdem sichtbar, unter welchen Bedingungen weibliche Literaturproduktion verhindert wurde. Virginia Woolf betonte, dass Frauen wegen fehlenden Kapitals und fehlender Ausbildung, zu der ihnen häufig der Zugang verwehrt wurde, am Schreiben und Publizieren gehindert waren. Literarisches Schreiben wurde bei Mädchen und Frauen zudem nicht in gleicher Weise gefördert. Die feministische Literaturkritik will deshalb Benachteiligungen aufzeigen und vergessene Autorinnen sowie ihre Werke wieder sichtbar machen.

Die wissenschaftskritische beziehungsweise dekonstruktivistische Methode untersucht die Literaturwissenschaft selbst. Sie fragt, ob die geforderte Rationalität und Abstraktion auf einer „männlichen“ Ideologie beruht und wie Wissenschaft männliche Hegemonie festigt. Durch Dekonstruktion werden vermeintliche Wahrheiten als Ergebnisse des Phallogozentrismus entlarvt. In Texten und im Literaturbetrieb werden dadurch verborgene Machtstrukturen offengelegt.

Intersektionalität und zentrale Kritik

Der intersektionale Ansatz geht auf Kimberlé Crenshaw zurück. Er untersucht Diskriminierung nicht nur nach Gender, sondern als Zusammenspiel verschiedener Merkmale. Dazu können race, class, gender, Alter, disability beziehungsweise Behinderung und sexuelle Orientierung gehören. Diese Merkmale wirken je nach Kontext unterschiedlich zusammen. Eine weiße cis-Frau im Rollstuhl macht daher andere Diskriminierungserfahrungen als eine schwarze trans-Frau, die keinen Rollstuhl benötigt.

Auf die feministische Literaturkritik übertragen bedeutet Intersektionalität, verschiedene individuelle Erfahrungen innerhalb und außerhalb des Textes zu berücksichtigen. Die eigene Positionierung und die eigenen Privilegien müssen dabei mitbedacht werden. Ziel ist eine kontextbezogene Lesart, die auch unterschiedliche Interpretationen je nach Position der Lesenden anerkennt. Im Zentrum steht die Vorstellung einer Vielfalt von Identitäten und Positionierungen, ohne eine davon automatisch als wertvoller zu behandeln.

Die frühe feministische Literaturkritik wurde häufig wegen Essentialismus, Biologismus und einer Idealisierung des Weiblichen kritisiert. Die Beschäftigung mit „weiblichem“ Schreiben kann die Zweiteilung in „männlich“ und „weiblich“ unbeabsichtigt fortsetzen. Die dritte Welle des Feminismus macht durch Dekonstruktion sichtbar, dass Geschlechter-Binarität ein Konstrukt ist, und geht von einem Spektrum von Geschlechtsidentitäten aus.

Der Black Feminism kritisierte außerdem, die feministische Literaturkritik gehe von einem „white gaze“ aus, berücksichtige die eigenen Privilegien zu wenig und reproduziere dadurch kolonialistisches Gedankengut und weiße Hegemonie. Der intersektionale Ansatz versucht, diese Einseitigkeit zu überwinden und Literaturkritik zu entwickeln, die weder Geschlechterbinarität noch rassistische Machtverhältnisse reproduziert.

Einfluss und Situation im deutschsprachigen Raum

Die wichtigste Leistung der feministischen Literaturkritik liegt im Angebot neuer Lesarten und Bewertungskriterien. Sie war maßgeblich an der Kritik hegemonialer Machtstrukturen innerhalb und außerhalb der Literatur sowie an der Kritik der phallogozentrischen Literaturwissenschaft beteiligt. Sie ist im kulturwissenschaftlichen Feld etabliert, bleibt aber marginalisiert, weil Resonanz und Plattformen außerhalb dieses Feldes begrenzt sind. Auch feministische Kritikerinnen und Kritiker sind weiterhin von patriarchalen Strukturen betroffen; Veröffentlichungen werden von Teilen der allgemeinen Literaturkritik ignoriert.

Auf die Lesegewohnheiten der Gesamtgesellschaft hatte die feministische Literaturwissenschaft bisher nur begrenzten Einfluss. Werke von Frauen werden weiterhin überwiegend von Frauen gelesen und besprochen, während Männer sich seltener mit Literatur von Autorinnen beschäftigen. Frauen lesen dagegen weiterhin auch Werke männlicher Autoren und identifizieren sich mit männlichen Figuren. Darin zeigt sich der fortbestehende Phallogozentrismus des Literaturbetriebs. Zugleich bestehen enge Verbindungen zum allgemeinen Feminismus, zum Black Feminism und zu den Queer Studies.

Im deutschsprachigen Raum gibt es nur wenige theoretische Diskussionen und kaum Versuche, feministische Literaturkritik als eigenständige Methode festzulegen. Sie ist zwar teilweise etabliert, wird aber vor allem in feministischen Literaturmagazinen wie Virginia und WeiberDiwan sowie in allgemein feministischen Zeitschriften wie Emma und an.schläge veröffentlicht. Dadurch erreicht sie besonders Menschen, die sich bereits mit feministischen Themen beschäftigen. Ruth Klügers Frauen lesen anders von 1996 hatte großen Einfluss und kritisierte den Phallogozentrismus in der Literatur und im Literaturbetrieb.

Ein bekanntes Beispiel für Machtverhältnisse in der Literaturkritik ist der Konflikt zwischen Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2000 in der Sendung Das Literarische Quartett. Während der Diskussion über Haruki Murakamis Gefährliche Geliebte wurde Löffler nach einer abweichenden Bewertung des Buches ihre Sexualität abgesprochen. Löffler bezeichnete dies als Lehrstück in Frauenfeindlichkeit: Ihre Weiblichkeit sollte entwertet werden, um zugleich ihre Kompetenz als Kritikerin zu beschädigen. Der Konflikt zeigt, dass Literaturkritik nicht nur Texte bewertet, sondern auch Werte und Machtpositionen verteidigt.

Im deutschsprachigen feministischen Literaturbetrieb besteht eine Spannung: Einerseits sollen vielfältige und gleichwertige Erfahrungen sichtbar werden; andererseits können spezialisierte Medien den Eindruck verstärken, Literatur von Frauen sei vor allem für Frauen bestimmt. Dadurch wird das sogenannte „othering“ reproduziert, bei dem nicht-männliche Personen als außerhalb der männlichen Norm stehendes „Anderes“ erscheinen.

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