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Ein Zimmer für sich allein
Ein Zimmer für sich allein oder Ein eigenes Zimmer (im Original: A Room of One's Own) ist ein 1929 erschienener Essay der britischen Schriftstellerin …
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Kernidee und Bedeutung
„Ein Zimmer für sich allein“ bzw. „Ein eigenes Zimmer“ (Originaltitel: „A Room of One’s Own“) ist ein Essay von Virginia Woolf aus dem Jahr 1929. Er verbindet feministische Thesen, Überlegungen zur Geschlechterdifferenz, Literaturgeschichte und Poetik. Der Text gilt heute als einer der meistrezipierten Texte der Frauenbewegung und zählt zusammen mit Woolfs „Drei Guineen“ von 1938 zu den Basiswerken des Feminismus.
Im Zentrum steht die Frage, welche Bedingungen Frauen brauchen, um Literatur schreiben zu können. Woolfs berühmte Antwort lautet: „fünfhundert (Pfund) im Jahr und ein eigenes Zimmer“. Damit meint sie einerseits konkrete materielle Sicherheit und einen privaten Arbeitsraum, andererseits geistige Unabhängigkeit und einen Platz im kulturellen Gedächtnis. Der Essay zeigt, dass fehlende Bildung, fehlendes Geld, fehlende Privatsphäre und fehlende literarische Vorbilder Frauen über Jahrhunderte daran gehindert haben, als Schriftstellerinnen sichtbar zu werden.
Woolf entwickelt ihre Argumentation nicht als trockene Abhandlung, sondern in einer Mischform aus Essay, Erzählung, Fiktion, Polemik und Gesellschaftskritik. Fakten und erfundene Szenen stehen nebeneinander, um die soziale Wirklichkeit von Frauen anschaulich zu machen.
Geld, Raum und Bildung
Für Woolf ist materielle Sicherheit die wichtigste Voraussetzung für schöpferische Arbeit. Die Summe von 500 Pfund im Jahr war keine große Reichtumssumme, reichte aber aus, um unabhängig leben zu können. Diese Unabhängigkeit bedeutete vor allem, nicht von Ehemännern oder Almosen abhängig zu sein. Woolf selbst verfügte erst 1926 über ein selbst verdientes Einkommen von mehr als 500 Pfund im Jahr.
Das „eigene Zimmer“ ist bei Woolf zugleich ein wirklicher Ort und eine Metapher. Es steht für Privatsphäre, Konzentration und geistige Freiheit. Frauen hatten im Haus zwar traditionell ihren Aufgabenbereich, aber oft keinen eigenen Raum, in dem sie ungestört lesen, denken oder schreiben konnten. Woolf beschreibt, dass Frauen über Jahrhunderte „in geschlossenen Räumen“ lebten und dass ihre Erfahrungen dennoch kaum literarisch dargestellt wurden.
Ein wichtiges Beispiel sind die zwei Colleges. Woolf beginnt mit einem fiktiven Spaziergang in „Oxbridge“, einem Kofferwort für Oxford und Cambridge. Die Erzählerin darf nicht über den Rasen gehen und erhält keinen Zugang zur Bibliothek. Damit zeigt Woolf, dass Frauen von Wissenschaft und Büchern ausgeschlossen wurden. Später vergleicht sie ein reich ausgestattetes Männercollege mit dem armen Frauencollege „Fernham“, in dem nur einfache Kost serviert wird. Die Unterschiede beim Essen stehen für die ungleichen finanziellen Grundlagen von Männer- und Frauenbildung.
Frauen in der Literaturgeschichte
Woolf erklärt die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Schriftstellern nicht vor allem biologisch, sondern materiell und historisch. Männer konnten auf lange Traditionen, Vorbilder und Bildungswege zurückgreifen. Frauen hatten meist keinen Zugang zu derselben Ausbildung, keinem gesicherten Einkommen und keiner anerkannten literarischen Tradition.
Um dies zu zeigen, erfindet Woolf die Figur Judith Shakespeare, eine ebenso begabte Schwester William Shakespeares. In Woolfs Gedankenexperiment wird Judith verspottet, am Theater abgewiesen, geschwängert und nimmt sich schließlich aus Verzweiflung das Leben. Die Figur steht für viele begabte Frauen, deren Möglichkeiten durch gesellschaftliche Regeln zerstört wurden.
Woolf fordert deshalb eine Erforschung der weiblichen Literaturgeschichte. Sie nennt unter anderem Margaret Cavendish, Dorothy Osborne, Aphra Behn, Emily Brontë, Christina Rossetti, Jane Austen und Marie Stopes, die unter dem Pseudonym Mary Carmichael schrieb. Woolf meint jedoch, dass man vielen Autorinnen die Unterdrückung, Anpassung und den Zorn in ihren Texten anmerke; nur Jane Austen nehme sie davon aus. Dieses Urteil wird von der Hauptströmung der feministischen Literaturwissenschaft nicht geteilt.
Für Woolf sollen Frauen „schreiben, wie Frauen schreiben, nicht, wie Männer schreiben“. Literatur soll weibliche Welterfahrung darstellen: alltägliche Handlungen, Gedanken, Beziehungen zwischen Frauen und zu Männern sowie die bisher kaum beschriebene Fülle weiblichen Lebens. Diese Forderung wurde später in der feministischen Literaturwissenschaft aufgegriffen, etwa durch die Wiederentdeckung vergessener Autorinnen und eine erweiterte Kanonbildung.
Patriarchat, Androgynität und Sexualität
Woolf beschreibt das Patriarchat als eine Ordnung, in der Männer Macht, Bildung, Geld und Deutungshoheit besitzen. Frauen erscheinen in der Literatur häufig als Gegenstand männlicher Texte, nicht als selbst sprechende Subjekte. Die Erzählerin stellt fest, dass die Bibliotheken voller Schriften über Frauen seien, oft geschrieben von Männern, die Frauen offen oder versteckt ablehnten.
Eine wichtige These Woolfs lautet, dass Männer Frauen als Spiegel benutzen: Frauen sollen das Selbstbild des Mannes vergrößert zurückwerfen. Wenn Frauen sich emanzipieren, verlieren Männer nach dieser Darstellung diesen Spiegel. Diese Narzissmus-These wurde später in der Frauenbewegung und in der psychoanalytischen Literaturwissenschaft aufgegriffen, aber auch deutlich kritisiert.
Im letzten Teil des Essays entwickelt Woolf die Androgynitäts-These. Ein vollkommener Autor müsse im Geist androgyn sein, also männliche und weibliche Anteile verbinden. Sie spricht von einer „natürliche[n] Verschmelzung“ der beiden Seiten. Große Schriftsteller, angefangen bei Shakespeare, seien nach Woolf androgyn gewesen. Auch diese These ist umstritten, weil moderne Literaturwissenschaft vorsichtiger mit Aussagen über die Psyche von Autorinnen und Autoren umgeht und manche Autorinnen diesen Anspruch ablehnen.
Der Essay enthält außerdem Anspielungen auf lesbische Liebe und verwendet Bilder, die mit Sigmund Freud in Verbindung gebracht wurden. Woolf kannte und schätzte Freud; sie veröffentlichte seine Schriften in englischer Übersetzung in der Hogarth Press. Symbole wie die schwanzlose Manx-Katze oder die „Riesengurke“, die Blumen erstickt, wurden verschieden gedeutet: teils psychoanalytisch, teils als Hinweise auf Macht- und Besitzunterschiede zwischen den Geschlechtern.
Entstehung und historische Lage
Der Essay geht auf zwei Vorträge zurück, die Woolf im Oktober 1928 am Girton College und am Newnham College in Cambridge hielt. Diese Colleges waren 1869 und 1871 als erste englische Einrichtungen ausschließlich für das Studium von Frauen gegründet worden. Da die Vorträge zu lang waren, um vollständig gelesen zu werden, arbeitete Woolf sie später zu einem längeren Essay aus. Eine kürzere Fassung erschien im März 1929 unter dem Titel „Women and Fiction“ in der Zeitschrift „The Forum“. Die Buchausgabe erschien am 24. Oktober 1929 in der Hogarth Press, dem 1917 von Virginia und Leonard Woolf gegründeten Verlag. Zeitgleich erschien eine amerikanische Ausgabe bei Harcourt Brace & Co in New York.
Der Text entstand in einer Zeit, in der es für Frauen in England allmählich selbstverständlicher wurde, als Schriftstellerinnen oder Wissenschaftlerinnen tätig zu sein. Wichtige rechtliche Veränderungen waren die Married Women’s Property Acts von 1870 und 1882, die verheirateten Frauen eigenen Besitz erlaubten. 1919 erhielten Frauen das allgemeine Wahlrecht und durften frei ihren Beruf wählen. Woolf profitierte selbst von diesen neuen Freiheiten, wusste aber auch, dass ihre eigene Lage außergewöhnlich privilegiert war.
Der Essay richtet sich besonders an junge Frauen. Woolf wollte ihnen ihre historische Situation bewusst machen und sie zur eigenen literarischen Arbeit ermutigen. Ihr Ziel war nicht die Betonung dauerhafter Gegensätze zwischen Männern und Frauen, sondern die Aufhebung von Benachteiligungen und eine Gleichstellung, die sie mit ihrer Idee der Androgynität verband.
Wirkung und Ausgaben
„A Room of One’s Own“ wurde bereits zu Woolfs Lebzeiten stark beachtet und verkaufte sich nach ihrem Biografen Quentin Bell „außerordentlich gut“. Das Werk prägte Woolfs Ansehen als bedeutende Autorin des 20. Jahrhunderts. In der Literaturkritik wurde der Essay nicht einheitlich bewertet, aber seine rhetorische Form und seine Schlussfolgerungen wurden häufig als besonders wirkungsvoll beschrieben. Kindlers Neues Literaturlexikon betont, dass Woolf mit dem Text die Beschäftigung mit der literarischen Tradition von Frauen und einer erweiterten Kanonbildung begründete.
Eine wichtige spätere Auseinandersetzung stammt von Alice Walker. In „Auf der Suche nach den Gärten unserer Mütter“ („In Search of Our Mothers’s Gardens. Womanist Prose“, 1983) greift sie Woolfs Forderung nach einem eigenen Zimmer auf, zeigt aber auch deren Grenzen. Walker fragt, wie Schwarze Autorinnen wie Phillis Wheatley, eine Sklavin des 18. Jahrhunderts, einzuordnen sind, die nicht einmal sich selbst besaß und dennoch schrieb. Damit erweitert Walker Woolfs Problemstellung: Ungleiche Voraussetzungen betreffen nicht nur Geschlecht und soziale Schicht, sondern auch Herkunft, Ethnizität und Hautfarbe.
Auf Deutsch erschien der Essay erstmals 1978 unter dem Titel „Ein Zimmer für sich allein“ in der Übersetzung von Renate Gerhardt. 2001 folgte „Ein eigenes Zimmer“ in der Übersetzung von Heidi Zerning, 2012 eine weitere Übersetzung von Axel Monte. Neue Übersetzungen erschienen 2019 beim Kampa Verlag durch Antje Rávik Strubel und 2020 beim Anaconda Verlag durch Christel Kröning. Außerdem gibt es ein Hörbuch: eine ungekürzte Lesung von Erika Pluhar, erschienen 2007 bei Random House.