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Faktorausstattung

Unter Faktorausstattung (englisch factor endowment) versteht man in der Volkswirtschaftslehre die Faktorproportionen zwischen den drei Produktionsfaktoren …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Produktionsfaktoren
  2. 2. Arten und Ausprägungen
  3. 3. Faktorintensität und Außenhandel
  4. 4. Ricardos Modell mit identischer Faktorausstattung
  5. 5. Heckscher-Ohlin-Theorem und wirtschaftliche Folgen

Grundbegriff und Produktionsfaktoren

Faktorausstattung bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre die Faktorproportionen zwischen den drei Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital in einem Staat. Faktorproportionen geben an, in welchem mengenmäßigen Verhältnis verschiedene Produktionsfaktoren in einem Produktionsprozess oder innerhalb einer Volkswirtschaft eingesetzt werden. Die Faktorausstattung beeinflusst die Wirtschaftskraft eines Staates sowie die Vorteilhaftigkeit und Richtung seines Außenhandels.

Arbeit umfasst jede menschliche Tätigkeit, die der Bedürfnisbefriedigung dient und Einkommen erwirtschaften soll. Ihr Preis ist der Arbeitslohn. Dazu gehören sowohl die Leistungen unselbständig beschäftigter Arbeitnehmer als auch die Leistungen von Unternehmenseigentümern. Wichtig sind die Qualifikationsunterschiede: Industriestaaten wie die USA verfügen vergleichsweise über viele hochqualifizierte Arbeitskräfte und damit über viel Humankapital. Entwicklungsländer sind dagegen häufig reichlich mit ungelernten und unqualifizierten Arbeitskräften ausgestattet.

Boden bezeichnet ursprünglich land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen wie Äcker und Wälder. Heute zählt dazu auch der Standort von Unternehmen sowie der Fundort von Bodenschätzen, etwa Kohle oder Eisenerz. Manche Ansätze ersetzen Boden durch den Produktionsfaktor Umwelt, der zusätzlich Gewässer, Luft und die belebte Natur umfasst.

Kapital wird in Sach- beziehungsweise Realkapital und Geldkapital gegliedert. Realkapital umfasst bereits produzierte Produktionsmittel, die an der weiteren Herstellung von Gütern und Dienstleistungen beteiligt sind. Dauerhafte Produktionsmittel sind beispielsweise Maschinen, Gebäude und Lagerbestände. Nicht dauerhafte Produktionsmittel werden als Vorleistungen von anderen Unternehmen bezogen, etwa Rohstoffe und Energie. Sachkapital entspricht daher dem „Bestand an Produktionsausrüstung“ und ist mit dem Kapitalstock vergleichbar. Geldkapital besteht dagegen aus ungebundenen Geldmitteln wie umlaufenden Banknoten und Kassenbeständen. Es kann nicht unmittelbar zur Herstellung von Produktionsmitteln verwendet werden, aber als Tauschmittel dienen. Durch Investitionen wird Geldkapital in Sachkapital umgewandelt, wodurch der Kapitalstock erneuert und erweitert wird.

Arten und Ausprägungen

Man unterscheidet zwischen quantitativer und qualitativer Faktorausstattung. Die quantitative Ausstattung beschreibt die Menge eines Produktionsfaktors. Bei der Arbeit kann sie etwa durch den Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung erfasst werden. Beim Boden zählen die vorhandenen Nutzungsarten in km², beispielsweise Ackerflächen, Waldflächen und Fischereiflächen innerhalb der Staatsfläche.

Die qualitative Ausstattung berücksichtigt die Eigenschaften und die Nutzbarkeit der Faktoren. Bei der Arbeit gehören dazu Ausbildung, Fachkenntnisse, Berufserfahrung, Arbeitsmotivation und Arbeitsqualität, also insbesondere das Humankapital. Beim Boden können ökologische Landwirtschaft, Standortfaktoren und Umweltschutz eine Rolle spielen. Die Staatsfläche ist quantitativ nicht veränderbar; die Zusammensetzung der Bodenarten und damit die Landnutzung kann jedoch begrenzt verändert werden. Verbesserungen können etwa durch die Exploration von Lagerstätten, beispielsweise Rohöl im mittleren Osten oder Gold und Diamanten in Afrika, sowie durch Melioration entstehen.

Die absolute Faktorausstattung wird in absoluten Zahlen angegeben, etwa als Anzahl der Arbeitskräfte oder Maschinen. Grundsätzlich kann eine Volkswirtschaft umso mehr Waren herstellen und Dienstleistungen erbringen, je mehr Produktionsfaktoren sie absolut besitzt. Die relative Faktorausstattung setzt dagegen die vorhandenen Einheiten eines Produktionsfaktors ins Verhältnis zu den Einheiten eines anderen Faktors. Sie wird als Quotient gebildet und ermöglicht einen besseren Vergleich zwischen Volkswirtschaften, beispielsweise durch das Verhältnis der Erwerbstätigen zur Fläche eines Landes.

Die quantitative Faktorausstattung bestimmt grundsätzlich, welche Güter ein Staat exportiert. Exportiert werden vor allem Güter, die mit demjenigen Produktionsfaktor faktorintensiv hergestellt werden, der im betreffenden Staat besonders gut verfügbar ist.

Faktorintensität und Außenhandel

Faktorintensität bezeichnet den Umstand, dass ein in der Faktorausstattung vorherrschender Produktionsfaktor in den erzeugten Gütern und Dienstleistungen überproportional verwendet wird. Bei einer Dominanz der Arbeit entstehen vor allem arbeitsintensive Leistungen, bei einer Dominanz des Kapitals kapitalintensive Güter. Bei einer hohen Bodenausstattung spielen Agrarprodukte, Naturprodukte, Holzwirtschaft oder Fischereiprodukte eine größere Rolle.

Daraus können komparative Kostenvorteile entstehen. Ein Staat exportiert arbeitsintensive Güter in einen anderen Staat, der seinerseits kapitalintensive Güter ausführt. Länder mit vielen Arbeitskräften und Rohstoffen, insbesondere Entwicklungsländer, sollten demnach arbeits- und rohstoffintensive Güter exportieren. Industriestaaten mit viel Kapital und Technologien konzentrieren sich eher auf kapital- und technologieintensive Güter.

Der Artikel stellt diesen Zusammenhang sowohl dem Heckscher-Ohlin-Theorem als auch dem Leontief-Paradoxon gegenüber. Das Heckscher-Ohlin-Theorem erklärt Richtung und Struktur des Außenhandels mit der Faktorausstattung der beteiligten Staaten. Das Leontief-Paradoxon berücksichtigt zusätzlich die qualitative Faktorausstattung und ergänzt beziehungsweise verändert das Faktorproportionentheorem um diesen qualitativen Aspekt.

Ricardos Modell mit identischer Faktorausstattung

David Ricardo (1772–1823) entwickelte zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Prinzip der komparativen Kostenvorteile. 1817 veröffentlichte er sein Werk On the Principles of Political Economy and Taxation. In seinem Modell wird der Produktionsaufwand allein auf Arbeitsleistung zurückgeführt. Die Arbeitseinheiten gelten überall als qualitativ gleichwertig. Unterschiede zwischen Ländern ergeben sich daher aus unterschiedlichen Produktionsbedingungen und Produktionsfunktionen, mit denen international gleichartige Güter hergestellt werden. Transportkosten werden nicht berücksichtigt; außerdem wird von gleichen Kosten und Preisen sowie vollkommener Konkurrenz ausgegangen.

Bei gleicher, vereinfachter Faktorausstattung von zwei Ländern kann allein die Wirkung unterschiedlicher Produktionsfunktionen betrachtet werden. Die Länder können den Faktor Arbeit beliebig auf verschiedene Güter verteilen. Die möglichen Kombinationen der Güterproduktion werden durch eine Transformationskurve oder Produktionsmöglichkeitenkurve dargestellt. Ein komparativer Vorteil liegt vor, wenn die Opportunitätskosten der Herstellung eines Gutes in einem Land niedriger sind als in anderen Ländern. Deshalb kann auch ein Land, das bei allen Produkten einen absoluten Kostennachteil hat, erfolgreich am Außenhandel teilnehmen. Ebenso lohnt sich der Handel für ein Land, das alle Güter billiger herstellen kann, wenn es sich auf das Gut mit dem komparativen Vorteil spezialisiert.

Ricardos Beispiel betrifft Wein und Tuch in Portugal und England. Ohne Handel und Arbeitsteilung produzieren beide Länder jeweils 1000 Rollen Tuch und 1000 Fässer Wein. England benötigt dafür 100 Arbeiter bei Tuch und 120 bei Wein. Portugal benötigt 90 Arbeiter bei Tuch und 80 bei Wein. Portugal hat somit bei beiden Gütern einen absoluten Kostenvorteil, sollte sich aber wegen seines komparativen Vorteils auf Wein konzentrieren. Die 90 Arbeiter aus der Tuchproduktion werden zusätzlich dort eingesetzt. Bei einer Produktivität von 1000 Fässern geteilt durch 80 Arbeiter = 12,5 Fässern pro Kopf erzeugen 170 Arbeiter nun 2125 Fässer. Portugal stellt dadurch 1125 Fässer Wein zusätzlich her, also 125 Fässer mehr als zuvor in beiden Ländern zusammen.

England konzentriert sich auf Tuch. Die 120 Arbeiter aus der Weinproduktion kommen zu den 100 Tucharbeitern hinzu. Bei einer Produktivität von 1000 Rollen geteilt durch 100 Arbeiter = 10 Rollen pro Kopf erzeugen 220 Arbeiter nun 2200 Rollen Tuch. England produziert dadurch 1200 Rollen zusätzlich, also 200 Rollen mehr als beide Länder zuvor zusammen. Durch Spezialisierung und Handel können beide Länder ihre Arbeitskräfte produktiver einsetzen und das jeweils nicht selbst hergestellte Gut importieren. Im Ricardo-Modell profitiert jedes Land von der Spezialisierung. Im Faktorproportionenmodell können dagegen kurzfristig Verluste in importkonkurrierenden Branchen entstehen; langfristig können knappe Produktionsfaktoren einer außenhandelstreibenden Volkswirtschaft scheitern.

Heckscher-Ohlin-Theorem und wirtschaftliche Folgen

Eli Filip Heckscher untersuchte erstmals die Bedeutung der Faktorausstattung für den Außenhandel. Seine Theorie wurde 1919 veröffentlicht und in den 1930er Jahren von Bertil Ohlin weiterentwickelt. Der Faktorausstattungsansatz ist als Heckscher-Ohlin-Theorem bekannt und gilt als moderne Theorie des internationalen Handels.

Im Unterschied zum Ricardo-Modell werden identische Produktionsfunktionen angenommen. Die Länder unterscheiden sich nur hinsichtlich ihrer Faktorausstattung. Entscheidend sind nicht die absoluten Mengen, sondern die Verhältnisse der Produktionsfaktoren. Haben die USA 80 Millionen Arbeiter und 200 Millionen Hektar Boden, beträgt ihr Arbeits-Boden-Verhältnis 1:2,5. Großbritannien verfügt über 20 Millionen Arbeiter und 20 Millionen Hektar Boden, also über ein Verhältnis von 1:1. Großbritannien gilt deshalb als arbeitsreich, obwohl es absolut weniger Arbeiter besitzt.

Ein relativ arbeitsreiches Land produziert arbeitsintensive Güter vergleichsweise kostengünstig, weil Arbeit dort im Verhältnis zu Kapital preiswerter ist. Ein relativ kapitalreiches Land kann entsprechend kapitalintensive Güter günstiger herstellen. In dem dargestellten Beispiel verfügt das Inland relativ über viel Arbeitskraft und das Ausland relativ über viel Kapital und Boden. Bei arbeitsintensivem Tuch und bodenintensivem Weizen spezialisiert sich das Inland auf Tuch und das Ausland auf Weizen. Nicht im eigenen Land abgesetzte Überschüsse werden exportiert. Häufig bestehen deshalb die Exporte von Entwicklungsländern aus boden- oder arbeitsintensiven Erzeugnissen, während hochindustrialisierte Länder überwiegend kapitalintensive Produkte ausführen. Zur Vereinfachung werden in den Modellen oft Cobb-Douglas-Produktionsfunktionen verwendet, in denen die Produktionsfaktoren substituierbar sind.

Eine unzureichende Faktorausstattung zeigt sich beispielsweise in Fachkräftemangel oder Unterkapitalisierung. Entwicklungsländer können außerdem unter fehlenden pflanzlichen oder mineralischen Rohstoffen, Desertifikation, einem Mangel an landwirtschaftlich nutzbarem Boden oder ungünstiger geografischer Beschaffenheit leiden. Beispiele sind Insellage, Binnenlage sowie ein großer Anteil gebirgiger oder unfruchtbarer Regionen. Unterschiedliche Begabungen der Menschen führen ebenfalls zu unterschiedlichen Faktorausstattungen und Faktoreinkommen.

Faktormobilität kann internationale Unterschiede teilweise ausgleichen. Arbeit und Kapital sind mobil, Boden ist als Standortfaktor definitionsgemäß immobil. Arbeitsmigration von einem Niedriglohnland in ein Hochlohnland verringert dort das Arbeitsangebot und erhöht es im Hochlohnland. Kapitalmobilität verlagert bei unterschiedlichen Zinsniveaus Geld-, Kapital- und Kreditangebote vom kapitalexportierenden in das kapitalimportierende Land. Das Faktorpreisausgleichstheorem nimmt bei perfekter Faktormobilität einen Ausgleich unterschiedlicher Faktorpreise an. Durch perfekte Arbeitsmobilität kann Lohnkonvergenz entstehen, wenn das Grenzprodukt der Arbeit in den Staaten identisch ist; Entsprechendes gilt für Kapital und dessen Grenzprodukt.

Verbesserungen der Faktorausstattung in quantitativer oder qualitativer Hinsicht können erheblich zum Wirtschaftswachstum beitragen und Schwellenmärkte zu Wachstums- oder Zukunftsmärkten machen. Steigt beispielsweise das Arbeitspotenzial, erhöht sich das Produktionspotenzial. Die Transformationskurve verlagert sich nach außen, weil größere Mengen von Gut 1 und Gut 2 produziert werden können. Dadurch können Produktions-, Export- und Importmengen steigen. Da das Volkseinkommen die Summe aller in einer Volkswirtschaft von In- und Ausländern produzierten Güter darstellt, erhöht sich bei einer gestiegenen Produktionsmenge auch das Volkseinkommen.

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